Akademie

Katalysator für neue Formate

Direktorin Dr. Verena Wodtke-Werner berichtet über den Neustart der Akademie in Corona-Zeiten. Bild: Karin Ruider

Die Akademie mit ihren beiden Tagungshäusern in Stuttgart-Hohenheim und Weingarten hat ihre Türen wieder geöffnet.

Diese wurden Mitte März mehr oder weniger von heute auf morgen wegen der Ausbreitung des Corona-Virus geschlossen. Nach rund drei Monaten Lockdown startet die Akademie nun vorsichtig und unter Berücksichtigung von Hygiene- und Abstandsvorschriften zum Schutz von Gästen und Mitarbeitenden in einen „Normalbetrieb“ in Corona-Zeiten. Wir haben mit der Direktorin der Akademie, Dr. Verena Wodtke-Werner, über den Neustart unter veränderten Bedingungen gesprochen und nachgehakt, was die Interessierten nun erwartet.

Frau Dr. Wodtke-Werner, drei Monate Schließzeit liegen hinter Ihnen. Vor kurzem konnten Sie die Akademie mit ihren beiden Tagungshäusern wieder in Betrieb nehmen. Unter welchen Bedingungen konnte die Öffnung stattfinden?

Unsere Gäste finden zwar die gleichen Räumlichkeiten wieder, nur ist die Anzahl der möglichen Besucher deutlich verringert. Als Beispiel kann ich Ihnen den großen Saal in Hohenheim nennen. Dort haben normalerweise 200 Gäste Platz. Nun dürfen wir dort maximal 35 Personen platzieren. Das gilt natürlich analog für alle anderen Bereiche in Hohenheim und Weingarten. Wir haben ein Hygienekonzept für unsere Standorte und die Geschäftsstelle erarbeitet, das wir sowohl dem Land als auch dem Krisenstab der Diözese vorlegen mussten. Dementsprechend müssen auch bei uns beispielsweise Masken auf allen Laufwegen getragen werden. Zudem konnten wir in einen moderaten Garni-Betrieb in unseren Tagungshäusern übergehen, bei dem die Gäste in Schichten essen. Das war alles sehr mühsam und ist finanziell betrachtet leider ein Desaster.

Wie geht es Ihrem Team unter diesen Bedingungen?

Wir sind froh, dass wir bis dato keinen unserer Mitarbeitenden in Kurzarbeit schicken mussten. Zum großen Teil ist es uns gelungen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anders auszulasten – zum Beispiel, indem jemand von der Rezeption ins Archiv gegangen ist und dort Scanarbeiten erledigen konnte. Insgesamt benötigen wir nicht weniger Personal, sondern mehr aufgrund der Corona-Auflagen. Wir verdienen aber sehr viel weniger. Daher bin ich froh, dass wir zeigen konnten, wie verlässlich die Kirche als Arbeitgeber ist. Schließlich haben wir drei Arbeitsverträge erst vor kurzem entfristen können.

Was ich zudem wahrnehme, ist die hohe Verunsicherung gerade bei Kolleginnen und Kollegen, die bis vor kurzem komplett im Homeoffice tätig waren. Diese sind oft zwischen Ende 20 und Ende 30 Jahre alt und tragen nicht nur die Verantwortung für sich selbst, sondern auch für ihre Familien mit Kindern.

Was genau erwartet nun die Gäste der Akademie?

Wir bieten wieder Veranstaltungen – allerdings in reduziertem Umfang und auch das Format hat sich häufig geändert.

So setzen wir verstärkt auf so genannte Hybrid-Veranstaltungen, bei denen ein Teil der Gäste vor Ort in den Tagungshäusern ist und ein anderer Teil sich per Internet zuschaltet.

