„Alternativen für ein Leben in Würde und einen Weg aus der Armut“

Der 2007 von Bischof Gebhard Fürst im Rahmen der diözesanen Klimainitiative gestiftete und mit 10.000 Euro ausgestattete Nachhaltigkeitspreis wurde am Montag im Stuttgarter Bischofshaus „Stella Maris“ zum zweiten Mal verliehen. Die baden-württembergische Umweltministerin Tanja Gönner, CDU, ist Schirmherrin des Franziskus-Preises. Mit einer lobenden Erwähnung wurde in diesem Jahr die „Ökumenische Energiegenossenschaft Horb“ ausgezeichnet.

Der Vorsitzende der Jury, der Landtagsabgeordnete und Grüne-Fraktionsvorsitzende Winfried Kretschmann, betonte, es sei den acht Juroren nicht leicht gefallen, unter den insgesamt elf hoch qualifizierten Bewerbungen aus Kirchengemeinden, Einrichtung der Caritas und der Bildungsarbeit sowie Ordensgemeinschaften in der Diözese einen „Solitär“ auszuwählen, der „wie ein Sieger bei einem Wettlauf der Beste sei, und sei er nur um Sekundenbruchteile vorne“. Das Projekt der schwäbischen Ordensfrauen in Tansania sei ein durchdachtes integratives ökologisches Konzept zur Stromerzeugung mit Bioenenergie, die aus der Jatropha-Pflanze gewonnen werde; zugleich fördere es lokale Wertschöpfung und Bildung und soziale Entwicklung die einheimische Bevölkerung. Der Zugang zu Energie sei eine unerlässliche Voraussetzung für menschenwürdige Lebensverhältisse und gesellschaftliche Teilhabe. Sei gäben die Schwestern ein überzeugendes Beispiel innovativer kirchlicher Entwicklungszusammenarbeit, das impulsgebend für viele Regionen Afrikas werden könne. Nicht zuletzt müsse die spirituelle Dimension dieses Projekts hervorgehoben werden, betonte Kretschmann, Es gebe „in dieser Welt immer Alternativen für ein Leben in Würde und einen Weg aus der Armut dort und bei uns vielleicht zu mehr Bescheidenheit“.

Mit der „Ökumenischen Energiegenossenschaft“, so Kretschmann, würdige die Jury ein Projekt von „hoher sozialer Intelligenz“ und könne gut auf andere Situationen übertragen werden. Bürgerschaftliche Verantwortung verbinde sich darin mit ökologischer Klugheit und sei ein glaubwürdiger Ausdruck moderner Spiritualität. Beispielhaft sei auch der ökumenische Charakter. Der traditionell bewährte Genossenschaftsgedanke werde in Horb auf einen neuen Bereich übertragen, betonte der Juryvorsitzende. Angesichts der weitgehenden Monopolisierung des Energiemarkts sei die breit abgelegte Beteiligung vieler Bürgerinnen und Bürger an der Genossenschaft eine echte Innovation. Dass Gewinne aus dem Betrieb ihrer bislang drei Photovoltaik-Anlagen in Projekte der kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit investiert würden, sei darüber hinaus ein Zeichen weltkirchlicher Solidarität, so Kretschmann.

Die Kirche sei heute nur glaubwürdig, wenn sie missionarisch und diakonisch sei, sagte Bischof Gebhard Fürst bei der Preisverleihung. Diakonie bedeute heute in einem umfassenden Sinn den engagierten Dienst an menschenwürdigen Lebensbedingungen, am solidarischen Miteinander aller und an einer lebenswerten Zukunft für die nachfolgenden Generationen. Wenn der christliche Glaube von Heil spreche, dann gehe es dabei nicht nur um den einzelnen Menschen, sondern „um die ganze vielfach bedrohte und geschändete und doch so wunderbare Schöpfung“, so der Bischof. Man müsse Christus so groß denken wie den Kosmos. Die Sorge um die Bewahrung der Schöpfung sei daher zum einen Ausdruck ökologischer, wirtschaftlicher und sozialer Verantwortung, zum anderen „eine Form der Anbetung von Gottes schöpferischer und rettender Liebe“. Diese Botschaft seien Christen angesichts eines „allmächtigen Diktats des Verfügens, Verzweckens und Ausbeutens“ den Menschen schuldig, betonte Bischof Fürst.

