Diözesanbibliothek

Neue Ideen für die Diözesanbibliothek

Ursula Stampfer forschte bereits für ihre Doktorarbeit in der Bibliothek des Wilhelmstifts. Bild: DRS

Dr. Ursula Stampfer ist die neue Leiterin der Diözesanbibliothek Rottenburg sowie der Bibliothek des Wilhelmsstiftes in Tübingen.

Im Interview spricht sie über ihre Pläne und darüber, weshalb die Bibliothek trotz des gegenwärtigen Lockdowns viel zu bieten hat. 

Frau Stampfer, der Lesesaal der Diözesanbibliothek ist wegen Corona seit gut einem Jahr geschlossen. Welche Angebote bestehen dennoch?

Wir versorgen auch weiterhin sämtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bischöflichen Ordinariats und anderer diözesaner Einrichtungen sowie auch alle anderen Interessierten mit Literatur. Seit Beginn der Coronakrise bieten wir den Service ‚Click and Collect‘ an. Titel, die wir nicht im Haus haben, können über die Fernleihe bezogen werden. Bestellt werden kann via E-Mail, telefonisch oder direkt über unseren Online-Katalog. Wir verschicken die gewünschten Bücher dann mittels Hauspost ins Bischöfliche Ordinariat, per Post an diözesane Einrichtungen oder bringen sie zum Abholen an unsere Eingangstür. Schade finde ich, dass aufgrund des geschlossenen Lesesaals unser reicher Zeitschriftenbestand derzeit nicht wirklich genutzt werden kann.

Grundsätzlich steht die Nutzung der Diözesanbibliothek also allen Interessierten offen, ist das richtig?

Ja, selbstverständlich. Als zentrale kulturelle, wissenschaftliche Einrichtung der Diözese steht die Diözesanbibliothek allen Interessierten offen.

Was genau beinhaltet das Angebot?

Der Bibliotheksbestand umfasst etwa 300.000 Titel und zeichnet sich durch eine große Bandbreite aus: Schwerpunkt bildet die historische und aktuelle Literatur in allen theologischen Disziplinen. Gesammelt werden aber auch Bücher zu gesellschaftspolitisch aktuellen Themen sowie zu Geschichte, Kunst und Kultur mit besonderer Berücksichtigung des Diözesangebietes und kirchlicher Belange, um das kirchliche Leben in der Diözese zu dokumentieren. Mein Vorgänger Georg Ott-Stelzner hat zudem einen Schwerpunkt auf den Bereich ‚Musik‘ gelegt, sodass wir auch hierzu viel zu bieten haben. Darüber hinaus ist die Diözesanbibliothek Behördenbibliothek für das Bischöfliche Ordinariat, sodass sich in unseren Beständen auch eine Vielzahl an juristischen Titeln findet, ebenso Literatur zu Personalführung, zur persönlichen Weiterbildung und Ähnliches. Die Bibliothek wartet auch mit einem breiten Zeitschriften-Angebot auf. Neben mehreren Tages- und Wochenzeitschriften laden im Zeitschriften-Lesesaal rund 180 Zeitschriften zum Lesen und Stöbern ein. Zudem versorgen wir die diversen Abteilungen und Fachbereiche des Ordinariats mit Zeitschriften und verwalten Abonnements von weiteren rund 800 Titeln.

Gibt es auch die Möglichkeit, online in Ihrem Bestand zu recherchieren?

Ja, ein Großteil unseres Bestands ist im elektronischen Katalog erfasst und im WebOpac der Diözese einsehbar unter webopac.drs.de. Hierin werden nicht nur die Bestände der Diözesanbibliothek, sondern auch ein Großteil der Bestände der Bibliothek des Wilhelmsstiftes in Tübingen sowie der Bibliothek der Hochschule für Kirchenmusik in Rottenburg angezeigt. Wenn ein älterer Titel im elektronischen Katalog nicht zu finden ist, ist eine Recherche im Zettelkatalog vor Ort anzuraten; gerne sind meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ich dabei behilflich. Unsere Bücher sind aber auch im Katalog des Südwestdeutschen Bibliotheksverbundes und damit im K10plus-Verbundkatalog sowie im Virtuellen Katalog Theologie und Kirche such- und findbar. Für die Ausleihe von Büchern benötigt man einen Benutzerausweis, den jeder kostenlos beantragen kann. Selbstverständlich ist auch die Ausleihe selbst kostenlos.

Sie haben die Bibliotheksleitung zu Jahresbeginn von Georg Ott-Stelzner übernommen, der in den Ruhestand ging. Was sind nun Ihre Pläne?

