Bischof

„Das ist ein Fasten, wie ich es liebe …“

Der Hirtenbrief an die Gemeinden der Diözese Rottenburg-Stuttgart zur österlichen Bußzeit 2021.

Liebe Schwestern und Brüder!

In meinem Brief zur diesjährigen Fastenzeit möchte ich Ihnen eine Art zu fasten vorstellen, die ganz besonders in die von uns allen als leidvoll erlebte Zeit der Coronapandemie passt. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit gewinnen für ein Fastenverhalten, das für die Menschen da ist, die von der Pandemie getroffen sind und darunter besonders leiden.

Diese ganz andere Art des Fastens als hilfreiche, solidarische Zuwendung zu Menschen in Not finden wir in der prophetischen Verkündigung des Volkes Israel. Der herausragende Vertreter dieses Fastenverständnisses ist der große Prophet Jesaja. Die wichtigste Auskunft über ein solches prophetisches Fastenverhalten formuliert Jesaja in eindrucksvoller Sprache:

So spricht Gott, der Herr: „Das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts lösen, die Stricke des Jochs entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungri­gen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen ins Haus aufzu­nehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen. (…) Wenn du der Unter­drückung bei dir ein Ende machst, auf keinen mit dem Finger zeigst und niemand verleumdest, dem Hungrigen dein Brot reichst und den Darbenden satt machst. (vgl. Jes 58,6-11)

„DAS ist ein Fasten, wie ich es liebe!“ – So spricht Gott der Herr.
(vgl. Jes 58,6)

Die Heilige Schrift kennt also noch eine andere Art des Fastens als unser übliches Verhalten. Der ungewöhnliche Fastentext bei Jesaja offenbart eine überraschende Fastenpraxis. Es geht nicht um Verzicht, sondern um aufmerksames Handeln zum Wohl des Nächsten. Es geht um Achtsamkeit zum Wohl besonders dessen, der in notvollen Situationen Hilfe braucht in seinem Leben und Heil-Sein in zerrissenen Zeiten wie heute.

Solche Menschen, die in unterschiedlicher Weise Hilfe, Zu­wendung, Unterstützung und Solidarität brauchen, gibt es im Ausnahmezustand der Coronazeiten in vielfältiger Weise.

Ich lade Sie ein, in den 40 Tagen, die bis zum Osterfest vor uns liegen, einen ersten Schritt auf dem Weg zu solchem Fasten zu gehen, Mitmenschen in bedrohlichen Situationen der Pande­mie besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

Ich denke an die alten Menschen, die besonders verletzbar sind, die sich isoliert und übersehen fühlen. – Jede und jeder sollte sich fragen: Wie kann ich helfen?

Ich denke an Menschen, die in Sorge um ihre Gesundheit leben und wie gefesselt sind von der Angst, infiziert zu werden. Jede und jeder sollte sich fragen: Wie kann ich ihre Sorgen und Ängste auffangen?

Ich denke an die durch Krankheiten Geschwächten und deshalb besonders Gefährdeten. – Jede und jeder sollte sich fragen: Wo könnte ich gefordert sein?

Ich denke an die, die Beziehungen zu ihren Lieben, zu Verwandten und Freunden zurzeit nicht leben können und einsam geworden sind. – Jede und jeder sollte sich fragen: Wie und wo kann ich beistehen und trösten?

Ich denke an die, die sich über ihre körperlichen und seelischen Grenzen hinaus engagieren und an den großen Herausforderungen fast zerbrechen: an Pflegerinnen und Ärzte, auch an Mütter und Väter, die ihren Beruf und ihre Arbeit zusammenbringen müssen mit der Sorge um ihre Kinder und denen zugemutet wird, als Familien eng zusam­menzuleben, die deshalb gestresst sind und unschöne Szenen bis hin zu Gewalt erleben. – Jede und jeder sollte sich fragen: Wie könnte ich ihnen gegenüber meine Solidarität und Hilfs­bereitschaft zeigen?

