Bischof Dr. Gebhard Fürst: Begrüßung und inhaltlicher Einstieg zum Ehrenamtskongress der Diözese Rottenburg-Stuttgart 2014

Rottenburg, 8. November 2014

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Ehrenamtliche,

ich begrüße Sie alle, sehr herzlich hier in Rottenburg zum Ehrenamtskongress der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Ich freue mich, dass Sie sich aus allen Regionen der Diözese aufgemacht haben, um sich miteinander auszutauschen, um voneinander und miteinander Neues zu erfahren und auch, um miteinander zu feiern.

Ohne Sie, ohne Ihr ehrenamtliches Engagement, ohne Ihr engagiertes Mitwirken in unseren Kirchengemeinden, Verbänden, Stiftungen, Initiativen und an vielen anderen Orten wäre unsere Kirche nicht so, wie sie ist. Vor allem nicht so lebendig. Wenn wir heute hier durch die Reihen schauen, sehen wir ein Mosaik des kirchlichen Engagements: Kirchengemeinde- und Pastoralräte, Beauftragte für Wort-Gottes-Feiern und auch junge Menschen, die sich in der Jugendarbeit engagieren. Menschen, die in unterschiedlichen Bereichen von caritativ bis diakonischem Handeln, in der Kultur- und Bildungsarbeit usw. tätig sind. Ich freue mich über das bunte Bild. Wie reich ist unsere Kirche, durch die vielen Gaben und Begabungen, die in ihr lebendig sind. Und ich nutze vorneweg gleich die Gelegenheit, Ihnen allen ein herzliches Wort des Dankes und ein deutliches Zeichen meiner Wertschätzung auszudrücken. Ohne Sie alle wäre die Kirche um vieles ärmer! Die Liebe Gottes zu den Menschen in Wort und Tat würde die Menschen viel weniger erreichen!

„Die Ehre Gottes ist ein lebendiger Mensch“, diese Worte stammen von einem der ersten großen Theologen unserer Kirche. Der Kirchenvater Irenäus von Lyon formulierte diesen Satz bereits im zweiten Jahrhundert. In diesem Sinne „Gott die Ehre geben“, das ist meines Erachtens die schönste und passendste Umschreibung für kirchliches Ehrenamt.

„Ehre“ ist zugegebenermaßen im modernen Sprachkontext ein schwieriges Wort. Denn einerseits steht Ehre für Aufmerksamkeit und Wertschätzung und andererseits ist Ehre zu einem oft negativ besetzten Wort geworden. Wir geben unser „Ehrenwort“, muss „Ehre verteidigt werden“, ja: es geschehen sogar Verbrechen „im Namen der Ehre“.

An diesen Redewendungen zeigt sich aber zugleich auch, dass Ehre nicht nur eine persönliche, individuelle Sache ist, sondern immer auch eine soziale Komponente enthält. Man kann also sagen: Ehre qualifiziert Personen, aber das, wofür sie dabei einstehen, das geht über sie hinaus![1]

Ich komme nochmals zurück auf den Satz des Irenäus, denn er besitzt bis heute Gültigkeit! „Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch.“ Diese Worte erfahren ihre Konkretion im Zweiten Vatikanischen Konzil. Das Konzil hält fest, dass Ehre, die dem Menschen von Gott her zuteil wird, gleichzeitig mit einem pastoralen Auftrag, mit einer Sendung, versehen ist. Das Zweite Vatikanische Konzil gebraucht den Begriff vom Volk Gottes. Als getaufte und gefirmte Christen sind wir alle zunächst Beschenkte. Taufe und Firmung befähigen uns dann aber auch zu einem Leben in der Nachfolge Jesu. Zu einem Leben aus dem Geiste Jesu Christi!

Und wenn wir Jesu Wirken betrachten, stellen wir sehr schnell fest: Jesus hat nicht allein aus einem sozialen Impetus helfend und heilend gehandelt, sondern aus dem Gottesgeist, dem Hl. Geist, der in ihm lebendig ist. Jesus Christus ist selbst Zeichen und Wirklichkeit dessen, dass Gott für uns da ist.

Der Dienst am Nächsten in Verkündigung und tätiger Hilfe, die Sorge und Zuwendung füreinander – und zwar frei und nicht um des Geldes willen, sondern „um Gottes willen“ – stand bereits in den ersten Gemeinden im Mittelpunkt christlicher Lebenspraxis. Die ersten Christen sind die eigentlichen Erfinder des Ehrenamtes! Das Ehrenamt entspricht unserem Gottes- und Menschenbild. Für sie war Ehrenamt der Normalfall! Der Apostel Paulus selbst ist ein Motivator und Förderer des diakonischen Engagements. „Traut euch!“ ermuntert er die Christen, in denen in vielfältigen Gaben, Charismen, Gottes Geist lebendig ist und wirkt und gebraucht dabei das Bild von den vielen Gliedern, die auf den einen Leib hingeordnet sind. Erst im Miteinander der vielen Gaben, der Charismen kann der Leib seine ganze Kraft entfalten. Durch die verschiedenen Talente der unterschiedlichen Glieder wirkt jede und jeder mit am Aufbau des Reiches Gottes (1 Kor 12, Röm 12). Gleichzeitig differenziert die biblische Rede von den Charismen aber auch, was jeder Mensch als sein Eigenes, von Gott Geschenktes einbringen kann – und auch einbringen will. Dies entzieht unser Tun gleichzeitig der Beliebigkeit.

