Persönliches

Spielräume für den Glauben

Spielräume eröffnen, damit junge Menschen sich ausprobieren und entwickeln können, hat sich Dekanatsjugendreferent Marios Pergialis zum Ziel gesetzt. Foto: DRS/Jerabek

Als Jugendreferent will Marios Pergialis jungen Menschen Spielräume eröffnen. Die Kunst hilft dabei, dem Glauben Ausdruck zu verleihen.

Wenn man es nicht wüsste, würde es kaum auffallen: Auf einem Baumstumpf liegen Äste aufgeschichtet, die sich erst bei näherem Hinsehen als eine Art Nest zu erkennen geben, so groß wie ein Autoreifen. Marios Pergialis hat die Äste zusammengetragen, der Schnee hat seinem Landart-Objekt ein Sahnehäubchen aufgesetzt. „Ich arbeite wahnsinnig gern mit groben Materialien, Naturmaterialien. Ich arbeite mit dem, was ich finde und mach‘ daraus etwas Besonderes“, sagt der 30-Jährige, der seit gut einem Jahr als Dekanatsjugendreferent im Dekanat Ostalb arbeitet – und erst kürzlich als Künstler überregional für Aufsehen gesorgt hat.

Der Wald ist für Marios Pergialis so etwas wie ein spiritueller Anker, Rückzugsort, kreative Spielwiese – und unerschöpfliche Fundgrube. Aus Tannenzapfen und Blättern ein Wandmandala zu legen oder eben Äste in Nestform aufzuschichten und sich mit der kleinen Tochter daran zu freuen, klinge vielleicht erstmal eher banal, aber „das hat etwas sehr Meditatives, eine beruhigende und erdende Art“. Es ist Landart, eine Form künstlerischen Gestaltens, bei der ausschließlich das verwendet wird, was man in der Natur vorfindet. Aus Steinen und Ästen Männchen legen, mit einem dünnen Ast eine Figur in die Erde kratzen, aus Kastanien einen Smiley gestalten – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Sich ausprobieren und erleben

„Ich guck mal, was auf mich wirkt, und folge dem kreativen Impuls – intuitiv, spielerisch“, sagt Marios Pergialis. Das Spielerische, das mache Landart und Landart-Spielen aus. „Mich erdet das total. Ich freu mich daran und habe das Gefühl: Ich habe etwas mit meinen Händen gemacht. Und es ist für niemanden wichtig, nur für mich.“ In dem Waldstück von Vordersteinenberg, einem Ortsteil von Alfdorf am westlichen Ende des Dekanats Ostalb, kommen wohl auch nur wenige vorbei, mit denen er seine Kunst teilen muss, „aber wenn jemand weitermacht, ist es auch okay“. Dieses Freie, ja Lyrische, das in dem Gestalten liege, seien „Räume, die wir als Erwachsene zu selten nutzen: dass wir in so ein Spiel kommen, experimentieren“.

Um Spielräume geht es für Marios Pergialis auch in seiner Tätigkeit als Jugendreferent. „In der Jugendarbeit geht es darum, junge Menschen darin zu unterstützen, dass sie sich selbstständig entwickeln, dass sie sich ausprobieren und erleben können – mit einem christlichen Geist verbunden“, erklärt er. „Das Experimentelle ist das, was die Jugendarbeit auch trägt.“

Eine andere Sprachform

Eine spannende Verbindung erhält diese Aufgabe durch sein Studium der Kunsttherapie. „Es ist ein anderer Blick, mit dem ich auf meine Arbeit zugehe.“ Kunst und künstlerisches Schaffen könne Zugänge zum Glauben eröffnen, ist Marios Pergialis überzeugt. Mit Dekanatsjugendseelsorger Patrick Grazer plant er für April, Anfang Mai ein Projekt, bei dem sich Firmlinge künstlerisch mit dem Thema Heiliger Geist auseinandersetzen können, „um nochmal einen anderen Ausdruck zu finden für ihren Glauben“. In einem „sehr bunten Feld von Jugendlichen, die sich nicht so einfach tun, über Glauben zu sprechen“, biete der spielerische, intuitive und künstlerische Ansatz „eine andere Sprachform, die nicht über das Verbale geht, sondern über das Handeln“. Auf diese Weise verbinden sich spirituelle Inhalte des Seelsorgers mit den künstlerischen Zugängen des studierten Kunsttherapeuten.

Marios Pergialis stammt aus Winnenden, wo er 2009, dem Jahr des Amoklaufs, der sich an einer benachbarten Realschule ereignete, am Lessing-Gymnasium Abitur gemacht hat. Die räumliche Nähe zu dem schrecklichen Geschehen zählt zu den eindrücklichen Erfahrungen, die Marios geprägt haben. Eine andere Erfahrung war sein Zivildienst in einer Behinderteneinrichtung mit schwer mehrfachbehinderten Menschen. „Das hat viele Fragen neu geöffnet, auch die Theodizee-Frage“, sagt der 30-Jährige. Sehr inspiriert habe ihn auch einer seiner Reli-Lehrer. „Meist sind es ja persönliche Begegnungen, die einen konfrontieren und weiterbringen.“

Eine abstrakte Zahl sichtbar machen

Zunächst begann Marios Pergialis ein Lehramtsstudium in Physik und katholischer Theologie, sattelte dann aber um zur Kunsttherapie, die er in Nürtingen erfolgreich mit dem Bachelor abschloss. Nach einer Elternzeit startete er im November 2019 als Dekanatsjugendreferent für das Dekanat Ostalb. Sein Standort ist Schwäbisch Gmünd.

„Spielräume zu eröffnen, indem ich Impulse gebe, aber auch Ermutigung und Lob – so sehe ich meinen Job: in Kontakt bleiben, vernetzen, schauen, dass die Leute am Ball bleiben, motiviert sind“, sagt Marios Pergialis. Neben Schulungen und Jugendleiterausbildungen gehöre freilich auch viel „Orga“ zu seinen Aufgaben. Und immer dabei ist der künstlerische Blickwinkel.

Ganz konträr zu seiner spielerischen Ader, die er bei Landart im Wald auslebt, ist die Kunst-Installation, mit der Marios Pergialis im Spätherbst vergangenen Jahres überregional für Aufsehen sorgte. Mit einem Nagel für jeden Coronatoten in Deutschland – Mitte November 2020 waren es etwa 14.000 – wollte er diese abstrakte Zahl sichtbar und greifbar machen. Mit Anthony Di Paolo, einem Kollegen aus dem Kunsttherapiestudium, schlug er Nägel in Holzklötze. „Der Nagel ist ein christliches Symbol für Leid und steht für eine sehr schmerzliche Erfahrung“, erläutert Marios Pergialis. Der Trauer über die Corona-Toten stand bei der Installation, die im Heilig-Kreuz-Münster in Schwäbisch Gmünd zu sehen war, aber das Hoffnungswort der Christen gegenüber: „Fürchtet euch nicht."