Dekanat Heilbronn-Neckarsulm

Die offene Gesellschaft als Herausforderung

Roswitha Keicher im Gespräch mit Aladin El-Mafaalani

Roswitha Keicher von der Stabsstelle Partizipation und Integration der Stadt Heilbronn im Gespräch mit Autor Aladin El-Mafaalani Foto: drs/Guzy

Autor Aladin El-Mafaalani erklärt bei einem Vortrag, wieso Streit die Gegenwart prägt.

Wieso geraten verschiedene gesellschaftliche Gruppen aneinander? Wieso sind gerade in konjunkturell guten Jahren so viele Konflikte aufgebrochen? Eine erhellende Erklärung dafür bietet Aladin El-Mafaalani in seinem Buch „Das Integrationsparadox“. Der 1978 im Ruhrgebiet geborene Autor findet mit seiner Gesellschaftsanalyse nicht nur Aufmerksamkeit in sozialwissenschaftlichen Fachkreisen und der Politik, sondern schafft es auch auf Bestsellerlisten.

Wie seine Thesen das Publikum zum eigenen Nachdenken anregen können, bewies er bei einem Vortrag in Heilbronn. Ein Dutzend Kooperationspartner wie die Arge Flüchtlingsarbeit, die Caritas Heilbronn-Hohenlohe, die Diakonie Heilbronn, die Katholische Erwachsenenbildung Heilbronn oder Stadt und Landkreis Heilbronn hatten ihn organisiert.

El-Mafaalani war zunächst Lehrer, später Abteilungsleiter im nordrhein-westfälischen Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration und ist seit 2019 Professor für Erziehungswissenschaft und Inhaber des Lehrstuhls für Erziehung und Bildung in der Migrationsgesellschaft an der Universität Osnabrück. Nach seiner Einschätzung war unsere Gesellschaft noch nie so offen wie heute. Gerade das birgt Konflikte in sich. „Es gibt Konflikte, weil es so gut läuft“, sagte El-Mafaalani.

Zerstrittene Tischgesellschaft

Dafür hat der Autor und Wissenschaftler ein prägnantes Bild: Er beschreibt die Gesellschaft als Tischgesellschaft. Bestand diese in den 1950er Jahren vorwiegend aus älteren, weißen Männern, nahmen über die Jahrzehnte immer neue Gruppen am Tisch Platz: Frauen, Menschen mit Behinderung, Migranten. Sie alle wollen nun am Tisch mitreden, mitbestimmen, wie der Kuchen gebacken und wie er verteilt wird.

Diese Konflikte gilt es zu akzeptieren, plädierte El-Mafaalani für die offene Gesellschaft und die Streitkultur. Denn auch in den vergangenen Jahrhunderten mussten Teilhaberechte erstritten werden, wie El-Mafaalani erklärte. Mag der harmonische Zustand früherer Zeiten verlockend sein und von populistischen Kräften als Verlockung angeboten werden, ist für El-Mafaalani der Weg in die Vergangenheit keine Option. Denn die Harmonie von damals gründete auf Zwängen und Unterdrückung. Es gilt vielmehr, eine angemessene Streitkultur zu finden.

Seine Überlegungen präsentierte El-Mafaalani den mehr als 300 Zuhörerinnen und Zuhörern im Silcherforum in kruzweiliger, unterhaltsamer Weise. Diese griffen seine Gedanken auf und ergänzten sie auch durch eigene Erfahrungen. So erzählte eine Zuhörerin in der Diskussionsrunde, die Roswitha Keicher von der Stabsstelle Partizipation und Integration der Stadt Heilbronn moderierte, davon, dass sie früher selbst auf dem Boden gesessen habe und es nun an den Tisch geschafft habe.

Verantwortung liegt bei der Zivilgesellschaft

Seine Analyse führt El-Mafaalani in seinem neuesten Buch „Mythos Bildung“ weiter. Darin beschäftigt er sich mit der Frage, wie sozial benachteiligte Kinder an den gesellschaftlichen Tisch geholt werden können und für eine ungewisse Zukunft fit gemacht werden können. Die stellt mit dem Klimawandel und der Digitalisierung für den Autor die zentralen Herausforderungen. Doch in der Politik und in den Streitdebatten rede keiner über die Zukunft. Das ist für El-Mafaalani die große Leerstelle.

El-Mafaalani setzt auf die Zivilgesellschaft. Ihr komme bei der Lösung der Zukunftsfragen Verantwortung zu. Und von den Flüchtlingen könne die Gesellschaft gerade eine Sache lernen: Hoffnung – Hoffnung verstanden als Idee von einer besseren Zukunft. Denn pointiert stellte El-Mafaalani fest: „Wer keine Hoffnung hat, der erträgt nicht einmal den Wohlstand.“