Betriebsseelsorge

Texte gegen mentale Obdachlosigkeit

Der Aalener Betriebsseelsorger Dr. Rolf Siedler sorgt mit seiner Band immer wieder für "Unterbrechung" im Alltag.

Der Aalener Betriebsseelsorger Dr. Rolf Siedler sorgt mit seiner Band immer wieder für "Unterbrechung" im Alltag. Bild: DRS/Jerabek

Nachdenklich, heiter, hintergründig, schräg und provozierend sind die Texte, mit denen Betriebsseelsorger Rolf Siedler das Zeitgeschehen kommentiert.

"Unterbrechung“ ist nicht nur der Name einer Kulturreihe, deren 20. Ausgabe den alltäglichen Affenzirkus in Politik und Gesellschaft aufs Korn nimmt. Für Rolf Siedler ist es ein Schlüsselwort für seine Arbeit als Betriebsseelsorger und Wirtschaftsmediator und als Künstler: ein Werkzeug für den Umgang mit Zwängen und Herausforderungen der Zeit, Ausdruck religiösen Hoffens, Ermutigung, Mittel gegen „mentale Obdachlosigkeit“.

In vielerlei Hinsicht hat sich der Mensch nicht mit Ruhm bekleckert, findet Rolf Siedler. Egoismus, Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Umweltzerstörung – da kann man schon mal ins Grübeln kommen über den Menschen an sich. Erst recht angesichts der jüngst im Allgäu entdeckten Affenfossilie „Udo“, die zwölf Millionen Jahre alt sein soll. Ist die Sache mit der Abstammung nicht doch ganz anders: ist in Wahrheit der Affe eine Weiterentwicklung des Menschen? Ist der Affe also derjenige, der sich auf das Wesentliche und Wichtige besann? Nämlich, weil er „ein Wesen mit ausgewogener veganer Ernährung [ist], naturverbunden, ausgeglichen, beweglich und biegsam bis ins hohe Alter, kein Burnout, keine Depression, keine Allergien, keine spätrömische Dekadenz und mit einem sensationellen ökologischen Fußabdruck…“, sinniert Sprecherin Anne Klöcker über die Stärken der Affen. Ja, sie feuert deren Eigenschaften und „Vorzüge“ wie Pfeile der Anklage ins Publikum. Die Theaterpädagogin rezitiert nicht nur, sie durchlebt, was Rolf Siedler aufgeschrieben hat.

Mischung aus Lesung und Konzert

Es geht also tierisch ab in dieser „Unterbrechung“. Was kürzlich im Theater der Stadt Aalen zu sehen war und in Ausschnitten an verschiedenen Orten wiederholt wird, ist eine Mischung aus Lesung und Konzert. Denn die Musik des „Unterbrechersyndikats“ gehört organisch mit dazu. So heißt das Quartett, dessen Lust am Musizieren ebenso groß ist wie seine musikalische Bandbreite: Rock, Reggae, Nouvelle-Chanson, auch Hip-Hop bringen Norbert Botschek (Saxophon, Gesang), Markus Braun (Bass), Matthias Kehrle (Drums, Keyboard) und Rolf Siedler (Gitarre, Gesang) ebenso routiniert wie leidenschaftlich zu Gehör. Die Musik rahmt, führt ein, bekräftigt, was Rolf Siedler in seinen Texten und mithilfe der Stimme von Anne Klöcker sagen will.

In einem Stück macht er sich Gedanken über das Spiel mit der Zugehörigkeit, das er als ein „sehr raffiniertes Gesellschaftsspiel“ enttarnt: Mit „psychologisch zugerichteten Worten“ wie „Bevölkerungsaustausch“, „alimentierte Messer-Männer“ oder „Sozialsystem-Imperialisten“ könne man ganz schnell und effektiv Zeitgenossen hinter sich versammeln. „Da werden so ganz kleine Arsendosen verabreicht, entfesselte Zorn-Energie eingespritzt, subkutan Techniken der Manipulation, um Kernschmelze der Zivilisation zu betreiben.“ Siedler wendet sich gegen allzu plakative und verkürzte Beschreibungen der Wirklichkeit. Den Zustand der Zivilisation, zum Beispiel, könne man eben nicht in einem Wort beschreiben, wie Anne Klöcker es in einem Experiment vom Publikum verlangt. „Es braucht viele bedachte Worte: Worte der Klarheit, Worte der Entschiedenheit, Worte voll Zärtlichkeit, dazu helfende Gesten, die Kraft echter Solidarität und ein aufrechter Gang.“

