KAB

Gegen Missstände in der Arbeitswelt engagiert

Gegen Missstände in der Arbeitswelt engagiert

Peter Niedergesäss geht Ende Oktober 2020 nach mehr als vier Jahrzehnten erfolgreicher Verbandsarbeit in der Kirche in Ruhestand. Bild: DRS/ Eva Wiedemann

KAB-Diözesansekretär Peter Niedergesäss blickt im Interview auf viele Jahre erfolgreiche Verbandsarbeit zurück.

Peter Niedergesäss ist bundesweit als Diözesansekretär der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) bekannt. Nicht nur, dass er rund 30 Jahre für die KAB tätig war, er hat die Ziele der Bewegung immer mit Nachdruck und großem persönlichen Engagement verfolgt. Seien es der Einsatz für einen Mindestlohn, der vor Armut schützt, einen gerechten Familienlastenausgleich und gute Arbeitsbedingungen in der Pflege oder der faire Handel mit Ostafrika. Nun geht der 65-Jährige Ende Oktober in den Ruhestand. Im Interview spricht er über seine Anfänge bei der Christlichen Arbeiterjugend (CAJ), die Internationalität seiner Arbeit und woran sich eine erfolgreiche Verbandsarbeit der Zukunft orientieren muss.

Herr Niedergesäss, eigentlich sind Sie gelernter Werkzeugmacher. Damit hat Ihr Beruf als Diözesansekretär zumindest operativ nichts mehr zu tun. Was hat Sie dazu angetrieben, das Aufgabenfeld so drastisch zu verändern?

Anfangs hatte ich nur vor, für drei Jahre in die CAJ zu wechseln. Für diese Zeit war ich als Werkzeugmacher freigestellt und hatte eigentlich vor, im Anschluss in meinen Beruf zurückzukehren. Dann habe ich zwei weitere Jahre bei der CAJ drangehängt, kam auf die Bundesebene und mit der Rückkehr in meinen Ausbildungsberuf war es vorbei. 1976 hatte ich nicht die Vorstellung, dass das Engagement im Verband mein künftiges Berufsleben sein sollte. Trotzdem dachte ich durchaus über einen Berufswechsel nach und hatte eigentlich die Arbeit mit Behinderten im Blick. In der Schule wurde ich nur ungenügend auf meinen künftigen Beruf vorbereitet. Meine Vorstellungen von meinem Beruf und der Arbeitswelt hatten wenig mit der Realität zu tun. Aus dieser Erkenntnis entstanden dann die Berufsorientierungstage der CAJ in den Schulen in Geislingen und Balingen. Wichtig war mir dabei auch immer mein eigenes Beispiel. Ich habe einen Hauptschulabschluss und erst später in meinem Leben entdeckt, was alles in mir steckt und was ich erreichen kann. Damit wollte ich immer andere Hauptschülerinnen und -schüler ermutigen. Deshalb bin ich auch heute noch Stiftungsratsvorsitzender der Eugen-Bolz-Schule in Bad Waldsee.

Wenn man Ihre Zeit beim der CAJ mitzählt, sind Sie seit mehr als 40 Jahren für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Diözese und in ganz Deutschland aktiv. Sicherlich gab es viele Highlights. Wenn Sie etwas herausgreifen müssten, was war Ihr größter Erfolg? 

Der größte Erfolg ist für mich, mitzuerleben, wie sich Menschen entwickeln, und wie ich dazu beitragen kann, quasi die Hebamme dieser Entwicklung sein darf, wenn sie sich für ihre Interessen und die ihrer Kollegen einsetzen. Gerade bei Konflikten in Betrieben im Einsatz für andere sind viele über sich hinausgewachsen, dank ihrer Solidaritätserfahrungen. Es war ein Geschenk, dass ich viele Menschen begleiten durfte. Erst am Morgen unseres Gesprächs bin ich bei einer Aktion in Bietigheim auf einen ehemaligen CAJler gestoßen, der nun Ortvorsitzender von Verdi ist. Der hat zu mir gesagt: Wenn ich die CAJ und Dich nicht kennengelernt hätte, wäre ich heute kein Personalrat.
Zudem gibt es Themen, für die wir uns in der KAB eingesetzt haben, die über all die Jahre Erfolg hatten. Ein Beispiel ist unser Einsatz für den Sonntagsschutz. Damit hatte ich 1987 meine erste Aktion bei der KAB und das war vor kurzem auch meine letzte offizielle Vertretung der KAB im Wirtschaftsministerium. Wären wir über all die Jahre nicht so engagiert für den Schutz des Sonntags eingetreten, gäbe es heute viel mehr verkaufsoffene Sonntag und Sonntagsarbeit. 

