„Aus Sterbensverkürzung kann aktive Lebensverkürzung werden“

Zu einem verantwortlichen Leben gehöre auch „das Bedenken des Todes und das Annehmen der eigenen Sterblichkeit“, aber auch der Wunsch, auch die letzte Lebensstrecke menschenwürdig zu durchleben. Dies könne eine intensive medizinische Behandlung erforderlich machen oder aber den Verzicht darauf. Patientenverfügungen seien hierfür als eine wichtige Entscheidungshilfe zu berücksichtigen.

Bischof Fürst wies auf die Problematik hin, die sich aus Vorausverfügungen oder aus der mutmaßlichen Feststellung des Willens eines Schwerstkranken ergeben, der selbst nicht mehr entscheidungsfähig ist. Aus „Sterbensverkürzung“ könne „direkte Lebensverkürzung“ werden. „Wo Leben gerettet werden könnte, wird es beendet“, befürchtete der Bischof. Kategorisch erteilte er der aktiven Sterbehilfe eine Absage. Diese sei in Deutschland zu Recht verboten und werde strafrechtlich verfolgt. „Das Töten eines Menschen“, sagte Bischof Fürst, „kann niemals die Tat der Liebe oder des Mitleids sein, denn es vernichtet die Basis der Liebe und des Vertrauens. Weil wir nicht selbst über unser Leben und schon gar nicht über das Leben anderer verfügen, lehnen wir jede aktive Beendigung des Lebens ab.“ Auch passive Sterbehilfe setze unbedingt das Einverständnis des Patienten voraus.

Der Rottenburger Bischof, lange Jahre Mitglied der Ethikkommission der Bundesregierung und derzeit Vorsitzender der Unterkommission Bioethik der Deutschen Bischofskonferenz, fragte, ob moderne Menschen aufgrund der immer besseren Beherrschbarkeit von Krankheiten „die Fähigkeit verlieren, sich in unvermeidbares Leid zu fügen und ihm Sinn abgewinnen zu können“. Gutes Leben und das Vermeiden von Leid seien in unserer Kultur zentrale Werte. Aber „die Beherrschung des Todes liegt nicht im Horizont menschlicher Handlungsmöglichkeiten“, betonte er. Kritisch setzte er sich mit dem Grundsatz der Selbstbestimmung auseinander: „Sein Leben mitzuverantworten ist etwas anderes, als sein Leben und seinen Tod vollständig im Griff zu haben.“ Das Argument der Selbstbestimmung dürfe nicht „exklusiv leitend“ sein. Es müsse vielmehr ergänzt werden durch die Erkenntnis, „dass liebevolle Zuwendung zum Menschen in der schwächsten Phase seine Lebens durch nichts zu ersetzen ist.“ „Geliebt zu werden ist noch wichtiger als selbstbestimmt zu leben“, betonte Bischof Fürst.