Bischofsrede

Dr. Bischof Gebhard Fürst: Neujahrsansprache 2020

Die Erneuerung der Kirche, die Bewahrung der Schöpfung und die Stärkung der Demokratie bezeichnete Bischof Gebhard als zentrale Herausforderungen der Gegenwart.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Wir gehen in ein neues Jahr. Und hoffen, dass es ein gutes neues Jahr wird. Ich hoffe, dass es uns gelingt, die großen Herausforderungen in allen Bereichen des Lebens und des Zusammenlebens zu bewältigen und zu gestalten. Der unaufhaltsame Wandel, der sich in immer schneller werdender Geschwindigkeit vollzieht, wird uns dabei in immer größerer Weise beeinflussen.

Ich nenne nur einige Stichworte:

  • Globalisierung
  • digitaler Wandel
  • Klimakrise
  • Erhalt des Weltfriedens, der in diesen Tagen wieder besonders bedroht ist.
  • Die Migrationsbewegungen mit Millionen von Flüchtlingen.

Wir stehen nicht nur am Beginn eines neuen Jahres, sondern am Beginn einer neuen Dekade. Vor 100 Jahren prägten die 20-er Jahre schon einmal ein gesamtes Jahrhundert.

Ökonomisch scheinen die Aussichten in Deutschland trotz des strukturellen Wandels noch nicht besorgniserregend. Im Blick auf den inneren Zustand unserer Gesellschaft lässt sich dies leider nicht sagen.  Große Sorge bereitet mir, dass die Demokratie nicht mehr so stabil ist, wie wir es in den letzten Jahren und Jahrzehnten für selbstverständlich gehalten haben.
Auch und besonders die Kirchen sind hier herausgefordert. Die Botschaft des Christentums und damit die Botschaft, der sich die Kirchen verpflichtet wissen, ist ja nicht für uns selber da.
Ich werde den Beitrag der Ortskirche von Rottenburg Stuttgart für Kirche und Gesellschaft in drei zentralen Herausforderungen vorstellen:

  • Demokratie stärken
  • Kirche erneuern
  • Schöpfung bewahren

Teil I: Demokratie stärken

Meine Damen und Herren!

Wir erleben eine Krise der Demokratie. Die demokratieablehnenden Kräfte werden stärker und die Werte, die in der Demokratie Orientierung und Zusammenhalt geben, werden schwächer.

Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke wurde ermordet, weil er sich für Menschen auf der Flucht eingesetzt hatte. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, Bischof Heinrich Bedford-Strohm, erhält Morddrohungen.
Im vergangenen Oktober kommen, am jüdischen Feiertag Jom Kippur, vor einer Synagoge in Halle gewaltsam zwei Menschen ums Leben – das Motiv des Täters: Antisemitismus.

Ich nehme eine immer lauter werdende populistische Grundstimmung war, die sich zügelnd wie Feuer immer weiter ausbreitet. Populismus ist zunächst verführerisch, weil seine Protagonisten einfache Parolen skandieren.
Zu den Vereinfachern gehört ein Widerwille gegen Sachkenntnis, Fakten und Argumente. Emotionen regieren und nicht der nötige Sachverstand. Differenzierendes Denken und Urteilen: Fehlanzeige! „Stör mich nicht mit deinen Fakten, ich habe mir meine Meinung schon gebildet“, heißt die Parole derer, die nichts mehr hören und sehen wollen und die nur die eigene Meinung und die Gleichgesinnter gelten lassen. In Filterblasen feiert der Positionalismus sich selbst.

Verlieren wir die große Errungenschaft der Aufklärung, den differenzierten Diskurs?

Urteilskraft braucht Sachkenntnis. Sachen verstehen wollen, den anderen verstehen wollen, sich von Vorurteilen lösen, Kompromisse suchen und zu schätzen. Auch in der Kommunikation von Mensch zu Mensch: Den Anderen nicht als Feind sehen, sondern von ihm lernen wollen. Nur so kann Demokratie, nur so kann demokratische Urteilsbildung und politisches Handeln gelingen.