Immer wieder ist und war Thema, wo die Grenzen des Einsatzes der CAJ und der KAB verlaufen. Also inwieweit die katholischen Organisationen auch politisch tätig sein dürfen und müssen. Wo sehen Sie die Rolle der KAB heute in Kirche und Gesellschaft?

Grundsätzlich hängt das natürlich von der Struktur des jeweiligen Verbands ab. Wenn Sie beispielsweise nach Frankreich blicken, dann sind der CAJ und die KAB dort eine katholische Aktion. Die französischen Bewegungen haben die Aufgabe, Menschen, die sich in den Arbeitnehmerorganisationen engagieren, in ihrem Glauben zu stärken, so versucht die Kirche, ihre Vorstellungen dort einzubringen. In Deutschland hat sich die Kirche auch auf Druck der Verbände selbst dazu entschieden, eine eigenständige Verbandsstruktur zu fördern, die das christliche Denken und Handeln in die Gesellschaft hineinträgt.

Worin liegt der Vorteil dieser eigenständigen Verbandsstruktur, Herr Niedergesäss?

Die KAB hat als Verband die Chance, direkt Position zu beziehen – auch in einer Klarheit, die über jene der Kirchenleitung hinausgeht. Dabei gibt es für mich mehrere Themen, die sich durch viele Jahrzehnte Verbandstätigkeit durchgezogen haben. Vom Sonntagsschutz habe ich schon berichtet. Ein ebenfalls ganz wichtiges Thema war und ist für die KAB die Frage nach der menschenwürdigen Arbeit. Dabei geht es um eine sinnvolle Tätigkeit, ein gutes Miteinander und gute Arbeitsbedingungen. Dazu zählen unser erfolgreiches Engagement für den Mindestlohn, für familienfreundliche Betriebe, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie begünstigen, und natürlich auch die Frauenförderung, der Einsatz für flexible Arbeitszeiten und und und. Das Engagement der KAB für die Pflege ist eine Fortsetzung des Einsatzes für gute Arbeit auf einen ganz bestimmten Bereich. In meinen Anfangsjahren gehörten für mich die Konzeption und der Aufbau von jungen Familien-Treffpunkten dazu. Sie haben sich aktiv für ein höheres Kindergeld engagiert und auch erreicht. Und als weiteren wirklich wichtigen Punkt möchte ich die Internationalität der KAB nennen.

Diesen Punkt greife ich gerne auf. Schon früh haben Sie den Blick über die diözesanen und die Landesgrenzen hinausgeworfen und sich für die Menschen in Afrika und deren Belange interessiert. Wie kam es dazu?

Die Anfänge reichen bis ins Jahr 1974 oder 1975 zurück. Damals haben wir bei einer ganz simplen Aktion der CAJ fair gehandelten Kaffee aus Tansania verkauft. Die CAJ ist ja sowieso eine internationale Organisation mit vielen Begegnungen. Schon früh war ich als Delegierter bei Europa-Treffen und Kommissionen der CAJ mit dabei. Bei der KAB entstand dann der Kontakt nach Uganda. Dort gab es damals keine eigene KAB. Ich brachte damals in den Vorstand ein, wir können nicht nur Brunnen bauen und den Bau von Berufsschulen unterstützen, sondern wir müssen die Menschen in Uganda befähigen, für ihre Interessen selbst einzutreten. Mitglieder des internationalen Teams haben dann die KAB in Uganda gegründet und entwickelt. Und erst im letzten Jahr haben die KAB Uganda und die KAB in Deutschlang gemeinsam eine Petition zum fairen Handel eingebracht. Das war ein weiteres Highlight meiner Verbandsarbeit. Das wird jetzt gekrönt durch die Überreichung des Fairtrade Awards 2020 noch in diesem Monat.

Welche Rolle hat die Arbeit auf internationaler Ebene für Sie persönlich gespielt?

Ich muss sagen, dass das für mich eine persönliche Herausforderung war – schon rein sprachlich.

Ich musste mir viele Fähigkeiten ganz im Sinne unserer „Bildung durch Aktion“ aneignen. Also learning by doing.

Das hat mich bereichert; gerade auch der Blick von außen auf Deutschland. Die Vertreter aus anderen Ländern haben mir immer wieder eine Art Spiegel vorgehalten. Zudem musste ich über das eigene Land berichten und so Realitäten in Deutschland auf den Punkt bringen. Und mich auf die kulturellen Eigenheiten des jeweiligen Landes einlassen. Ich kann mich an eine Reise nach Uganda erinnern, als der Organisator vor Ort einfach eine Stunde zu spät kam und ich schon sauer war. Ein ugandischer Bischof hat dann zu mir gesagt: „Ja, ja, Ihr Deutschen könnt sehr gut organisieren, aber wir können besser improvisieren.“ Und recht hatte er, die Menschheit braucht beide Fähigkeiten.

