Bischof Dr. Gebhard Fürst: „Aufstehen für das Leben – von seinem Anfang bis zum Ende“, 2007

Frankfurt, Haus am Dom

Sehr geehrter Herr Prof. Valentin, sehr geehrter Herr Beckermann, sehr geehrter Herr Prof. Höfling, meine sehr geehrten Damen und Herren!

‚Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.’ Mit diesem Satz beginnt die Pastoralkonstitution des II. Vatikanischen Konzils, die ich hier bewusst an den Beginn meiner Rede stellen möchte. Die Konzilsväter haben damals auch eine sehr präzise Handlungsanweisung gegeben, wie denn dieser Grundaufgabe der Kirche verwirklicht werden kann und muss: ‚Zur Erfüllung dieses ihres Auftrags obliegt der Kirche allzeit die Pflicht, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten.’ (GS 1-4)
Folgen wir dieser konziliaren Weisung und versuchen die Zeichen der Zeit mehr als vierzig Jahre nach dem Konzil wahrzunehmen, dann stellen wir fest: Durch viele gesellschaftliche Umbrüche, die mit Begriffen wie Säkularisierung, Pluralisierung, Globalisierung oder auch Individualisierung zu kennzeichnen sind, hat die Kirche ein über Jahrhunderte bestehendes, selbstverständliches Monopol auf Sinnstiftung verloren. Sie darf auf diese Entwicklungen nicht resignativ reagieren, indem sie sich etwa aus der Gesellschaft in eine Nische zurückzieht. Die christliche Glaubensbotschaft hat stets Relevanz für gesellschaftliche Gestaltung und Entscheidungen. Glaube, Christentum und Kirche lassen sich nicht auf private Frömmigkeit reduzieren.

Daher muss die Kirche die genannten Entwicklungen wahrnehmen und sich dementsprechend positionieren. Denn sie darf sich auch zukünftig nicht einer ihrer Grundaufgaben entziehen, bei wahrgenommenen gesellschaftlichen Schieflagen und Ungerechtigkeiten als Korrektiv zu wirken und hierbei besonders für die Belange der Armen, Schwachen, Benachteiligten und auf welche Weise auch immer Behinderten einzutreten. Hierzu muss sie – ganz gemäß der konziliaren Richtschnur - immer wieder neu nach Wegen und Möglichkeiten suchen, auf veränderte Zeichen der Zeit entsprechend zu reagieren. Nur so kann sie ihren prophetisch-kritischen und zugleich ermutigenden, versöhnenden und heilenden Dienst in der Welt und für die Gesellschaft wahrnehmen und vielfach konkret gestalten. „Die Zeichen der Zeit erkennen und sie im Licht des Evangeliums deuten“ (GS 4), darum geht es: Bevor wir als Kirche eigene Zeichen setzen, tun wir gut daran, vorhandene Zeichen unserer Zeit aufmerksam und sensibel wahrzunehmen.
Vor diesem fundamentalen Hintergrund war ich gerne bereit, die Schirmherrschaft für die Veranstaltungsreihe ‚Lebenszeichen - Lebensentscheidung’ zu übernehmen und möchte diese Reihe hier heute Abend mit einem programmatischen Vortrag unter der Überschrift ‚Aufstehen für das Leben’ eröffnen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

in verschiedensten Bereichen des menschlichen Lebens und gesellschaftlichen Zusammenlebens erscheint nicht mehr die Frage nach der Wahrheit ausschlaggebend für Lebensentscheidungen zu sein. Immer mehr erscheint das faktisch Gegebene oder das technisch Machbare zur Richtschnur des Handelns zu werden.

Dass dies so ist, zeigte unbewusst der damalige Bundeskanzler Schröder, als er in einer Rede an der Universität Göttingen zur Stammzellforschung sprach und dabei betonte: „die Entwicklungen in den Instituten und Laboren geben ein Tempo vor, bei dem Politik und Gesellschaft nicht den Anschluss verliefen dürfen.“

Es ist unübersehbar: Nicht mehr prinzipielle Überzeugungen, Werte oder ethische Grundüberlegungen bestimmen das politisch-gesellschaftliche Handeln, sondern vielmehr der Druck und die Erwartung des technisch Machbaren.

