Männertag

Wie Seelsorge bei Männern heute tickt

Dr. Andreas Heek leitet die Arbeitsstelle Männerseelsorge bei der Deutschen Bischofskonferenz. Bild: privat

Zum 75. Jubiläum der Männerseelsorge spricht Dr. Andreas Heek von der Bischofskonferenz über vergangene und aktuelle Herausforderungen.

Die Männerseelsorge in der Diözese Rottenburg-Stuttgart feiert in diesem Jahr ihr 75. Jubiläum. Höhepunkt des Jubiläumsjahrs ist der Männertag am 17. und 18. Oktober im Bildungsforum des Klosters Untermarchtal. Zu den Referenten der zweitägigen Veranstaltung zählt auch Dr. Andreas Heek, der Leiter der Arbeitsstelle Männerseelsorge bei der Deutschen Bischofskonferenz. Wir haben mit dem 53-jährigen promovierten Pastoraltheologen sowie Ehe-, Familien- und Lebensberater über seine Aufgaben, die Männerseelsorge und das veränderte Bild von Männern sowie die damit verbundenen Herausforderungen gesprochen. 

Herr Dr. Heek, was kann man sich unter Männerseelsorge konkret vorstellen und wie hat sich die Männerseelsorge seit ihrem Ursprung nach dem Zweiten Weltkrieg verändert?

Die Ursprünge der Männerarbeit sind hochinteressant. Unter anderem inspiriert  durch den Jesuitenpater Alfred Delp, der schon vor der NS-Herrschaft vor rechtextremen Tendenzen auch in der Kirche gewarnt hat und 1944 wegen seiner ungebrochenen Gesinnung hingerichtet wurde, hat die Männerseelsorge nach dem Zweiten Weltkrieg an einer so genannten „Entgiftung des zugerichteten Mannes“ mitgewirkt.

Was genau hat sich hinter dem „zugerichteten Mann“ verborgen?

Diese „Zurichtung“ bestand darin, aus allen Männern möglichst blind gehorsame Soldaten zu machen, die Gefühle unterdrücken und ihre Empathie verleugnen. Nach dem Weltkrieg hat die Männerseelsorge daran mitgewirkt, „den Mann“ zu „resozialisieren“, wenn man so will. Dies geschah in Form einer Männerarbeit, die Männer als einen eigenen „Stand“ in der Gesellschaft sah. Hier begann die Frage an die Männer, wer sie wirklich als sie selbst sind, nicht nach dem, wer sie sein sollten. Davon ungeachtet gaben Männer weiterhin in Machtfragen den Ton an und machten weitgehend ohne Frauen Politik. Die katholische Soziallehre war ihre handlungsleitende Sozialethik, mit der die soziale Marktwirtschaft maßgeblich mitbegründet wurde. Heute hat sich die Arbeit mit Männern weitgehend individualisiert.

Männerseelsorge will Männer zu sich selbst führen, damit sie sich fragen: Wer bin ich? Und nicht: Welchem Bild von Mann muss ich entsprechen?

Also eigentlich immer noch die Frage, die Gründungsimpuls für die katholische Männerarbeit war. Männerseelsorge unterstützt Männer in der Suche nach Spiritualität. Sie versteht sich nicht als Lehrende und Ermahnerin, sondern in Form der Begleitung, side by side.

Die Seelsorge reagiert ja auf die Zeit. Das heißt im Umkehrschluss auch, dass sich das Männerbild in der Gesellschaft verändert hat. Wie würden Sie diese Veränderung beschrieben, Herr Dr. Heek?

Enorme Veränderungen hat das traditionelle Männerbild erfahren. Der Mann ist vom Oberhaupt der Familie zum Partner seiner (Ehe-)Frau und zum erziehenden Begleiter seiner Kinder geworden. Vom Alleinverdiener ging es in Richtung paritätischer Aufteilung in der Partnerschaft. Trennung und Scheidung sind große Baustellen geworden. Der Wunsch nach Kindern begründet eine Ehe, an den Herausforderungen der Kindererziehung scheitern Ehepartner aber auch vielmals. Genauso wie in Corona-Zeiten nicht eine grundsätzliche Retraditionalisierung stattfindet, so ist im Laufe der Zeit auch nicht ein vollständig „neuer Mann“ entstanden. Es gibt keine „Neuschöpfung“ des Mannes, nur eine langsame Entwicklung, die nur passiert, wenn es eine Notwendigkeit dazu gibt. Genau wie in der Evolution. Rational ist die Notwendigkeit zur Veränderung weithin erkannt. An dieser „Evolution“ wirkt katholische Männerseelsorge mit.

Welche Herausforderungen stellen sich für die Männerarbeit bzw. die Männerseelsorge in den Diözesen aktuell?

Die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft - in Deutschland ist das ja eher noch harmlos, in USA geht es beispielsweise viel heftiger zu - führt zu einem abgrenzenden Freund-Feind-Schema. Darin liegt auch eine Gefahr für das Männerbild, wenn in Folge dessen alte Männerbilder reaktiviert werden.