Um die Krise der Demokratie zu überwinden und die Demokratie zu stärken, haben wir uns als Ortskirche Rottenburg-Stuttgart entschlossen – zusammen mit anderen Organisationen die Initiative „Farbe bekennen! Für Demokratie und eine offene Gesellschaft“ ins Leben zu rufen. Begleitendes Element der Initiative ist das sogenannte „Demokratiemobil“
Demokratie braucht Räume für Gespräche, Austausch und Informationen. Das Demokratiemobil will Begegnungen im öffentlichen Raum ermöglichen, um den Dialog zwischen Menschen zu fördern.  Seit Januar 2019 sind wir mit dem Mobil in Städten und im ländlichen Raum Baden-Württembergs unterwegs – meist auf Marktplätzen oder vor Bahnhöfen, aber auch in Schulen.

Teil II: Kirche erneuern Der Synodale Weg 2019 – 2021

Demokratie stärken, verkrustete Strukturen und Machtgefüge kritisch anschauen und – wo nötig – Kenntnisse übertragen und aneignen, dazulernen, das hat sich die Katholische Kirche vorgenommen.
Der Synodale Weg, den Bischöfe und Laien gemeinsam gehen werden, ist wichtig für die Zukunft unserer Kirche. Meines Erachtens ist er die einzige Chance zur Erneuerung unserer Kirche nach dem Skandal um sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen durch Kleriker, der unendliches – oft lebenslanges – Leid bei den Opfern angerichtet und die Glaubwürdigkeit der Kirche insgesamt stark infrage gestellt hat.

Am 1. Advent 2019 haben der Vorsitzende der Bischofskonferenz Kardinal Reinhard Marx und Karin Kortmann, Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, in der Frauenkirche in München die Kerze des Synodalen Wegs entzündet und damit den Synodalen Weg offiziell eröffnet. In der Diözese Rottenburg-Stuttgart haben wir dies zeitgleich bei der Vollversammlung des Diözesanrats im Kloster Reute getan. Auch Martins-Dom in Rottenburg und in der Konkathedrale in Stuttgart brennen die Kerzen des Synodalen Wegs.

Zur Eröffnung im Advent 2019 schreiben Kardinal Reinhard Marx und der Präsident des ZdK Thomas Sternberg in ihrem gemeinsamen Brief.
„Liebe Schwestern und Brüder, die Freude des Evangeliums in Wort und Tat zu vermitteln, Christus zu bezeugen und Gott zu loben und zu danken, ist Aufgabe des Volkes Gottes. Sie ist allen Getauften übertragen: Gemeinsam sind wir Kirche. Papst Franziskus fordert uns auf, eine synodale Kirche zu werden – unseren Weg gemeinsam zu gehen.  Der Synodale Weg soll auch ein Weg der Umkehr und der Erneuerung sein, der dazu dient, einen Aufbruch im Lichte des Evangeliums zu wagen und dabei über die Bedeutung von Glaube und Kirche in unserer Zeit zu sprechen und Antworten auf drängende Fragen der Kirche zu finden.“

Meine Damen und Herren,
der Missbrauchsskandal war der Auslöser für die kritische Situation in der katholischen Kirche und den Entschluss, einen synodalen Weg zu gehen.  
Sexueller Missbrauch muss eigens angemessen aufgearbeitet werden und darüber hinaus und mit besonderer Kompetenz Präventionsarbeit geschehen, damit solche verbrecherischen Taten nicht mehr vorkommen in unserer Kirche.
Ich habe Ihnen deshalb eine Publikation zusammengestellt, das in einer der Dezember-Ausgaben dem Katholischen Sonntagsblatt beilag. Es ist eine Gesamtdokumentation unserer Aufklärungs- und Präventionsarbeit im Zusammenhang mit dem sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. Dieses Heft haben wir auch heute an unserem Schriftenstand für Sie bereitgelegt.
Mit der Publikation möchte ich ein Zeichen setzen und deutlich machen: Sexueller Missbrauch hat in der Diözese Rottenburg-Stuttgart keinen Platz!