Einige Beispiele: Zunehmend sehen sich ältere oder kranke Menschen am Lebensende unter finanziellen, gesellschaftlichen oder auch familiären Druck gesetzt, durch ein langwieriges Dahinsterben zur Last zu fallen. Schon werden vermehrt Rufe laut, es möge doch auch in Deutschland zu einer liberaleren Haltung gegenüber passiver und aktiver Sterbehilfe kommen. Ebenso sehen sich Eltern behinderter Kinder zunehmend dem Stirnrunzeln oder mitleidigen Vorwürfen ausgesetzt, dass ‚so etwas heutzutage nun wirklich nicht mehr sein müsse.’ Hier sieht sich die Kirche in der Pflicht, aufzustehen für das Leben in allen seinen Phasen, von der Geburt bis hin zu Sterben und Tod. Das Leben ist nach christlicher Überzeugung ein Geschenk Gottes, ein Geschenk, das vielleicht manchmal nicht leicht zu tragen ist, das aber jedenfalls mit einem hohen Maß an Verantwortung gestaltet werden muss. Und da ist es nicht beliebig, aus welcher Weltanschauung heraus man argumentiert und zu Entscheidungen für sein Handeln gelangt. Glauben wir an Gott als den Schöpfer und Erlöser der Welt und der Menschen, der also am Anfang und als Ziel unseres Lebens steht, uns annimmt und trägt? Glauben wir an Gott, der Ja zu uns sagt, so schwach, mit Schwäche, Krankheit und letztlich sterblich, wie wir sind? Dann muss dieser Glaube auch unser Leben und Handeln bestimmen. Denn wir würden uns unserer Menschlichkeit berauben, wenn wir uns aus eigener Kraft vollkommen machen wollten. Das Unperfekte gehört zum Wesen des Menschen und seiner Geschöpflichkeit hinzu.

‚Aufstehen für das Leben‘, diese dichte Formulierung beinhaltet zweierlei:

Einerseits nämlich das christliche Grunddatum, dass das Aufstehen für das Leben die urchristliche Bewegung schlechthin ist, anderseits dieses Aufstehen stets neu aufzunehmen und in eigenes Handeln umzusetzen. Es in Verantwortung wahrzunehmen, das heißt als Antwort und in Rechenschaft vor dem, der uns durch sein Wort erst das Leben geschenkt hat. Mit einer solch klaren Orientierung steht und fällt das Handeln in einer Gesellschaft, und daher ist es so wichtig, entschieden dafür einzustehen. Denn das christliche Erbe ist weit mehr als eine Floskel, es ist vielmehr die Grundorientierung und der Boden, auf dem wir verantwortungsvoll in die Zukunft und für die Zukunft handeln: Hier gilt es, dass wir uns als Christen kritisch und engagiert einmischen, Stellung beziehen, zur Unterscheidung der Geister beitragen und in der Gesellschaft Rechenschaft von der Hoffnung geben, die uns erfüllt.

Kein Schiff auf dem Ozean kann sich an einer am Bug angebrachten Lampe orientieren, um seinen Kurs bestimmen zu können. Es braucht vielmehr den Kompass und die Ausrichtung an unverrückbaren Polen, die außerhalb des Schiffes liegen und diesem vorgegeben sind. Andernfalls dreht es sich bald im Kreise, verliert den Kurs und irrt ziellos umher. So ist dies auch in Politik und Gesellschaft: Verlieren Menschen dort die Grundorientierung, verkommt ihr Handeln sehr bald zu beliebigem, richtungslosem Pragmatismus. Wenn Menschen Orientierung gewinnen und auf drängende Probleme und Fragen Antworten geben, handeln sie im besten Sinne ver-antwort-lich.

