Gottesdienst

„Wir haben unseren Platz in der Kirche, wenn auch meist im Stillen“

Foto: Stadtdekanat Stuttgart/Höfle

Seit 25 Jahren feiern Schwule und Lesben und ihre Freunde und Freundinnen einmal im Monat einen Gottesdienst in der Kirche St. Fidelis.

An die große Glocke gehängt haben die Initiatoren die monatliche Eucharistiefeier nie – nicht innerhalb der Kirche und auch nicht außerhalb. Sie haben sich im Stillen getroffen, um gemeinsam Gottesdienst zu feiern und im Anschluss Freundschaften zu pflegen. Zu ihrem 25-jährigen Jubiläum, das sie in diesem April begangen haben, bekommen die Initiatoren den gewohnt harschen Gegenwind aus dem Vatikan und zu ihrer Überraschung viel Unterstützung aus ihrer Kirche vor Ort. „Die Welle an Sympathiebekundungen und Regenbogenfahnen, die das Segnungsverbot ausgelöst hat, hat uns alle überrascht. Es tut gut zu sehen, dass sich die Menschen eine eigene Meinung bilden und auch dazu stehen“, sagt Josef Gloning, der zum Sprecherkreis des Gottesdienstes gehört.  

Schon beim ersten Gottesdienst für Schwule und Lesben im April vor 25 Jahren ist Josef Gloning dabei gewesen. Damals waren so viele Menschen in die Seitenkapelle von St. Fidelis gekommen, dass ein Teil auf dem Boden sitzen musste. Die Kirchenbänke waren schnell belegt, die Luft dünn, die Stimmung aber gut. Allzu viel Werbung hatte das Organisationsteam damals nicht gemacht, einen Stapel Handzettel gedruckt und in ein paar Szenekneipen verteilt. Unterstützt wurden die homosexuellen Männer und Frauen im Jahr 1996 vom damaligen Stuttgarter Stadtdekan Bernhard Kah und vom Kirchengemeinderat von St. Fidelis. Letzterer beschloss, den Schwulen und Lesben die Kirche für ihren Gottesdienst einmal im Monat zur Verfügung zu stellen. Den damaligen Bischof Walter Kasper hatten die Initiatoren im Vorfeld nicht gefragt, sondern erst im Nachhinein eingebunden; er hat den Gottesdienst gebilligt.

Feiern, aber ohne große Öffentlichkeit

Verbunden war die Unterstützung vor 25 Jahren allerdings immer mit einer Bitte: den Gottesdienst zu feiern, aber im Stillen, ohne große Öffentlichkeit, ohne allzu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Daran haben sich die Initiatoren all die Jahre auch gehalten. „Uns ging es ohnehin nie um ein politisches Statement, sondern darum, gemeinsam Eucharistie zu feiern in einem geschützten Rahmen, wo sich niemand daran stört, wenn beim Friedensgruß ein Mann einen Mann umarmt“, sagt Josef Gloning. Viele seien damals aus der Jugendarbeit gekommen und hätten dann nach einer neuen kirchlichen Heimat gesucht. Unterstützt wurden und werden die Initiatoren auch von einem guten Dutzend Priester aus der gesamten Diözese, die sich bei der Zelebration des Gottesdienstes abwechseln. „Es war nie ein Problem, Priester zu finden“, so Gloning.   

Es ist mir wichtig zu zeigen, dass Homosexuelle genauso ihren Platz in der katholischen Kirche haben wie alle anderen Menschen auch. Die katholische Kirche lebt von ihrer Vielfalt.