Ich denke an die mutlos, traurig und antriebslos Gewordenen und an die, denen die Freude am Leben vergangen ist. – Jede und jeder sollte sich fragen: Was könnte ich tun, um Mut zu machen und Menschen, die darniederliegen, aufzurichten?

Ich denke an Menschen, die Angehörige und Freunde durch Covid-19 verloren haben und sie im Sterben nicht begleiten konnten. Denken wir daran: Begleitende Nähe macht Trauer erträglicher und tröstet.

Ich denke an Menschen, die die gegenwärtige Situation kaum mehr aushalten können und verzweifeln. – Jede und jeder sollte sich fragen: Könnte ich durch mein Mitgehen Hoffnung schenken?

Liebe Schwestern und Brüder, solche Menschen in Ausnahmesituationen, die Jesaja in sei­ner Zeit als bedroht erlebt und der Hilfe bedürftig benennt, finden wir in der gegenwärtigen Pandemiezeit viele.

Gehen wir noch einen zweiten Schritt auf dem Weg zu einem solchen Fasten. Lassen Sie uns leidvolle Situationen von Menschen nicht nur diagnostizieren und aus der Ferne be­obachten. Sammeln wir Kraft, von uns selbst abzusehen, um anderen in ihren notvollen Situationen des Lebens tatsächlich nahe zu sein.

Gehen wir weiter auf dem Weg dieses Fastens, auf dem wir den auf unterschiedliche Weise Bedrängten und von Lasten der Coronazeit Bedrückten einfallsreich beistehen und wirkungs­voll helfen.

Liebe Schwestern und Brüder! Alleine können wir Menschen die Nöte nicht schultern, die in diesen Pandemiezeiten aufbrechen und sichtbar werden. Aber jede und jeder von uns kann seinen spezifischen Anteil beitragen, um heillose Erfahrungen von Menschen mehr oder weniger – wie es eben geht – heilvoller zu machen. Zusammen können wir diese Zeiten bestehen.

So überraschend es sein mag. Wo Menschen durch Zuwen­dung und Hilfe Vertrauen, Mut und ein wenig Fröhlichkeit in diese düstere Zeit bringen, gehen sie auf ihre Weise einen Weg des Fastens.

Wer hilft und Dunkelheiten aufhellt, der fastet im Sinne des Jesaja. Gott ruft uns zu: „DAS ist ein Fasten, wie ich es liebe.“ (Jes 58,6)

Wenn Du so handelst, – sagt Gott in bildhaften Worten bei Jesaja – wird in deinen großen und kleinen guten Taten den Menschen ein Licht aufgehen. – „Dann wird dein Licht her­vorbrechen wie die Morgenröte und deine Wunden werden schnell vernarben.“ (Jes 58,8) – „Wenn du dann selbst rufst, wird der Herr dir Antwort geben. Und wenn du um Hilfe schreist, wird er sagen: Hier bin ich. Und Du wirst einem bewässerten Garten gleichen (vgl. Jes 58,11b). Du selbst bist dann eine Quelle des Lebens.

Liebe Schwestern und Brüder, Ihre Hilfe für Bedrängte und Be­drückte aller Art in dieser Zeit verändert auch Sie selbst. Über dem Fasten als heilvolles Tun am Nächsten steht für Sie die Verheißung: „Deine Wunden“ – und wer von uns hätte keine Ver­wundungen?! – „Deine Wunden werden schnell vernarben.“ (Jes 58,8)

Wo immer wir hilfreich handeln in diesen wirren, das Leben vieler Menschen zerreißenden Zeiten, da wirkt unser Helfen auf uns heilsam zurück. Wir finden Sinn fürs Leben, wo wir uns dem Anderen zuwenden. So wird aus dieser Art des Fastens ein neuer Weg zum Leben, ein österlicher Bußweg, der uns auf Ostern, das Fest der Auferstehung, freudig zugehen lässt.

Wir selbst können dann über unseren österlichen Bußweg schreiben und bekennen: „Das ist ein Fasten, wie ich es liebe.“ (Jes 58,6)

Ihr
Bischof Dr. Gebhard Fürst