Missbrauch und Prävention

Akribische Aufarbeitung und Stärkung der Prävention

Bereits vor der Veröffentlichung der MHG-Studie am 24. September 2019 hat die Diözese Rottenburg-Stuttgart zu den Vorwürfen des Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen durch Kleriker Stellung genommen. Im Folgenden ist das Statement der Pressekonferenz vom 17. September 2018 im Haus der katholischen Kirche dokumentiert.

Es ist kein einfacher Anlass, der mich dazu bewegt hat, Sie heute zum Gespräch einzuladen.

Erneut steht die katholische Kirche in aller Öffentlichkeit in einer Situation, die uns alle, die Gesellschaft, die Gläubigen und nicht zuletzt mich als Bischof bis tief ins Mark erschüttert. Es sind die zahlreichen sexuellen Misshandlungen und infolge dessen auch seelischen Verletzungen von Kindern und Jugendlichen, die der Kirche anvertraut waren und sind, durch Priester, Diakone und Ordensangehörige.

Seit einigen Wochen verfolge ich mit Erschütterung die Verbrechen, die in Irland und Pennsylvania durch Kleriker an Minderjährigen verübt wurden. Und mit umso größerer Betroffenheit habe ich vor einigen Tagen die Medienberichte über die Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz gelesen. Noch immer bin ich bestürzt über die große Anzahl der Taten und der Täter, aber auch über die Last der Schuld in unserer Kirche.

Ich möchte Ihnen heute in aller Ehrlichkeit Rede und Antwort stehen, nachdem ich Ihnen zusammen mit Frau Dr. Monika Stolz und Frau Sabine Hesse das Verfahren der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle sowie unsere Präventionsmaßnahmen vorgestellt habe. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart war die erste, die alle bekannten Fälle mit großer Sorgfalt und Sensibilität und in unabhängiger Vorgehensweise der Kommission sexueller Missbrauch aufgearbeitet hat.

Bereits 2002, lange vor Bekanntwerden des Missbrauchsskandals im Jahr 2010, hat die Diözese „Regularien zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger in der Diözese Rottenburg-Stuttgart“ in Kraft gesetzt. Ein Jahr später habe ich eine unabhängig arbeitende „Kommission sexueller Missbrauch“ (KsM) eingesetzt. Sie wird immer geleitet von einer unabhängigen Person des öffentlichen Lebens.

Ihre vorrangige Aufgabe ist es seitdem, Hinweise zu sexuellem Missbrauch an Minderjährigen durch Kleriker, Ordensangehörige oder andere Mitarbeiter im kirchlichen Bereich entgegenzunehmen. Sie untersucht jeden Hinweis genau und spricht Empfehlungen für den Umgang mit den gemeldeten Fällen gegenüber dem Bischof aus. Hierbei geht es einerseits um Hilfen für die Opfer und zugleich um Maßnahmen den Täter betreffend.

Frau Dr. Stolz, Vorsitzende der Kommission sexueller Missbrauch, wird Ihnen die genaue Arbeitsweise der KsM im Anschluss vorstellen. Wichtig ist mir zu erwähnen, dass ich der Kommission gegenüber nicht weisungsbefugt bin und sie nach einem transparenten Procedere verfährt.

Wie bereits erwähnt, beziehen wir sowohl die in der Diözese Rottenburg-Stuttgart inkardinierten Ordensgeistlichen als auch diejenigen, die im Dienst der Diözese stehen, mit ein. Darüber hinaus ist die KsM allen ihr bekannten Fällen von möglichem Konsum und möglicher Verbreitung kinderpornographischen Materials durch Mitarbeiter der Diözese und ihrer Einrichtungen nachgegangen. Bis heute habe ich keine Handlungsempfehlung der KsM zurückgewiesen oder abgelehnt.

Uns sind insgesamt aus dem Zeitraum der Untersuchung (1946 bis 2014) 72 in der Diözese inkardinierte Kleriker bekannt, die des Missbrauchs an Minderjährigen beschuldigt werden. Von diesen 72 Klerikern sind 45 verstorben.

