Ausbrennen mit Orgelspiel und Chorgesang

Wie sie sich gegen drohenden Burnout einstimmen können, damit befasste sich im Kloster Heiligkreuztal am Donnerstag der jetzt 25 Jahre alt gewordene Verband der Kirchenmusiker in der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Informationen und Tipps lieferte den 130 Verbandsmitgliedern der emeritierte Konstanzer Medizinprofessor Volker Faust. Der Neurologe und Psychiater empfahl den Musikern eine in Dankbarkeit und Demut wurzelnde Gelassenheit, disziplinierte Lebensführung und Ehrlichkeit gegenüber sich selbst: „Die vermeintlich starken Leute brechen als erste ein.“

Die Musiker bestätigten eine stetig gewachsene Belastung. Gemeinden und Dekanate mit immer differenzierteren Strukturen forderten ihren Tribut. So betonte der Schramberger Kirchenmusikdirektor Rudolf Schäfer, Vize-Vorsitzender des Verbands, dass das Spektrum kolossal breit geworden sei. "Früher spielte der Kirchenmusiker die Orgel, probte mit Kirchenchor und einer Schola." Heute kümmere er sich um Kindergarten und Seniorenkreis, betreue die Kantoren und Jugendchöre mit Bands, für die Arrangements geschrieben werden müssten. "Dieser Aufwand kann sehr belasten", so Schäfer.

Professor Faust warnte davor, Anzeichen von Burnout – oder besser: Erschöpfungsdepression – nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Burnout sei ein schleichender Prozess und breite sich wie ein Schwelbrand in inzwischen nahezu allen Berufen aus. Das Phänomen existiere seit Jahrhunderten und funktioniere nach dem Mechanismus „Mit dem Kopf durch die Wand und hinterher am Boden“.

Vor allem so genannte Leistungsträger sind laut Professor Faust von Burnout bedroht. Bis sich das Gefühl „der Topf ist leer, ich kann nicht mehr“ einstelle, durchlaufe der leidende Selbstverbrenner mehrere Stufen. „Es beginnt zunächst scheinbar positiv.“ Der gefährdete Mensch (über)engagiere sich, dann verleugne und beute er sich zunehmend aus. Sein Kontaktnetz werde immer dünner, „denn Kontaktpflege kostet Kraft“. Schließlich würden, oft vom Patienten unbemerkt, Kreativität und Innovationskraft dahinschmelzen – für kreative Berufe wie den des Musikers besonders fatal.

Schließlich melden sich körperliche Missbefindlichkeiten wie Herzstechen, Dauerkopfschmerz, Müdigkeit, reizbare Schwäche und Verlust der Lachfähigkeit, wie der Mediziner aufzählte. Wenn am Ende sich Zynismus und Sarkasmus breit machten mit der Folge von Beziehungsproblemen am Arbeitsplatz und in der Familie, „dann haben wir einen Menschen vor uns, der abbrennt wie eine Kerze“.

Eine gute Gesundheitsbasis sollten die Musiker errichten und „nicht nur schaffen, schaffen“ empfahl der Professor, „es gibt auch ein Leben vor dem Tode, das Hamsterrad nimmt jede Basis“. Zur Basis gehöre ausreichend Schlaf („Sie schlafen alle zwei Stunden weniger als Ihre Vorfahren“), mehr Bewegung („30 Minuten bei Tageslicht 100 Schritte pro Minute“), gesunde Ernährung, mäßig Alkohol und die Pflege von Hobbies.

Diözesanmusikdirektor Walter Hirt appellierte an seine Kollegen, Burnout als Gefahr ernst zu nehmen. Es wäre ein Irrtum zu meinen, Kirchenmusik sorge automatisch für eine gute Befindlichkeit des Musikers. Dagegen bestehe die Gefahr, seine Kräfte zu überschätzen und die inneren Quellen zu verlieren. Kirchenmusik sei gewiss ein befriedigender fürsorglicher Dienst am Menschen, meinte Hirt. „Doch zur Fürsorge gehört auch die Vorsorge.“

Diese Vorsorge dürfte auch dem für die Kirchenmusik in der Diözese verantwortlichen Weihbischof Johannes Kreidler am Herzen liegen. Denn nur seelisch gesunde Kirchenmusiker können „den Menschen die Töne der Liebe Gottes ins Herz spielen“, wie Kreidler in Heiligkreuztal die Aufgabe von Kirchenmusikern beschrieb.

Der Diözesanverband der Kirchenmusiker Rottenburg-Stuttgart ist der älteste in Deutschland und hat 130 Mitglieder. Als Interessenvertretung strebt er unter anderem bessere Arbeitsbedingungen und angemessene Entlohnung an.

Uwe Renz