Das Beispiel von dem einen Leib und den vielen Gliedern macht aber auch deutlich, dass Gemeinschaft erst dann entstehen kann, wenn wir etwas teilen. – Teilen wird zum Gewinn – für jeden persönlich, aber auch für die Gemeinschaft. So entsteht das lebendige Miteinander der Gaben und Begabungen der getauften und gefirmten Christen. Nicht einer allein stellt den ganzen Christengeist dar, sondern alle im Zusammenwirken der Geistesgaben.

Jeder von uns empfing die Gnade in dem Maß, wie Christus sie ihm geschenkt hat, um die Heiligen für die Erfüllung ihres Dienstes zu rüsten, für den Aufbau des Leibes Christi. So sollen wir alle zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, damit wir zum vollkommenen Menschen werden und Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen.

Ehrenamtliches Engagement wandelt sich. Damit es sich heute und auch in Zukunft entwickeln und entfalten kann, dass es gelingen kann, ist es notwendig, institutionell gesicherte Bedingungen zu schaffen. Folgende Punkte scheinen dabei unabdingbar:[2]

  1. Ehrenamt verdient Dank, Anerkennung und Unterstützung von Seiten der gesellschaftlichen Institutionen, besonders auch der Kirchen, von Seiten der Politik, der Arbeitgeber und nicht zuletzt auch der Medien.
  2. Ehrenamt verdient besonderen Schutz: Wer ehrenamtlich tätig ist, muss rechtlich abgesichert sein und darf nicht etwa noch zusätzlich belastet werden.
  3. Ehrenamt braucht Befähigung: Guter Wille allein ersetzt nicht die Qualifikation. Ehrenamtliche brauchen deshalb Begleitung und Anleitung.
  4. Ehrenamt braucht Eigenverantwortung, Transparenz und Flexibilität: Ehrenamtliche dürfen nicht zu Lückenbüßern in professionellen Organisationen oder Handlangern von Hauptamtlichen verkommen.
  5. Schließlich braucht Ehrenamt Kooperation und Offenheit:Verbände, Institutionen und Organisationen müssen ein besonderes Augenmerk auf ein gutes Klima der Zusammenarbeit und auf eine gute Kooperation zwischen Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen legen. Ehrenamtliche verstehen sich mehr als früher als gleichberechtigte Partner. Ja, aber „zum Nutzen aller“ zur „Auferbauung der ganzen Gemeinde“.

Nachdem viele traditionelle Milieus, aus denen sich ein Pool ehrenamtlichen Engagements in der Vergangenheit vielfach speiste, auseinanderbrechen und schwinden, müssen wir auf neuen Wegen Menschen ansprechen, begeistern und bleibend gewinnen. Wir haben bereits den Prozess „Kirche am Ort – Kirche an vielen Orten gestaltet“, begonnen. Er wird in den Kirchengemeinden neue Spielräume eröffnen. Wesentlicher Teil unseres weitergehenden Dialog- und Erneuerungsprozesses wird sicherlich dazu beitragen, die oben angesprochene Kultur der Wertschätzung weiter zu etablieren. Er wird auch zu einem Klima beitragen, in dem aktiv für das Ehrenamt geworben werden kann.

Dass geteiltes Leben nicht mehr, sondern weniger ist, daran erinnern wir vor allem auch in den kommenden Tagen. Am 11. November feiert die Kirche Sankt Martin. In der Diözese Rottenburg-Stuttgart erfüllt uns das Gedenken an den Heiligen Martin mit besonderer Freude. Denn Martinus ist uns ein Vorbild im Teilen, ja eine Ikone der Nächstenliebe. Indem Martin den Mantel mit dem Bettler teilt, ist ihm Jesus Christus besonders nahe.

Am morgigen Sonntag werde ich die Martinusmedaille verleihen – an Frauen und Männer, die sich in besonderer und herausragender Weise ehrenamtlich engagiert haben. Jede einzelne Medaille erinnert daran, dass wir durch das Zeugnis des heiligen Martin herausgefordert sind, uns auf diakonische Weise einzusetzen.

Es ist ein heilsamer Kreislauf vom Glauben an den Gott, der die Liebe ist, zum Einsatz für unsere Nächsten. Und andere können in diesem Handeln wiederum die heilsame Nähe Gottes erfahren. Durch Sie, meine sehr geehrten Damen und Herren, und durch Ihr ehrenamtliches Engagement wird die Kirche glaubwürdig. Menschen wie Sie braucht die Kirche – Ihr Ehrenamt ist Sauerteig für die Gesellschaft!

Und so wünsche ich Ihnen für den heutigen Tag gute Erfahrungen, bereichernde Erlebnisse und anregende Gespräche.

Diskussionsstoff dazu wird Ihnen nun jemand liefern, den ich mit Fug und Recht einen „Ehrenamtsexperten“ nennen darf. Prof. Sellmann lehrt an der Ruhr-Universität Bochum Pastoraltheologie. Ich freue mich sehr, lieber Herr Prof. Sellmann, dass Sie sich bereit erklärt haben, unseren Ehrenamtskongress mit Ihren Anregungen zu bereichern! Vielen Dank für Ihr Kommen!

 

[1] Vgl. Hans-Joachim Sander, Der prekäre Ortswechsel des Ehrenamtes in Diakonia 40 (2009), S. 233.

[2] Ehrenamtliche Tätigkeit in Kirche und Gemeinde. Leitfaden für die Diözese Rottenburg-Stuttgart (27./28. September 1996), hg. v. Seelsorgereferat der Diözese Rottenburg-Stuttgart (konzepte, Nr. 2, Dez. 1997), Rottenburg a. N. 1997.