Christentum und Kirchen sind gerade heute neu gefragt: Das christliche Bild vom Menschen weiß darum, dass der Mensch Geschöpf ist und nicht sein eigenes selbstgemachtes Produkt. Das Christentum erinnert daran, dass es eine Instanz über dem Menschen gibt, der er Verantwortung schuldet. Seine Gottebenbildlichkeit verleiht und garantiert jedem Menschen, unabhängig von seinen Qualitäten, eine durch nichts verlierbare Würde. Die Menschenwürde stattet ihn mit der Unverletzlichkeit seines Menschseins aus und verbietet jede Instrumentalisierung zu Zwecken außer seiner selbst. Seine Geschöpflichkeit macht ihn zur einmaligen und doch auf den Anderen verwiesenen Person. Eine Person, die über naturale Kreisläufe herausgehoben in der Transzendenz verwurzelt ist, ein Mensch, der zur verantwortungsbewussten Gestaltung der Mitwelt und zur Bewahrung und Entwicklung der ihm anvertrauten Schöpfung beauftragt ist.

Ich möchte im Anschluss hieran nun einige konkretere Gedanken zum Thema der Biomedizin und –technologie entfalten:

Umgang mit dem menschlichen Leben am Anfang

Die Menschen sehen sich in diesen Tagen durch aktuelle Meldungen oder auch ganz unmittelbar und praktisch den Herausforderungen, aber auch den Ratlosigkeiten ausgesetzt, die die neuen Erkenntnisse und Techniken implizieren. Unsere säkulare, demokratische Gesellschaft ist mehr denn je darauf angewiesen, im Widerstreit und argumentativen Diskurs ihren Weg zu finden. Die Erkenntnis allerdings, dass ein ethischer Konsens nur argumentativ zu gewinnen und nicht zu diktieren ist, darf kein Freibrief für ethische Beliebigkeit oder Gleichgültigkeit sein. Das christliche Bild vom Menschen liefert dabei sicher keine rezepthaften Lösungen für konkrete politische Probleme. Es fungiert aber zumindest als Kriterium und Korrektiv, von dem her nicht akzeptable Handlungsoptionen ausgeschlossen werden können.

Angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen in der Gentechnik und Biomedizin zeichnen sich tiefgreifende kulturelle und zivilisatorische Veränderungen ab. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit geht es um die Frage, ob wir technische Möglichkeiten nutzen sollen, den Menschen selber zu verändern, ihn genetisch neu zu entwerfen. Hierbei geht es aber nicht in erster Linie um wissenschaftliche oder technische Aspekte der Machbarkeit. Wir müssen Wertentscheidungen treffen. Wir müssen entscheiden, welche technische Möglichkeit sich mit unseren Werten vereinbaren lässt und welche nicht. Neue Erkenntnisse fordern stets die Prüfung, ob deren Nutzung ethisch verantwortet werden kann. Denn wir wussten noch nie so viel und konnten deshalb noch nie so viel wie heute. Aber wir müssen fragen: Wollen wir alles wissen, was wir wissen können? Und sollen oder dürfen wir alles tun, was wir können bzw. tun könnten?
Die Entwicklungen in Forschung und Medizin werfen fundamentale Fragen nach dem auf, was denn der Mensch eigentlich ist, was er soll und was er nicht soll, ja was er nicht darf angesichts dramatischer Entwicklungen, die vor uns liegen. Da die politisch-gesellschaftlichen Entscheidungsprozesse hierbei immer komplexer werden, ist es um so nötiger, sich über Entwicklungen gewissenhaft zu informieren, dann aber nicht Machbarkeiten oder wirtschaftliche Standortfaktoren zur alleinigen Richtschnur werden zu lassen.

