Persönliches

Die Arbeit war ihr eine persönliche Berufung

Im Rahmen einer kleinen Feierstunde im Foyer des Bischöflichen Ordinariates in Rottenburg wurde heute Abend Dr. Irme Stetter-Karp im Kreise der Diözesanleitung um Bischof Dr. Gebhard Fürst und ihrer Mitarbeiter/innen als Leiterin der Hauptabteilung Caritas verabschiedet. Bild: Thomas Brandl/DRS

Im Rahmen einer kleinen Feierstunde im Foyer des Bischöflichen Ordinariates in Rottenburg wurde Dr. Irme Stetter-Karp im Kreise der Diözesanleitung um Bischof Dr. Gebhard Fürst und ihrer Mitarbeiter/innen als Leiterin der Hauptabteilung Caritas verabschiedet. Bild: Thomas Brandl/DRS

Dr. Irme Stetter-Karp spricht im Interview über ihre knapp vier Jahrzehnte bei der katholischen Kirche.

39 Jahre war sie im Dienst der Diözese Rottenburg-Stuttgart tätig, nun geht Ordinariatsrätin Dr. Irme Stetter-Karp in den Ruhestand. Zuletzt hat sie die Hauptabteilung Caritas im Bischöflichen Ordinariat geleitet. Bekannt ist Stetter-Karp aber weit über die Grenzen Württembergs hinaus. Schließlich ist die knapp 64-Jährige unter anderem Vizepräsidentin des Deutschen Caritasverbandes (DCV) und gewähltes Mitglied im Hauptausschuss der Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK). Als Delegierte und Co-Moderatorin begleitet sie die Zukunft der Katholischen Kirche beim Synodalen Weg aktiv mit. Wir haben mit der promovierten Sozialwissenschaftlerin über ihren Werdegang bei der Kirche, aktuelle Herausforderungen und persönliche Highlights in den vergangenen vier Jahrzehnten gesprochen.

Frau Dr. Stetter-Karp, eine Frage liegt bei einer Frau, die in die obersten Führungsriegen der katholischen Kirche aufgestiegen ist, auf der Hand – gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen um die Rolle der Frauen in der Kirche. Wie konnten Sie als Frau in einer Führungsposition in der katholischen Kirche agieren und wie ist es Ihnen gelungen, diese überhaupt zu erreichen?

Als Frau in Führung kann man in der Katholischen Kirche nur erfolgreich agieren, im Übrigen wie in vielen anderen Organisationen – das beweisen europaweit viele Studien – mit einem hohen fachlichen Können, mit einem starken persönlichen Einsatz und klugem Vorgehen. Eine ordentliche Portion an Zähigkeit, Ausdauer und innere Resilienz gegen die patriarchale Unart, Frauen ständig klein zu denken, das kommt in der katholischen Kirche an Herausforderungen dazu. Mein erstes Führungsamt wurde mir von anderen angetragen, die mir das zutrauten – und so ist es bis heute geblieben. In die Wahlämter wurde ich gerufen, angefragt – insofern bin ich eher der Klassiker, was weibliche Karrierewege angeht. Der zweite Schritt ist dann jedoch durchaus meine persönliche Stärke: zuzugreifen, Hand anzulegen und mit anderen zusammen „Wirklichkeit gestalten“. So definiert Hannah Arendt Macht und mit diesem Machtbegriff bin ich seit Jahrzehnten einig.

War die mangelnde Option, ein Weiheamt bekleiden zu können, jemals ein Thema für Sie?

Nein, persönlich habe ich mich nie mit dem Wunsch befasst, Priesterin zu werden. Kirchenpolitisch halte ich es jedoch ungebrochen seit mehr als 40 Jahren für indiskutabel, wie die katholische Kirche Berufungen von Frauen allein aufgrund der Kategorie Geschlecht exkludiert.

Als Sozialarbeiterin und Pädagogin mit Diplom oder als promovierte Sozialwissenschaftlerin wären Ihnen viele berufliche Wege offen gestanden. Welcher Weg hat Sie, Frau Dr. Stetter-Karp, überhaupt zur Kirche als Arbeitgeber geführt? War es Beruf oder war es Berufung?

1981 fand ich über eine Stellenannonce in Publik Forum zur Diözese. Begeistert habe ich zehn Jahre in der Jugendverbandsarbeit gewirkt, davon mehrere Jahre in Personalunion im Wahlamt als BDKJ-Diözesanvorsitzende und berufen als Leiterin des Bischöflichen Jugendamtes.

In allen Führungsaufgaben, später in der Erwachsenenbildung und als Direktorin im Caritasverband erneut im Wahlamt, war ich mit Leidenschaft und innerer Überzeugung als Christin unterwegs.

Insofern verstehe ich bis heute mein Tun als Berufung, auch wenn ich niemals klassisch in einem so genannten „pastoralen Beruf“ war.

Frau, Dr. Stetter-Karp, Sie waren von Beginn an für und mit Themen von Jugendlichen in der Kirche befasst. Diese Zielgruppe ist für die Kirche aber immer schwerer zu erreichen. Worauf kommt es aus Ihrer Erfahrung hier insbesondere an?

Auf eines kommt es wesentlich an: Authentizität, Glaubwürdigkeit und Fähigkeit zur Begegnung, zum Dialog. Es ist schwerer denn je, Jugendliche für die katholische Kirche zu begeistern, nicht weil die Faszination des christlichen Glaubens von ihnen nicht verstanden würde, sondern weil 50 Jahre Reformstau, Ignoranz gegenüber den Zeichen der Zeit und nicht zuletzt die Fratze des sexuellen Missbrauchs und deren jahrzehntelanges Vertuschen viel Vertrauen zerstört haben. Ich bewundere im ZdK die Verantwortlichen im BDKJ, die kreativ und mit Begeisterung trotz dieser schweren Rahmenbedingungen für die Zukunft der Kirche einstehen und Jugendliche zu begeistern suchen.

