Welternährungstag

Mit Lebensmitteln dankbar und achtsam umgehen

Mit Lebensmitteln dankbar und achtsam umgehen

Dr. Joachim Drumm spricht im Interview über die Lebensmittelverschwendung in Deutschland. Bild: DRS

Ordinariatsrat Dr. Joachim Drumm spricht im Interview über die Lebensmittelverschwendung in unserem Land.

Viele Menschen leiden noch immer an Hunger. Bei uns hingegen landen Lebensmittel häufig einfach im Müll. Ordinariatsrat Dr. Joachim Drumm, Leiter der Hauptabteilung Kirche und Gesellschaft, spricht im Interview über die Verschwendung von Lebensmitteln und erklärt, warum das auch für die katholische Kirche ein Thema ist.

Herr Dr. Drumm, der Friedensnobelpreis 2020 ging vergangene Woche an das Welternährungsprogramm. Heute ist Welternährungstag. Eigentlich könnte man also davon ausgehen, dass dem Thema Ernährung viel Aufmerksamkeit zukommt. Doch während die Vereinten Nationen prognostizieren, dass ohne eine radikale Bekämpfung des Hungers im Jahr 2030 150 Millionen Menschen mehr Hunger leiden werden als heute, wird bei uns eine unglaubliche Masse an Lebensmitteln einfach in den Müll geworfen. Sie haben sich mit der Situation intensiv auseinandergesetzt. Welche Zahlen veranschaulichen die Lebensmittelverschwendung bei uns in Deutschland?

Alleine in Deutschland werden jedes Jahr 12 Millionen Tonnen Lebensmittel einfach weggeworfen, etwa die Hälfte davon in Privathaushalten. Das sind um die 300.000 LKW-Ladungen. Laut der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft werden derzeit weltweit 1,3 Milliarden Tonnen essbarer Lebensmittel pro Jahr weggeworfen. Das entspricht in etwa einem Drittel der globalen Nahrungsmittelproduktion, wobei sich dieser Wert im Fall der Industrienationen auf bis zu 50 Prozent erhöht. Das heißt: Jedes zweite erzeugte Lebensmittel landet mancherorts im Müll. Wir nutzen 198 Millionen Hektar Land für den Anbau von Lebensmitteln, welche wir am Ende nicht verzehren – das entspricht in etwa der Fläche Mexikos!

Warum ist es auch Aufgabe der Kirche, hier Bewusstsein zu schaffen und gegenzusteuern?

Die Kirchen und ihre Mitglieder sind in mehrfacher Hinsicht gefordert, sich für eine Reduzierung der Lebensmittelverschwendung einzusetzen. Zunächst muss es ihnen ein Anliegen sein, allen Menschen eine ausreichende Ernährung zu ermöglichen. Mit weltweit über 800 Millionen Hungerleidenden ist die Weltgemeinschaft immer noch weit von allgemeiner Nahrungsmittelsicherheit und nachhaltiger Entwicklung entfernt. Dabei könnte die Erde schon heute bei einer gerechteren Verteilung problemlos die bis 2050 prognostizierte Weltbevölkerung von 10 Milliarden Menschen ernähren.

Das Engagement gegen Lebensmittelverschwendung ist zugleich ein wichtiger Beitrag zum Schutz unserer Umwelt und zur Eindämmung der Erderwärmung.

Für Produktion, Transport, Lagerung und Vermarktung der Lebensmittel werden große Mengen an Energie, Wasser und Land benötigt. Mit jährlich rund 3,3 Gigatonnen stellt die weltweite Lebensmittelverschwendung nach China und den USA den drittgrößten Emittenten von Treibhausgasemissionen dar. Ferner geht das Umweltprogramm der Vereinten Nationen davon aus, dass die Lebensmittelproduktion für 70 Prozent des globalen Frischwasserverbrauchs und 80 Prozent der Waldrodungen und -abholzungen verantwortlich ist. Das Wegwerfen von „nur“ einem Kilo Brot entspricht dem Energieverbrauch einer Lampe, die 174 Stunden an ist und einem Wasserverbrauch von 1.000 Liter für die Herstellung des Brotes. Für die Produktion von einem Kilo Rindfleisch werden insgesamt 15.000 Liter Wasser benötigt.

Des Weiteren stehen Kirchen weltweit ein für eine Haltung der Dankbarkeit und Ehrfurcht vor den Gaben der Schöpfung. In jeder Eucharistiefeier danken die Katholiken Gott für die Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit. Sie feiern die Gegenwart Gottes in Brot und Wein.

Der Priester achtet peinlich darauf, dass nicht ein einziger Krümel verkommt. Wenn Christen Gott als Schöpfer der Welt bekennen, dann bekennen sie, dass Gott nicht nur im eucharistischen Brot gegenwärtig ist, sondern in jeder Frucht der Erde, die den Menschen geschenkt ist, sie nährt und am Leben hält. Diese Haltung kann nicht ohne Konsequenz sein für den alltäglichen Umgang mit den Lebensmitteln als Mittel zum Leben.

Gibt es schon konkrete Projekte oder Ansätze, wie die Diözese Rottenburg-Stuttgart gegen die Lebensmittelverschwendung aktiv werden möchte, Dr. Drumm?

Wie bereits dargelegt ist im Grunde jeder Gottesdienst eine Einübung in die Grundhaltung der Dankbarkeit und in den achtsamen Umgang mit Lebensmitteln als Fürchte der Erde und der menschlichen Arbeit. Am Erntedankfest werden im Jahreslauf noch einmal diese Zusammenhänge eigens bewusst gemacht. In jüngster Zeit kooperieren die Kirchen in Baden-Württemberg mit der Erntedankaktion des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz. Die Aktion steht im Zusammenhang der Ernährungsstrategie des Landes. Es geht dabei um die Mitwirkung zur Umsetzung des Ziels der UNO, die Lebensmittelverschwendung weltweit zu halbieren.

In ihrem weltkirchlichen Engagement setzt sich die Diözese Rottenburg-Stuttgart seit vielen Jahren für eine weltweit gerechtere Ernährung ein. Ebenso tun dies viele Kirchengemeinden, nicht zuletzt durch Partnerschaften mit Gemeinden anderer Kontinente. Die Katholischen Verbände unserer Diözese pflegen Partnerschaften zu Organisationen zum Beispiel in Uganda, Argentinien oder Paraguay. Der Verband Katholisches Landvolk führt seit vielen Jahren die Aktion Minibrot durch. Ich möchte aber auch an die Tafeln erinnern, die mit hohem ehrenamtlichem Engagement nicht verkaufte Lebensmittel sammeln, um sie Menschen mit geringem Einkommen zukommen zu lassen. Dies sind nur einige Beispiele, mit denen die Kirche das Bewusstsein schärfen können für einen sorgsamen Umgang mit Lebensmitteln.

Im Rahmen mit der Nachhaltigkeitsstrategie der Diözese ist dem Thema Lebensmittelverschwendung noch größere Aufmerksamkeit zu schenken.

Die Kirchen sind mit ihrem Engagement keineswegs allein. Viele nichtkirchlichen Initiativen und Organisationen sind hier mindestens ebenso aktiv. Dies sollte den Kirchen Ansporn sein, aus dem eigenen Selbstverständnis heraus ihr Engagement weiter deutlich zu verstärken.