Akademie

Eine Generation meldet sich zu Wort

Quelle: Shell-Jugendstudie 2019

Dr. Thomas Gensicke. Foto: Reich/Akademie

Sozialforscher Dr. Thomas Gensicke sprach in der Akademie über seine Analyse des Interessenwandels junger Menschen anhand der Shell-Jugendstudien.

Je nach Verarbeitung und Tendenz fielen die Reaktionen von Medien auf die aktuelle Shell-Jugendstudie sehr unterschiedlich aus: „Bild" rief gleich die „Generation Greta“ aus, „Der Spiegel" diagnostizierte eine Empfänglichkeit der Jugendlichen für Populismus, der „Stern" ebenso und bezeichnete junge Menschen gleichzeitig als weltoffen und umweltbewusst.

In einer Realität, die durch eine Vielfalt von Medien stark geprägt wird, müsse man über Medien reden, erläuterte Thomas Gensicke, sie könnten vielfach als Verstärker wirken. Dies träfe mehr noch auf die Filterblasen der sozialen Medien zu als auf die Printmedien.

Umweltthemen im Trend

Die „Generation Greta“ einerseits, die Anfälligkeit für Populismus andererseits: Tatsächlich werden seit dem Jahr 2015 politische Themen auch im Leben junger Menschen wieder wichtiger. Jugendliche initiieren Proteste gegen den Klimawandel und trugen bei zum schlechten Abschneiden der Volksparteien bei den Europawahlen in Deutschland.

Auch die Ergebnisse der Shell-Jugendstudie, deren Daten von Januar bis März 2019 erhoben wurden, wiesen bereits in diese Richtung. Die fortbestehenden, eher unpolitischen Hauptthemen Bildung und Ausbildung wurden als wichtigste Themen abgelöst von Fragen nach (innerer) Sicherheit, die bis 2017 die Sorge um den Klimawandel überlagerten. Innerhalb kurzer Zeit – „Fridays for Future“ existieren beispielsweise erst seit 2018 – errang das Thema Klimawandel einen Spitzenplatz auf der Agenda der drängendsten Probleme.

Thomas Gensicke vertrat den Erklärungsansatz: In dem Maße, in dem es nicht mehr notwendig war, sich Sorgen über die Ausbildung zu machen, wurde Platz frei, um sich mit anderen wichtigen Themen zu beschäftigen. Die politisch aufgeregteren Zeiten seit 2015 mögen dazu beigetragen haben.

Selbst Politik zu machen und sich aktiv einzumischen, ist für eine kleine, aber wachsende Minderheit der Jugendlichen attraktiv. Thomas Gensicke zeigte auf, dass  ein kleiner Teil Hochpolitisierter, auch wenn es nur 8 Prozent sind, doch einer absoluten Zahl von weit mehr als 700.000 Jugendlichen entspricht.

Da diese überwiegend (zu 61 Prozent) aus der oberen Mittelschicht kommen, können sie aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Kontakte und Ausbildung hebelmächtig sein. Einen hohen Einsatz für politische und soziale Veränderungen zeigen dabei immer mehr Frauen, die inzwischen beinahe die Hälfte der stark Engagierten ausmachen.

Dies hatte auch Auswirkungen auf die Europawahl 2019. Hier stieg die Wahlbeteiligung gerade bei Frauen im Alter von 18 bis 24 Jahren um 23 Prozent. Profitiert haben davon besonders die Grünen, während die großen Parteien CDU und SPD in dieser Altersgruppe eklatant wenige Wähler/innen gewinnen konnten.

Gestiegen ist dabei das Umweltbewusstsein, das sich daran zeigt, dass 71 Prozent der befragten Jugendlichen der aktuellen Shell-Jugendstudie es für wichtig halten, sich unter allen Umständen umweltbewusst zu verhalten. Auch Bio- und Fairtrade-Waren haben einen hohen Zustimmungswert.

Dieses Bewusstsein habe jedoch nicht zu einer nachweisbaren Entsprechung im realen Leben und Verhalten junger Leute geführt.

Linksverschiebung und Populismus

Thomas Gensicke beschrieb aufgrund der Zahlen der Shell-Jugendstudie 2019 nicht nur eine zunehmende Politisierung Jugendlicher. Dieser Trend habe auch eine bevorzugte Position: eine strategische Verschiebung der politischen Gefühle nach links.

So ordnen sich 2019 41 Prozent der Befragten links oder eher links ein (zum Vergleich: 2002 waren es nur 32 Prozent). Dem rechten oder eher rechten Spektrum zugehörig fühlten sich 2019 nur noch 13 Prozent der Jugendlichen im Alter von 15 bis 25 Jahren (2002 noch 17 Prozent). Auch in der Frage der politischen Positionierung sind die jungen Frauen der ausschlaggebende Faktor.

