Begegnung mit großen Menschen in extremer Armut

Einem „extremen Gefühlsbad“ seien sie oft ausgesetzt gewesen, berichtet Brigitte Willbold-Mulach, die als Vorsitzende des Diözesanausschusses Eine Welt an der Exposure-Reise teilgenommen hat. Vieles habe die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehr berührt und zu Reflexionen in die eigene Lebenstiefe hinein geführt, so Willbold-Mulach. Besonders die Herzlichkeit und Gastfreundschaft bei den Kleinbauernfamilien und den Ureinwohnern sei überwältigend gewesen. Sie selbst komme mit einem „kompletten Wandel der Perspektive“ zurück. Man reise mit dem Bewusstsein der Bewohner eines reichen Kontinents an und glaube, vieles zu bringen. Doch dann kehre man selbst reich beschenkt zurück. Mitten in extremer Armut begegne man „Menschen, die so groß sind“. Ein Schlüsselerlebnis sei es auch gewesen, die Kirche als einzigen Partner der Ausgegrenzten zu erfahren. Sie sei dort präsent, „wo niemand mehr da ist“, und stehe auf der Seite von Menschen, die sonst keinerlei Lobby hätten.

Von gegensätzlichen Erfahrungen berichtete nach der Rückkehr Klaus-Jürgen Kauß, Mitarbeiter der Hauptabteilung Weltkirche der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Anders als bei seinen häufigen früheren Brasilien-Aufenthalten habe er die überraschende Erfahrung gemacht, dass viele früher arme Menschen einen zumindest bescheidenen Wohlstand erreicht hätten und nicht mehr in dem Bewusstsein lebten, zu der untersten Schicht zu gehören. Andererseits spiele das „accampamento“, die Landbesetzung, eine große Rolle. Unter den vielen Erlebnissen habe ihn diese am meisten beeindruckt, berichtet Kauß. Sie hätten, im Süden des Landes in der Region um Porto Alegre gesehen, wie die Landlosen sich entlang den großen Straßen in 17 Meter breiten Zonen in Zeltstädten niedergelassen hätten – jeweils bis zu 200 Familien mit vielen Kindern, die von ihrem Land vertrieben worden seien oder die alles zurückgelassen hätten in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Sie hätten sich dort eine eigene Infrastruktur geschaffen: eine Verwaltung, Schulen und sogar eine eigene Polizei, die sie vor gewaltsamen Übergriffen schützt. Mit ihrer Anwesenheit demonstrierten sie: Wir sind jetzt da. Denn der 17-Meter-Streifen entlang den Straßen gehöre der Regierung, und die Landbesetzer hätten eine gewisse Aussicht, dass sie nach einigen Jahren Land zugewiesen bekämen, ein „assentamento“, das die Regierung den Großgrundbesitzern abgekauft habe. Wer am längsten da sei, komme als erster dran, die anderen geduldeten sich eben weiter. Die Menschen in den armseligen, den Wetterereignissen ausgesetzten Unterkünften lebten in einer „gewissen Kampfsituation“, erzählt Klaus-Jürgen Kauß. Sie wollten die Veränderung, und sie glaubten an ihre Chance. Und sie erfahren nach seinen Worten solidarische Unterstützung und Beratung durch Schicksalsgenossen, die es geschafft haben und die sich jetzt in der Landlosenbewegung engagieren. Irma heißt die etwa 45-jährige Frau, die die schwäbische Reisegruppe kennenlernte. Sie hat selbst vor fünf Jahren Land zugewiesen bekommen und lebt jetzt in anderen accampamentos mit, um anderen auf eine bessere Zukunft Hoffenden ihre Erfahrung zur Verfügung zu stellen.

Dr. Thomas Broch