Corona

"Einige würde ich gern an der Hand nehmen und über unsere Intensivstation führen"

Krankenhausseelsorger Martin Günter. Bild: drs/Gregor Moser

Martin Günter ist Krankenhausseelsorger in Tübingen. Derzeit kümmert er sich ausschließlich um an Covid-19 erkrankte Menschen.

Martin Günter ist katholischer Pastoralreferent und seit über zehn Jahren Krankenhausseelsorger an der Universitätsklinik Tübingen. Er arbeitet in einem 15-köpfigen ökumenischen Team von Seelsorgerinnen und Seelsorgern, die für das Universitätsklinikum, die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik und das Paul-Lechler-Krankenhaus in Tübingen zuständig sind. Derzeit kümmert er sich ausschließlich um an Covid-19 erkrankte Menschen. Im Interview berichtet er über seine Erfahrungen.

Herr Günter, wie kam es zu der Entscheidung, dass Sie derzeit ausschließlich zu an Covid-19 Erkrankten gehen?

Ich habe die auch in Tübingen steigenden Zahlen von Erkrankten gesehen und gewusst, dass da jemand zu den Menschen rein muss. Seelsorge über das Telefon oder mittels einer Videokonferenz funktioniert bei vielen Patienten nicht. Hinzu kam, dass meine Tochter, die in Österreich studiert, an Corona erkrankte und ich mir vorstellte, wie grausam es wäre, würde sie dort auf einer Isolier- oder Intensivstation liegen, ohne Besuche empfangen zu dürfen. Auch habe ich gesehen, wie das Pflegepersonal in Tübingen darunter gelitten hat, dass die Patienten außer den Ärztinnen und Ärzten, der Pflege selbst und den Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten keinen persönlichen Kontakt zu anderen Menschen haben können. Es sei zunehmend ein stilles Leiden, 24 Stunden am Tag allein im Isolierzimmer zu sein, habe ich oft gehört. Dagegen wollte ich etwas tun und freue mich, dass mein gesamtes ökumenisches Team dieses Anliegen mitträgt und mich für diese Aufgabe von meinen bisherigen Verpflichtungen freigestellt hat.

Seit wann kümmern Sie sich um an Covid-19 Erkrankte und wie lange geht Ihr Einsatz noch?

Seit der dritten Novemberwoche und noch bis Neujahr.  

Wie geht es danach weiter?

Dann wird eine evangelische Kollegin übernehmen; je nach der weiteren Entwicklung werden wir uns in dieser Aufgabe in bestimmten Zeiträumen abwechseln.   

Die frühere thüringische Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht hat der Kirche ein Versagen während der ersten Corona-Welle bei der Betreuung Sterbender in Pflegeheimen und Krankenhäusern vorgeworfen. Können Sie das nachvollziehen?

Ich kann nachvollziehen, dass es von außen so ausgesehen hat, dass zu wenig getan wurde, obwohl ich aus der Innensicht heraus weiß, wie viele Kolleginnen und Kollegen fieberhaft bemüht waren, Kontakte zu ermöglichen, sie zu halten und sich zu überlegen, wie sie mit der Situation im Blick auf die Patienten gut umgehen können. Da eine solche Situation zumindest in Deutschland noch nie da war, mussten auch wir Seelsorgenden erst nach Wegen suchen. Und man muss auch bedenken, dass es für die weiteren seelsorgerlichen Aufgaben im Krankenhaus Konsequenzen hat, wenn jemand aus dem Team zu Covid-Erkrankten in die Zimmer geht. Andere Risikopatienten dürfen dann parallel nicht mehr besucht werden, weshalb ich im Moment auch keine Rufbereitschaft machen darf. Und wir müssen natürlich auch im Blick auf die vielen anderen Patientinnen und Patienten darauf achten, dass wir als Seelsorgeteam uns nicht gegenseitig infizieren und handlungsfähig bleiben. Im Moment werde ich zum Beispiel auch allen Teamsitzungen nur digital zugeschaltet. Grundsätzlich warne ich vor zu schnellen und zu plakativen Meinungen von außen.

Wie können Sie helfen, wenn Schwerkranke auf der Isolier- oder Intensivstation liegen? Können Sie zu den Menschen gehen?

Ja, das ist in dieser zweiten Welle in Tübingen zum Glück möglich. Ich kann zu den Erkrankten ans Bett gehen und mit ihnen sprechen. Dabei ist es natürlich schon so, dass Seelsorge von der Wahrnehmung des Anderen lebt und dass das durch die erforderliche Schutzausrüstung erschwert wird. Dennoch ist mir gerade der persönliche Kontakt, das Da-Sein beim Patienten, sehr wichtig.

Haben sich angesichts der Pandemie neue Formen der Krankenhausseelsorge entwickelt, die auch funktionieren?

Im direkten Seelsorgegespräch mit den Patienten kann ich das so nicht sagen; unsere Erfahrungen mit Tablets und Handys waren ein Versuch – eine Notlösung, die auf Dauer aber niemanden von uns zufriedenstellen konnte. Im Blick auf alternative, digitale Gottesdienstangebote, Gedenkfeiern für Verstorbene, Podcasts und weitere Seelsorgeformate aber ist in dieser Zeit in Tübingen und der ganzen Diözese sehr viel Kreatives entstanden.