Meine Damen und Herren!
Ich kehre nun zurück zum in der katholischen Kirche anstehenden Synodalen Weg.  Für die inhaltliche Arbeit des Synodalen Weges wurden vier Synodalforen mit folgenden Inhalten eingerichtet:

  • Macht und Gewaltenteilung in der Kirche – Gemeinsame Teilnahme und Teilhabe am Sendungsauftrag     
  • Priesterliche Existenz heute
  • Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche
  • Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft.

Ich selbst war in den vorbereitenden Sitzungen des Forums „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche“ dabei und werde auch vorbehaltlich der Bestellung der Mitglieder dieser Foren auf der ersten Vollversammlung des Synodalen Weges am 31. Januar 2020 in Frankfurt, weiterhin Mitglied dieses Forums sein.
Ziel des Forums ist es, Wege zu erarbeiten, dass die Kirche wieder als der Ort erkennbar wird, an dem Menschen zu einer persönlichen Beziehung mit Jesus Christus finden und an dem sie Gottes heilende Kraft in den Sakramenten erfahren; dass sich die Kirche wieder mit ihrer ganzen Kraft für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung einsetzt; dass die Strukturen Kirche vom Wirken des Heiligen Geistes geprägt und mit Leben erfüllt werden.   
Die Partizipation aller Mitglieder des Gottesvolkes und Gewaltenteilung, die verbindlich wird, ist ein Schlüssel, damit die gemeinsame Teilhabe aller Gläubigen am Sendungsauftrag der Kirche mit Leben erfüllt wird.

Mit welcher Erwartung und Positionierung gehe ich in dieses Forum?
Was will ich erreichen? Ich möchte das „Rottenburger Modell“, die Gestalt einer dialogischen und partizipativen, synodal gefassten Ortskirche in den Reformdiskurs des Synodalen Weges einbringen. Denn viel, was bei uns in der Ortskirche praktiziert wird, kann der Intention dieses Forums in wesentlichen Dimensionen nachkommen.

Die katholische Kirche erscheint den meisten Zeitgenossen als eine streng hierarchisch gegliederte, von oben nach unten strukturierte Kirche, bei der nur der Klerus in allen Fragen und Problemen alleinige Entscheidungsgewalt wahrnimmt.
Hingegen entspricht die Struktur der Gesamtgestalt, ihre besondere Art der Entscheidungsfindung und Verantwortungswahrnehmung in der Ortskirche Rottenburg-Stuttgart nicht diesem Wahrnehmungsbild.

Sehr geehrte Damen und Herren,
Sie sehen hier das Bild einer Vollversammlung des Diözesanrates, der aus 122 Mitgliedern besteht.
Das „Rottenburger Modell“ – wie die ortskirchliche Verfassung der Diözese Rottenburg-Stuttgart bei uns genannt wird – basiert auf dem Verständnis von Kirche des Zweiten Vatikanischen Konzils –insbesondere seiner Neugewichtung der Laien beim Sendungsauftrag der Kirche – und dem kirchlichen Recht. Das „Rottenburger Modell“ ist nach Inhalt und Struktur die orts-kirchliche, inhaltlich gefasste und in ihrer Organisation und Struktur praktisch gewordenes Verständnis von Kirche in der Diözese Rottenburg-Stuttgart als Martinsland.
Eine Besonderheit, die uns durch das Rottenburger Modell von allen anderen Diözesen der Weltkirche unterscheidet, ist:

Der vom Gottesvolk der Diözese frei gewählte Diözesanrat hat das Haushaltsrecht.
Konkret bedeutet dies:
Als Kirchensteuervertretung der Diözese, die eine Körperschaft des öffentlichen Rechts ist, hat der Diözesanrat das Haushaltsrecht. Der vom Diözesanrat als Kirchensteuervertretung beratene und beschlossene Haushalt wird zur Rechtsgültigkeit und zur Inkraftsetzung vom Bischof unterschrieben. Der Bischof hat ein Vetorecht gegen den Haushalt. Kann aber vom Diözesanrat mit Zweidrittelmehrheit überstimmt werden.

