Bildung für Kopf und Herz

Im Zeitalter der Neuen Medien und Technologien sei es notwendig, von der Wissens- zur Bildungsgesellschaft zu kommen, so Fürst. Für eine Gesellschaft seien das Wissen, die Fertigkeiten und Fähigkeiten der Heranwachsenden zwar entscheidend für die Entwicklung der Gesellschaft. Gerade nach der Pisa-Studie hätten Ratgeber und Quizshows einen Boom. Doch – so betonte Bischof Fürst: „Das Ziel jeder Bildung aber ist nicht das Anhäufen von immer mehr Fakten, sondern Existenzwissen und Orientierungskompetenz sowie die Umsetzung von Wissen in Handeln.“ Das oberste Kriterium für Bildung sei das „gut gelingende Leben in sozialem Umfeld“.

Wer in seinem Leben immer wieder Neues lernen müsse, brauche zudem Lebensorientierung um entscheiden zu können, welches Wissen und welche Verhaltensweisen, welche Ziele und Werte er für wertvoll halten solle. Er müsse Grundüberzeugungen erlernen, so der Bischof, die Halt im Leben geben. Das Christentum biete einen solchen Halt. Erst durch die Ausrichtung auf Gott gelange der Mensch zum wahren Menschsein. „Das Vor-Bild für den Menschen schlechthin ist nach christlicher Überzeugung Jesus Christus selbst.“ Der christliche Glaube liefere auf diese Weise Maßstäbe, Reibungsflächen und nötige Eckpunkte, an denen sich das Handeln einer Persönlichkeit heranbilden könne. In einer „egomaner werdenden Gesellschaft“, so der Bischof, „entwickelt sich die Persönlichkeit im Austausch mit anderen. Einer Bildung ohne Bezug auf und ohne Rück-Bindung an Gott fehlt dabei die Voraussetzung für die Erlangung ethischer Kompetenz.“

Wesentlicher Inhalt jeder Bildung sei „der kritische, vor allem selbstkritische Blick, die Rücksichtnahme auf Schwächere, das Wagnis, nicht nur einen äußeren Rahmen zu sehen, sondern auch die verletzliche Innenwelt der Menschen“. Von besonderer Wichtigkeit für den Bildungsprozess seien die Lehrer und Erzieher. Im Bildungsprozess müssten sie ihre Lebensentwürfe transparent machen und in den Vermittlungsprozess einbringen.

Bei den Jugendlichen sieht Bischof Gebhard Fürst keinen Wertewandel, denn die klassischen Werte, so Fürst, erfreuten sich bei ihnen immer noch hoher Wertschätzung. Vielmehr stelle er fest, dass junge Menschen ihr Verhalten änderten, um unter unseren Kulturbedingungen mit anderen Möglichkeiten diese Werte in ihrem Leben und Zusammenleben zu verwirklichen. „Sie sehen heute andere Möglichkeiten, Freiheit und Selbstentfaltung, Freundlichkeit und Frieden, Gerechtigkeit und körperliches Wohlergehen, Lieben und Geliebt werden zu leben bzw. in ihrem Lebensalltag zu realisieren. Sie nehmen andere Anlässe wahr, Gewaltlosigkeit, Solidarität, Übereinstimmung mit dem eigenen Gewissen einzufordern und auch zu verteidigen.“ Dieses andere Verhalten, die anderen Möglichkeiten und Anlässe, die unterschiedlich gesucht und gelebt werden, erschienen dann oft als Relativierung der individuellen Werteüberzeugungen und Pluralisierung von Werthaltungen. Sie seien aber oft nur neue Arten und Stile, diese Werte umzusetzen. „Nicht die Werte sind also abhanden gekommen, sondern die bisher üblichen Modelle, sie zu leben“, so Bischof Fürst.