Die Sammlung der Bibliothek auch weiterhin aktuell zu halten und auszubauen sowie die Retrokatalogisierung, das heißt die Katalogisierung von Altbeständen, fortzusetzen, hat oberste Priorität. Wir wollen erreichen, dass irgendwann unser gesamter Bestand im erwähnten elektronischen Katalog nachgewiesen ist.
Außerdem möchte ich die Bibliothek als eine wichtige kulturelle Institution der Diözese noch stärker ins Bewusstsein der Menschen rücken. Für die Zeit nach dem Lockdown wünsche ich mir, dass die Bibliothek verstärkt als Ort des Studiums, aber auch der Begegnung wahrgenommen wird, der allen Interessierten offensteht. Auch die digitalen Angebote sollen ausgebaut werden, insbesondere im Bereich der Zeitschriften. Nicht zuletzt ist es mir wichtig, die historischen Bestände der Bibliothek, also die Handschriften, Inkunabeln – das sind Bücher, die vor dem Jahr 1501 gedruckt wurden – und Frühdrucke, in den Fokus zu rücken. Derzeit arbeiten wir außerdem an einem neuen Bibliothekslogo, das uns helfen soll, besser auf uns aufmerksam zu machen. Die Bibliothek im zweiten Obergeschoss der ehemaligen Karmeliterkirche in Rottenburg ist ja nicht gerade leicht zu finden; der Zugang nicht so niederschwellig, wie ich es mir für eine Bibliothek wünschen würde.

Wo waren Sie denn zuvor tätig?

Ich habe in den vergangenen Jahren an der Universitätsbibliothek Bozen eine Fachstelle für das historische Buchgut in Südtirol aufgebaut, zuvor war ich in der Bibliothek des Augustiner Chorherrenstiftes Neustift tätig und habe in diversen Projekten zur Erschließung der ältesten Buchbestände in Tiroler Klöstern mitgearbeitet. Ich komme also aus dem Altbuchbereich. Daher ist es mir auch ein großes Anliegen, auf die historischen Bestände in Rottenburg beziehungsweise in der Diözese hinzuweisen und meine Begeisterung für dieses wertvolle Kulturgut weiterzugeben.

Wie könnte das konkret aussehen?

Vorstellbar sind Workshops mit Schulen über Beschreibstoffe, Schriften, Einbände und allgemein über die Herstellung eines Buches, aber auch Vorträge und Kooperationen mit anderen Bibliotheken und/oder Hochschulen. Gerade für Grafiker oder auch Mediendesigner sind die Auseinandersetzung mit historischem Buchgut, das Wissen um Schriftspiegelgestaltung, Schriften und Ähnliches in frühen Zeiten höchst interessant. Hinzu kommt selbstverständlich auch der Wunsch nach einer stärkeren Kooperation mit anderen Einrichtungen der Diözese. Eine ganz konkrete Möglichkeit, auf einen Teil des historischen Buchgutes in unserer Bibliothek hinzuweisen, bietet der Katholikentag 2022, der ja bekanntlich in Stuttgart stattfinden wird. Zum Jahreswechsel 2015/2016 nahm die Diözesanbibliothek etwa 10.000 Bände aus der Bibliothek des Bibelwerks Stuttgart in ihre Obhut, überwiegend Bücher aus der Zeit vor 1800. Im Rahmen eines Projektes werden diese Bücher derzeit erfasst; unser Ziel ist es, die Katalogisierung bis zum Katholikentag in gut einem Jahr abzuschließen, sodass sämtliche Bände dann in unserem Online-Katalog nachgewiesen sind. Besonders schöne Inkunabeln und Werke könnten dann auch einem größeren Publikum vorgestellt werden.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Was hat Sie zum Wechsel nach Rottenburg bewogen?

Ich hatte für meine Doktorarbeit schon in der Bibliothek des Wilhelmstifts geforscht, kannte die dortige Königliche Handbibliothek und Tübingen. Der Altbuchbestand und auch der Hinweis auf die Auseinandersetzung mit den Landkapitelsbibliotheken haben mich neugierig gemacht. Nach Abschluss einer Zusatzausbildung für die Leitung von wissenschaftlichen Bibliotheken an der Universität Wien hatte ich einfach Lust, nochmal etwas Neues auszuprobieren. Dass das Coronavirus uns noch so lange begleitet und das Einleben in einer neuen Umgebung so schwierig gestalten würde, habe ich damals nicht geahnt.

Zur Person

Ursula Stampfer, geboren in Bozen und aufgewachsen in einem sehr bibliophilen Elternhaus in Völs am Schlern, studierte am Konservatorium in Bozen Fagott sowie an der Universität Innsbruck und in Besançon Geschichte und Deutsche Philologie. Ihr Interesse an der Buch- und Bibliotheksgeschichte konnte sie in ihrer Dissertation über die Hofbibliothek Erzherzog Maximilians III. von Österreich vertiefen. Es folgte die Mitarbeit und anschließend die Leitung mehrerer Projekte zu Handschriftenbeständen in Tiroler Bibliotheken, ehe sie an der Universitätsbibliothek Bozen eine Fachstelle für das Historische Buchgut aufbaute. Ihre Freizeit verbringt die 42-Jährige am liebsten in der freien Natur, beim Wandern, Bergsteigen und Skifahren. Zudem nimmt die Musik eine wichtige Rolle in ihrem Leben ein.