Sehr geehrte Damen und Herren,
ein weiteres Thema möchte ich in Zusammenhang mit dem Synodalen Weg ansprechen: Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche.

Im Forum des Synodalen Prozesses „Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche“ werde ich nicht Mitglied sein. Aber ich möchte auch hier aus der Erfahrung und Praxis des Rottenburger Modells meine, unsere ortskirchlichen Erfahrungen und Praxis zur Rolle der Frauen in der Kirche einbringen und eine Neu-Positionierung bezüglich des kirchlichen Amtes weitergeben.
Aufmerksam verfolge ich die Aktion „Maria 2.0“. In vielen Gemeinden haben Frauen auf sehr deutliche Weise auf die Ungleichheit von Frauen und Männern – insbesondere bezüglich auf die kirchlichen Weiheämter – aufmerksam gemacht. In diesen Zusammenhang sind viele Frauen auf mich zugekommen, haben nach den Gottesdiensten auf mich gewartet - wie hier auf dem Bild nach der Bischofsweihe im vergangenen Juli. 1.500 Frauen haben mir Karten zugesandt, auf denen sie ihre Erwartungen und Forderungen formuliert haben. Inzwischen haben viele Gespräche, Begegnungen und Briefwechsel stattgefunden und bei allen, so kann ich es aus meiner Sicht sagen, herrschte eine konstruktive und dialogische Gesprächsatmosphäre.
Die Frage nach der Rolle der Frau in der Kirche stellt sich gerade besonders im Zusammenhang mit der Forderung, den Diakonat für die Frauen zu öffnen. Dass Frauen zu Diakoninnen geweiht werden, ist ein Zeichen der Zeit. Für den Diakonat der Frau gibt es keine lehramtliche Absage. Deshalb habe ich bereits mehrfach öffentlich betont und ich wiederhole mich gerne an dieser Stelle: Diakonat ist möglich und ein „Zeichen der Zeit“! Vieles wurde dazu in den letzten Jahren dazu erforscht. Nun geht es darum, die Ergebnisse der Forschung mutig zu nutzen, um den Diakonat der Frau einzuführen.

In nahezu allen anderen Bereichen sind Frauen in der Kirche vertreten und engagiert. Als hauptamtliche Mitarbeiterinnen sind sie in der Diözese Rottenburg-Stuttgart in sämtlichen Bereichen der Seelsorge und der Verwaltung tätig. Sie nehmen in den verschiedenen Bereichen Führungsaufgaben wahr.
Heute sind in der Sitzung des Bischöflichen Ordinariats vier Frauen vertreten. 25 Prozent, die in höchster leitender Verantwortung stehen, sind Frauen. 30 Prozent Frauen sind Führungskräfte in der Diözesankurie. Die Diözesanleitung des Bischöflichen Jugendamtes in Wernau ist seit Jahren paritätisch besetzt.
Auch der Anteil der Frauen in den verschiedenen Gremien der Diözese ist nicht zu unterschätzen. Im Diözesanrat, der obersten Laienvertretung der Diözese, beträgt der Frauenanteil in der aktuellen Amtsperiode unter den stimmberechtigten Laien 45 Prozent. Ich bitte Sie, dies nicht gering zu achten. Die Partizipation von Laien an der Verantwortung für unser kirchliches Handeln ist wesentlich für unser „Rottenburger Modell“ einer in Mitverantwortung und Mitgestaltung partizipativ, synodal und subsidiär aufgestellten Ortskirche.
Eine große Zahl Frauen nimmt in den Kirchengemeinden Verantwortung wahr: Über 4.700 Frauen sind gewählte Mitglieder der Kirchengemeinderäte. Dies macht einen Frauenanteil von nahezu 53 Prozent aus. Auch im Bereich der pastoralen Dienste und Ämter nehmen Frauen eine wichtige Rolle ein. Diese Dienste und Ämter sind hineingenommen in das synodal und partizipativ strukturierte „Rottenburger Modell“. Derzeit sind in der Pastoral 286 Gemeindereferentinnen und 240 Pastoralreferentinnen tätig. Dies entspricht 86 Prozent beziehungsweise 70 Prozent Frauen in der jeweiligen Berufsgruppe. Zwei Frauen leiten bereits eine Kirchengemeinde gemäß Canon 517,2 des Kirchenrechts. Diese Verantwortungsbereiche möchte ich vermehren und ausbauen. Viele hochmotivierte und gut ausgebildete Frauen leiten am Sonntagmorgen Wort-Gottes-Feiern. Diese Frauen geben der Kirche in der mir sehr wichtigen Liturgie der Wort-Gottes-Feier ein weibliches Gesicht.

