Ökumene

Applaus für Glockenumzug

Ein Autokran hebt eine Glocke aus dem Turm der Aalener Markuskirche. Mit einem Lkw wurden die drei Glocken zur Heilig-Kreuz-Kirche gebracht. Foto: DRS/Jerabek

Gelebte Ökumene: Im Hüttfeld in Aalen haben drei Kirchenglocken den „Dienstherrn“ gewechselt, um weiter dem einen Herrn zu dienen.

Kurz vor dem dritten Advent sind die drei Glocken der evangelischen Markuskirche „umgezogen“, um künftig in der katholischen Heilig-Kreuz-Kirche zu klingen. Beide Kirchen aus den späten 1960er-Jahren stehen im Aalener Ortsteil Hüttfeld. Die Markuskirche wurde 2018 aufgegeben und soll abgerissen werden, während die Heilig-Kreuz-Kirche bislang noch keine Glocken hatte. In einem feierlichen Akt wurde die Glockenspende besiegelt.

Behutsam lupft der starke Arm eines Autokrans die Glocken nacheinander aus dem Glockenstuhl der Markuskirche. Die Blicke von etwa zwei Dutzend Bewohnern folgen dem Schwenk des Arms zur Pritsche eines Lastwagens, wo er die Glocken auf Holzpaletten absetzt. Die 1982 gegossenen Glocken tragen die Namen Christusglocke, Jubilate und Freiheitsglocke.

Zeichen ökumenischer Verbundenheit

Für den evangelischen Dekan von Aalen, Ralf Drescher, ist der Glockenumzug „ein denkwürdiger und berührender Augenblick“; Wolfgang Sedlmeier, leitender Pfarrer der katholischen Seelsorgeeinheit Aalen, spricht von einem „Zeichen des Vertrauens und der Verbundenheit“. Dann schreiten die Pfarrer zur Unterzeichnung der Schenkungsurkunde, ein Stützfuß des Autokrans dient als Pult.

„Irgendwas hat gefehlt“, erinnert sich Helmut Erhardt, Bewohner im Hüttfeld und Initiator der Glockenumsetzung, an den Zeitpunkt, als die Glocken der Markuskirche mit deren Schließung verstummten. „Ich habe die Glocken immer gern gehört.“ Und weil er wusste, dass für die Heilig-Kreuz-Kirche bei deren Bau einst vier Glocken geplant waren, aber nie realisiert wurden, schritt er mit einer kleinen Gruppe aus Anwohnern zur Tat. Sowohl die evangelische Stadtkirchengemeinde als auch die Wohnungsbau Aalen, ein Tochterunternehmen der Stadt, die das Grundstück samt Kirche inzwischen erworben hat, zeigten sich für eine Schenkung bereit.

Glockenprojekt braucht Spender

Auch der katholische Kirchengemeinderat der Salvatorgemeinde, zu der Heilig Kreuz gehört und deren gewählter Vorsitzender Helmut Erhardt bis zu diesem Jahr war, stimmte dem Vorhaben zu. Damit die Glocken dort zum Einsatz kommen können, muss der Turm dafür instandgesetzt werden. Außerdem müssen ein Glockenstuhl eingebaut, die Schallläden überprüft bzw. erneuert und die Läute- und Steuerungstechnik installiert werden. Die Kosten für das Glockenprojekt selbst – dazu zählt auch die Demontage und die Überführung der Glocken – müssen rein aus Spenden finanziert werden. Rund 40.000 Euro sind dafür veranschlagt. „Wir können mit der Sanierung des Turms erst beginnen, wenn wir die Hälfte dieser Summe gesammelt haben“, erklärt Erhardt. „Da braucht man einen langen Atem.“ Dennoch vertraut Helmut Erhardt darauf, dass sich sein ehrgeiziger Zeitplan einhalten lässt: im Jahr 2021 die Sanierung des Turms, 2022 dann der Einbau der Glocken.

Ein Stück Beheimatung

„Ich wünsche den Glocken einen guten heiligen Dienst drüben in Heilig Kreuz“, sagt Dekan Ralf Drescher. Für Pfarrer Wolfgang Sedlmeier bedeutet die Umsetzung der Glocken innerhalb des Hüttfelds „mehr als dass sie erhalten bleiben“. Ihr vertrauter Klang bedeute auch Beheimatung. Deshalb hoffe er, dass die Glocken nicht nur dabei helfen, Gottesdienste zu gestalten, sondern dass sie dazu beitragen, dass die Menschen im Hüttfeld zusammenkommen, „dass man sich besser kennenlernt“. Marco Frey, letzter Pfarrer der Markuskirche, spricht ein Gebet für die Menschen im Hüttfeld, für die Kirchen und die Stadt. Gemeinsam spenden die Seelsorger den Segen – auf evangelischer Seite neben Frey und Dekan Drescher auch Pfarrer Bernhard Richter, aus der katholischen Seelsorgeeinheit ist außer dem leitenden Pfarrer Sedlmeier auch Pfarrvikar P. Shiju Mathew dabei.

Während vor der Markuskirche noch gearbeitet wird – die Glocken auf dem Lkw müssen festgezurrt und ihre Aufhängung abgeschraubt werden –, wartet man ein paar Hundert Meter weiter vor der Heilig-Kreuz-Kirche schon ungeduldig auf die schwere Fracht. Gemeindemitglieder und Mitarbeiter sind gekommen, auch Vertreter der italienischen Gemeinde Maria Santissima Immacolata. Anwohner tauschen sich über ihre Erlebnisse in und mit ihrer Kirche aus, erzählen den wartenden Journalisten Begebenheiten wie einst vor vielen Jahren die große Enttäuschung eines Brautpaares, als am Ende der Trauung kein Glockengeläut erklang…

Dem Hüttfeld wieder eine „Stimme“ geben

Dann sind die Glocken endlich da. Mit einem Hubwagen werden die Paletten mit den Glocken in die Kirche gefahren, nachdem sie der starke Arm des Krans abgesetzt hat. Als die Glocken ihren Interims-Standplatz im hinteren Bereich der Kirche eingenommen haben, gibt es Applaus – zum Willkommen und als Dank für das schöne ökumenische Projekt. „So eine Aktion trägt dazu bei, dass die Kirche zu Menschen kommt“, sagt Initiator Helmut Erhardt. Freilich komme es jetzt darauf an, dass die Kirche und ihre Glocken genügend Freundinnen und Freude finden, die das Projekt unterstützen – um dem Hüttfeld wieder eine „Stimme“ zu geben. Dann, so Erhardt, würde Heilig Kreuz 2022, nach über 50 Jahren, endlich vollendet sein.