So wird das in Kürze bei einem Seminar zum Thema Antisemitismus sein, das wir gemeinsam mit dem Staatsministerium Baden-Württemberg ausrichten. Dabei können etwa 20 Personen vor Ort in Hohenheim teilnehmen, der Rest schaltet sich online dazu. Eine andere Variante habe ich bei einer Veranstaltung im Herbst gewählt. Diese war eigentlich für eineinhalb Tage angesetzt. Aufgrund der hohen Nachfrage habe ich sie nun gesplittet und biete zwei jeweils eintägige Veranstaltungen an.

Trotzdem mussten wir viele Veranstaltungen absagen oder verschieben. Das war sowohl finanziell als auch organisatorisch ein großer Aufwand. Gleichwohl gilt es aus meiner Sicht, nicht wie das Kaninchen vor der Schlange darauf zu warten, was uns das Virus diktiert, sondern aktiv zu planen und sich dann eben flexibel der aktuellen Situation anzupassen. Das wird für uns alle zwar teuer, aber das ist eben die Welt, wie sie sich fortan gestaltet.

Ihnen ist es wichtig, dass die Akademie eine Dialogakademie ist und bleibt.  Wie setzten Sie dieses Prädikat angesichts der Corona-Auflagen um?

Wir machen Veranstaltungen, die wir per Video-Konferenz-Tool streamen. Die Teilnehmenden haben dann die Möglichkeit, direkt eine Rückmeldung zu geben. Ein Beispiel dafür war unsere Online-Veranstaltung mit Professor Ortwin Renn zu Corona und den Risiken, die uns bedrohen. Auch das eben genannte Hybrid-Format stellt die Dialogfähigkeit der Akademie in den Vordergrund. Im Bereich der Kunst überlegen wir, Kunstwerke per Video zugänglich zu machen und Informationen dazu zu erläutern. Und zudem werde ich meine Podcast-Reihe mit Jesuiten-Pater Klaus Mertes fortsetzen.

Wir sind sicherlich gefordert, unsere Konzepte in diese Richtung auch noch zu erweitern. Zumal wir auch feststellen, dass es neue Gäste auf unsere Akademie aufmerksam macht, die zum Beispiel eine weite Anreise aus Hamburg eher scheuen würden, aber gerne online an unseren Angeboten teilnehmen. Wichtig ist es dabei, die richtige Balance zu finden. Ich finde immer noch, dass es Situationen gibt, bei denen man sich gemeinsam an einen Tisch setzen muss. Das gilt beispielsweise bei wichtigen politischen Themen. Darauf möchte ich nicht verzichten. Schließlich nimmt sich nur so der Mensch in seiner Ganzheit wahr.

Was nehmen Sie für die Akademie aus den Corona-Zeiten mit?

Viele der Formate, die ich erwähnt habe, hatten wir schon vor der Corona-Zeit angedacht. Allerdings hat uns die konkrete Situation dann eine enorme Antriebskraft zur Umsetzung gegeben. Wenn ich auf die Homeoffice-Zeit der Kolleginnen und Kollegen zurückblicke, so müssen wir uns jetzt neu finden. Mitte Juli treffen wir uns alle zum Austausch im großen Saal in Hohenheim. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben ein hohes Bedürfnis danach. Natürlich kostet die Planung viel Zeit, aber jammern nützt nichts. Wir werden künftig mit dem Virus und wohl auch mit weiteren Pandemien leben müssen. Da gilt es, neue Wege zu finden.

Große Verwunderung ausgelöst hat bei mir, dass sich weder die Kirchen noch die universitären Theologen und Theologinnen wahrnehmbar zum Thema Corona zu Wort gemeldet haben.

Statt Propheten in der Krisenzeit fand ich nur ein lautes Schweigen vor. Denken Sie nur an die vielen Menschen, die im Krankenhaus alleine gestorben sind. Wir als Christen hätten bei diesen Sterbenden sein müssen. Während sich Soziologen, Philosophen und natürlich Virologen lange und ausgiebig zu Wort gemeldet haben, frage ich mich: Wo blieb die inhaltliche Wortmeldung der Religionen?