Im kirchlichen Bereich erfordert das Thema „Chancengleichheit“ weiterhin besondere Sorgfalt und Sensibilität. Die Kompetenz, die insbesondere Frauen in diese Debatte einbringen, ist unverzichtbar.

Teil III: Schöpfung bewahren

In meinem dritten Teil komme ich nun – nach der eher innerkirchlichen Thematik des Synodalen Weges - zu einem Thema, das sowohl Gesellschaft und Politik als auch die Kirchen gleichermaßen beschäftigt. Die Bedeutung des Klimawandels und der Erderhitzung haben nun inzwischen das öffentliche Bewusstsein mit voller Wucht erreicht. Millionen Menschen gingen im vergangenen Jahr in der ganzen Welt auf die Straße, um für den Erhalt des Planeten Erde zu kämpfen. Unübersehbar und nicht zu überhören ist die von Greta Thunberg gegründete Jugendbewegung „Fridays for Future“. Ich gratuliere der Jugend, dass sie Druck auf die Politik und sämtliche gesellschaftlichen Akteure macht!

Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Diese wunderbare Erde, „Unser gemeinsames Haus“ wie Papst Franziskus diesen einzigartigen Planeten nennt, ist ernsthaft bedroht und damit auch die Zukunft der Kinder und Jugendlichen, der künftigen Generationen. Gerade deshalb ist auch die Kirche herausgefordert hier ihren positiven, hilfreichen Beitrag zu leisten: Es geht um die Zukunft der Menschen, ja der Menschheit!
Manche fragen: Warum ist der Klimawandel eine Herausforderung für die Kirche?
Die Bewahrung der Schöpfung als Auftrag der Kirche ergibt sich aus den Grundlagen des christlichen Gottesglaubens. Deshalb ist es eine Notwendigkeit, schöpfungsfreundliche Kirche zu sein. Der Auftrag ist die Folge des Glaubens an Gott den Schöpfer. Das Glaubensbekenntnis der Christen beginnt mit den Worten: „Ich glaube an Gott den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“
Wir können nicht an Gott als Schöpfer der Welt glauben und zugleich unsere Mitwelt, die Natur, die Umwelt, das Klima zugrunde richten.

Im Ersten Schöpfungsbericht erteilt Gott den Menschen die Weisung über die Erde und alle Geschöpfe zu herrschen und alles, die ganze Schöpfung zu gestalten. Gott sagt zum Menschen: „Hiermit übergebe ich euch alles, die ganze Schöpfung zu eurem Leben, zu eurem Nutzen.“ (Gen 1,28f)
Der Zweite Schöpfungsbericht ergänzt, erweitert und präzisiert den Sinn und die Aufgabe des Menschen in der Schöpfung. Gottes Schöpfungshandeln ist das Pflanzen eines Gartens. Und in diesen Garten setzt er den Menschen. Am Ende des zweiten Schöpfungsberichts wird der eine Satz wiederholt und der Sinn des Menschseins so bestimmt: „Gott, der HERR, nahm den Menschen und gab ihm seinen Wohnsitz im Garten von Eden, damit er ihn bearbeite und behüte.“ (Gen, 2,15)

Für Christen ist es eine zentrale Frage der Glaubwürdigkeit, wie wir unseren Glauben an den Schöpfergott umsetzen, der uns in diesen wunderbaren, fruchtbaren, uns ernährenden und erfreuenden Garten gesetzt hat. Es ist eine Frage unsere Dankbarkeit für die Schöpfung, dass wir diesen Glauben in konkretes umweltgerechtes Verhalten umsetzten, den Garten nicht ausbeuten und zerstören, sondern pflegen und hüten.

