Persönliches

"Ich höre nicht auf Gott zu suchen"

Prälat und Pfarrer i.R. Rudolf Hagmann - Foto: DRS/Markus Waggershauser

Prälat Rudolf Hagmann war Domkapitular und zuletzt Pfarrer in Tettnang. Jetzt ist er Pensionär, schaut zurück und blickt nach vorne.

"Ich konnte jetzt nochmals sein, was ich immer sein wollte: Seelsorger und Pfarrer", sagt Rudolf Hagmann im Rückblick auf die letzten neun Jahre in Tettnang. Eine so lange Zeit in einer Kirchengemeinde ist für den Neuruheständler nicht selbstverständlich. Von den beiden vorangegangenen Pfarrstellen berief ihn der jeweilige Bischof bereits nach zwei bis drei Jahren in eine überregionale Funktion. Zuletzt verließ er 2004 Ravensburg, um sich in der Diözesanleitung als Domkapitular um die 'Pastorale Konzeption' zu kümmern.

Kirche ist für die Menschen da

Auch für diese Zeit der Überlegungen und Strategien in Rottenburg ist Rudolf Hagmann sehr dankbar. Denn Theorie und Praxis korrigieren einander. Kirchliche Praxis werde ohne Reflexion zum Gewurstel und Theorie ohne Praxisbezug weltfremd. "Dass ich beides erlebt habe, ist wirklich heilsam", freut sich der 68-Jährige. So motivierte er zurück in der Gemeinde die Tettnanger, den diözesanen Prozess "Kirche am Ort, Kirche an vielen Orten" umzusetzen und sich mit Kooperationspartnern für das Wohl der Menschen in der Stadt einzusetzen.

"Da haben alle mitgemacht, es gab keine Widerstände", erzählt der engagierte Priester stolz. Beispielhaft nennt er das St.-Anna-Quartier, wo auf kirchlichem Grund bezahlbarer Wohnraum und eine integrative Form des Zusammenlebens entstand. Oder die Kapelle St. Georg in zentraler Innenstadtlage, die nun als Taufkirche und Pilgerherberge dient. Angestoßen hat die Kirchengemeinde in Hagmanns Amtszeit auch den Neubau des Loreto-Kindergartens, der nach der Fertigstellung ebenfalls nicht nur Katholiken offenstehen wird.

Den Blick nach vorne richten

Angesprochen auf unvollendete Baustellen denkt der zum 1. Oktober pensionierte Pfarrer aber nicht nur an Gebäude. Er sorge sich um die Zukunft der Kirche, was die Coronasituation noch verstärke. "Es geht mir dabei nicht um die Institution, sondern um die Botschaft", betont der Geistliche. Bei strukturellen Fragen wie der Zulassung von Frauen zu kirchlichen Ämtern bedauert er, dass sich die Institution nur mit der Vergangenheit beschäftige und frage, ob Frauen denn auch im Abendmahlssaal anwesend waren. Er richte den Blick eher nach vorne, wo der Geist Gottes die Kirche hinführen wolle.

"Wie gelingt es, den Glauben an junge Menschen weiterzugeben", das beschäftigt Rudolf Hagmann schon lange. Von 1990 bis 2001 war er im Tübinger Wilhelmsstift und im Rottenburger Priesterseminar Ansprechpartner für das spirituelle Leben und die persönliche Reifung des Priesternachwuchses. Die Fragen der jungen Menschen hätten ihn gezwungen, sich auch stärker mit seinem eigenen Glaubensfundament auseinanderzusetzen. Eine tiefe Gottesbeziehung ist in seinen Augen Voraussetzung für den Priesterberuf, denn nicht das Amt trage die Person, sondern die Person präge das Amt.

Auf dem Weg bleiben

Und auch wenn sich am Ende ein anderes Berufsziel ergab, war es dem Seelsorger wichtig, dass jeder seinen persönlichen Weg findet. Rudolf Hagmann, der in seiner Zeit als Domkapitular zum Prälaten ernannt wurde, sieht sich auch selbst noch auf dem Weg. Ob als Pilger auf dem Jakobs- und dem Martinusweg oder im Heiligen Land an den Quellen des Glaubens möchte er dem näherkommen, was sein Leben erfüllen will. "Ich höre nicht auf Gott zu suchen", sagt er aus tiefer Überzeugung.

Nach seinem Umzug nach Ravensburg und seiner Verabschiedung in Tettnang wollte Rudolf Hagmann diese Woche ins spanische Santiago de Compostela fliegen und deutschsprachige Pilger empfangen. Das dortige Seelsorgeangebot hat er mit aufgebaut und möchte diesen Dienst auch im Ruhestand weitermachen. Corona hat diese Pläne zunächst durchkreuzt. Nun gönnt sich der frischgebackene Pfarrpensionär nach einer anstrengenden Zeit erst mal etwas Ruhe, um zu schauen, was wird. "Ich lege mich aber nicht in den Lehnstuhl", betont der Geistliche, der für Seelsorge und Gottesdienste außerhalb seiner bisherigen Zuständigkeitsgebiete zur verfügung stehen möchte - allerdings nicht mehr mit so vollem Terminkalender.