Frau Dr. Stetter-Karp, Sie sind als Delegierte beim Synodalen Weg dabei. Wenn Sie in die Zukunft blicken, was wäre Ihre Wunschvorstellung: Wohin soll sich die katholische Kirche bewegen?

In diesem Weg geht es nicht um alle Themen der Zukunft, sondern um vier ausgewählte spezielle Herausforderungen. Dennoch würde ich gern breit antworten. Zuerst bin ich der Überzeugung, dass unsere letzte Diözesansynode mit dem Begriffspaar: „Je mystischer wir Christen sind, desto politischer werden wir sein“ eine Kernfrage für die Zukunft erkannt hat. Gesellschaftspolitisch hat die katholische Kirche in Deutschland „Federn gelassen“, nur noch in wenigen Politikfeldern wird ihre Stimme überhaupt gehört.

Immer schon und auch weiter wünsche ich mir meine Kirche: mit Begeisterung für den Weg Jesu, zugewandt und offen für das Leben in seiner ganzen Vielfalt.

Wenn die Exklusion von Menschen, abhängig von deren Geschlecht, abhängig von deren sexueller Orientierung nicht endlich beendet wird, wird Zukunft vertan und das Zeugnis verdunkelt. Als Sozialwissenschaftlerin sehe ich seit Jahren, dass die katholische Kirche ganz grundsätzlich ihre patriarchale, herrschaftsorientierte Einstellung zu Vielfalt bearbeiten muss. Ohne redliche Aufarbeitung dieser auch philosophischen Fragen, bleibt sie im Blick auf die Zeichen der Zeit gefangen in einer selbstgewählten Sackgasse.

Wenn Sie auf die vergangenen vier Jahrzehnte und Ihr umfangreiches Aufgabengebiet zurückblicken: Welche großen Meilensteine würden Sie benennen? Sowohl was Ihre persönlichen Highlights anbelangt als auch die größten Herausforderungen?

In den 1980 er Jahren war der christlich motivierte gesellschaftspolitische Einsatz für eine atomwaffenfreie Welt, für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung im ökumenischen Schulterschluss für mich als eine von acht Frauen in Deutschland, die von der Deutschen Bischofskonferenz auf dem Weg zur Weltversammlung berufen waren, eine starke Zeit, die ich nicht missen möchte.

Die Frage der Interkulturellen Theorie, Fremdverstehen, Migrationspolitik war ab den 1990-er Jahren für mich, nicht nur wissenschaftlich, sondern auch politisch spannend – und mein Einsatz für Geflüchtete ab 2013 und der Aufbau des Zweckerfüllungsfonds Flüchtlingshilfen in der Hauptabteilung Caritas, der heute mit fast 30 Millionen Euro ausgestattet ist, basiert auf den früheren Einsichten.

Die sich weiter öffnende Schere zwischen arm und reich hat mich in den Jahren ab 2000 als Direktorin im Caritasverband im Lobbying in Schwung gehalten und meine sozialpolitische Anwaltschaft geprägt. Seit 2006 in der Leitung der Hauptabteilung steht der Rottenburger Kindergartenplan exemplarisch für mein strategisches Führungshandeln, die U-3-Förderung der Diözese hat mich im Internet eine Hetzkampagne über Wochen gekostet.  2020 zeigt unsere Kampagne für Fachkräfte unter dem Motto: „Meine Kita ist katholisch“, dass wir uns nicht beirren lassen, als Diözese Familien entschieden mit einer christlich profilierten Dienstleistung zu stärken.

Besonders herausfordernd war 2007 bis 2010 die Fusion der Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen der Diözese mit den Erziehungsberatungsstellen des Caritasverbandes. Gegen viele Widerstände hatte ich mich für die fachlich sinnvolle Fusion entschieden und damals glücklicherweise die Rückendeckung unseres Bischofs gehabt. Eine psychisch starke Herausforderung war die Aufarbeitung der Heimerziehung in den Jahren ab 2008. Hier hatte ich sehr früh eine wissenschaftliche Studie in Auftrag gegeben, die zu einer Buchveröffentlichung führte mit dem Titel: „Die Zeit heilt keine Wunden“. Dieses Thema konnte ich auch als Beraterin der Kommission Caritas der DBK über zehn Jahre und als berufenes Mitglied im Beirat des Landes Baden-Württemberg fachlich lange begleiten und ich bin dankbar und auch stolz, dass es in diesen Jahren mit einer redlichen Zusammenarbeit gelungen ist, das Vertrauen der Opfervertreter im Gremium zu erhalten.

Sie gehen nun zwar in den Ruhestand – aber eher auf dem Papier. In Wirklichkeit ist es eher ein Unruhestand. In welchen Aufgaben werden Sie sich weiter für die katholische Kirche einbringen und welche Ziele verbinden Sie damit?

Statt Unruhestand rede ich lieber von einer kreativ vielseitigen Zeit, die ich vor mir sehe: zwischen Natur, Bergen, Wäldern, Kräutern, kochen, werkeln werde ich nun weniger täglich unterwegs sein, dafür häufiger die Zeit mit meinem Mann und zeitweise den erwachsenen Kindern genießen – und gleichzeitig werde ich mein Wahlamt als Vizepräsidentin des DCV bis 2022 weiterführen, ebenso das Wahlamt im ZdK und im synodalen Prozess. Und: Ich freue mich auf eine neue besondere Herausforderung in Berlin ab November 2020.