Als eine hervorragende Initiative würdigte die Schirmherrin, Umweltministerin Tanja Gönner, den im Rahmen der Klima-Initiative vergebenen Franziskus-Preis der Diözese. Der Preis biete eine Plattform des Austauschs und des gegenseitigen Lernens. "Wir brauchen solche Leuchtturmprojekte. Über den konkreten Beitrag für den Klimaschutz übernehmen solche Initiativen eine wichtige Vorbildrolle, die hoffentlich viele Nachahmer findet." Auch werde daran deutlich, dass es bei den Themen Klimaschutz und Nachhaltigkeit um die Bewahrung der Schöpfung und damit um die Zukunft dieser und der folgenden Generationen gehe. Das sei mehr als Energieeffizienz, Kostensenkungspotenziale und Managementsysteme. Nachhaltige Entwicklung benötige eine breite Basis an Engagement und Verantwortung, betonte die Ministerin. Auch das Land Baden-Württemberg verfolge mit einem derzeit in Arbeit befindlichen Klimaschutzkonzept 2020Plus ambitionierte Ziele und stelle Weichen für langfristig notwendige Entwicklungen. Grundlage des Konzepts sei es, das Ziel der Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad auch auf Baden-Württemberg zu übertragen und die CO2-Emission pro Kopf bis 2050 auf zwei Tonnen pro Jahr zu reduzieren. Strom solle bis dahin zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen und zu einem beträchtlichen Teil aus kleineren und mittleren Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen erzeugt werden. Neben dem Ausbau von Wärmenetzen sollten bis 2050 mindestens die Hälfte der Liegenschaften und der Beschaffung der Kommunen klimaneutral sein. Diese Visionen, so Gönner, seien sehr ehrgeizig, aber durchaus realistisch. Um sie zu erreichen, lasse das Umweltministerium in allen relevanten Sektoren für die Zeit bis 2020 konkrete Maßnahmen entwickeln.

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"Strom für Mbinga in Tansania – Stromerzeugung mit einer Solar-Hybrid-Anlage mit Pflanzenöl-Aggregat“ der Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul in Untermarchtal

Damit komme ich zur Bekanntgabe des Hauptpreises. Wir haben ihn den Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul in Untermarchtal für ihr Projekt "Strom für Mbinga in Tansania – Stromerzeugung mit einer Solar-Hybrid-Anlage mit Pflanzenöl-Aggregat“ zugesprochen. Verehrte Schwestern, ich gratuliere Ihnen von Herzen zu dieser Auszeichnung, besonders aber zu der Initiative selbst.

Das Regionalhaus der Barmherzigen Schwestern in Mbinga und die dazu gehörigen Stationen liegen im Südwesten von Tansania, einer Region mit einer bedeutend schlechteren Infrastrukur als im Norden des Landes. Unter anderem ist die staatliche Stromversorgung sehr unzureichend. Die Schwestern mussten sich von Anfang an autark versorgen. Der für die Maschinen in der Auto-, Schuster- und Elektrowerkstatt sowie für Schreinerei, Schlosserei und Näherei benötigte Starkstrom musste bislang durch Dieselgeneratoren mit hohen Kosten und hoher Umweltbelastung erzeugt werden. Die Entwicklungsmöglichkeiten von Häusern und Krankenstation sind durch den fehlenden Strom stark eingeschränkt. Die Nutzung von modernen Kommunikationsmitteln und Computern in Schulen und Büros ist ebenfalls nicht möglich.

