Interview

„Es gibt keine Ausländer in der katholischen Kirche“

Pater Augusty Kollamkunnel in der Kirche St. Ulrich in Geislingen: Er ist neuer Dekan des Dekanats Balingen und leitet die Seelsorgeeinheit "Am Kleinen Heuberg". Bild: DRS/Moser

Pater Augusty Kollamkunnel in der Kirche St. Ulrich in Geislingen: Er ist neuer Dekan des Dekanats Balingen und leitet die Seelsorgeeinheit "Am Kleinen Heuberg". Bild: DRS/Moser

Neuer Dekan des Dekanats Balingen ist seit kurzem Pater Augusty Kollamkunnel. Er ist der erste ausländische Dekan in der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Pater Augusty, herzlichen Glückwunsch zu Ihrem neuen Amt. Seit dem Weggang Ihres Vorgängers Anton Bock zu Jahresbeginn waren Sie bereits kommissarischer Dekan. Welche Aufgaben sind es für Sie nach Ihrer Wahl nun, die als erstes anstehen?

Pater Augusty: Als erstes möchte ich in der nächsten Zeit alle Priester und alle Pastoralteams in den sechs Seelsorgeeinheiten besuchen, die zu meinem Dekanat dazugehören. Ich möchte reinhören, welche Änderungswünsche es gibt. Auch wäre es eine schöne Idee, im kommenden Jahr eine Ausbildungsfahrt für alle unsere pastoralen Mitarbeiter im Dekanat zu veranstalten.

Gibt es Ihrerseits denn schon Ideen, die Sie bei den anstehenden Treffen miteinbringen möchten?

Pater Augusty: Am Pfingstmontag haben wir alle zwei Jahre unseren Dekanatstag. Für das nächste Jahr habe ich mir überlegt, ein großes Treffen für alle Erstkommunionskinder und Firmlinge zu veranstalten, die 2020 während Corona das erste Mal zur heiligen Kommunion gegangen sind oder gefirmt wurden. Das wäre ein tolles Erlebnis für sie und es würde ihnen zeigen ‚Wir sind nicht allein‘. Aber natürlich wäre das eine große Veranstaltung und ich muss zuerst sehen, ob sich das auch organisieren lässt. 

Erstkommunion und Firmung waren dieses Jahr wegen Corona ganz anders als in normalen Zeiten. Was beschäftigt Sie derzeit mit Blick auf die Pandemie besonders?

Pater Augusty: Wie gestalten wir Allerheiligen, Weihnachten, das Krippenspiel, die Sternsinger-Aktion? Das sind alles Punkte, die uns sehr beschäftigen. Auch bei Andachten auf dem Friedhof gibt es eine Personenbegrenzung und zur Dekanatskonferenz im kleinen Kreis, wie wir es nennen, konnte ich wegen der steigenden Coronazahlen diese Woche nur zwei Vertreter pro Seelsorgeeinheit einladen. Auch das ist sehr schade.

Während des Shutdowns wurden viele innovative Formen entwickelt, um trotz Kontaktsperre mit den Gläubigen verbunden zu bleiben. Wird davon in Ihrem Dekanat auch über Corona hinaus etwas bleiben?

Pater Augusty: Neulich hatten wir in unserer Seelsorgeeinheit kleine Flaschen mit Weihwasser gefüllt zum mit nach Hause nehmen. Die waren schnell alle weg. Das hat mir gezeigt, dass das gebraucht wird und wir haben jetzt gleich 100 neue Flaschen bestellt. In Geislingen hatten wir auch damit begonnen, Gottesdienste live im Internet zu übertragen. Ich glaube, dass wir das auch nach Corona gelegentlich weitermachen werden. Ich habe immer wieder Rückmeldungen bekommen, wie schön es ist, von draußen an einem Gottesdienst teilnehmen zu können. Ein sehr schöner Aspekt unserer Übertragungen war auch das ehrenamtliche Engagement, das dahintersteht. Einige, darunter auch junge Erwachsene, die sich mit der Technik auskennen, haben mitgemacht. Und zwei junge Kirchengemeinderäte machten Werbung für unser Online-Angebot auf Facebook und Instagram. Das freut mich alles sehr.