In der Diskussion spielt oft auch die Frage nach der Forschungsfreiheit eine wichtige Rolle. Unbestritten ist die Forschungsfreiheit ein hohes rechtsstaatliches und grundgesetzlich geschütztes Gut. Zudem ist medizinische Forschung, die darauf zielt, Krankheiten zu heilen, in hohem Maße geboten. Bei all dem gilt es jedoch, die Maßstäbe unseren Handelns zu überprüfen und sich daraufhin verantwortlich zu verhalten. Forschungsfreiheit und der Wunsch nach Gesundheit gelten eben nicht unbedingt, sondern nur, soweit die Würde eines anderen Menschen nicht tangiert wird.

Und das meine ich ganz konkret: Die Gesellschaft ist dabei, die Tötung menschlicher Embryonen in Kauf zu nehmen, um die Grundlagenforschung an embryonalen Stammzellen voranzutreiben. Weltweit gibt es ‚Fortschritte‘ beim sogenannten therapeutischen Klonen, bei dem Embryonen lediglich zum Zweck erhoffter therapeutischer Verfahren erzeugt und getötet werden.

Gleichzeitig etabliert sich eine selektierende, d.h. auswählende und auch verwerfende Diagnostik, die über lebenswertes und lebensunwertes Menschenleben entscheidet. Längst gibt es eine lukrative Reproduktionsindustrie, die dazu führt, dass menschliche Lebewesen zur Handelsware werden.

Was heute biotechnologisch möglich geworden ist, hat unüberschaubare Konsequenzen für das Verhalten und Zusammenleben der Menschen. Der Umgang mit dem menschlichen Leben am Anfang wird immer mehr durch die Reproduktionstechnologie, ihre Logik und Möglichkeiten bestimmt.
Ich nenne Beispiele: Anfang des Jahres hat sich eine 67jährige bisher kinderlose, alleinstehende Spanierin durch künstliche Befruchtung ihren Kinderwunsch erfüllt und Zwillinge geboren. Die In-vitro-Fertilisation, die künstliche Befruchtung im Reagenzglas, macht es in Verbindung mit Leihmutterschaft möglich, dass ein Kind bis zu sechs Elternteile hat: die biologischen Eltern, die Ei und Same spenden, die sozialen Eltern, die sich diese nach bestimmten Eigenschaften aussuchen, der Arzt im Labor, der die Zeugung technologisch herbeiführt, sowie die Leihmutter, die den so produzierten Embryo austrägt. Schon heute können sie sich übers Internet die Samen- und Eispenden per Mausklick bestellen. Amerikanische Collegestudentinnen erzielen einige Tausend Dollar durch Verkauf ihrer Eizellen, sogenannte Designerbabys haben auf Bestellung die gewünschten Eigenschaften. So können Frauen durch Samenspende Kinder von Nobelpreisträgern bekommen. Vor einiger Zeit haben sich zwei Menschen, die partnerschaftlich zusammenleben, keine Kinder bekommen können und beide taub sind, wunschgemäß ein genetisch determiniertes taubes Kind bestellt. Die Kinder müssen so sein wie das Paar. Welch eine monströse Fremdbestimmung.

Ich war in der größten IVF-Klinik der USA in Boston und habe mit den Ärzten und Schwestern gesprochen; und ich war in Kalifornien im Eldorado neuer Biotechnologien dieser Art. Dort sagen manche, sie könnten es nicht verstehen, warum Menschen heute noch auf natürliche Weise Kinder zeugen. Hier löst sich der Zusammenhangs von Liebe – Sexualität - Zeugung und Verantwortung für das Kind auf. Die psychischen und gesellschaftlichen Folgen für solche Kinder und für die in diese Prozesse involvierten Menschen sind unabsehbar.