Vor diesem Hintergrund starteten die Vinzentinerinnen in Mbinge 2006 gemeinsam mit der Firma energiebau, Solarsysteme GmbH in Köln das Projekt "Strom für Mbinga", d. h. die Stromerzeugung mit einer Solar-Hybrid-Anlage mit Pflanzenöl-Aggregat.

Diese Kombination einer Solarstromanlage mit einem Pflanzenöl-Generator ist eine ökonomisch und ökologisch sinnvolle Alternative der Energieversorgung in einem sonnenreichen Land. Das kleine dezentrale Kraftwerk benötigt auf Grund seiner Nähe zum Verbraucher keinerlei Fernleitung. Die Grundlast des Energiebedarfs wird durch Solarstrom gedeckt; bei besonders hohem Strombedarf z. B. in den Werkstätten wird das Aggregat dazu geschaltet – wahlweise mit Jatropha-Öl oder, in einer Übergangsphase, mit Diesel. Die dabei entstehende thermische Energie wird zur Erwärmung des Wasserspeichers genutzt, mit dem u. a. die Waschmaschinen in den Wäscherei gespeist werden.

Neben diesen technischen Fragen ist die Erzeugung des Kraftstoffs für den Generator von Bedeutung: Öl aus den Nüssen der Jatropha-Pflanze. Diese äußerst genügsame, auf mageren Böden wachsende Pflanze stellt keine Konkurrenz zum Anbau von Agrarfrüchten dar, die für die Ernährung von Bedeutung sind. Die Jatropha steuert dem Effekt der Erderwärmung entgegen, denn sie absorbiert während des Wachstums dieselbe Menge CO2, die bei der Verbrennung im Motor freigesetzt wird. Energieaufwand und Kosten für Transport entstehen nicht, da die Pflanzen ortsnah angebaut werden.

Von Gewicht sind schließlich die sozialen und kulturellen Aspekte. Seit dem Jahr 2006 haben die etwa 50 bis 60 Schülerinnen der Haushaltsschule von Mbinga jedes Jahr ca, 20.000 Setzlinge gepflanzt – mit viel Mühe und großer Geduld. Bebaut wird nur Brachland, keine Felder; hügelige Land muss von Dornen und Wurzeln befreit werden. Setzlinge werden in einer Baumschule gezogen. Die Zeitspanne bis zur Reife der Pflanze beträgt fünf bis sieben Jahre. Dieser Prozesse erfordert und fördert Geduld, Ausdauer, konsequentes Engagement – Bildungsziele, die nicht nur für diese konkrete Aufgabe von Bedeutung sind. Mit dem Erwerb von Wissen und Erfahrung durch die Schülerinnen gewinnt das Projekt einen hohen Multiplikationseffekt. Dieser wird dadurch gesteigert, dass die in den ersten Jahren geernteten Früchte weitgehend den Besuchern geschenkt wurden, damit sie selbst die Jatropha-Pflanze anbauen können. Die Schwestern sehen in der Verbreitung der Jatropha-Pflanze eine große Chance, dass sich viele kleine Leute und Arme durch deren Anbau und die Gewinnung des Öls eine neue, zusätzliche Einkommensquelle schaffen und zu einem kleinen Gewinn kommen können.

Insgesamt schafft das hier realisierte Konzept neben seinem ökologischen Nutzen eine Basis für eine nachhaltige sozio-ökonomische Entwicklung und für eine lokale Wertschöpfung. Die Verfügbarkeit von Energie schafft Möglichkeiten zur nachhaltigen Entwicklung des ländlichen Gebiets in diesem armen Land.