Welche Sorgen haben die Patienten, mit denen Sie sprechen?

Ich habe Patienten erlebt, die wegen Corona schon mehrere Wochen im Krankenhaus lagen – übrigens nicht nur immungeschwächte Menschen. Da gibt es natürlich die Sorge, wann wird es wieder, wie lange muss ich noch isoliert bleiben? Und vor allem: Werde ich wieder ganz gesund? Es gibt die Angst davor, was nach der Entlassung aus der Klinik kommt. Was macht das Virus langzeitmäßig mit mir? Ich kenne beispielsweise eine Frau mittleren Alters, die sich nach überstandener Quarantänezeit noch lange nach dem Essen erbrechen musste. Andere klagen über langanhaltende chronische Erschöpfungszustände. Bei älteren Menschen kommt die Frage hinzu, ob sie sich wieder allein zuhause zurechtfinden werden, so wie früher. Kann ich wieder in meine Wohnung zurück? Dann gibt es Fälle, auch bei jüngeren Menschen, bei denen sich starke Konzentrationsstörungen entwickelt haben, mit allen Auswirkungen, die das im Berufsleben mit sich bringt.  

Was halten Sie von Lockerungen im Umgang mit Corona?

Ich bin da sehr skeptisch. Natürlich sehe ich, dass viele Berufsgruppen existenziell unter den Beschränkungen leiden. Auf der anderen Seite sehe ich aber auch, was das Virus alles anrichten kann – auch bei Menschen, die nicht auf die Intensivstation müssen. Ich frage mich manchmal, in was für einer egoistischen Gesellschaft leben wir eigentlich, wenn angesichts einer so ernsthaften Bedrohung für Leben und Gesundheit notwendige Einschränkungen von so vielen um ihrer Freiheitsrechte willen abgelehnt werden.  Da würde ich gerne einige an der Hand nehmen und über unsere Intensivstation führen. Ich bin sicher, dass sie danach anders denken würden. Ich bin auch sehr skeptisch mit Blick auf das Feiern an Silvester in diesem Jahr. Ich glaube eine Gesellschaft, auch Jugendliche und jüngere Erwachsene, müssten während einer solchen Pandemie in der Lage sein, auf eine Feier zu verzichten.

Gibt es positive Erfahrungen, die Sie von Ihrer Tätigkeit mit ins Private nehmen?

Oh ja, eigentlich dauernd. Es gibt ja bei vielen Menschen diese selbstverständliche Grundhaltung, in die Zukunft zu planen: morgen mache ich das und nächste Woche dieses. In Wirklichkeit ist das aber gar nicht so selbstverständlich. Es kann von jetzt auf gleich alles völlig anders sein – das erlebe ich im Krankenhaus jeden Tag in meinen Begegnungen. Es gibt diese Brüchigkeit der menschlichen Existenz, wie ich es nenne. Sie wahrzunehmen und versuchen, damit zu leben, lehrt mich meine Erfahrung als Klinikseelsorger. Für viele Dinge bin ich heute sehr viel dankbarer, als ich es früher war.

Und welche positiven Seiten sehen Sie durch Ihre Arbeit bei den Erkrankten?

Sehr viele. Es gibt ja Leute, die wieder ganz gesund werden; und es gibt Menschen, die mit ihrem Schicksal leben lernen, die auch mit ihrer Krankheit einen guten Weg gehen können. Beeindruckt bin ich immer wieder, wenn Menschen auch in schwerer Krankheit gelingendes Leben erfahren. Natürlich gibt es auch Zeiten des Fragens, des Haderns und des Zweifelns – das darf aber alles sein. Die ‚Warum-ich-Frage‘ – eine häufig bei schweren Erkrankungen aufkommende Frage –  wird meiner Beobachtung nach bei Corona-Patienten eher selten gestellt. Dabei sagen mir viele, dass sie nicht wissen, oft nicht einmal ahnen, wo sie sich angesteckt haben. Bei all ‚meinen‘ Patienten gehe ich stets in der Überzeugung zu ihnen, dass ich ja den lieben Gott nicht mitbringe, sondern Er immer schon da ist. Davon in der Begegnung etwas spüren zu dürfen – manchmal auch ganz ohne ausdrücklich religiöse Inhalte eines Gesprächs – dem dann Raum geben zu können, ist sehr bereichernd. Oft fühle ich mich selbst von den Erfahrungen, dem Lebensweg und der Spiritualität meiner Gesprächspartner beschenkt. Klinikseelsorge ist für mich ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Recht häufig frage ich am Ende von meinen Begegnungen, ob ich einen Segen geben oder ein Gebet sprechen darf. All das, was in dem Moment der Begegnung bewegt, durch ein Gebet oder ein Ritual in größere Hände zu legen, ist für mich etwas sehr Wertvolles –  besonders, wenn ich dann spüre, wie es dem Patienten guttut, wie es auch ihm zu Herzen geht.

Zur Person

Martin Günter lebt gemeinsam mit seiner Ehefrau in Reutlingen. Der 59-jährige Pastoralreferent ist Vater zweier erwachsener Kinder. In seiner Freizeit ist er gerne mit seinem Motorrad unterwegs. Beim täglichen Gang mit seinem Hund findet er den für ihn wertvollen Freiraum, seinen Gedanken nachzugehen.