Die Gesetzeslage in Deutschland erlaubt die angeführten Beispiele nicht. Noch nicht? Auch in europäischen Ländern ist manches davon möglich. In Deutschland wird derzeit die restriktive Gesetzeslage aufgeweicht und die Novellierung des Gesetzes zum Verbot der Einfuhr embryonaler Stammzellen betrieben. Die Gewinnung von embryonalen Stammzellen führt aber zur Tötung von Embryonen. Die Tötung embryonaler Menschen wird billigend in Kauf genommen, um Grundlagenforschung betreiben zu können. In der Öffentlichkeit wird so getan, als ob nur diese Forschungswege zur Heilung schwerer Krankheiten führten. Von Stammzellen, die auf andere, unbedenkliche Weise gewonnen werden und die erwiesenermaßen bereits Heilungserfolge erbracht haben, hören wir in der Öffentlichkeit so gut wie nichts. Auch nichts davon, dass in großen Biotechnologiefirmen durchaus erfolgversprechende Entwicklung von Medikamenten betrieben wird, die schwere Krankheiten heilen können, und deren therapeutischer Einsatz ohne ethische Bedenken möglich sein wird.

Nun könnte man zurückfragen: Ist denn der Embryo schon ein Mensch? Wann ist der Mensch Mensch? Kommt ihm von Anfang an der volle Schutz der Menschen¬würde zu, oder handelt es sich anfänglich bloß um einen „Zellhaufen“, um Biomaterial, also letztlich eine nicht-personale Sache oder bestenfalls ein Wesen mit dem Status eines Tieres, das bei „hochrangigen“ Forschungs¬zwecken zum Forschungsobjekt und dabei abgetötet werden darf? Keineswegs aus Religion und Weltanschauung, vielmehr aus der Biologie gewinnen wir die Erkenntnis, dass das menschliche Leben mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle zur befruchteten Eizelle beginnt. Die Biologie liefert keine andere, wirklich überzeugende Grenzziehung für den Beginn des menschlichen Lebens. Ab diesem Moment entwickelt sich menschliches Leben nicht zum Menschen, sondern als Mensch. Mit der Befruchtung ist ein Mensch im Werden da. Die Konsequenzen hieraus sind eindeutig zu ziehen und sie müssen unser verantwortungsbewusstes Handeln bestimmen: Eine befruchtete Eizelle, ein Embryo ist kein prinzipiell anderer Mensch, als der, der später geboren wird. Jeder Versuch, eine andere Grenze für den Beginn des menschlichen Lebens und damit für die Schutzwürdigkeit des Menschen zu ziehen, ist damit willkürlich und in der Konsequenz ungerecht. Daher gibt es auch keine Embryonen erster und zweiter Klasse, und es ist falsch, zwischen schutzwürdigen und nicht schutzwürdigen Embryonen zu unterscheiden. Die Dimension der Unantastbarkeit der Menschenwürde mit ihren ganz konkreten Auswirkungen dürfen wir nicht aufgeben, weil wirtschaftliche oder technische Erwägungen der Machbarkeit uns dazu drängen wollen.

Die Akzeptanz von Grenzen um des Menschen willen ist hierbei keineswegs schädlich oder fortschrittsfeindlich. Sie fördert vielmehr gerade die Suche nach menschenwürdigen und nachhaltig verantwortlichen Wegen. Es geht an dieser Stelle um die Wünsche und Träume unserer Gesellschaft nach Gesundheit, Heilung und einem Leben ohne Krankheit. Diese Haltung lässt sich anhand eines weiteren Satzes des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder gut darstellen. Ich zitiere ihn: „Solange das große medizinische Potenzial der Stammzellenforschung nicht ausgelotet ist, und zwar mit adulten wie mit embryonalen Stammzellen, solange die Chance besteht, Leiden lindern und heute noch unheilbare Krankheiten bekämpfen zu können, haben wir die Pflicht, diese Forschung zu nutzen.“ Ein Satz, dem beim ersten Hören wohl jeder zustimmen wird, jedoch wird unterschwellig in erheblicher Weise der Maßstab unseres Handelns verschoben. Hier gilt es, höchst wachsam zu sein und wahrzunehmen, dass der unzulässige Versuch unternommen wird, die Menschenwürde und das Lebensrecht embryonaler Menschen zugunsten ungedeckter Heilserwartungen zu opfern.