Eine tatsächliche Täterschaft konnte nicht in allen Fällen nachgewiesen werden. In elf Fällen wurde das Ergebnis der Untersuchung an die Kongregation für die Glaubenslehre in Rom gemeldet. In sieben Fällen war die Staatsanwaltschaft involviert. Zwei der Fälle wurden durch die Diözese angezeigt. In zwei Fällen sind die Kleriker ihres Amtes enthoben worden. In allen anderen neun Fällen habe ich Verweise ausgesprochen, die zum Teil mit einem deutlichen Gehaltsabzug für bis zu fünf Jahre verbunden waren und sind.

Für alle Täter und einzelne Beschuldigte wurde mindestens ein psychiatrisches Gutachten angefordert, um die Frage geeigneter Therapiemaßnahmen und die Frage der Weiterbeschäftigung (lediglich im Falle der unteren Kategorie: der sexuellen Übergriffigkeit) zu klären.

Ich kann versichern, dass in der Zeit meiner Verantwortung keine Versetzung eines beschuldigten Klerikers in eine andere Diözese erfolgte. Wenn ein Täter oder Beschuldigter, auch bei verjährter Tat bzgl. der unteren Kategorie, in eine andere Gemeinde versetzt wurde, wurde der leitende Pfarrer, der Zweite Vorsitzende des Kirchengemeinderats sowie auch der Dekan informiert. In keinem Fall handelt es sich hierbei um schweren sexuellen Missbrauch im Sinne von Vergewaltigung oder „Hands-on-Taten“. Zum aktuellen Zeitpunkt liegt der KsM ein Fall zur Bearbeitung vor. An diesem konsequenten Vorgehen sehen Sie: Null Toleranz ist die Maxime unserer Diözese!

Meine sehr geehrten Damen und Herren, glauben Sie mir, ich kenne die Akten und ich habe mit vielen Betroffenen persönlich gesprochen. Jeder Bitte eines Opfers um ein Gespräch bin ich nachgekommen. Stets aufs Neue ist mir ans Herz gegangen, was den Opfern an unvorstellbarem Leid zugefügt wurde. Jeder einzelne Fall zeigt, wie es Menschen verändert, die einem sexuellem Missbrauch zum Opfer gefallen sind und die meist ein Leben lang darunter leiden.

Trotz der akribischen Aufarbeitung dürfen wir mit der Bilanz (der Zahlen, der Opfer und des Umgangs mit den Tätern) keinesfalls zufrieden sein. Und sicherlich ist der Missbrauch an Schutzbefohlenen immer auch eine Anfrage an die Strukturen unserer Kirche. Insgesamt bin ich der festen Überzeugung, dass wir mit der Kommission sexueller Missbrauch den richtigen Weg beschritten haben. Eine besondere Maßnahme zur Vermeidung von sexuellem Missbrauch ist intensive, flächendeckende und strukturierte Präventionsarbeit.

Seit dem Jahr 2012 hat die Diözese Rottenburg-Stuttgart ihre Präventionsmaßnahmen verstärkt. Im Generalvikariat wurde eine Stabstelle Prävention, Kinder- und Jugendschutz eingerichtet und mit einer ganzen Personalstelle besetzt. Die Präventionsbeauftragte, Frau Hesse, wird ihre Arbeit ebenfalls nachher vorstellen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich weiß, dass die Opfer das Leid, das ihnen angetan wurde, oft ihr gesamtes Leben lang belastet. Ich weiß, dass ich das Geschehene nicht wiedergutmachen kann. Dennoch möchte ich mich an dieser Stelle mit Scham bei den Opfern entschuldigen! (Wie dies im Anschluss an den Skandal 2010 geschehen ist, können Sie gerne in der Broschüre „Unser Schatz in zerbrechlichen Gefäßen“ nachlesen.) Ich bin dankbar für jedes Zeichen der Solidarität und für jedes Gebet für die Opfer!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!