Meine Damen und Herren,
Das Engagement der Kirche beim Klimawandel ist kein Zeitgeistprodukt. Unsere Ortskirche, die Diözese Rottenburg-Stuttgart springt nicht dem Zeitgeist folgend auf einen abfahrenden Zug auf, damit wir auch dabei sind, sondern sie erfüllt den ureigenen Auftrag einer Religion, deren Heiliges Buch, die Bibel, auf den ersten Seiten große Schöpfungserzählungen stehen hat.
Bei all der neuen Aufmerksamkeit und den politischen Anstrengungen bleiben gegenüber dem Klimawandel bei vielen namhaften Zeitgenossen, teilweise in höchster politischer Verantwortung, Skepsis und Ablehnung. Sie sehen im Umweltschutz eher eine Nebensache, ungefähr so, als ob es eben auch nötig wäre, unseren Hinterhof zu kehren, ihn sauber und ordentlich zu halten. Erst recht gilt diese Skepsis bis Ablehnung einer „Schöpfungsfreundlichen Kirche“. „Was soll das?“ fragen mich auch manche in der Kirche.

Die Frage an Kirche könnte lauten: Was tut die Diözese zum Klimaschutz?
Darüber könnte ich viel berichten. Auch hier bleibt mir die Zeit nicht.
Ich habe Ihnen deshalb zwei Broschüren mitgebracht. Ein Heft zum Klimaschutz, wie er in der Diözese Rottenburg-Stuttgart gehandhabt wird und besonders das Heft Schöpfungsleitfaden. Dort wird Auskunft gegeben über konkrete Maßnahmen und Selbstverpflichtungen.
Um den Klimawandel beherrschbar halten, müssen wir alle – auch und besonders die christlichen Kirchen wegen ihres weltweiten Einflusses - Strategien entwickeln und realisieren. Kirche muss Allianzen bilden mit schöpfungsfreundlichen Kräften. Knapp 50 Bischöfe in Amazonien unterzeichnen im Oktober 2019 neuen Katakombenpakt für ganzheitliche Ökologe. Unsere Diözese wird dem Katakombenpakt der Bischöfe der Amazonassynode für eine ökologische Pastoral beitreten!

Darüber hinaus werden wir einen Generationenvertrag anstreben.
Ich sehe eine große Chance auf ganz neue Weise mit der wachen Jugend als Partner in ein konstruktives Gespräch zu kommen über die Qualität ihrer und ihrer Kinder Zukunft. Der christliche Schöpfungsglaube bietet hier Grundlage für eine starke Motivation, die Zukunft durch schöpfungsfreundliches Handeln so zu gestalten, dass sie für die kommenden Generationen, die Kinder und Jugendlichen von heute und ihre Nachkommen gutes Leben auf diesem Planeten, dem einzigen Haus, das wir haben zu erhalten bzw. zu sichern und zu gestalten.
Mit den jungen Leuten in ein sinnvolles Gespräch und in zielführende gemeinsame Aktionen kommen – um unserer aller Zukunft willen – um der guten Zukunft der kommenden Generationen willen, um der uns von Gott gegebenen Schöpfung willen, reizt mich und begeistert mich sehr! Ich sehe darin eine große indirekte Katechese und eine große indirekte Evangelisierung.

Im kommenden Oktober, werden wir zum sechsten Mal den diözesanen Nachhaltigkeitspreis, den Franziskus-Preis, verleihen. Genauso hat der Franziskus-Preis das Ziel, das Bewusstsein für die Bewahrung der Schöpfung in einer weit gefassten Perspektive zu schärfen, Aktivitäten für eine nachhaltige Entwicklung in breiter Vielfalt zu fördern und zu würdigen und nicht zuletzt öffentlich bekannt zu machen, welch hohes Maß an Ideenreichtum, Kreativität und Kompetenz sich landauf, landab in unserer Diözese in konkreten Maßnahmen ausdrückt. Er ist Ausdruck und Beitrag der Diözese Rottenburg-Stuttgart als schöpfungsfreundliche Kirche.
Der Preis soll alle Kräfte und Initiativen in der Diözese ermutigen und unterstützen, die sich dem Anliegen verpflichtet wissen, an unserem gemeinsamen Haus mit zu bauen.