Aus der Kirche treten zu viele Christen aus, nehmen aber ihren Glauben oftmals mit. Für Männer gilt das statistisch noch mehr als für Frauen, weil mehr Männer austreten. Deshalb brauchen wir nicht weniger, sondern mehr Männerseelsorger bzw. pastorale Mitarbeiter, die sich spezifisch auf Männer einlassen. Denn Männer saugen ein gutes Angebot auf, weil ihnen oft im Alltag andere Männer als private Gesprächspartner fehlen. Mit ganz konkreten Angeboten wie der Gemeindebildung im Kleinen schafft man Nähe untereinander und zur Kirche. Letzteres ist aber nicht als Selbstzweck gedacht, sondern weil wir denken, dass Gemeinschaft im Suchen nach Sinn essentiell wichtig ist.

Was zeichnet aus Ihrer Sicht die Arbeit der Männerseelsorge in der Diözese Rottenburg-Stuttgart aus?

Sie ist extrem divers aufgestellt, das heißt, sie hält Angebote durch fast alle Lebensphasen und Lebenskontexte vor. Sie ist im Gespräch mit Männern, hat also die Erdung, die es braucht, um gut Kirche sein zu können. Sie hat mit den beiden Referenten Tilman Kugler und Christian Kindler Koordinatoren und Inspiratoren, die wichtige Fragen aufgreifen, die die Männerpastoral steuern und nach innen in die Kirche kommunizieren, wie die Männer ticken. Die Männerseelsorge in Ihrer Diözese ist daher ein Beispiel dafür, wie eine Pastoral der Zukunft aussehen kann.

Herr Dr. Heek, wenn Sie in eben diese Zukunft blicken: Wie sieht die Männerseelsorge in zehn Jahren aus?

Wenn die Kirche sich nicht verheddert oder verliebt in den Strukturmaßnahmen, die sicher nötig sind, um sich zu organisieren; wenn sie nicht retrationalisiert wird durch eine Sehnsucht nach einem geschlossenen Kirchenmilieu, nur kleiner und feiner, dann kann Männerseelsorge neue Kirchorte begründen. Nicht unbedingt welche, die an einen Kirchturm, also eine klassische Kirchengemeinde, gebunden sind und „für immer“ bestehen, sondern dort Kirche begründen, wo zwei oder drei Männer zusammenkommen, die gemeinsam auf der Suche nach Sinn sind. Dort müssen sich nicht Männer versammeln, die jeden Artikel des Glaubensbekenntnisses unterschreiben, und auch nicht nur solche, die allen Moralprinzipien der Kirche entsprechen. Es wären niederschwellige Orte z.B. in der Natur, aber auch ruhig im Pfarrheim, wo vielleicht in der Küche ein tolles Essen gekocht, wo gefeiert, aber auch getrauert wird.

In diesen oftmals zeitlich begrenzten Gemeindeorten gilt ein zusätzliches „(Glaubens)Bekenntnis“, das nämlich der Ehrlichkeit mit sich selbst, des Bekenntnisses zu den eigenen Lebenslügen und der Erkenntnis eigener Zerbrechlichkeit. Orte, an denen dann so mir nichts dir nichts der Gedanke auftaucht, dass dieser Jesus Christus doch auch nur einer von ihnen war und der eine ganze eigene Bewältigungsform der Lebensaufgaben gefunden hat. Das entsteht und läuft aber nicht von selbst, das muss angeleitet und begleitet werden und kann dann vielleicht irgendwann in ehrenamtliche Hände gelegt werden.

Wo sollte also die Männerseelsorge der Zukunft zu finden sein?

Männerseelsorge soll dort sein, wo der Schuh der Männer drückt, aber auch dort, wo sie gemeinsam ein Feierabendbier trinken. Dazu braucht es eine „fluide Struktur“, die getragen ist von einem Netzwerk von Kirchorten, die dann wieder gebündelt sind in einer höheren Organisationseinheit, die aber „nur“ im Dienst der pastoralen Kreativität der Inspiratoren und Moderatoren steht, die wiederum Männer motiviert, sich selbst zu organisieren. So halten sie die „Sache Jesu“ lebendig. Ich halte gar nichts von einer Kirche der Wenigen, Aufrechten und Frommen. Ich will eine Kirche der Vielfalt der Lebensentwürfe, der Suchbewegungen und Spiritualitäten.

Männerseelsorge soll ein Ort sein, wo man hinkann, ohne um Eintritt zu fragen, wo man sich nicht klein fühlt, sondern authentisch und ehrlich sein kann.

Ich bin mir ganz sicher, zu solchen Orten gesellt sich Jesus Christus ganz von selbst hinzu und fragt: „Was sind das für Dinge, über die Ihr da sprecht?“ Und wir erkennen ihn und uns selbst in den einfachen Gesten der Gastfreundschaft, des Nährens und der Nähe.

75. Männertag - Informationen und Anmeldung

Informationen zum 75. Männertag am 17. und 18. Oktober im Bildungsforum des Klosters Untermarchtal erhalten Interessierte bei Tilman Kugler und Christian Kindler vom Fachbereich Männer der Hauptabteilung Kirche und Gesellschaft des Bischöflichen Ordinariats. Sie sind per E-Mail an maenner@bo.drs.de bzw. unter der Telefonnummer 0711/9791-1090 zu erreichen. Für die Veranstaltung gilt ein spezielles Hygienekonzept, mit Maßnahmen zur Vermeidung einer Corona-Infektion.

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