Anwendungsfall christlicher Weltverantwortung

Dies hat Bischof Gebhard Fürst bei einem Festakt im Stuttgarter Haus der Katholischen Kirche am Mittwochabend, 8. September, zum 200-jährigen Bestehen der katholischen wissenschaftlichen Bibliotheken in der Diözese Rottenburg-Stuttgart betont. Sie trügen neben anderen Kulturleistungen durch ihre Bibliotheken zur Gesamtkultur konstruktiv und kritisch bei, zugleich erfüllten sie damit einen kirchlichen Grundauftrag, betonte der Bischof. Die Förderung von Bibliotheken und die Förderung von Kultur im umfassenden Sinn sei "ein spezifischer Anwendungsfall christlicher Weltverantwortung".

Bischof Fürst wies darauf hin, dass sich nach einem Enquêtebericht des Deutschen Bundestags zur "Kultur in Deutschland" aus dem Jahr 2008 etwa 400 Bibliotheken mit 14 Millionen Büchern in kirchlicher Trägerschaft befinden. Gemeinsam mit den Evangelischen Öffentlichen Büchereien machten die 3.864 Katholischen Öffentlichen Büchereien in Deutschland rund die Hälfte aller öffentlichen Bibliotheken aus und stellten durch dieses breite Netz von Einrichtungen sicher, dass qualifizierter Lesestoff für ungezählte Menschen erreichbar sei.

Bibliotheken in kirchlichem Besitz, so Bischof Fürst, bereiteten humane und spezifisch christliche Kultur auf und stellten einen unermesslichen Schatz von Wissen und Weisheit dar. Dieses Gut werde sowohl von der kirchlichen als auch von der bürgerlichen Öffentlichkeit genutzt. Auch tragen Bibliotheken nach Aussage des Bischofs zur Identitätsbildung der Kirche in der Gegenwart bei und helfen, dass sie das Gespräch mit der Gesellschaft führen kann. Dazu müssten sie auch den aktuellen Stand des Wissens in verlässlicher Weise bereitstellen.

Die Gastrednerin des Festakts, Bundesministerin Annette Schavan, betonte, Bibliotheken seien in einer Stadt und einer Region "wichtige Bastionen einer Wissens- und Bildungsgesellschaft". Anlaufpunkte wie Bibliotheken seien notwendig, weil in einer durch stetigen Wandel geprägten Welt lebenslanges Lernen immer wichtiger werde. Der Diözesanbibliothek Rottenburg bescheinigte die Bildungsministerin: "Als eine der zentralen Einrichtungen der Diözese Rottenburg-Stuttgart bereichert sie das kulturelle Leben immens." Die Diözesanbibliothek sei "unverzichtbarer Teil eines Quartetts der Bildung, das Bibliothek, Diözesanmuseum, Hochschule für Kirchenmusik und Domsingschule" umfasse.

"Die Bibliotheken der Zukunft müssen den Kindern unserer multikulturellen und multimedialen Gesellschaft breite Zugänge zum Lesen eröffnen", betonte Frau Schavan. Laut Umfragen lese in Deutschland jeder Vierte niemals ein Buch, unter den Hauptschülern seien dies sogar 40 Prozent. Das Bücherlesen finde sich unter den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen der Deutschen erst an siebter Stelle – weit abgeschlagen hinter "Auto fahren". Bibliotheken hätten daher die Aufgabe für das Lesen zu werden. Daher der Appell der Ministerin: "Es muss klar werden: Lesen ist eine Lust, keine Last. Lesen ist cool. Lesen macht schlau."

Dr. Thomas Broch