Bischof Dr. Gebhard Fürst: Brief an die Mitbrüder und Mitarbeiter 2011

Liebe Mitbrüder im Priester- und Diakonenamt, liebe pastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter!

Mit einer liturgischen Feier habe ich in der Sitzung des Diözesanrats am 26. März 2011 in Reute den dialogisch angelegten Erneuerungsprozess in der Ortskirche Rottenburg-Stuttgart eröffnet.

Ein fruchtbares Gespräch

Ein Text des Zweiten Vatikanischen Konzils, der in der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes steht, ist für mich als Bischof in diesem Dialog- und Erneuerungsprozess leitend. Kirche wird hier gefasst als „Zeichen jener Brüderlichkeit, die einen aufrichtigen Dialog erlaubt und stärkt.“ Es heißt dort: „Die Kirche wird kraft ihrer Sendung, die ganze Welt mit der Botschaft des Evangeliums zu erleuchten und alle Menschen aller Nationen, Rassen und Kulturen in einem Geist zu vereinigen, zum Zeichen jener Brü- derlichkeit, die einen aufrichtigen Dialog ermöglicht und gedeihen lässt. Das aber verlangt von uns, dass wir vor allem in der Kirche selbst, bei Anerkennung aller rechtmäßigen Verschiedenheit, gegenseitige Hochachtung, Ehrfurcht und Eintracht pflegen, um ein immer fruchtbareres Gespräch zwischen allen in Gang zu bringen, die das eine Volk Gottes bilden, Geistliche und Laien. Stärker ist, was die Gläubigen eint als was sie trennt.“ (II. Vatikanisches Konzil, Pastorale Konstitution über die Kirche in der Welt von heute „Gaudium et Spes“, Art. 92.).

Christus, das Licht

Allen Vertretern der verschiedenen Gruppen im Diözesanrat habe ich bei der Eröffnung des Dialogprozesses eine Kerze überreicht. Sie ist mit dem Bildwort Jesu geschmückt: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben!“ (Joh 15,5). Ich bitte Sie, diese Kerze bei allen Zusammenkünften im Rahmen des Dialogprozesses zu entzünden. Das Licht dieser Kerze, die Christus symbolisiert, der für uns „Weg, Wahrheit und Leben“ (Joh 14,6) ist, möge uns erleuchten.

Erneuerung in der Kraft des Geistes

Unter dem Leitwort „Glaubwürdig Kirche leben“ wollen wir die Erneuerung unserer Ortskirche in der Kraft des Heiligen Geistes begehen. Wir wollen uns Zeit nehmen, um zu hören. Was wir im „Gespräch zwischen allen“ an Fragen und Herausforderungen unserer Zeit und für unsere Kirche thematisieren, wollen wir in einer geistlichen Atmosphäre austauschen. Ich lade Sie deshalb herzlich ein, die Dialoge, die Gespräche und Foren mit dem Gebet um den Heiligen Geist zu begleiten, damit wir auch von ihm her den Dialog- und Erneuerungsprozess gestalten können.

Hilfen zur geistlichen Gestaltung und Begleitung der Gespräche

Als Hilfe zur geistlichen Gestaltung der Gespräche haben wir Materialien zusammengestellt. Diese können Sie über unsere Internethompage (www.drs.de) unter dem Titel „Erneuert euren Geist und Sinn. Gebete, Gottesdienste und Impulse für den Dialog- und Erneuerungsprozess in der Diözese Rottenburg-Stuttgart“ finden. Diese Materialien erscheinen in einigen Wochen auch als gedrucktes Heft und werden Ihnen zugesandt.

Zeit zu hören

Parallel zu den Materialien mit den geistlichen Elementen erhalten Sie demnächst für die Kirchengemeinden Flyer und Plakate, die unter dem Titel „Zeit zu hören 2011“ die Dialoge, Gespräche und Foren anregen möchten.

