Angekommen in Santiago

Gut angekommen in Santiago ist auch die Anlaufstelle für deutschsprachige Pilger. Konnte diese Seelsorgsinitiative der Diözese Rottenburg-Stuttgart im Jahr 2009 nur während der Sommermonate angeboten werden, so wurde sie 2010 mit Unterstützung des Katholischen Auslandssekretariats der Deutschen Bischofskonferenz auf sechs Monate – von 15. April bis 15. Oktober - ausgeweitet. Zwanzig Laien und zwölf Priester standen dafür zur Verfügung. Alle zwei bis drei Wochen lösten die ehrenamtlichen Teams von je zwei Laien und einem Priester einander ab. Unerwartet stark sei das Interesse am Angebot der Beichte gewesen, berichten die Seelsorger. Bis zu sechs Stunden täglich hätten Pilger das Gespräch mit den Priestern gesucht, viele erstmals wieder nach vielen Jahren. Dank der Sprachkenntnisse vieler Priester hätten auch Christen anderer Länder das deutsche Angebot genutzt. Nahezu jeden Tag seien Pilger aus dem ganzen deutschen Sprachraum sowie aus Belgien, Holland, Polen, Schweden und Tschechien zum Pilgertreffen nach der Zwölf-Uhr-Messe gekommen. Stark besucht sei der abendliche „spirituelle Rundgang“ um die Kathedrale gewesen, den es früher in dieser Form in deutscher Sprache nicht gegeben hat. Als unvergesslicher Höhepunkt ihrer Pilgerschaft sei von vielen der Jakobus-Wallfahrer ein Schwerpunkt des „Pastoralprojekts Santiago 2010“ bezeichnet worden, eine Messe am frühen Morgen am Apostelgrab in der Krypta der Kathedrale.

Das Heilige Jakobusjahr, das 2010 in Santiago de Compostela und auf dem Jakobusweg gefeiert wird, hat die Notwendigkeit des deutschsprachigen Seelsorgeangebots besonders deutlich gemacht. Insgesamt, so lauten die Prognosen, wird man bis zum Jahresende auf bis zu 15 Millionen Menschen kommen, die den nach Jerusalem und Rom drittgrößten Wallfahrtsort der Christenheit besuchen, 30 Prozent mehr als im Jakobusjahr 2004. Zwar werden als „Pilger“ im eigentlichen Sinn in Santiago nur solche gezählt, die zu Fuß, mit dem Fahrrad, zu Pferd oder mit dem Rollstuhl in Compostela ankommen, doch waren allein dies bis zum 1. Oktober 2010 schon 232.361 Personen. Unterstützt wurde die enorme Renaissance der Jakobus-Pilgerschaft in den letzten Jahrzehnten nicht zuletzt dadurch, dass der Jakobsweg durch eine Deklaration des Europarats vom 23. Oktober 1987 zur Kulturstraße Nr. 1 in Europa erklärt worden war.

Die deutschen Seelsorgeteams mussten am Ziel der Wallfahrt auch manche Enttäuschung auffangen. Strenge Sicherheitsvorkehrungen, überfordertes Wachpersonal, Baugerüste in der Kathedrale trugen zur Ernüchterung bei. Auch habe auf den letzten 100 Kilometern vor Santiago die Ansammlung gewaltiger Pilgermengen das unterwegs gewonnene innere Gleichgewicht erheblich durcheinander gebracht, haben Wallfahrer berichtet. Aber im Auswertungsbericht des Pastoralprojekts werden auch Erfahrungen wie diejenige eines deutschen Pilgers zitiert: „Als ich mich in Sarria – 100 km vor Santiago – in den großen Strom aller Pilger einfügte, die mit mir zum heiligen Jakobus wanderten, fühlte ich mich wie ein Pilger im Mittelalter - herrlich! Ich hatte in den fünf Wochen auf dem Jakobsweg gelernt, meine Erwartungen mehr und mehr zu besiegen. Ich bin immer tiefer in den Geist des Camino eingedrungen und von ihm umfangen worden. So konnte ich von nichts mehr gestört oder enttäuscht werden. Ich bin nur noch dankbar für alles und kann alles so annehmen, wie es ist.“

Das „Pastoralprojekt Santiago“ wird auch nächstes Jahr fortgeführt. Es steht vom 1. Mai bis zum 30. September 2011 allen Pilgern deutscher Sprache offen. Dringend gesucht werden noch Priester, die sich innerhalb dieses Zeitraums für zwei bis drei Wochen für den seelsorglichen Dienst in Santiago zur Verfügung stellen. Informationen gibt die Hauptabteilung IV – Pastorale Konzeption der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Frau Doris Albrecht, Weggentalstr. 12, 72108 Rottenburg, DAlbrecht@bo.drs.de .

Dr. Thomas Broch