Bischof Dr. Gebhard Fürst bei der Priesterweihe 2007

Abteikirche Neresheim

Schrifttext: Lk 24,13-35

Liebe Schwestern und Brüder!

Der Himmel meint es heute gut mit uns. Nicht nur, dass wir diesen festlichen Gottesdienst im heute vom Sonnenlicht durchfluteten Glanz des Barock dieser herrlichen Klosterkirche feiern können. Der Himmel meint es gut mit uns, besonders deshalb, weil heute acht Männer unter uns sind, die Gottes an sie ergangenen Ruf mit ihrem Ja beantworten, als Priester in der Ortskirche Rottenburg-Stuttgart das Evangelium zu verkünden und die Sakramente der Kirche auszuspenden.

Liebe Diakone, liebe Weihekandidaten! Sie sind für uns gerade deshalb Anlass zu großer Freude und Dankbarkeit. Wir danken für Ihre Bereitschaft Priester zu werden, Priester zu sein. Wir danken für ihr sichtbares, leibhaftiges Zeugnis vom lebendigen Gott. Und wir freuen uns alle über ihr je unverwechselbares Gesicht. Mit ihrem Gesicht ist ihre priesterliche Berufung unter uns gegenwärtig und bald wird sie in den Kirchengemeinden unserer Diözese lebendig sein wird. Sie sind ein Geschenk des Himmels!

Liebe Schwestern und Brüder! Unsere Kirche braucht Priester, sonst ist sie nicht das, was sie sein soll, nämlich eucharistische Kirche: Kirche, die aus Wort und Sakrament, aus der Verkündigung der Frohen Botschaft und der Feier der Eucharistie lebt.

Liebe Diakone! Die Kirchengemeinden, in die ich Sie bald als Priester senden darf, haben dafür ein feines Gespür. Und die, denen in der Gemeinde ein Priester fehlt, spüren noch mehr den Mangel. Priester-Mangel bedeutet Mangel an Eucharistie; bedeutet Mangel an der lebendigen Vergegenwärtigung der auf alle Menschen ausgreifenden Dynamik der großen Liebe Gottes, die von Jesus Christus, seinen Worten und Taten, seinem Tod und seiner Auferstehung, ausgeht.

Liebe Weihekandidaten, die Menschen brauchen Sie! Gott braucht Sie! - Sie werden also erwartet! Sie werden also gebraucht! Darin dürfen Sie erfahren, was viele junge und alte Menschen, aber auch vereinsamte, unter die Räder gekommene Menschen mitten unter uns in unserer Zeit schmerzlich vermissen: dass nämlich jemand auf sie wartet, dass sie gebraucht werden, dass sie geliebt sind. Aus Ihrer eigenen Kontrasterfahrung heraus, liebe zukünftige Priester, werden Sie, diese Menschen besonders im Blick haben: die, die nicht gewollt sind, die, die nicht gebraucht werden, die, die niemand vermisst, die, die niemand sonst liebt, ja die manche gerne loswerden möchten. – Solche Menschen sind heute die Verlorenen, zu deren Rettung Gott selbst in Jesus von Nazareth Mensch geworden ist. Vermitteln Sie ihnen die Aufmerksamkeit Gottes. Vermitteln Sie ihnen Erfahrungen, dass sie willkommen sind, dass sie gebraucht werden, dass sie erwünscht, ja geliebt sind! Für viele sind solche Erfahrungen schon wie Erlösung: wie ein neues Leben. Wer erwünscht ist, wer spürt, dass er freudig erwartet wird und dass er selbst gebraucht wird, dem gehen die Augen auf für das Wunderbare am Leben, der erfährt schon mitten im Leben Auferstehung. Alleine, liebe Schwestern und Brüder, kann sich diese heilende Erfahrung niemand machen. Wir brauchen den Anderen dafür, dass uns die Augen aufgehen für das Wunderbare.

Sie, liebe Mitbrüder, haben sich für Ihre Priesterweihe das Evangelium der Jünger auf ihrem Weg nach Emmaus ausgewählt, weil Ihnen die Augen geöffnet wurden für das, was wirklich zählt im Leben. Wohl auch deshalb, weil sie erfahren haben, dass auf Ihrem Weg viele Andere mitgegangen sind, die Ihnen die Augen des Glaubens haben aufgehen lassen. Sicher auch deshalb, weil sie erfahren haben, dass ein Anderer, Jesus Christus selbst, mit Ihnen auf dem Weg war. Er hat Ihnen schließlich durch alles Unverstehen und Missverstehen hindurch die Augen aufgehen lassen für das Wunderbare ihrer Berufung. Auf dem Weg erschließt sich uns der Glaube, auf dem Weg finden wir zu unserer Berufung. Ja mehr noch: auf den Wegen unseres Lebens findet uns Gott mit seinem Ruf.

