Pastoral

Es soll die Menschen froh machen

Bild: Bischöfliches Jugendamt

Bei der Jugendseelsorgetagung diskutierten die Teilnehmer zu Liebe, Sexualität und Geschlecht in der kirchlichen Jugendarbeit.

„Menschen mit einer Sexualität, die vom heteronormativen Geschlechtermodell abweicht, werden in Form von Beschimpfungen und physischer Gewalt diskriminiert und sind dadurch hoch suizidgefährdet.“ Mit dieser Aussage begründete Sexualwissenschaftler Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß von der Hochschule Merseburg die Relevanz für das Thema der diesjährigen Jugendseelsorgetagung des Bischöflichen Jugendamtes (BJA) der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Vom 13. bis 16. Januar beschäftigten sich bis zu 140 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Rot an der Rot unter dem Motto „What is Love?“ mit dem Umgang der Jugendpastoral mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt.

Angenommen sein, wie man ist

„Junge Menschen, egal welcher sexuellen Orientierung, brauchen die unverbrüchliche Zusage, dass sie angenommen sind, wie sie sind. Wir glauben, dass Gott alle Menschen gleich liebt, daher darf die Kirche nicht gegen ihre eigenen Grundsätze handeln und Menschen ausschließen und diskriminieren“, formuliert Nadine Maier, Diözesanjugendseelsorgerin BDKJ/BJA in Rottenburg-Stuttgart, die Position der katholischen Jugendverbände.

Gerade in der Phase, in der junge Menschen zu ihrer Identität finden, dürfe Sexualität in all ihren Dimensionen nicht tabuisiert werden, ergänzt Miriam Lay, ehrenamtliche Diözesanleiterin der Katholischen jungen Gemeinde (KjG). Dass die Amtskirche mit ihrer bestehenden Sexualmoral diese Sichtweise nicht uneingeschränkt befürwortet, entfremdet sie nicht nur der bürgerlichen Gesellschaft, sondern auch zunehmend der eigenen Glaubensgemeinschaft.

Hinzu kommt, dass Kirche angesichts der Missbrauchsfälle unglaubwürdig geworden ist und mit einem großen Vertrauensverlust zu kämpfen hat.

Bischof stellt sich kritischen Fragen

Bischof Dr. Gebhard Fürst, der für die abschließende Podiumsdiskussion zu Gast war, stellte sich dort den kritischen Anfragen der Tagungsteilnehmenden.

Er beantwortete die Frage nach einem Weg, die Diskrepanz zwischen amtskirchlicher Wertehaltung und der Akzeptanz moderner Lebensweisen zu überbrücken, indem er dafür plädierte, zunächst einmal eine Atmosphäre der Offenheit zu schaffen, in der alle Positionen angehört werden. „Ich bin dafür, Experten in den Synodalen Weg der Deutschen Bischofskonferenz miteinzubeziehen und sich wissenschaftlich fundiert mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, wage jedoch keine Prognose, welches Ergebnis dabei herauskommt.“

Dreidimensionalität der Sexualität

In der Zwischenzeit denken die hauptberuflichen Akteure der Jugendpastoral aus Seelsorgeeinheiten, Dekanaten, Schulen, Verbänden und anderen Trägern von Jugendpastoral und Jugendarbeit sowie die ehrenamtlichen geistlichen Leitungen im Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) und seinen Mitgliedsverbänden an Angeboten und einen wertschätzenden Umgang für junge Menschen jeden Geschlechts und sexueller Orientierung weiter.

Bei der Jugendseelsorgetagung bekamen sie zahlreichen Input: Moraltheologe Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff erläuterte in seinem Vortrag unter anderem die Dreidimensionalität der Sexualität, in der sie neben der Fortpflanzung auch eine Lust- und Beziehungsfunktion besitzt.

„Es geht bei der Sexualethik um die Beziehung und ihre gelebte Qualität, egal in welchem Körper. Grundwerte wie Verantwortung füreinander, Verlässlichkeit, Treue und Solidarität in schwierigen Zeiten gelten somit für alle geschlechtlichen Beziehungen gleichermaßen.“

Vorträge, Workshops und persönliche Einblicke

Sensibilisiert und inspiriert wurden die Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer zudem durch den Vortrag von Ayke Böhmer und Alessio Piras von der Beratungsstelle Pro Familia Ludwigsburg zu Einflussfaktoren während der Pubertät und Adoleszenz auf die Entwicklung einer persönlichen Sexualität sowie durch acht Informationsräume zu Geschlecht und Sexualität.

Verschiedene Workshops ermöglichten darüber hinaus, sich mit einzelnen Facetten näher zu beschäftigen. Da wurde über „Homosexualität und gelebter Glaube“, „Sexuelle Gewalt und Prävention“, „Sex im Netz“ oder „Rollenklischees in Sprache und Werbung“ gesprochen.

Ganz persönliche Einblicke in die Lebensbiographie gaben homosexuelle und transgeschlechtliche Referentinnen und Referenten, die von ihrem oftmals leidvollen Weg zur eigenen Geschlechtsidentität und ihrem ambivalenten Verhältnis zur Kirche erzählten.

Appell an die Amtskirche

Allen gemeinsam war es ein Anliegen und zugleich Ansporn, dass die katholische Kirche die Lebensrealität aller Menschen anerkennt und nicht verschweigt.

„Es geht darum, dass wir sprachfähig werden im Umgang mit Sexualität, damit wir für junge Menschen Ansprechpartner*innen sein können, um sie in ihrer Lebenssouveränität zu unterstützen“, fasst Nadine Maier vom BJA zusammen. „Und wir müssen mit dieser Sprache und unserem Handeln Vorbilder für ein anderes Bild von Kirche sein.“ Moraltheologe Schockenhoff und Tagungsteilnehmer appellierten an die Amtskirchenvertreter: Die Kirche muss ihre Sexualmoral neu an der Moderne ausrichten – damit alle froh werden.