Stichwort Jugendliche: Wie kann es aus Ihrer Sicht gelingen, den Glauben an junge Menschen weiterzugeben?

Pater Augusty: Unser Jugendreferat in Balingen hat hier so viele tolle Ideen. Es gibt Taizé- und Rom-Fahrten und im Sommer regelmäßig Freizeiten. Die machen das wirklich sehr gut. Hier in der Seelsorgeeinheit haben wir Anfang Oktober immer unser Schutzengel-Fest, an dem ich persönlich alle elf Kindergärten in meiner Seelsorgeeinheit besuche und sie zusammen mit allen Schulkindern und auch Täuflingen in unsere Kirche einlade. Mit circa 250 Kindern ist das Interesse immer gut. Die Kinder und Jugendlichen bekommen dann immer ein kleines Geschenk. Das haben sie dann als Erinnerung in der Hand und das motiviert sie auch. Es kam schon vor, dass mir Jugendliche stolz erzählt haben, was sie im Lauf der Jahre an diesen Tagen geschenkt bekommen haben. Sie hatten das zuhause aufbewahrt und gesammelt. Das ist doch etwas sehr Schönes. Die KJG in Geislingen organisiert jedes Jahr auch ein Fußballturnier und mit dem Erlös unterstützt sie Projekte in Afrika. 

Kommen wir auf den begonnenen Synodalen Weg zu sprechen: Wie sehen Sie die Zukunft der Kirche? 

Pater Augusty: Vergangene Woche war ich in Exerzitien und da wurde uns gesagt, dass wir uns keine Sorge um unsere Kirche machen müssen, denn sie ist ja auch die Kirche unseres lieben Gottes und nicht nur unsere. Das tröstet mich, wenn ich mir Sorgen um unsere Kirche mache. Zum Synodalen Weg möchte ich sagen, dass er gut gemeint ist aber was daraus wird, können wir jetzt noch nicht sagen. Es gibt hohe Erwartungen, dass die Kirche ganz anders sein wird aber die Erfahrung zeigt doch auch, dass Veränderungen Zeit brauchen. Ich möchte Enttäuschungen vermeiden, aber sofortige Änderungen, das wird nicht gehen.

Pater Augusty, Sie sind Inder und der erste Dekan aus dem Ausland in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Welche Rolle spielt das für Sie?

Pater Augusty: Wie ich Ende 2003 in die Diözese kam, gab es noch sehr wenige Priester aus dem Ausland. Heute hat sich das geändert und es gibt viele Priester in unserer Diözese aus anderen Ländern. Ich denke, meine Rolle eines Dekans ist eine große Anerkennung und Wertschätzung für die vielen ausländischen pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in unserer Diözese tätig sind. Gleitzeitig ist es auch eine große Verantwortung. Ehrlich gesagt, es gibt keine Ausländer in der katholischen Kirche.  

Bei Ihrer Wahl zum Dekan konnte die Position Ihres Stellvertreters nicht besetzt werden. Wünschen Sie sich, dass sich hier bald jemand findet?

Pater Augusty: Das wäre schön und ich wünsche mir das auch. Aber wenn nicht, dann geht es eben auch ohne Stellvertreter. Mein Vorgänger hat sein Amt ja auch eine Zeit alleine ausgefüllt und wir sind hier ein tolles Team. Deswegen habe ich auch gar keine Sorge.

Zur Person

Pater Augusty Kollamkunnel stammt aus der Gemeinde Iritty im indischen Bundesstaat Kerala. Nach Philosophie- und Theologiestudium ist er seit 2004 in der Diözese Rottenburg-Stuttgart tätig – zunächst in Ellwangen, dann in der Seelsorgeeinheit „Effata-Ablach-Donau“ im Landkreis Sigmaringen. Seit Ende 2011 leitet er die Seelsorgeeinheit „Am Kleinen Heuberg“; seit 2016 war er zudem als stellvertretender Dekan im Dekanat Balingen tätig und zuletzt hatte er diese Position kommissarisch inne.