Viele kirchliche, aber auch gesellschaftliche Verbände und Organisationen leiden an einer schwindenden Mitgliederzahl. Haben Sie ein Erfolgsrezept, wie neue Mitglieder gewonnen werden können?

Wir haben uns in der KAB auf vier wichtige Verbands-Orientierungen verständigt, um zukunftsfähig zu bleiben. Erstens geht es uns um eine Orientierung an Lebensfragen, die die Menschen aus einer bestimmten Berufs- oder Zielgruppe intensiv beschäftigen. Gutes Beispiel dafür ist unser Einsatz für die Pflegefachkräfte. Hier sind wir im Kleinen in Reutlingen mit einer Aktion gestartet, bei der wir von Haustür zu Haustür gegangen sind, unsere Petition vorgestellt und Fördermitglieder geworben haben. (Anmerkung: Die KAB setzt sich unter anderem für eine bessere Bezahlung von Pflegefachkräften und die Abschaffung der 12-Tage-Dauerschicht ein.) Wir konnten dort 30 Fördermitglieder gewinnen. Nun waren wir an sieben Wochenenden in Bietigheim mit dieser Aktion unterwegs, haben an rund 2.600 Haustüren geklingelt, 1.000 Unterschriften für unsere Petition gesammelt und mehr als 90 Fördermitglieder gewonnen. Das zeigt: Mit unserem Einsatz für die Pflege haben wir eine wichtige Lebensfrage der Menschen getroffen und die Menschen sind bereit, uns dafür zu unterstützen. Damit praktizieren wir eine „geh hin Kirche“ und sind Beispiel für eine Kirche der Zukunft. Sie glauben nicht, wieviel positive Rückmeldungen wir dabei bekommen.

Und welche drei weiteren Punkte haben Sie für die Zukunftsfähigkeit eines Verbands ausgemacht?

Wir wollen in der KAB eine Orientierung zur Selbsthilfe geben, das heißt, wir wollen den Betroffenen dabei helfen, selbst etwas dafür zu tun, um ihre Situation zu verbessern. Das kann sein, wenn sich Pflegefachkräfte – um bei diesem Beispiel zu bleiben – über die KAB treffen, sich austauschen und sich gegenseitig ermutigen können. Drittens geht es uns darum, dass Betroffene selbst Aktionen starten zur Verbesserung ihrer Lage und schließlich natürlich auch um eine Orientierung am Glauben.

Damit die KAB als Aktionsbewegung Interessen durchsetzen kann, muss sie Bündnisse schließen. So habe ich gerne und aktiv für die KAB im Rentenbündnis, Bündnis gegen Altersarmut, Bündnis Mindestlohn und der Allianz für den freien Sonntag mitgearbeitet.

Durch unsere Hausbesuche, Bündnisse, Online-Petitionen und Info-Stände auf Marktplätzen spricht die KAB Menschen am Rande des kirchlichen Milieus an. Das ist die Aufgabe und der Platz der KAB.
Es ging mir nie nur darum, wie kann ich die Strukturen der KAB erhalten, sondern was kann die KAB tun, um die Missstände in der Arbeitswelt zu verändern. Wenn die KAB das beherzigt, ist sie aus meiner Sicht gut für die Zukunft aufgestellt.

Was hat sie in all den Jahren getragen?

In all den Jahren hat mich ein großes Gottvertrauen getragen, das mich manche große Aufgabe hat gelassen angehen lassen. Dieses wurde zugrunde gelegt durch eine verbandseigene Spiritualität. Zudem braucht es angesichts eines abartigen internationalen Kapitalismus eine Vision von einer gerechten, friedlichen und solidarischen Gesellschaft, die ich gerne mit Papst Franziskus teile. Für diese Vision zu leben, ist mir ein Herzensanliegen – über meine aktive Tätigkeit für die KAB hinaus.

Zur Person

Peter Niedergesäss wurde 1955 in Balingen geboren. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Von Beruf ist er Werkzeugmacher. Darauf folgte die Ausbildung zum Sozialsekretär. Er war der erste Zivildienstleistende in seiner Stadt. Mit 21 Jahren wurde er Diözesansekretär der Christlichen Arbeiterjugend (CAJ) in Wernau, später war er vier Jahre lang in Essen als Bundessekretär des CAJ tätig. Mitte der 1980er Jahre kehrte er dann als Regional- und später als Diözesansekretär der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) in die Diözese Rottenburg-Stuttgart zurück. Er ist unter anderem Mitglied des Diözesanrats, des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und des KAB-Bundesausschusses sowie einer der beiden Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft katholischer Organisationen (ako). Über viele Jahre hinweg war er beratendes Mitglied der KAB-Bundesleitung.