Besinnung auf ein Europa mit christlichem Menschenbild

Rottenburg. 6. Januar 2016. Zum intensiven Austausch und zur Begegnung zwischen den Religionen hat Bischof Gebhard Fürst in seiner Neujahrsansprache aufgerufen. Religion könne zur Kraft der Versöhnung von Menschen unterschiedlicher Kulturen werden, sagte der Bischof am Mittwoch bei seinem Neujahrsempfang in Rottenburg.

Durch die gegenwärtigen Flüchtlingsbewegungen werde Deutschland nicht nur in kultureller, sondern auch in religiöser Hinsicht vielfältiger. Für den interreligiösen Dialog ergäben sich daraus neue und anspruchsvolle Aufgaben. „Integration wird nur gelingen, wenn wir als Verantwortungsträger in Kirche und Gesellschaft dem Islam und den Muslimen nicht angstvoll und ablehnend begegnen“, sagte der Rottenburg-Stuttgarter Bischof. Dies voranzutreiben sei eine Aufgabe der christlichen Kirchen. Aber auch die in Deutschland lebenden Muslime müssten dabei konstruktiv mitwirken, ergänzte Bischof Fürst.

„Wir alle, die politisch Verantwortlichen, die Zivilgesellschaft, die christlichen Kirchen, wie auch die muslimischen Religionsgemeinschaften, müssen uns endlich auf Europa als Wertegemeinschaft besinnen, in die das christliche Bild vom Menschen eingeschrieben ist und bleibt“, forderte Gebhard Fürst. Wichtig sei dabei, dass sich bereits Integrierte ihrer Aufgabe als Brückenbauer für diejenigen bewusst würden, die neu zu uns kämen.

„Heute müssen wir bitter erfahren, dass ein Europa, das sich nicht auf gemeinsame Werte beruft, ein leeres Gerüst ist“, sagte Gebhard Fürst. Der europäische Gedanke sei zum Scheitern verurteilt, wenn jeder Staat nur sein eigenes Wohl als Maßstab für die Problemlösung heranziehe. Bischof Fürst verwies auf den ehemaligen Präsidenten der Europäischen Union, Jaques Delors, der eine Rückbindung zur christlichen Religion und ihrer eindeutigen Option für die Armen, Schwachen und gegen eine Gesellschaft des Egoismus gefordert hatte.

Der Rottenburger Oberhirte betonte, dass die Diözese Rottenburg-Stuttgart ihren Kurs in der Flüchtlingsfrage auch im Jahr 2016 beibehalten und die Hilfen verstärken werde. Dazu gehöre unter anderen ein Konzept zur Betreuung und Verbesserung der Bildungschancen für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aus Flüchtlingsfamilien, das derzeit unter Federführung der Bischöflichen Schulstiftung erarbeitet werde. Außerdem würden weitere Anstrengungen bei der Bekämpfung von Fluchtursachen unternommen. Diese basierten nicht zuletzt auf der Pastoral einer schöpfungsfreundlichen Kirche, wie es die Enzyklika „Laudato Si“ eindrücklich dargestellt habe: „Klimaschutz und ökologisches, nachhaltiges Verhalten ist eine wichtige und wirksame Maßnahme zur Fluchtvermeidung“, sagte Gebhard Fürst.

Mit Blick auf das für 2016 ausgerufene Martinsjahr in der Diözese bezeichnete Bischof Fürst den Diözesanpatron als „Hoffnungszeichen und Hoffnungsmacht in einer derzeit so noch nie dagewesenen krisenhaften Entwicklung in der Weltgesellschaft“. Der Heilige Martin könne als „Ikone der Nächstenliebe“ und in seiner Haltung zu Gewalt und Krieg Kraft und Zuversicht geben in einer globalen Krise der Orientierung.

Für den Sprecher des Diözesanrates, Dr. Johannes Warmbrunn, sei im Rückblick auf das vergangene Jahr erneut deutlich geworden, dass es wenigen, aber wirkmächtigen Kräften darum gehe, zu spalten. In Gut und Böse, in dafür und dagegen. „Religionen werden wie Spaltkeile missbraucht“, sagte Warmbrunn in seinem Grußwort.

Säkulare Staaten und weltliche Rechtssysteme allein seien zu schwach, um gegen diesen Missbrauch der Religionen dauerhaft wirksam angehen zu können – erst recht nicht, indem sie ihre Militärapparate in Gang setzten, ergänzte Warmbrunn. „Deswegen sind die in Religionsgemeinschaften vereinten Menschen guten Willens in besonderer Weise herausgefordert“, betonte der Diözesanratssprecher.

Es komme wesentlich darauf an, das Verbindende und Vereinende im gemeinsamen Umfeld zu praktizieren. Die Stärkung des ganzen Kirchenvolks und besonders der ehrenamtlich Engagierten sei daher sehr wichtig. Er hoffe, so Warmbrunn, dass in enger Verbindung mit den hauptberuflich Engagierten durch konstruktives Teilen von Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortung, durch kluges Anleiten und gegenseitiges sich Ergänzen heilsame Kräfte entfaltet werden könnten. Und dies über die Grenzen unserer Kirche hinaus, gemeinsam mit den bürgerlichen Gemeinden, mit anderen Kirchen und Religionsgemeinschaften.

Manuela Pfann