„Armut und Überschuldung wachsen in unerträglichem Maß“

„Armut und Überschuldung wachsen in unerträglichem Maß auch in unserem insgesamt wohlhabenden Bundesland“, sagte Bischof Fürst am Freitag in Rottenburg. Die Schere zwischen Armen und Reichen werde gerade im Südwesten besonders deutlich sichtbar. Unter Berufung auf die Erfahrungen kommunaler und kirchlicher Schuldnerberatungsstellen forderte der Bischof ein breiter angelegtes und weitere Gesellschaftsschichten einschließendes Bildungssystem. Eine Mehrheit der Schuldner verfüge über geringe Schul- oder Berufsbildung; mehr als die Hälfte dieser Klientel habe einen Migrationshintergrund.

Nach Angaben des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg von Anfang September stieg die Zahl der abgeschlossenen Privatinsolvenz-Verfahren in Baden-Württemberg im ersten Halbjahr 2007 gegenüber dem Vergleichszeitraum 2006 um 13 Prozent auf 6.753. Darunter waren 4.830 Fälle und damit zwei Drittel aller Verfahren reine Verbraucherinsolvenzen. Die Zahl der reinen Verbraucherinsolvenzen stieg der Statistik zufolge um 16 Prozent.

Bischof Fürst verwies auf Erfahrungen der Beratungsstellen, nach denen immer mehr so genannte masselose Insolvenzverfahren bewältigt werden müssen. Hinter diesen „O-Fällen“, in denen Schuldner auf Jahre hinaus kein pfändbares Einkommen erzielen werden, verberge sich oft eine Problematik aus Bildungsmangel, sehr geringem Einkommen und Überschuldung. Die hohen beruflichen Standards in Baden-Württemberg machten es diesen Personengruppen besonders schwer, reale Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhalten. Nur mit qualifizierter Schul- und Berufsbildung könne in Deutschland ein Einkommen über der Pfändungsgrenze erreicht werden, betonte der Bischof. Andernfalls drohe eine Ausweitung prekärer Arbeitsverhältnisse, eines „working poor“. Besondere Bildungsanstrengungen seien nötig für Kinder und Jugendliche aus Ausländerfamilien. Immer noch würden zu viele vom Bildungssystem ausgegrenzt; damit sei oft der Weg in ein Leben mit geringstem Verdienst und in Überschuldung vorgezeichnet, sagte der Rottenburger Bischof.