Synodaler Weg

Zwischen Skepsis und Hoffnung

Zwischen Skepsis und Hoffnung

Per Videokonferenz wurde in der Reihe „Wir müssen reden!“ über Reformprozesse in der katholischen Kirche diskutiert. Bild: DRS

Mehr als 90 Interessierte sprachen auf Einladung der Akademie der Diözese online über Macht und Gewaltenteilung in der Kirche.

Parallel zur Online-Konferenz des Synodalen Wegs hat in der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart eine weitere Veranstaltung der Reihe „Wir müssen reden!“ stattgefunden. Damit begleitet die Akademie den Synodalen Weg. Thema dieses Mal: Macht und Gewaltenteilung in der Kirche. Zwischen Hoffnung, Skepsis und den Realitäten des Kirchenrechts fanden sich Referenten und Teilnehmende der Veranstaltung wieder. Dafür bekamen sie Informationen aus erster Hand. Denn quasi direkt vom Online-Forum des Synodalen Wegs in die digitale Veranstaltung der Akademie gekommen war die ehemalige Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne). Als Mitglied der Arbeitsgruppe, die sich mit Macht und Gewaltenteilung auseinandersetzt, berichtete sie von deren Intention:

„Wir wollen dazu beitragen, dass die Kirche sich als Lebensraum erschließt, in dem Gemeinschaft mit Gott und untereinander erlebt werden kann. Angesichts der Verzeichnung der kirchlichen Sendung durch kirchlichen Machtmissbrauch und der damit verbundenen Verzeichnung dieses Anspruchs ist zu prüfen, wie die Theologie und die Organisation kirchlicher Strukturen und Ämter so weiterentwickelt werden können, dass sie auch im gegenwärtigen Verständigungskontext einer freiheitlichen Rechtsordnung überzeugen und dem Wesen und Auftrag der Kirche dienen.“

Tiefgreifende Reformen der Kirche sind formuliert

Dazu habe sich die Arbeitsgruppe auf eine Vielzahl von Vorschlägen verständigt – darunter die Möglichkeit einzuräumen, dass Leitungsfunktionen auch von Laien übernommen werden können, sich für den Zugang zu allen kirchlichen Diensten und Ämtern unabhängig von Geschlecht und Lebensstand einzusetzen und die Liturgie durch eine intensivere Beteiligung der Gemeindemitglieder zu stärken. Zum Grundtext des Synodalforums „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche – Gemeinsame Teilnahme und Teilhabe am Sendungsauftrag“

Fischer erläuterte, dass dies tiefgreifende Reformen der Kirche seien. Ihr zu Beginn optimistischer Blick auf den Synodalen Weg sei mittlerweile jedoch etwas skeptisch geworden.

Kirchenrecht begrenzt Hoffnung auf Veränderung

Diese Skepsis wurde von der „nüchternen kirchenrechtlichen Realität“ untermauert. Mit diesen Worten leitete Professor Sven Anuth seinen Vortrag ein. Darin schilderte der Kirchenrechtler aus Tübingen, dass es eine Gewaltenteilung in der Kirche nach deren eigenen Recht nicht gebe. Der Papst sei oberster Gesetzgeber, oberster Verwalter und oberster Richter in einem und auch die Bischöfe und Priester seien nur in der Hierarchie nach oben zur Rechenschaft verpflichtet. Daraus resultiere die ungleiche Verteilung von Macht. „Die hierarchische Verfassung der Kirche ist nach ihrem Glauben selbst unaufhebbar“, erläuterte Anuth. Eine Hoffnung auf eine Veränderung ließe sich kirchenrechtlich nicht begründen.

Macht und Gewaltenteilung an der Basis

Von ihren Erfahrungen mit Macht und Gewaltenteilung in der Kirche berichteten Pfarrer Stefan Spitznagel aus Marbach und Martina Schäfer-Jacquemain von der Katholischen Hochschulgemeinde in Köln (KHG). Letztere hatte mit ihrem Team nach der Veröffentlichung eines kritischen Positionspapiers auf der Homepage der KHG die direkte Ausübung von Macht erfahren. Zog die Veröffentlichung doch arbeitsrechtliche Prüfungen und eine zweitweise abgeschaltete Homepage der KHG nach sich. Bis heute sei es zu keinem Gespräch mit dem Erzbistum über die Inhalte des Papiers gekommen, bedauerte Schäfer-Jacquemain. Dabei müsse jeder einzelne innerhalb eines Systems Verantwortung übernehmen.

Wie diese Verantwortung aussehen kann, dafür steht Pfarrer Spitznagel. Dieser hat mit weiteren Priestern aus dem Dekanat Ludwigsburg eine Initiative gegen Machtmissbrauch in der Kirche gegründet. Schließlich sei es der Missbrauch von Macht in Verbindung mit dem spirituellen Missbrauch, der den sexuellen Missbrauch begünstige. Seit der Veröffentlichung der MHG-Studie treten aus seiner Erfahrung nicht mehr nur Menschen aus der Kirche aus, die von dieser sowieso schon entfernt sind. „Jetzt treten auch Leute aus, die ich kenne und die jede Woche in die Kirche gehen. Zudem emigrieren viele Hauptamtliche innerlich“, berichtet Spitznagel. Die Selbstverpflichtungserklärung der Priesterinitiative sei ihre Reaktion auf die MHG-Studie und unterstreiche, wie dringend notwendig strukturelle Veränderungen in der Kirche seien.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Online-Veranstaltung der Akademie diskutieren im Anschluss mit den Referenten über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Synodalen Wegs gerade in Zusammenhang mit dem Themenfeld Macht und Gewaltenteilung. Der Abend wurde von Barbara Thurner-Fromm von der Akademie und dem Journalisten der Stuttgarter Zeitung, Paul Kreiner, moderiert.