Bildung: Aufstehen und den aufrechten Gang wagen

Diese Szene hat Bischof Gebhard Fürst in den Mittelpunkt seiner Predigt beim ökumenischen Gottesdienst anlässlich des 850-jährigen Bestehens des ehemaligen Zisterzienserklosters Schöntal gestellt. Bischof Fürst wies darauf hin, dass die Erbauer der barocken Kirche unter der Leitung des berühmten Abtes Benedikt Knittel Ende des 17. Jahrhunderts die biblische Erzählung vom Jerusalemer Tempel auf die Stufen der Schöntaler Klosterkirche verlegt haben. Dies, so der Bischof, sei „eminent theologische Aussage“: Heilung könne auch hier und heute geschehen, immer dort, „wo sich Menschen in Liebe und Fürsorge einander zuwenden und das Leben so heilsam verändern“. Durch Zuwendung in Sensibilität und Sympathie „geschehen heilsame Lebenswenden“, sagte der Bischof. Dadurch werde es „für den, der vorher gekrümmt und behindert am Rand saß, möglich, aufrecht zu gehen.“ Ohne es zu wissen, sagte Bischof Fürst, hätten die Barockkünstler vorausschauend auch einen Hinweis auf die heutige Funktion des Klosters als Bildungshaus der Diözese Rottenburg-Stuttgart gegeben. Bildung bedeute, Menschen dazu zu befähigen, dass sie aufzustehen, den aufrechten Gang wagen und die eigene Mündigkeit und Urteilsfähigkeit entfalten. „Die heilende Zuwendung zu den Mitmenschen, in der Gottes Geist auch heute durch uns wirken will, konkretisiert sich auch in der Bildungsarbeit“, betonte der Bischof. Diese trage dazu bei, dass Menschen „zu einer gelingenden Identität finden und sich als reife, freie Persönlichkeiten entfalten können“, sagte Bischof Gebhard Fürst.

Bischof Fürst unterstrich die ökumenische Bedeutung der Jubiläumsfeier und bezeichnete den Festtag als einen „sehr angemessenen Anlass, uns die erste und letzte Wahrheit unseres Glaubens und Lebens neu bewusst zu machen“. Bei allen Unterschieden und Differenzen zwischen den Kirchen „eint uns doch zutiefst der gemeinsame Glaube an den lebendigen Gott Jesu Christ, der immer wieder heilsam wirkt durch uns“, sagte der Rottenburger Bischof und fügte hinzu: „In dessen Geist haben wir uns in ökumenischer Einheit heute versammelt. Er ist die Mitte und Kraft unseres Glaubens, der uns handeln lässt.“

Das Kloster Schöntal im Hohenlohekreis wurde im Jahr 1157 mit einer Stiftung des Adligen Wolfram von Bebenburg als Zisterzienserabtei gegründet. Die heutige barocke Abteikirche und Klosteranlage wurde im 17. und 18. Jahrhundert erbaut, hauptsächlich unter der Verantwortung des berühmten Abtes Benedikt Knittel (1650-1683-1732), dessen „Knittel-Verse“ auch einen Dichter von tiefem Glauben und von Lebensweisheit und zugleich von volksnaher sprachlicher Kraft erkennen lassen. In der Klosterkirche befindet sich auch das Grab des Ritters und Bauernführers Götz von Berlichingen (um 1480 bis 1562). Das barocke Treppenhaus des Klosters wurde von dem Barockbaumeister Balthasar Neumann (1687-1753) aufgeführt. Das Kloster wurde 1802 säkularisiert; von 1810 bis 1975 beherbergte es das Evangelisch-theologische Seminar. Heute ist das Kloster ein Bildungshaus der Diözese Rottenburg-Stuttgart.