Hirtenbrief zur österlichen Bußzeit 2020

Liebe Schwestern und Brüder! Zu Beginn der Fastenzeit sende ich Ihnen herzliche Grüße! Ich wünsche Ihnen allen Gottes Segen und die Kraft zu leben und zu glauben in dieser unserer schwierigen Zeit.

Gerne besuche ich immer wieder Kirchengemeinden und andere Orte des Glaubens in unserer Diözese. Die Begegnungen, die Gespräche und Diskussionen mit Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, sind mir sehr wichtig. Vor allem in der Eucharistie – der heiligen Messe – den Glauben an Jesus Christus als Fest des Glaubens gemeinsam zu feiern, erfahre ich als große Stärkung! Gerade in der liturgischen Feier der Eucharistie können wir erleben, wie sehr uns die frohe Botschaft des Evangeliums zusammenführt. Da mögen die Gemeinden oder die Lebenswege der einzelnen Gläubigen noch so unterschiedlich sein. Als Glaubende sind wir gemeinsam auf dem Weg.

Besonders in der Vorbereitungszeit auf Ostern verdichten sich die Spuren unserer Weggemeinschaft im christ-katholischen Glauben. Die Zeit hin auf das Osterfest öffnet uns auf das neue Leben in Jesus Christus. Das Zweite Vatikanische Konzil hat das Wort von der „pilgernden Kirche“ geprägt. Pilgernde Kirche ist der Name für eine Kirche auf dem Weg. Kirche ist mehr als ihre sichtbare Gestalt. Die pilgernde Kirche ist beschenkt mit himmlischen Gaben. Sie ist „Keim und Anfang des Reiches Gottes auf Erden“, sagt das Konzil. So ist pilgernde Kirche unterwegs in der Geschichte auf das letzte und österliche Ziel hin, das Reich Gottes.

Als Getaufte, als Christinnen und Christen, sind wir alle befähigt und beauftragt, diese Botschaft miteinander und mit allen Menschen zu teilen. Das geht nicht ohne eine glaubhafte Bezeugung des Evangeliums Jesu Christi und nicht ohne eine glaubwürdige Gestalt unserer Kirche.In diesem Bewusstsein haben die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken den „Synodalen Weg“ am 30. Januar im Frankfurter Dom begonnen.

Die synodale Weggemeinschaft der pilgernden Kirche vertraut auf die Begleitung des Heiligen Geistes und wagt in diesem Vertrauen die Freiheit, miteinander die Krise unserer Kirche offen anzusprechen und so eine wechselseitig lernbereite „Dynamik des Zuhörens“ auf allen Ebenen der Kirche in Gang zu setzen.

Als Bischof von Rottenburg-Stuttgart wirke ich zusammen mit unseren Weihbischöfen, zusammen mit den Frauen und Männern – zusammen mit den Laien, den Ordensleuten, Priestern und Diakonen –, die in die Synodalversammlung und ihre Gesprächsforen berufen wurden, aktiv und gestaltend an der Erneuerung unserer Kirche mit. Der Synodale Weg ist wichtig für die Zukunft unserer Kirche! Ich sehe in ihm eine echte Chance zu Umkehr und Erneuerung nach dem Skandal des sexuellen Missbrauchs und den anderen Skandalen der letzten Jahre.

Vorrangig wird es deshalb darum gehen, Wege zu finden, die Strukturen von Macht und Machtausübung in unserer katholischen Kirche anzuschauen, zu überdenken und neu zu gestalten. Den Getauften – insbesondere den Frauen! – müssen wir die Möglichkeit eröffnen, ihre Charismen noch stärker als bisher einzubringen. In der Frage nach der Mitwirkung von Frauen werde ich mich deshalb dafür einsetzen, den Diakonat für Frauen zu öffnen.

Des Weiteren geht es um einen glaubwürdigen, dem Evangelium Jesu Christi angemessenen priesterlichen Lebensstil. Und es geht darum, wie es uns gelingt, Menschen zu unterstützen, in gelingenden Beziehungen, in Liebe, Sexualität und Partnerschaft leben zu können. Für diese vier zentralen Themen sind Gesprächsforen eingerichtet, die nach weiterführenden Antworten suchen.

Vor uns liegt kein einfacher Weg. Dennoch bin ich zuversichtlich, dass der Synodale Weg, den wir als „pilgerndes Gottesvolk“ gehen, uns gut voranbringt.

Ich bitte Sie, liebe Schwestern und Brüder, um Ihr Mitdenken und Mitwirken in den Kirchengemeinden. Ich bitte Sie ganz besonders um Ihr begleitendes Gebet! Nur gemeinsam und mit Gottes Hilfe kommen wir in der Erneuerung der Kirche voran.

Liebe Schwestern und Brüder! Abschließend möchte ich noch auf das so entscheidende Engagement zur Mitgestaltung unserer Kirche in unseren Gemeinden hinweisen. Dankbar bin ich, dass in unseren gewählten Gremien, den Kirchengemeinderäten und den Pastoralräten der Katholiken anderer Muttersprache, so vieles stattfindet. Am 22. März 2020 sind in unserer Diözese Kirchengemeinderatswahlen.

Hintergrund dieser wichtigen Wahlen ist das sogenannte „Rottenburger Modell“ für die Leitung und Gestaltung des kirchlichen Lebens vor Ort. Die Kirchengemeinde ist bei uns Trägerin der Pastoral. Der in demokratischer Wahl gewählte Kirchengemeinderat leitet zusammen mit dem Pfarrer die Pastoral der Gemeinde, das kirchliche Handeln vor Ort in der gegenwärtigen Zeit.

Als Leitungsgremium der Kirchengemeinde hat der Kirchengemeinderat in allen wesentlichen Belangen der Gemeinde Beschluss- und Beratungsrecht. Dies ist in unserer Diözese das seit 50 Jahren bewährte und immer wieder weiterentwickelte Leitungsmodell. Es ermöglicht und verwirklicht Gemeinde-Leitung, durch die gemeinsame Teilnahme und Teilhabe der Getauften und Gefirmten in Ehrenämtern und Dienstämtern am Sendungsauftrag der Kirche. In der neuen Kirchengemeindeordnung von 2019 sprechen wir daher von der „kooperativen und parti-zipativen Leitung“.

Der Synodale Weg, den wir deutschlandweit in den beiden kommenden Jahren gehen, stellt die berechtigte Frage, wie mit Macht in der Kirche umgegangen wird. Als Diözese Rottenburg-Stuttgart können wir hierzu Entscheidendes einbringen. Das sind viele Jahre guter Erfahrungen und transparenter Praxis von geteilter Macht und Verantwortung im Kirchengemeinderat, im Dekanatsrat und im Diözesanrat! Diesen Schatz wollen wir gerne mit anderen teilen, uns aber auch selbst weiterentwickeln.

Ich danke allen ehrenamtlich Engagierten und hauptamtlich Tätigen sehr, die in den Gemeinden und ihren Gremien bereits partizipativ und kooperativ das Gemeindeleben gestalten. Ein herzlicher Dank gilt auch allen, die bereit sind, sich in der neuen Wahlperiode wieder oder neu in der Kirche für die Menschen einzusetzen!

Ich bitte Sie von Herzen: Gehen Sie am Sonntag, dem 22. März 2020, wählen oder machen Sie von der Briefwahl Gebrauch! Zeigen Sie damit, dass demokratische Praxis in der Kirche vor Ort ein hoher Wert ist und von Ihnen aktiv unterstützt wird!