Corona

„Wir sind da, wenn eine Familie in Not ist“

Bettina Betzner, Geschäftsführerin der Katholischen Familienpflege im Dekanat Esslingen-Nürtingen berichtet vom derzeitigen Arbeitsalltag von Familienpflegerinnen. Bild: privat

Die Familienpflege ist da, wenn ein Elternteil ausfällt und das System Familien ins Wanken gerät. Gerade zu Corona-Zeiten eine Herausforderung.

Sie unterstützen Familien, organisieren den Alltag und kümmern sich um die Kinder: Familienpflegerinnen. Im Dekanat Esslingen-Nürtingen sind es – wie häufig – nur Frauen, die diesen wichtigen Job übernehmen. Sie kommen, wenn Vater oder Mutter ausfallen, und meistern die Herausforderungen vor Ort. Eine Herausforderung ist in den vergangenen Monaten hinzugekommen – und zwar für Familien wie für Familienpflegerinnen: die Corona-Pandemie. Die Geschäftsführerin der Katholischen Familienpflege im Dekanat Esslingen-Nürtingen, Bettina Betzner, berichtet im Interview von der aktuellen Situation und von der ungewissen Zukunft, vor der viele Eltern mit ihren Kindern stehen.

Frau Betzner, wie sieht es momentan in den Familien aus? Zweieinhalb Monate geschlossene Kindergärten und Schulen liegen nun ja schon hinter uns. Inwiefern hat das Spuren hinterlassen?

Betzner: „Man könnte sagen, wir sind seit zweieinhalb Monaten im Ruhemodus. Doch dieser Ruhemodus ist gerade für Familien sehr umtriebig und angespannt. Weiterhin besteht eine große Unsicherheit, wie es weiter geht mit der Schule und den Kindergärten. Es geistern 1.000 unterschiedliche Informationen umher und die Länder gehen alle uneinheitlich vor. Das kann nur Unsicherheit erzeugen – die sich als Punkt zwei auch auf die Finanzen erstreckt. Gerade bei uns im mittleren Neckarraum mit den Automobilunternehmen und den Zuliefererbetrieben sind viele in Kurzarbeit und das schon im zweiten Monat. Ein dritter ist vielfach schon angekündigt. Unterm Strich liegen daher die Nerven in den Familien so langsam blank.“

Welche Auswirkungen hat das für die internen Abläufe in den Familien?

Betzner: „Familie müssen gerade ein exorbitantes Selbstmanagement an den Tag legen. Jeder Tag muss total strukturiert werden, wenn beispielsweise beide im Homeoffice sind und Kinder im Kindergartenalter zuhause haben. Da will die Frage geklärt werden: Wer betreut wann die Kinder und wer ist wann und zu welcher Zeit am PC und für den Arbeitgeber erreichbar? All das erfordert ein großes Miteinander und ein hohes Maß an Absprachen. Da kommen viele Familien an die Belastungsgrenze, vor allem wenn im Vorfeld schon Probleme da waren. Ich bin selbst gespannt, was am Ende dieser Viruskrise steht, wie dann die Familien oder manche Partnerschaften aussehen. Existieren die da noch oder hat die Extremsituation zum Ende der Partnerschaft geführt? Erst vor kurzem hat ein Familienvater zu mir gesagt: ‚Ich packe das bald nicht mehr, denn ich kann momentan niemandem gerecht werden – weder meiner Frau, noch meinen Kindern, weder meinem Arbeitgeber noch den Forderungen der Bank.‘ So geht es vielen. Und gerade Kinder kann man nicht ständig vorm Fernseher parken. Das ist ein Notnagel, dessen Auswirkungen aber bereits bei den Kindern sichtbar werden.“

Wer kann sich denn in so einer Notsituation an die Katholische Familienpflege wenden?

Betzner: „Das ist leicht gesagt: Wir sind da, wenn eine Familie in Not ist. Das heißt konkret, wenn ein Elternteil beispielsweise aufgrund einer Erkrankung ausfällt. Ob die Familie katholisch ist, einer anderen Konfession oder gar keiner Konfession angehört, ist für uns unerheblich. Für uns zählt die Not. Die Familienpflegerinnen versuchen dann, den Ausfall des Elternteils bestmöglich zu kompensieren.“

Führt die Corona-Pandemie verstärkt zu solchen Notlagen?

Betzner: „In dieser Zeit haben sich die Familien vermehrt an uns gewandt. Dabei ging es oft um keine akute Krankheitssituation, sondern die Väter und Mütter berichteten von ihrer Überforderung und Überlastung. Sie fragen, was sie machen können, wenn sie am Rand ihrer Kräfte sind und Hilfe benötigen? Genau eine solche Situation kann dann auch zu einer Erkrankung führen.“

Und wir kann die Familienpflege in dieser Situation helfen?

Betzner: „Wir informieren über die unterschiedlichen Möglichkeiten, darunter dass die Familienpflege über den Hausarzt bei einem entsprechenden Bedarf beantragt werden kann. Dann übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für unsere Einsätze. Manchmal vermitteln wir auch ein Gespräch mit der psychologischen Beratungsstelle. Denn allein über die Probleme und die schwierige Situation zu reden und sich mitteilen zu können, kann zu einem Lösungsweg und zu neuen Perspektiven führen. Familien in einer Krisensituation sind manchmal blockiert in ihrem eigenen Handeln. Da tut es gut, wenn wir Kontakte vermitteln und die Tür etwas öffnen helfen.“

Welche Aufgaben übernehmen die Familienpflegerinnen, wenn sie zu den Eltern und Kindern nach Hause kommen?

