Kirchenmusik

"Krönungsfeier" in Kirche und Wohnzimmer

Auf vielfältige Weise lenkt der Diözesane Orgeltag das Augenmerk auf die Königin der Instrumente. Hier die großartige Holzhey-Orgel in Obermarchtal. Foto: DRS/Jerabek

Beim Diözesanen Orgeltag am 8. und 9. Mai gibt sich die Königin der Instrumente die (besondere) Ehre: eine Einladung zum Entdecken.

Aus der Liturgie ist die Orgel kaum wegzudenken, und wenn Gläubige nicht singen dürfen, singt die Orgel umso feierlicher für sie mit. Ihre schiere Größe, vor allem ihr prächtiges Äußeres und ihr gewaltiger Klang machen sie zur „Königin der Instrumente“. Für 2021 hat sie der Deutsche Musikrat als „Instrument des Jahres“ auserkoren; seit wenigen Jahren zählen Orgelbau und Orgelmusik zum „Immateriellen Kulturerbe" der Unesco. – Ganz viele Gründe also, der Orgel besondere Aufmerksamkeit zu schenken: Beim Diözesanen Orgeltag spielt sie die erste Geige.

„Die Pfeifenorgel soll in der lateinischen Kirche als traditionelles Musikinstrument in hohen Ehren gehalten werden; denn ihr Klang vermag den Glanz der kirchlichen Zeremonien wunderbar zu steigern und die Herzen mächtig zu Gott und zum Himmel emporzuheben“, so formulierte das Zweite Vatikanische Konzil in der Liturgiekonstitution (SC 120). Noch plastischer beschreibt Diözesanmusikdirektor Walter Hirt die einzigartige Vielfalt der Orgel im Gottesdienst: „Im Antwortpsalm ist die Orgel das Instrument jubelnden Festes, beim Gabengebet wirkt sie als Herzen-empor-zu-Gott-Instrument, im Sanctus als Widerhall des kosmischen Gotteslobs, beim Tagesgebet als klingende Oster-Lebensprägung, zum Evangelium wird sie zur Auftrags-Erfüllerin, als Lesungsmusik ist sie Erlauschungs-Gehilfin.“

Kostproben königlicher Vielfalt

In einigen Kirchen, wo Gottesdienste möglich sind, haben die Organisten kleine Kostproben dieser Vielfalt vorbereitet. Ideen und Anregungen dazu hat Reiner Schulte, Regionalkantor in Backnang, in einer Präsentation zusammengestellt. Für Gläubige in Kreisen und Dekanaten mit (zu) hoher Inzidenz bringen Kirchenmusiker liturgische Vertonungen ins heimische Wohnzimmer: Dr. Andreas Weil, Dekanatskirchenmusiker in Ulm, hat zum Beispiel die erste Lesung für den 9. Mai aus der Apostelgeschichte mit der Sprecherin Karin Kiehlneker aufgenommen.

Hörprobe

Lesung aus der Apostelgeschichte in Wort und Ton - mit Karin Kiehlneker und Dr. Andreas Weil.

Als „Werkzeug des Kultes und der Kultur“ ist die Orgel aber auch über den Gottesdienst hinaus unverzichtbar: Ursprünglich waren zum Diözesanen Orgeltag ja auch Orgelkonzerte geplant – etwa in Böblingen, Herrenberg und Stuttgart-Sommerrain. „Die hohen Inzidenzen in unserer Diözese erlauben aber leider keine Veranstaltungen an diesem Wochenende“, bedauert Antal Váradi vom Amt für Kirchenmusik der Diözese. Doch außer der Aussicht auf einen Nachholtermin haben er und die Kirchenmusiker fast so viele Ideen und Anregungen zusammengetragen wie eine Orgel Register hat.

Rottenburger Orgelkonzert nur online

So wird erstmals in der diesjährigen Reihe der Internationalen Rottenburger Orgelkonzerte ein Konzert ausschließlich online stattfinden: Passend zum Diözesanen Orgeltag am 9. Mai spielt um 17 Uhr Johannes Matthias Michel aus Mannheim ein buntes und abwechslungsreiches Programm an der Rottenburger Domorgel. Dabei erklingen Werke von Johann Sebastian Bach (Präludium und Fuge e-Moll, BWV 548), des Oberschwäbischen Komponisten Justin Heinrich Knecht, vom Interpreten Johannes Michel selbst sowie die „Three new Impressions“ des Jugendstil-Komponisten Sigfrid Karg-Elert (1877-1933).

Die Kirchengemeinde St. Maria in Ditzingen hat eine ganze Reihe von Videos mit Wissens- und Hörenswertem zu Orgel geplant. In etwa 20-minütigen Beiträgen erzählt Thomas Ungerer Geschichten und Geschichtchen über die Orgel und spielt Werke, die zum Kirchenjahr passen. Die ersten Videos der sechsteiligen Reihe sind auf der Webseite von St. Maria aufrufbar.

Auch über Distanz klanglich verschmolzen

Regionalkantor Martin Böhm (Göppingen) und Dekanatskirchenmusiker Andreas Schweizer (Geislingen/Steige) stellen zwei ihrer Instrumente vor. Die Walcker-Orgel in der Göppinger Marienkirche und die Link-Orgel in der Geislinger Johanneskirche sind vom Charakter her zwei völlig unterschiedliche Instrumente. Aber dennoch kann man in dem gemeinsamen Orgelstück bewundern, wie schön die beiden Instrumente mit einer Distanz von 19 km klanglich miteinander verschmelzen.

Philip Heger, Pastoralreferent in Friedrichshafen, spielt auf der Orgel in St. Maria in Jettenhausen und überträgt auf seinem Instagramkanal instagram.com/prhegerfn am 9. Mai gegen 11 Uhr ein „Auszugsmedley“ und um 19 Uhr eine Orgelführung mit Komplet. Gregor Simon,Konzertorganist und Kustos der Holzhey-Orgel im Münster Obermarchtal, präsentiert auf seiner Webseite eine ganze Liste von Orgelaufnahmen, die die Vielfalt dieses Instruments eindrucksvoll widerspiegelt, zum Beispiel „Himmlisches von Bach und Dubois“Von Antal Váradi erklingt hier auf der Rensch-Orgel in Heilig Kreuz in Sommerrain (Gesamtkirchengemeinde Stuttgarter Madonna) das Stück „Carillon de Westminster“von Louis Vierne.

Hörprobe

„Carillon de Westminster“ von Louis Vierne, gespielt von Antal Váradi auf der Rensch-Orgel in Heilig Kreuz in Sommerrain.

Eine schöne Aktion zum Diözesanen Orgeltag sind die Orgelporträts, die nach und nach an möglichst vielen Orten der Diözese entstehen sollen: Erstkommunion- und Firmgruppen, Ministranten, Familien, Schulklassen und alle Interessierte sind eingeladen, unter Anleitung eines Organisten oder einer Organistin die Besonderheiten „ihrer“ Orgel vor Ort zu erfassen. Die ersten Orgelporträts kommen aus Aidlingen, Baindt, Heilbronn, Leutkirch und Schwäbisch Hall. Jede teilnehmende Gemeinde erhält anhand der erfassten Daten ihr Orgelportrait im Rahmen zum Aufhängen.

Ein Tag besonderer (Vor)Freude ist der Diözesane Orgeltag sicher in Kirchengemeinden, deren neues Instrument im Bau ist – so etwa in St. Martin Ulm-Wiblingen oder in St. Johannes Baptist Bad Mergentheim –, und vielleicht auch Anlass, den Orgelbau (nochmals) durch eine Spende zu unterstützen…