Beten als Ausdruck eines weiten Menschenbildes

In dem alten Mariengebet der Kirche, dem „Ave Maria“ werde mit Bildern aus der Glaubenstradition des biblischen Volkes Israel die Überzeugung vieler Menschen zum Ausdruck gebracht, dass Gott am Ende der Tage seine Gnade und sein Erbarmen zeigen werde. Das Erkennungszeichen des jüdisch-christlichen Gottes sei das Wort „Fürchte dich nicht“, während viele Götter dieser Welt Interesse an der Furcht der Menschen hätten und ihre Macht auf der Angst aufbauten.

Mit der Besinnung auf dieses alte Mariengebet werde das Thema Beten insgesamt aufgegriffen, betonte Weihbischof Kreidler. Wer heute bete, befinde sich gegenüber der Moderne und gegenüber einem „wieder stärker wehenden atheistischen Gegenwind“ unter Rechtfertigungszwang. Beter würden oft belächelt, weil sie in der Kinderschuhen des Glaubens stecken geblieben und noch nicht wirklich rational und erwachsen geworden seien. Man müsse sich dem weltanschaulichen Gegenwind des Atheismus stellen, aber man dürfe auch darüber hinaus denken, so Kreidler. Die Gegenfrage laute: „Wer denkt eigentlich größer von der Welt und dem Menschen, der Atheist oder der Glaubende?“ Christen könnten gute Gründe für sich in Anspruch nehmen, wenn sie sagten, der Grund der Welt sei nicht eisige Stummheit; der Kern des Lebens sei vielmehr „Wort, Anrede, Zuspruch und Trost“. Damit werde eine tiefe Sehnsucht des Menschen aufgegriffen, die nicht allein deshalb irrational oder illegitim sei, weil der Glaube die menschliche Sehnsucht positiv beantworte. Der Beter, so der Weihbischof, sei „kein stummer Diener“, sondern er habe Gott gegenüber eine unendliche Freiheit. Es gebe nirgends so wenig Sprachverbot wie im Gebet. Diese Freiheit erlaube innerhalb des Glaubens jede Sprache, auch die des Zweifels. Christen wüssten sich zuallererst von einem Du angesprochen, das Wärme und Güte symbolisiere. Dieses weite und humane Menschenbild müssten sie offensiv in die öffentliche Diskussion einbringen, sagte Weihbischof Kreidler.