Bildungsgerechtigkeit erfordert politisches Handeln

Die Studie belege, dass auch in Baden Württemberg weitere Schritte zur individuellen Förderung von Kindern zu leisten seien. Laut Stetter-Karp kommt dabei den Kindertagesstätten als früheste institutionelle Stufe der Förderung von Kindern eine entscheidende Rolle zu. Die finanziellen Investitionen der vergangenen Jahre für die frühe Bildung seien als Anstrengungen anzuerkennen. „Allerdings muss auch kritisch angemerkt werden, dass Fragen der Qualität in den Kindertagesstätten im Verhältnis zum quantitativen Ausbau immer noch nicht ausreichend gelöst sind“, erklärte die Ordinariatsrätin. Die drängende Frage der Leitungsfreistellung sei nicht beantwortet und der Orientierungsplan habe in Baden-Württemberg noch keinen verbindlichen Status. Hier gehen die katholischen Kindertagesstätten in Württemberg mit gutem Beispiel voran; über 80 Prozent der katholischen Kindergärten haben ein standardisiertes Qualitätsmanagement eingeführt. Darüber hinaus investiert die Diözese Rottenburg-Stuttgart in die Modellförderung von Familienzentren. An derzeit drei Standorten finden Familien Kinderbetreuung, Beratungsdienste der Caritas, Elternbildung und Seelsorge unter einem Dach. An weiteren fünf Modellstandorten sind Familienzentren in Planung. „Diese Konzeption stärkt Familien mit besonderem Bildungs- und Beratungsbedarf in einer frühen Phase – zugunsten besserer Chancen für die Kinder“, betonte Stetter-Karp.

Augenmerk sei auch auf den Übergang zwischen den Bildungsinstitutionen zu legen, forderte Stetter-Karp. Durch gemeinsame Leitlinien von Kindergarten und Schule müsse die sorgfältige Begleitung von Kindern mit besonderem Förderungsbedarf und deren Eltern sichergestellt werden. Zu einer förderlichen Gestaltung des Übergangs zwischen Kindergarten und Schule habe der Landesverband katholischer Kindertagesstätten bereits 2011 ein Positionspapier verabschiedet.

Zu dem Anfang 2011 eingeführten Bildungs- und Teilhabepaket ergeben sich nach Ansicht von Ordinariatsrätin Stetter-Karp ebenfalls Anforderungen aus der IGLU-Studie. „Das Bildungs- und Teilhabepaket hält in der Praxis nicht, was die Ziele versprechen“, kritisierte sie. Eine Trendabfrage unter Caritasmitarbeitern habe ergeben, dass „enorme bürokratische Hindernisse“ bestünden. Die Bewilligungen würden oft erst im zweiten Schulhalbjahr ausgesprochen und die Lernförderung konzentriere sich hauptsächlich auf die Versetzungsgefährdung. Hier müsse nachgebessert werden.

Die IGLU-Studie untersuchte den Bildungsstand von Grundschülern in 45 Staaten. Sie belegt, dass nur in fünf dieser 45 Staaten die soziale Herkunft einen noch stärkeren Einfluss auf den Schulerfolg hat als in Deutschland. Gleichzeitig weist sie nach, dass sich die Anstrengungen hinsichtlich der Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund positiv ausgewirkt haben.

Derzeit gibt es im württembergischen Landesteil 903 katholische Einrichtungen für Kinderbetreuung, in denen knapp 55.000 Kinder betreut werden. 59 Prozent der Kirchengemeinden sind Träger von Kindergärten. Sie beschäftigen in diesem Bereich 6.075 Mitarbeiterinnen.

Cäcilia Branz