Aus christlicher und humaner Perspektive ist jedenfalls Einspruch geboten, wenn Embryonen im Zuge der Forschung "verbraucht", d.h. getötet werden sollen, um an ihnen zu forschen. Die Sprache verrät hier viel: Sie überformt z.B. die Vorstellung der Zeugung durch die Assoziation ‚industrieller Produktion’. Wer so von Entstehung und Weitergabe menschlichen Lebens redet, ist in Gefahr, in der ‚Menschenherstellungstechnik’ mit den Produkten wie mit Fabrikaten oder ‚Biomaterialien’ umzugehen, bestimmten Embryonen das Gütesiegel ‚lebenswert’ zu verleihen und andere als ‚unwert’ zur Vernichtung freizugeben. Es gibt keine Embryonen erster und zweiter Klasse, und es ist daher nicht erlaubt, zwischen schutzwürdigen und nicht schutzwürdigen Embryonen zu unterscheiden, einen Unterschied zu machen zwischen Menschen, die sich als Forschungsmaterial eignen und den anderen, zufällig später Lebenden, die dann auf Kosten des Lebens jener leben würden. Zumal wir es ja hier mit äußerst ungewissen, überhaupt nicht absehbaren Heilsversprechen zu tun haben und somit auf unabsehbare Zeit mit unerfüllbaren Sehnsüchten der Menschheit gespielt wird. Und gerade hier kann der christliche Glaube vor Machbarkeits- und Erlösungsphantasien bewahren, die an wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Errungenschaften angehängt werden.

Die Katholische Kirche verteidigt mit der Forderung nach unbedingtem Lebensschutz für embryonale Menschen nicht einen nostalgischen Lebensbegriff, sondern eines der moralischen Grundprinzipien der Aufklärung. Sie sieht mit Sorge, dass gerade in vorgeblich modernen und aufgeklärten Gesellschaften diese Prinzipien der Menschenwürde und Personalität zugunsten ökonomischer Nutzenkalküle in Frage und zur Disposition gestellt werden. Der Preis, den wir oder die Generationen nach uns für solche Schritte ins Ungewisse bezahlen müssten, wäre unverantwortlich hoch. Christen sind nicht forschungsfeindlich, aber lebensfreundlich! Wir sind dankbar für die großen Erfolge von Forschung und Wissenschaft, ohne die unser Leben in der heutigen Qualität und Lebenserwartung nicht möglich wäre. Aber Christen müssen aufstehen für das Leben, wenn der Mensch in seiner schwächsten und schutzwürdigsten Phase zur Ware und zum bloßen Produkt genetischer Ingenieurskunst oder zum Forschungsobjekt degradiert wird. Wer Menschen der Forschung opfert, wird bald selbst zum Opfer dieser Mentalität. Wer Menschen im Keim zerstört, der hat keine Zukunft. „Die Ungeborenen sind machtlos,“ schreibt Hans Jonas in seinem Buch ‚Prinzip Verantwortung’ . Christen müssen ihre Lobbyisten sein.

 

Umgang mit dem Leben des Menschen am Ende

Auch beim Umgang mit den Menschen am Ende ihres Lebens wird deutlich, dass das christliche Bild vom Menschen vergessen zu werden droht. Denn gerade das Christentum macht deutlich, dass Sterben und Tod eines Menschen kein Unfall sind, sondern zum Leben gehören und dementsprechend sensibel und verantwortungsbewusst gestaltet werden müssen. Das Sterben als Teil des Lebens anzunehmen, bleibt eine persönliche, grundeigentliche Aufgabe eines jeden Menschen, die ihm niemand abnehmen kann. Vor allem darf die Debatte um gesetzliche Regelungen nicht auf die Ermöglichung von Tötung auf Verlangen oder aktive Sterbehilfe hinauslaufen. Europäische Länder haben hier negative Erfahrungen machen müssen, die wir nicht übersehen dürfen. Das vielbeachtete Beispiel der Niederlande hat sich inzwischen als verhängnisvoller Weg erwiesen. „Doktor, bitte töte mich nicht“ steht auf den Karten, die manche Niederländer bei sich tragen vor allem, wenn sie alt sind. Die Erwartung, durch ein Gesetz aktive Sterbehilfe zu kanalisieren, hat sich nicht erfüllt. Angst hat sich dort breit gemacht. Die Antwort von Christen auf das Sterben des Menschen sieht anders aus. Es besteht in christlicher Hospizarbeit und Palliativmedizin. Es geht um das ‚Sterben an der Hand eines Menschen und nicht durch die Hand eines Menschen’. Das Argument der ‚Selbstbestimmung’, das in Debatten um die Sterbebegleitung nahezu exklusiv leitend ist, muss ergänzt werden durch die Erkenntnis, dass liebevolle Zuwendung zum Menschen in der schwächsten Phase seines Lebens durch nichts zu ersetzen ist. Geliebt zu werden ist noch wichtiger als selbstbestimmt zu leben.