Ein steigendes politisches Engagement tendiert in West wie Ost in die politisch linke Richtung, auch wenn direkt daneben stehend ebenso eine zunehmende Affinität für populistische Parolen zu erkennen ist; letzteres ist allerdings auch in der Gesamtbevölkerung in ähnlicher Weise nachweisbar.

Beim Thema Umgang mit Geflüchteten treten soziale Unterschiede besonders deutlich zutage: Zeigt die Oberschicht mehrheitlich Zustimmung für die Aufnahme geflüchteter Menschen, so nimmt diese Zustimmung, je mehr es in Richtung Unterschicht geht, immer mehr ab, um schließlich überwiegend in Ablehnung umzuschlagen.

Das Internet kostet Zeit

Die zunehmende Digitalisierung von Lebenswelten kostet auch Jugendliche Zeit. Immerhin 30 Prozent sind drei bis zwölf Stunden täglich im Internet unterwegs, 2 Prozent gar noch mehr.

Dabei wird die Zeit im Netz von einer Mehrheit (58 Prozent) als Zeitverschwendung empfunden, 48 Prozent wünschen sich, in Zukunft weniger online zu sein. Reale Kontakte zu anderen Menschen bleiben wichtig, wenn auch mit einer sinkenden Tendenz (2002 hielten 61 Prozent der Befragten viele Kontakte zu anderen Menschen für wichtig, 2019 waren es noch 47 Prozent).

Die Digitalisierung wird insgesamt und persönlich als vorteilhaft bewertet, 62 Prozent sehen 2019 mehr Vor- als Nachteile.

Religion und Kirche

Immerhin 60 Prozent aller befragten Jugendlichen sind 2019 noch katholisch oder evangelisch. 9 Prozent bekennen sich zum Islam, 24 Prozent sind konfessionslos.

Auch wenn Religiosität ein wichtiger Faktor im Leben junger Menschen ist und bleibt, so korrespondiert dies nicht unbedingt mit einem entsprechenden kirchlichen oder religiösem Engagement, zeigte Thomas Gensicke anhand von Zahlen unterschiedlicher Studien auf. Gott verliert seit 2010 langsam aber stetig an Wichtigkeit in den Augen junger Menschen; für etwa ein Drittel ist es auch 2019 weiterhin wichtig, an Gott zu glauben.

Dabei verliert im Vergleich zu den vergangenen Jahren die evangelische Kirche vor allem bei jungen Männern (2019 hielten es nur noch 20 Prozent für wichtig, an Gott zu glauben), die katholische Kirche hingegen nicht (40 Prozent). Hier schwindet der Glaube an Gott eher bei den Frauen (2019 waren es noch 38 Prozent, die den Glauben an Gott als wichtig erachteten).

Thomas Gensicke erläuterte, dass Gott bei Evangelischen jetzt mehrheitlich unwichtig, bei Katholischen seit 2015 stabil und bei den anderen (besonders Islam) von hoher Wichtigkeit sei.

Dabei korrespondiert der Glaube an Gott nicht mit den Zahlen von Gottesdienstbesuchen: Für die wenigsten ist es wichtig, in den Gottesdienst zu gehen.

Das Ansehen der Kirchen ist trotz aller Skandale weiterhin gut bewertet, etwa drei Viertel aller katholischen und evangelischen Jugendlichen finden es gut, dass es die Kirche gibt. Und selbst bei den Konfessionslosen ist es noch knapp die Hälfte.

Diskussion und Meinungsvielfalt

Daten sind das eine – ihre Interpretation und Bewertung das andere. So wären sicherlich manche Befunde der vorgestellten Studien stärker zu differenzieren, wie sich in den Fragen und Diskussionen nach Gensickes Vortrag ergab.

Ob die viele Zeit, die Jugendlich im Internet verbringen, tatsächlich „verlorene Zeit" für andere Aktivitäten ist oder ebenso als Zeit für Engagement, das online stattfindet, bewertet werden kann, war etwa durchaus strittig.

Auch wurden sehr aktuelle Probleme wie Wohnungsnot und steigende Miet- und Immobilienpreise als Fragen in der aktuellen Studie vermisst.

Ein Hinweis auf die Kosten der Digitalisierung für die Umwelt wies noch einmal auf den Gegensatz zwischen einem gestiegenen Umweltbewusstsein und den oft noch fehlenden Auswirkungen im persönlichen Leben hin.

Zuletzt gab es noch ein Statement, das die persönlichen Eindrücke aus der eigenen beruflichen Tätigkeit noch einmal in einen scharfen Kontrast zur Interpretation der Ergebnisse der Shell-Jugendstudie 2019 stellte und mit Applaus bedacht wurde: „Nicht alle Jugendlichen sind so, wie an diesem Abend dargestellt.“

So führte die Diskussion auf den Ausgangspunkt zurück: Die Klärung der eigenen Perspektive ist die Voraussetzung für jeden Erkenntnisgewinn.