Bildung ist mehr als die Produktion von Humankapital

Diesen Anspruch hat der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, am Samstag vor über 200 Religionslehrerinnen und Religionslehrern und fast 30 Mitwirkenden eines Religionslehrertags im hohenlohischen Kloster Schöntal formuliert. „Schule als Lebensraum mitgestalten“, lautete der Titel dieser Veranstaltung. In einer zunehmend sich entsolidarisierenden Gesellschaft, so der Bischof, gerieten die Menschen in die Gefahr einer „seelischen Obdachlosigkeit“. Deshalb sei es notwendig, sich „auf das Wesentliche der Bildung, der Erziehung und damit des ganzen Lebens“ zu besinnen. Bildung, so der Bischof, stelle den Menschen in den Mittelpunkt und sei „mehr als die Produktion von Humankapital“. Sie bedeute „Existenzwissen und Orientierungskompetenz sowie die Umsetzung von Wissen in Handeln“. Von besonderer Bedeutung sei es heute, „die Kinder und Jugendlichen zu nachdenklichen, sensiblen, differenziert wahrnehmenden und urteilenden Menschen zu erziehen, ihre Fähigkeit zu Mitleid, Friedensliebe und Feindesliebe zu schulen“ , unterstrich der Rottenburger Bischof. Bildung enthalte zentral ein personales Element. Die Verwirklichung des Selbst sei nur in der Begegnung und im Austausch mit dem anderen Menschen möglich. Dazu gehörten auch soziale Verantwortung und ein Bewusstsein für Gerechtigkeit. In einer „immer egomaner werdenden Gesellschaft“ rücke dies „ein hochaktuelles Bild des Menschen“ in den Vordergrund.

Bildung sehe nicht auf den Kopf, sie habe auch mit Herzensbildung zu tun, sagte Bischof Fürst. Es gehe nicht nur um den Zugang zu Laptop und Internet, sondern um „das Erlernen zentraler Kompetenzen wie Mitmenschlichkeit, Toleranz, Nächstenliebe und eben Gerechtigkeit“ . Wesentlicher Inhalt jeder Bildung sei „der kritische, vor allem selbstkritische Blick, die Rücksichtnahme auf Schwächere, das Wagnis, nicht nur einen äußeren Rahmen zu sehen, sondern auch die verletzliche Innenwelt der Menschen“, betonte der Bischof.

Ein solches Bildungsverständnis weise dem Religionsunterricht als staatlichem Unterrichtsfach eine wichtige Rolle zu, da dieser Bildung mit dem Gottesbezug verbinde. Ohne Gottesbezug im weitesten Sinn fehle „die Voraussetzung für die Erlangung ethischer Kompetenz“. Die Möglichkeit der Kommunikation über die Sinnfrage, die Frage nach dem Grundvertrauen als Voraussetzung für die Persönlichkeitsentwicklung, die Frage nach Regeln menschlichen Zusammenlebens und die Erkenntnis über Grenzen des Unverfügbaren wäre ohne den Gottesbezug defizitär. sagte Bischof Fürst. Religionsunterricht sei „eine beispielhafte Verwirklichung der Kirche auf Augenhöhe mit der Zeit“. Durch die ständige Beziehung zu Kindern und Jugendlichen sei sie auch auf Augenhöhe mit der Zukunft. Durch ihr Engagement im Religionsunterricht an öffentlichen Schulen halte sie ein ganzheitliches Bildungsverständnis präsent, das an der Lebensqualität junger Menschen orientiert sei, und löse damit eine zentrale gesellschaftliche Verantwortung ein.

Ein göttliches Ding

Schülerinnen und Schüler, so betonte Margret Ruep, Schulpräsidentin beim Regierungspräsidium Stuttgart, in ihrem Grußwort, müssten die Erfahrung machen, dass sie sich an der Schule „mit wunderbaren Dingen beschäftigen dürfen, die alle ihre Kräfte fordern und fördern“. Es gehe nicht im eine „Produktionsstätte des Menschen als homo oeconomicus“ oder „um Herstellung von Standards wie am Fließband“. Es gebe, so Ruep, keine „standardisierten Menschen, die für die Welt einfach nur funktionstüchtig gemacht werden“ müssten. Bildung müsse „große Weiten eröffnen“. Die Dinge, mit denen Kinder und Jugendliche sich beschäftigen, müssten dazu beitragen, „dass sie sich um Guten, zum Göttlichen hin entwickeln“., Es sei immer „ein göttliches Ding“, bekannte die Stuttgarter Schulpräsidentin, „wenn man sich mit Kindern und Jugendlichen, wenn man sich mit Erziehung und Bildung beschäftigt“.