Schluss: Visionen wagen

Ich verspreche mir von einer geistlichen und realen Erneuerung der Katholischen Kirche in Deutschland und in unserer Ortskirche, unserer Diözese, dass unsere Kirche an vielen Orten für viele unterschiedliche Menschen bewohnbar bleibt und wird. Alle Erneuerungsprozesse haben im Letzten das Ziel, Kirche so lebendig zu gestalten, dass sie für heimatlos gewordene, suchende Menschen ein Zuhause bietet.
Meine Vision ist eine Kirche, in deren Gemeinschaft die Sinnsuchenden Sinn finden, die Verängstigten und Verunsicherten wieder Mut und Hoffnung schöpfen, die religiöse Sehnsucht Erfüllung findet. Ziel unserer Initiativen und Veränderungen ist es, Kirchengemeinden als geistlich lebendige Räume zu stärken, in denen und an denen das heilsame Evangelium Jesu Christi wirklich erlebbar wird: dass Menschen aus dem „Wirbel irdischer Sorgen" entkommen, sich in der Gemeinschaft der Mitglaubenden angenommen wissen, dass sie zur Ruhe kommen und Ruhe finden können.
Meine Vision ist eine Kirche, in der Männer und Frauen in gleicher Würde als Getaufte und Gefirmte Christinnen und Christen zusammenwirken und vom Evangelium glaubwürdiges Zeugnis ablegen.
Meine Vision ist eine Kirche, die sich insbesondere "der Armen und Bedrängten aller Art" (GS 1,1) annimmt, eine diakonisch-karitative Kirche, die zu den Menschen geht und ihnen beisteht, wo sie des Beistands bedürfen, eine Kirche, die heilend wirkt, wo Menschen verletzt und gedemütigt wurden. Wo Kirche Heimat ist und schenkt und den Bedrängten aller Art hilfreich nahe ist, da wirkt Kirche missionarisch.
Meine Vision ist eine zukünftige Kirche, die geistlich erneuert in unseren Kirchengemeinden wirkt, in den Seelsorgeeinheiten und christlichen Einrichtungen und all den Aktivitäten, die es bei uns gibt. Alle, die getauft sind auf den Geist Jesu Christi, werden hierzu gebraucht. Wir alle in den unterschiedlichen Verantwortlichkeiten, in den Diensten und Ämtern ebenso wie in den Ehrenämtern sind Werkzeuge des Gottes-Geistes in dieser Zeit zum Heil der Menschen.“
Meine Vision ist eine lebendige Gemeinschaft von Christinnen und Christen, die die Zeichen der Zeit aufmerksam wahrnehmen, annehmen. Eine Kirche, die als Gottes Volk, aus dem Geist des Evangeliums, der Freude am Glauben und in der Kraft des Glaubens diese Zeichen der Zeit mutig aufgreift und hilfreich handelt, im Interesse der Menschen, im Interesse des Gemeinwohls, und so zum Gelingen unseres Lebens und unseres Zusammenlebens im Kleinen wie im Großen, lokal und global nachhaltig beiträgt. Eine diakonische, missionarische, dialogische und schöpfungsfreundliche Kirche

Meine Damen und Herren,
mag sein, dass es eine Zeit gegeben hat, „als das Wünschen noch geholfen hat….“, sagt Peter Handke, der vor kurzem mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Heute ist diese Zeit fortgeschritten. Den guten Wünschen und hilfreichen Visionen müssen Taten folgen.
Heute müssen wir handeln. In der Stärkung der Demokratie, in der Erneuerung der Kirche, in der Gestaltung des Klimawandels – und zwar heute und morgen. Mit Mut, Tatkraft und Augenmaß. Aus der Kraft der christlichen Hoffnung!
Meine Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder!
Ich wünsche ihnen ein glückliches, gesundes, sinnerfülltes Jahr!

Gesegnetes Jahr 2020!