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Ökumenische Energiegenossenschaft Horb

Der Impuls zu dieser im September 2009 gegründeten und von zwei ehrenamtlichen Vorständen geleiteten Ökumenischen Energiegenossenschaft ging aus von den Umweltteams der Horber evangelischen und katholischen Kirchengemeinde. Angesichts des Klimawandels waren und sind diese von der Notwendigkeit von Investitionen in erneuerbare Energien überzeugt und wollen dies in lokalen und regionalen regenerativen Energienprojekten realisieren. Beide Kirchengemeinden waren bereits zuvor Träger von Photovoltaikanlagen und haben es als Gebot der Zeit betrachtet, die besondere Verantwortung der christlichen Kirchen für die Bewahrung der Schöpfung und für eine gerechtere Welt in konfessionsübergreifender Zusammenarbeit wahrzunehmen. Die wirtschaftlichen Erträge der Genossenschaft, die inzwischen die dritte Photovoltaikanlage in Betrieb genommen hat, werden daher zu einem Teil für den Ausbau von Energieprojekten in Afrika, Asien und Lateinamerika zur Verfügung gestellt.

Der Genossenschaftsgedanke hat sich für sie als eine Form bürgerschaftlichen Engagements nahegelegt, weil darin die gemeinsame Verantwortung möglichst vieler Menschen zum Ausdruck kommt und weil diese Organisationsform ein hohes Maß an Flexibilität ermöglicht. Die Beteiligung an der Ökumenischen Energiegenossenschaft Horb ist in kleinen Einheiten möglich: Bereits mit 500 Euro ist man dabei; das Engagement ist auf fünf Anteile zu 500 Euro begrenzt, dadurch wird die Abhängigkeit von Großinvestoren vermieden und das wirtschaftliche Risiko minimiert. Gleichberechtigung der Mitglieder, demokratische Prozesse und Kontrolle durch den Genossenschaftsverband sind wesentliche Kennzeichen. Die Mitglieder können bei guter wirtschaftlicher Entwicklung eine Dividende erhalten. Von noch größerem Gewicht aber ist die Intention, eine möglichst große Zahl von Menschen zu einem persönlichen Beitrag zum Klimaschutz zu aktivieren und mitmenschliche Solidarität zu praktizieren, die über die Grenzen der eigenen Kommune und des eigenen Landes hinausreicht.

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Übersicht über die eingereichten Projekte

 Kirchengemeinde St. Johannes, Fellbach: Aktualisierung und ökologische Bestandssanierung Gemeindehaus und Kindergarten Maria Regina Fellbach
 Kirchengemeinde St. Maria, Lenningen: Errichtung von netzgekoppelten Solarstromanlagen auf den Dächern des Kath. Gemeindezentrums St. Peter in Owen/Teck des Pfarr- und Gemeindehauses St. Maria in Lenningen
 Bischof-Sproll-Bildungszentrum. Biberach a. d. Riss: Klimaschutzschule - Lebensraum Schule nachhaltig gestalten
 Kirchengemeinde St. Elisabeth, Esslingen: Erlebnislandschaft St. Elisabeth - Grünes Paradies hinterm Gotteshaus
 Ökumenische Energiegenossenschaft Horb am Neckar: "Schöpfung bewahren"
 Kirchengemeinde St. Raphael, Leinfelden-Echterdingen: Errichtung einer solargekoppelten Solarstromanlage auf dem Dach der Katholischen Kirche St. Raphael
 Bildungshäuser der Diözese Rottenburg-Stuttgart: Das Lebendige Netz - Der Kirchliche Eigenbetrieb der Bildungshäuser der Diözese Rottenburg-Stuttgart
 Vinzenz von Paul Hospital Rottweil-Rottenmünster gGmbH: "Zukunftsweisendes Energiekonzept für unser Krankenhaus"
 Caritas Ulm: Stromspar-Check für Haushalte mit geringem Einkommen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart
 Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern Untermarchtal: Strom für Mbinga, Tansania Stromerzeugung mit einer Solar-Hybrid-Anlage mit Pflanzenöl-Aggregat
 Kirchengemeinde St. Franziskus Weilheim/Teck: Energetische Gesamtsanierung der Katholischen Kirche St. Franziskus