Zu den Unterstützern des Gottesdienstes gehört seit 20 Jahren auch Matthias Haas, der in Stuttgart als Hochschulseelsorger und stellvertretender Stadtdekan tätig ist. „Ich bin vor 20 Jahren gefragt worden, ob ich mitmachen möchte. Meine Motivation ist bis heute dieselbe: Es ist mir wichtig zu zeigen, dass Homosexuelle genauso ihren Platz in der katholischen Kirche haben wie alle anderen Menschen auch. Die katholische Kirche lebt von ihrer Vielfalt.“ Wie die Initiatoren des Gottesdienstes auch legt Matthias Haas Wert darauf, den Gottesdienst thematisch nicht auf die Zielgruppe zu verengen, sondern allgemeine Glaubens- und Lebensfragen aufzugreifen. „Wir lesen dieselben Texte aus dem Sonntagsevangelium, auch wenn sie mal schwer verdaulich sind“, sagt Heiko Hauger, der zum Sprecherkreis des Gottesdienstes gehört. Für ihn wie für die anderen Initiatoren steht der feste Ritus im Mittelpunkt und im Anschluss an den monatlichen Gottesdienst dann auch die Pflege von Kontakten.

Das Segnungsverbot aus Rom schmerzt, die Initiatoren aber machen weiter

Es sind an die hundert Männer und ein paar wenige Frauen, die den Gottesdienst regelmäßig oder unregelmäßig besuchen. „Manche kommen jeden Monat, andere nur alle zwei Jahre“, sagt Heiko Hauger. Zu den besten Zeiten kamen bis zu 70 Männer und Frauen in den sonntagabendlichen Gottesdienst in St. Fidelis, inzwischen sind es im Schnitt um die 20. Viele halten dem Gottesdienst für Schwule und Lesben seit Jahren die Treue, andere haben sich verabschiedet, weil sie die Erfahrung gemacht haben, als homosexuelles Paar auch in ihrer Ortsgemeinde gut aufgehoben zu sein. „Wir wollten nie eine Konkurrenz zur Ortsgemeinde sein, sondern haben den Gottesdienst immer als zusätzliches Angebot gesehen“, sagt Hauger. Auch nach dem Segnungsverbot aus dem Vatikan denkt er nicht daran, die katholische Kirche zu verlassen: „Das tut natürlich weh, aber wir können nur von innen Veränderungen anstoßen. Außerdem haben wir hier in Stuttgart einen festen Platz in der Kirche – wenn auch meist im Stillen.“ Wer allerdings unterwegs verloren gegangen ist, das seien die lesbischen Frauen. „Anfangs waren immer noch einige fest dabei, in den vergangenen fünf Monaten waren keine Frauen mehr im Gottesdienst“, stellt Heiko Hauger fest. Seine Erklärung: lesbische Frauen tun sich mit der katholischen Kirche und ihrem Klerikalismus schwerer als Männer, dennoch versichert er: „Wir sind offen.“

Stadtdekan: Kirche müsse bereit sein, homosexuellen Paaren Segen zu erteilen

Für Gabriela Hesselbach, die Vorsitzende des Kirchengemeinderats von St. Fidelis, ist es ein wichtiges Signal, dass der Gottesdienst weiterhin in der Stuttgarter Kirche gefeiert wird: „Wir sind reich beschenkt durch die Vielfalt der Menschen, die in unsere Kirche kommen und diese auch nutzen.“ Ein gottesdienstliches Angebot 25 Jahre aufrechtzuerhalten allein durch engagiertes Ehrenamt, das verdiene Respekt. Der katholische Stadtdekan Christian Hermes nimmt das Jubiläum zum Anlass kirchenpolitisch Stellung zu beziehen: „Ich bin traurig und verärgert über die autoritäre Intervention der Glaubenskongregation. Sie haben als homosexuelle Männer und Frauen selbstverständlichen ihren Platz in dieser Kirche. Ich schäme mich, wenn meine Kirche das Leben von Menschen nicht unterstützt, sondern belastet. Kirche hat dem Leben zu dienen und die Würde des Menschen zu achten und zu fördern. Deshalb müssen wir als Kirche auch bereit sein, homosexuellen Paaren einen Segen zu erteilen, wenn ihre Beziehung auf gegenseitigen Respekt, auf Treue und Würde baut.“ Der Stadtdekan freut sich über die Bestätigung dieser Linie durch die Diözesanleitung und will dafür eintreten, dass die von Bischof Fürst angekündigte Seelsorge für homosexuelle Menschen in der Großstadt Stuttgart angesiedelt sein wird.