Betzner: „Die Familienpflegerinnen kümmern sich um die Betreuung und Versorgung der Kinder und schauen, dass im Familienalltag alles rund läuft. Das heißt, sie kümmern sich um den Haushalt, bereiten eine warme Mahlzeit zu, bringen in normalen Zeiten Kinder in Kindergarten und Schule oder beschäftigen sich aktuell mit ihnen zuhause bzw. unterstützen beim Homeschooling. Sie gehen einkaufen, machen die Wäsche und versuchen, alle Bedürfnisse der Kinder abzudecken.“

Gerade wird viel darüber diskutiert, dass die Corona-Krise dazu führt, dass das klassische Rollenbild von Mann und Frau wieder Alltag wird. Welche Erfahrungen machen Sie in der Familienpflege?

Betzner: „Ich habe erst gestern mit einer Familie gesprochen, wo die Mutter vor kurzem eine Hausgeburt hatte. Sie hat schon davon berichtet, dass sich aktuell alles auf sie fokussiert. Sie muss noch viel mehr als sonst koordinieren, sich an allen Abläufen beteiligen. Vor allem, weil der Mann intensiv mit seiner Arbeit beschäftigt ist, weil auch dort viele Unsicherheiten da sind. Viele Mütter federn gerade die ganze Emotionalität ab und viele Kinder sind stark auf ihre Mütter fixiert. Besonders gefordert sind aber auch in dieser Situation die Alleinerziehenden.“

Durften Sie denn trotz Kontaktbeschränkungen Familienpflegerinnen zu Familien nach Hause schicken?

Betzner: „Die Familienpflege ist systemrelevant. Wir gehen also trotz Corona zu den Familien und kümmern uns um die Kinder. Natürlich haben wir Vorsorge getroffen und beispielsweise eine Pflegerin eine Familie zugordnet, um die Kontakte zu beschränken. Zudem halten die Kolleginnen die Hygienevorschriften ein. Gleichwohl müssen sie in der Familie schauen, wie sie konkret vorgehen. Sie sollen ja auch Nähe schenken und gleichzeitig die Sicherheit einhalten. Das ist nicht immer einfach. Gerade zu Beginn der Krise war es sehr schwierig, Schutzausrüstung wie Mundschutzmasken und Desinfektionsmittel zu bekommen. Mittlerweile tragen die Familienpflegerinnen die FFP2-Masken. Trotzdem bleibt es ein Balanceakt, die Kolleginnen gehen ja in den privaten Bereich einer Familie und sollen die Kinder mit den Masken nicht abschrecken. Es ist daher eine hohe Sensibilität erforderlich und muss auch mit den Familien konkret besprochen werden.“

Wie finanziert sich die Katholische Familienpflege?

Betzner: „Zunächst einmal werden unsere Einsätze im Rahmen von Dienstleistungsgebühren von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet, wenn die Familienpflege denn entsprechend ‚verschrieben‘ wird. Zudem erhalten wir Gelder durch unsere Kooperation mit der Jugendhilfe durch unsere Einsätze mit unserem Haushaltsorganisationstraining oder von den Rentenversicherungsträgern, wenn eine Mutter zum Beispiel in Kur geht. Darüber hinaus bekommen wir Fördergelder von der Diözese Rottenburg-Stuttgart, vom Dekanat Esslingen-Nürtingen, vom Land Baden-Württemberg, dem Landkreis Esslingen und einzelnen Kommunen. Zudem haben wir einen speziellen Spendentopf für Familien in Not. Gelder, die hier eingehen, verwenden wir für Familien, bei denen der Kostenträger für unseren Einsatz nicht klar ist. Wenn beispielsweise eine Familie mit einem behinderten Kind überfordert ist und unsere Hilfe benötigt, dann kommen wir nicht mit einem bürokratischen Akt, sondern wir helfen, indem wir Gelder aus diesem Fond verwenden. So konnten wir im vergangenen Jahr fünf Familien, die durch alle sozialen Raster gefallen sind, unterstützen. Momentan sind wir dank der Spendengelder in drei Familien mit unseren Pflegerinnen aktiv, die aufgrund der Corona-Krise Hilfe brauchen.“

Katholische Familienpflege im Dekanat Esslingen-Nürtingen

Die Katholische Familienpflege im Dekanat Esslingen-Nürtingen hat erst vor kurzem ihren Jahresbericht 2018-2020 vorgelegt. Darin berichten mit Jutta Hölzer und Gabriele Krommes zwei langjährige Familienpflegerinnen aus ihrem Arbeitsalltag. Beide stehen am Ende ihrer Berufsjahre und verfügen über einen großen Erfahrungsschatz.

Zudem geht es im Bericht um die Ausbildungsmöglichkeiten zur Familienpflegerin oder zum Familienpfleger.

Wer die Katholische Familienpflege im Dekanat Esslingen-Nürtingen mit einer Spende unterstützen möchte, kann diese auf folgendes Konto einzahlen:

Spendenkonto:
Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen
IBAN: DE 07 6115 0020 0000 600730
BIC ESSLDE66XXX