Ich möchte ihnen dazu zwei Begebenheiten aus dem stationären Hospiz St. Anna in Ellwangen auf der Ostalb in Baden-Württemberg erzählen. Eine alleinstehende, alte Frau, die völlig vereinsamt war, wurde dort zum Sterben eingeliefert. Die Schwestern sorgten für die Frau, die noch einige Tage bei hellem Bewusstsein war. Wenige Stunden vor ihrem Tod dankte sie den Schwestern und sagte: „So viel Liebe wie in den wenigen Tagen bei ihnen habe ich mein ganzes Leben nicht erfahren.“ Sie konnte mit dieser Erfahrung an ihrem Lebensende ihr Leben und ihren Tod ganz anders annehmen. Als die Annaschwestern die Angehörigen einer anderen alten Dame, die im Hospiz im Sterben lag, verständigen wollten, erfuhren sie, dass ihre Tochter seit 15 Jahren den Kontakt mit ihr abgebrochen hatte und beide einander nicht mehr sehen wollten. Doch die Schwestern konnten die Tochter umstimmen und erreichten, dass sie zu ihrer Mutter kam und dass auch die Mutter bereit war, ihre Tochter nochmals zu sehen. Beide Frauen versöhnten sich am Sterbebett. Glauben Sie nicht, dass die Mutter friedvoller sterben und die Tochter versöhnter weiterleben konnte, als wenn es diese Verständigung beim Abschied nicht gegeben hätte?

Der christliche Glauben öffnet entscheidende Perspektiven: Christliche Hoffnung für das Leben gründet sich auf die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. Diese Zuversicht kann Menschen den Mut geben, auch in schwierigsten Situationen ihres Lebens Zeichen des kommenden Reiches Gottes wahrzunehmen und weiterzugeben. So finden sie die Kraft, Menschen auf der letzten Wegstrecke ihres Lebens, dem Sterben, zu begleiten.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich komme zum Schluss:
Die Kirche muss ihre Überzeugungen über den Menschen und seine Würde, über die rechte soziale, ökonomische und staatliche Ordnung im gesellschaftlichen Diskurs geltend machen. Sie versteht sich als Anwalt der Humanität und als Anwalt der Unverfügbarkeit des Menschen. Hans Jonas schreibt in seinem Buch "Das Prinzip Verantwortung": „Die Ehrfurcht allein, indem sie uns ein ‚Heiliges‘, das heißt unter keinen Umständen zu Verletzendes enthüllt, wird uns auch davor schützen, um der Zukunft willen die Gegenwart zu schänden, jene um den Preis dieser kaufen zu wollen.“
Diese Dimension der Ehrfurcht, des Heiligen oder auch des Unverfügbaren, die das Menschsein eigentlich ausmacht, droht heute zugunsten zweitrangiger Ziele aufgegeben zu werden. Der Mensch droht an jenem Widerspruch zu zerbrechen, wenn er sich einerseits zum Gott über Leben und Tod von Menschen aufbläht und andererseits zugleich so gering von sich denkt, dass er menschliches Leben bloß noch als verwertbares Biomaterial betrachtet.