Sie, liebe Weihekandidaten, sind von Gott gefunden worden! - Rückblickend auf ihren Lebensweg können Sie sicher mit den Emmausjüngern sagen: Brannte nicht unser Herz auf dem Weg? - Einmal hat es angefangen, beim einen leiser - beim anderen lauter: das Fühlen, dass etwas in einem brennt, ohne dass gleich klar wurde, was und wer das ist, der so anrührt und nicht mehr in Ruhe lässt. Das Brennen im Herzen, das Empfinden, dass es im Leben mehr geben muss als das, was vorhanden ist und was uns zuhanden ist. Dass es mehr geben muss als alles. Sie hörten die Stimme und verstanden noch nicht. Waren wie blind, bis sie dann sehend geworden sind.

Liebe Schwestern und Brüder, oft bleibt auf unseren Lebenswegen die Anwesenheit Christi unerkannt. Aber, das bezeugt die Emmausgeschichte, ER, der gekreuzigt Auferstandene ist mit uns auf dem Weg, auch wenn wir es nicht wissen und traurig einhergehen. - Als aber der Eine, der Fremde, der Andere sich mit den Jüngern zu Tisch setzt, als er das Brot nimmt, den Lobpreis spricht, das Brot bricht und ihnen das gebrochene Brot gibt, da gehen ihnen die Augen auf und sie erkennen ihn, die Christusgestalt, die fleischgewordene Liebe Gottes, die sich uns Menschen mitteilt.

Diese Erkenntnis des Herzens, dass der Andere der Herr ist, ist eine so umwerfende, umstürzende Erfahrung, dass die Jünger wie verwandelt sind.

„Noch in der selben Stunde brechen sie auf, sie kehren von Emmaus nach Jerusalem zurück.“ Ihre Trauer verwandelt sich in Freude, ihre Flucht wird zur Umkehr. – Von der Begegnung mit dem gekreuzigt Auferstandenen geht eine mächtiger Impuls aus. Indem uns der Auferstandene die Augen öffnet für die Großtat seiner Liebe, sendet er uns. Wenn uns die Augen aufgegangen sind für Christus, dann werden wir zu Gesendeten, zu Zeugen seines Lebens unter den Menschen. Der brotbrechende Christus ruft uns zu: Breche auf, du bist gesendet! Gesendet in die Spur des Auferstandenen, der das Brot des Lebens für die Menschen bricht.

Dies wiederholt sich immer wieder in der Feier der Eucharistie. Im Brotbrechen erkennen wir Christus selbst in seiner Liebe, werden als Geliebte und Liebende gesendet zu den Verlorenen dieser Welt.

Sie selbst, liebe zukünftige Priester, werden in der Feier der Eucharistie das Brot brechen und das eucharistische Brot austeilen an die Menschen, die Christus leibhaftig als dem Lebenden begegnen wollen. Mit der Priesterweihe werden Sie bevollmächtigt, die Feier des Abendmahls zu leiten. Ihr Priestersein findet in der Feier der Eucharistie seine vornehmste Verwirklichung. Als der Eine sich mit ihnen zu Tisch setzt, als der Eine das Brot nimmt, den Lobpreis spricht, das Brot bricht und das gebrochene Brot teilt – da gehen ihnen die Augen auf und sie erkennen IHN. Wo Sie, als Neupriester dann, die Eucharistie feiern, da handeln sie anstelle der Person Jesu Christi; brechen in seiner Spur wie er das Brot für die Menschen.

Oft und oft werden im eucharistischen Mahl den Menschen die Augen aufgehen für die liebende Hingabe Jesu für uns Menschen, für die Sünder, die Kranken, für die Verletzten und in Not Geratenen, für die Traurigen, für die Verlorenen unserer Tage. Wo uns als Gemeinschaft der Glaubenden die Augen aufgehen für das Leid der Welt und wir lieben, da werden wir zur eucharistischen Kirche.

Durch die Weihe zum Priester werden Sie, liebe Mitbrüder, mit Gottes Kraft erfüllt und seinem Geist befähigt werden, Christus darzustellen in der Vollgestalt seiner Liebe. Das priesterliche Amt hat darin seine Wurzel. Der Dienst des Priesters macht Sie, liebe Mitbrüder, in Ihrer Person zu Verkündern der in Christus uns leibhaftig begegneten Liebe Gottes mit Geist, Herz und Verstand. Dem priesterlichen Amt ist die Vollmacht gegeben, wie Christus den Verlorenen, Verletzten, den Niedrigsten in dienender, versöhnender und heilender Liebe zu begegnen. So ist der Priester ein in Jesus Christus Lebender und von seinem Sein und Geist ganz Durchdrungener. Nur so ist die Bestimmung nicht anmaßend, im priesterlichen Amt, Christus in seinem Leben und seinem Wirken lebendig darzustellen.

Auf diesem Ihrem priesterlichen Weg dürfen Sie gewiss sein, dass Christus selbst mitgeht und Ihnen immer wieder, oft unvermutet, das Brot des Lebens bricht. Darin werden Sie IHN als gegenwärtig erfahren.

Amen.