Koordinierungsgruppe

Als Unterstützung für die Gespräche vor Ort ist eine Koordinierungsgruppe eingerichtet, bei der Sie sich informieren können. Sie bietet auch Beratung für die Dialoge an und steht zur Hilfe bereit. Wenn Sie Ergebnisse aus den Dialogen weiterreichen möchten, sollten Sie diese an die Koordinierungsgruppe weitergeben. Die Adresse und die Zusammensetzung dieser dem Bischof direkt verantwortlichen Koordinierungsgruppe entnehmen Sie bitte dem Flyer „Zeit zu hören 2011“

Liebe Mitbrüder, liebe Schwestern und Brüder,
ich möchte mit Ihnen und allen, die dies auch möchten, die gegenwärtig schwierige Situation unserer Kirche als Kairos, als Chance, nützen, um uns als Kirche zu erneuern. Dabei möchte ich viel hören, was die Menschen bewegt und was viele Christen bedrückt und ihnen am Herzen liegt. Zum Beispiel: Wie können wir die Pastoral und die pastoralen Strukturen so erneuern, dass Nähe zu Gott und den Menschen wirklich, spürbar und erfahrbar wird.

Wir wollen auch über Fragen miteinander ins Gespräch kommen, die viele sehr persönlich beschäftigen, wo sie selbst betroffen sind und sie die Situation als belastend empfinden. Keine Themen können von vornherein ausgeschlossen sein. Auch wenn jeder weiß, dass im Dialog nicht einfach alles zur Disposition gestellt werden kann. Wir sind ja hineingestellt in den großen Zusammenhang der lebendigen Überlieferung des Glaubens in der katholischen Kirche.

Nicht zuletzt dürfen wir bei all dem nicht vergessen, dass es heißt: Herr, erneuere Deine Kirche – und fange bei mir an! (Kardinal Newman) Wie sieht ein glaubwürdiger Lebensstil eines Christen heute aus? Wo kann ich selbst in Wort und Tat glaubwürdig Zeugnis geben für die Hoffnung, die in mir lebt?

Der dialogisch angelegte Erneuerungsprozess in der Kraft des Heiligen Geistes in einer Ortskirche wird im katholischen Kirchenverständnis im Kontext der Kollegialität der Bischöfe und Ortskirchen und der Universalkirche geführt werden. Was die einzelne Ortskirche tun kann, sollte sie mutig anpacken und die notwendigen Schritte zur Erneuerung tun.

Das ist keine einfache Aufgabe und wird allen Beteiligten viel abverlangen. Wo wir vom Gottesgeist geleitet vorangehen, wird die schwierige Situation zum Kairos, zur geschenkten Chance, für eine wirkliche Erneuerung der Kirche aus der Kraft des Heiligen Geistes, im Dienst und zum Heil der Menschen und mit missionarischer Wirkung. Darauf vertraue ich und von diesem Vertrauen lasse ich mich leiten.

Liebe Mitbrüder, liebe Schwestern und Brüder in den pastoralen Diensten und Ämtern,
begeben wir uns in unserer Kirche auf diesen Pilgerweg! Schon der Apostel Paulus ruft seinen Mitchristen zu: „Erneuert euren Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an!“ (Eph 4, 23) - den neuen Menschen, also Jesus Christus, der Weg, Wahrheit und Leben ist. Seinen Geist sollen wir in uns lebendig werden lassen. So hat alles darin seinen Ursprung, dass wir unseren Geist und Sinn erneuern aus dem Geist und Sinn Jesu Christi. Von IHM her wollen wir leben und handeln, von IHM her Kirche sein!

Ich wünsche Ihnen, mir und allen die am Dialog- und Erneuerungsprozess teilnehmen Gottes Segen, die Kraft des Heiligen Geistes und das Licht Christi, das uns alle erleuchten möge.

Ihr
Dr. Gebhard Fürst
Bischof von Rottenburg-Stuttgart