Daher müssen wir uns immer bewusst sein, dass wissenschaftliche Forschung Hand in Hand gehen muss mit gesellschaftlicher Verantwortung und dass selbst ein "hochrangiges Ziel" wie ‚gesundes Leben’ nicht um jeden Preis verfolgt werden darf. Angesichts schier unendlicher Möglichkeiten müssen wir den Begriff der Verantwortung so weit fassen, dass auch Folgen, die unbeabsichtigt und unabsehbar sind, in das Konzept integriert werden. Bisher galt es als selbstverständlich und sinnvoll, dass nur für die Folgen Verantwortung übernommen werden kann, die zum Zeitpunkt der Taten wissentlich und absehbar waren. In unserer Zeit muss Verantwortung heißen, sich vor einer Handlung bereit zu erklären, für mögliche Folgen einzustehen, die verursacht werden, auch wenn sie unbeabsichtigt waren. Es ist höchst interessant, dass Gerhard Schröder in seiner bereits zitierten Rede in Göttingen gerade anders herum argumentiert und die Risikodimension damit in unzulässiger Weise verharmlost: „Sich den Chancen des wissenschaftlichen Fortschritts zu verschließen, nur weil es auch Risiken gibt oder weil die Risiken nicht vollständig überschaubar sind, halte ich persönlich für den falschen Weg.“

Meine sehr geehrten Damen und Herren, hier erhalten wir neben dem konkreten Problem vor allem auch ein Beispiel für scheinbar ethisches Argumentieren und moralisches Abwägen. Da gilt es kritischen Widerspruch einzulegen. Denn auch und gerade in der Biotechnologie und Medizin sind eine Abkehr vom technisch Machbaren zum lebensdienlich Verantwortbaren als Leitprinzip des Fortschritts erforderlich. Eine solche Kultur des Lebens erfordert konkret geradezu einen kategorischen Imperativ, stets die menschen- und lebensdienliche Perspektive im Auge zu behalten. In unserer Zeit ist die Aufgabe, das medizinisch Leistbare, das juristisch Vertretbare und das ethisch Unbedenkliche zu einem Ausgleich zu bringen, ungleich schwieriger geworden. Wir müssen Entwicklungen kritisch daraufhin befragen, ob sie denn tatsächlich dem Leben der Menschen dienen, oder ob sie eher medizinischem Fortschrittsstreben, Ehrgeiz oder wirtschaftlichen Interessen dienen. Die Zu-Mutung, die darin besteht, aufzustehen für das Leben und auch gegen gängige Argumentationsmuster anzudenken und sich dem Prinzip Verantwortung für das Leben zu stellen, öffnet neue Aspekte und Ausblicke auf schwierige Themen ganz am Anfang und auch am Ende des Lebens. Die Möglichkeiten moderner Medizin und Technologie stellen uns hier vor Fragen, wie sie noch keine Generation vor uns zu beantworten hatte.

Bert Brecht lässt in seinem Bühnenstück ‚Leben des Galilei‘ am Ende der Auseinandersetzungen mit der Kirche Galilei seinem Schüler beim Abschied sagen:

„Ich halte dafür, dass das einzige Ziel der Wissenschaft darin besteht, die Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern. Wenn Wissenschaftler, eingeschüchtert durch selbstsüchtige Machthaber, sich damit begnügen, Wissen um des Wissens willen aufzuhäufen, kann die Wissenschaft zum Krüppel gemacht werden, und eure neuen Maschinen mögen nur neue Drangsale bedeuten. Ihr mögt mit der Zeit alles entdecken, was es zu entdecken gibt, und euer Fortschritt wird doch nur ein Fortschreiten von der Menschheit weg sein. Die Kluft zwischen euch und ihr kann eines Tages so groß werden, dass euer Jubelschrei über irgendeine neue Errungenschaft von einem universalen Entsetzensschrei beantwortet werden könnte."

Der Aktualität dieser Szene ist heute nichts hinzuzufügen, im Gegenteil, wir sehen heute deutlicher in die Kluft hinein.

Ich danke für die Aufmerksamkeit!