Danach kann es nicht weitergehen wie bisher

Solidarität, Entschiedenheit und helfende Gesten sind auch Postulate in Rolf Siedlers Arbeit als Betriebsseelsorger. Wenn er konkret von den Problemen der Menschen und Zwängen in der Arbeitswelt hört, bedeutet für ihn „Unterbrechung“, dass es danach nicht mehr so weitergeht wie bisher – nicht mehr so bedrückt, nicht mehr so gebückt, sondern aufrecht(er). Vertrösten und beschwichtigen ist ihm zuwider: Wenn er Menschen beraten soll, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind, müssen die für die Situation grundlegenden Fragen gestellt werden: „Ich will keinen billigen Trost spenden“, sagt Siedler. Manchmal müsse er sogar „in die Wunde reinstechen, damit auch die Verzweiflung auf den Tisch kommt“, der ganze Schmerz und die Fragen.

Sensibel reagiert Rolf Siedler etwa auf Missstände in der Pflegebranche und – damit zusammenhängend – auf globale Fragen der Gerechtigkeit. „Mein lieber Schwan / der Spahn / schafft an / fliegt nach Mexican / lockt Pfleger an / aus Yucatan …“ formuliert er in einem Text – und lässt eine Pflegerin sagen: „Mein lieber Spahn / schau Dir meinen Schichtplan an / ich Mexican / hetz den Gang entlang, / entlang dem Bettenband / wie am Fließband / auf und ab / nie geruhsam / nie spontan / kein Ort, wo ich mal lächeln kann / oder weinen / nur dann und wann / wenn ich nicht mehr kann / bleib ich kurz stehen / schau mir Fotos an / von Kind und Mann.“ Und abschließend erscheint Rolf Siedler, den der einjährige Aufenthalt in einem Elendsviertel in Santiago de Chile besonders geprägt hat, das „schöne Aleman, das reiche Aleman“ (Deutschland) auch ein „armes Aleman“ zu sein.

Keine vorgefertigten Antworten

Gleichwohl will Siedler nicht nur anprangern. Der zweite Teil der „Unterbrechungen“ ist vor allem eine Ermutigung. Es geht um das Dazwischen, „das was zwischen den Menschen passiert“, sagt er und widmet einer Frau mit Zivilcourage einen Beitrag. Menschen zusammenzubringen, das ist ihm wichtig – den Manager und den Wohnsitzlosen, den Glaubenden und den Suchenden. „So stelle ich mir Kirche und eine gute Welt vor“, sagt der Betriebsseelsorger.

Dass Rolf Siedler seine Kulturreihe „Unterbrechung“ genannt hat und seine Band das „Unterbrechersyndikat“ heißt, ist einem Gedanken des Theologen Johann Baptist Metz geschuldet, der einmal formulierte: „Unterbrechung ist die kürzeste Definition von Religion.“ Wenn Siedler in der „Sockosophie“ von Captain Peng, die er in vollendetem Rap vorträgt, über die letzten Dinge nachdenkt, geht es auch um die Frage: Wo findest du Gott? Siedler möchte keine vorschnellen und schon gar keine vorgefertigten Antworten anbieten. Überhaupt: „Vielleicht findet mich Gott“, sagt er und möchte „lieber in der Hoffnung leben, dass Gott mich findet in meinem Tun. Ich lebe die Offenheit und lass mich finden.“ Auch im Alltag passierten immer wieder wundersame Dinge“, weiß der 62-Jährige, etwa, dass jemand aus einer Schwierigkeit „mit erhobenem Haupt rausgeht – das ist Unterbrechung“. Ein Weg, sich diesen wirklich wichtigen Fragen zu stellen, ist für Rolf Siedler, der über ethische und religiöse Aspekte der Jugendmusikkultur promoviert hat, eben die Musik. Und spätestens hier wird wieder deutlich: Der Mensch hat „Udo“, dem Affen, doch einiges voraus.