Aufgebrochen zu St. Martins Geburtsort

Von verschiedenen Orten der württembergischen Diözese sind die Pilger aufgebrochen mit Ziel Linz. Die oberösterreichische Stadt ist die erste Station der Pilgerfahrt, auch sie ein Ort besonderer Verehrung des Diözesanpatrons von Rottenburg-Stuttgart. Die Diözesanwallfahrt steht unter dem Leitwort „Mit Martinus über Grenzen“. Am Samstag kehren die Pilger zurück.

Zwei Jahre organisierte die Pilgerstelle der Diözese diese Fahrt, die über Linz und Eisenstadt führt, ebenfalls ein „Martinsort“. Bewusst wählten die Planer das grenzüberschreitende Motto, steht der heilige Martin doch in mehrfacher Hinsicht für Weite und Offenheit. So ist sein Bild nicht nur geprägt von der allgemein bekannten Mantelteilung, mit der er dem frierenden Bettler aus der Not half. Allein schon sein Lebensweg vom ungarischen Geburtsort, dem früheren Steinamanger, über die Jahre seiner Jugend im oberitalienischen Pavia und Mailand, die Zeit als Soldat in Gallien bis zur Taufe und seinem entschiedenen christlichen Einsatz als Mönch und Klostergründer sowie ab 371 als Bischof von Tours zeigen einen überzeugenden christlichen „global player“, genauer „european player“.

In den Augen von Domkapitular Uwe Scharfenecker, Kirchenhistoriker und einer der geistlichen Begleiter der Diözesanwallfahrt, steht der Martinus für Gottesliebe, Toleranz, Menschen- und Schöpfungsfreundlichkeit. Laut Scharfenecker schildern die biographischen Schriften des Sulpicius Severus Martin als einen Menschen, der sich mit viel Zivilcourage auch gegen innerkirchliche Konventionen stellte.

Als Beispiel nennt Scharfenecker Martins Eintreten für Priscillian, den Anführer einer Bewegung, die von Kirche und Kaiser als häretisch verurteilt worden war. Heftig protestierte Martin bei Kaiser Maximus dagegen, dass dieser Priscillian trotz Zusicherung freien Geleits 385 hatte hinrichten lassen, und brach den Kontakt zu seinen Mitbischöfen ab, die die Verurteilung begrüßten. Martins Schöpfungsfreundlichkeit spiegelt sich in der von Sulpicius Severus überlieferten Erzählung vom Hasen, den der Wundertäter Martin vor wilden Hunden rettete, seine Menschenfreundlichkeit in zahllosen Krankenheilungen. Für Martin gab es keine Grenzen, für ihn galt allein das Prinzip der Liebe, das dem christlichen Glauben half, im fränkischen Raum stabile Wurzeln zu schlagen.

Diese Spuren verfolgen die an roten „Martinus-Schals“ erkennbaren Wallfahrer aus der württembergischen Diözese in einer Zeit, in der Europa um seine Identität ringt. In der Wallfahrerschar aus Württemberg finden sich ganz unterschiedlich geprägte Menschen. Neben Pilgern aus Kirchengemeinden und Verbänden nehmen Obdachlose aus der Stuttgarter „Franziskusstube“ der Franziskanerschwester Margret unter dem Leitwort „Mit Martin über Grenzen“ ebenso teil wie blinde Menschen von den Werkstätten des Klosters Heiligenbronn. Begeistert sind auch „Martinihäusler“ aus dem Bischöflichen Rottenburger Musischen Internat auf der Spur ihres Namensgebers. Bischof Gebhard Fürst will in Szombathely grenzüberschreitend den Ungarn Dank sagen – auch dafür, dass sie 1989 die Öffnung des Eisernen Vorhangs ermöglichten und so Europa eine Zukunftsperspektive schenkten.

Uwe Renz