Bischof Dr. Gebhard Fürst: „Christentum für Europa: Wurzeln und Flügel für die Zukunft“ 2007

Vortrag bei der St. Elisabeth-Stiftung

Sehr geehrte Frau Strobl, sehr geehrte Bürgermeister und Oberbürgermeister, sehr geehrte Kreisräte und Vertreter der Kirchengemeinden der Region,

meine sehr geehrten Damen und Herren!

Die Geschichte der Europäischen Union ist eine Erfolgsgeschichte ohne gleichen: Nach den schrecklichen Erfahrungen der beiden Weltkriege und der Überwindung des nationalsozialistischen Totalitarismus brachten ehemals tief verfeindete Völker die Kraft zur Versöhnung und zur Schaffung einer dauerhaften Friedensordnung auf. Sie schufen einen Raum von Freiheit, der den Menschen in einem bisher nicht gekannten Maße Sicherheit, Wohlstand und soziale Gerechtigkeit brachte. Europa steht vor großen Herausforderungen und bedarf deshalb eines verstärkten europäischen Bewusstseins. Angesichts der großen Herausforderungen, vor denen die Europäische Union heute steht, ist eine Rückbesinnung auf das Ethos, das heißt auf die sittliche Grundhaltung, die dem Projekt Europäische Union zugrunde liegt, notwendig.

Denn die Frage nach den Wurzeln Europas ist entscheidend für seinen zukünftigen Weg. Welche Idee hat Europa von sich selber? Welchen konzeptionellen Beitrag will Europa für eine politische Weltordnung leisten? Ich bin davon überzeugt, dass diese Rückbesinnung auf das moralische Fundament des europäischen Projektes heute ebenso notwendig ist wie zu Zeiten der Gründung der Union. Denn wir verfügen heute wie damals weder über eine gemeinsame Sprache noch über eine gemeinsame Religion. Deshalb müssen unsere gemeinsamen Überzeugungen unser Fundament sein.

Als Christen unterstützen wir die Europäische Union und wollen unseren Beitrag leisten für die Stärkung des europäischen Bewusstseins. Europa durchlebt einen einmaligen historischen Prozess, aber es hat weder Klarheit über seine geschichtliche Perspektive noch ein Konzept für seine Rolle im Prozess der Globalisierung. Europa ist auf der Suche nach Orientierung.

Für uns Christen lautet dabei die Grundfrage: Wie kann der Geist der Menschlichkeit in der Gesellschaft bewahrt bzw. wieder hergestellt werden? Die Antwort auf diese Frage finden die Christen in der Botschaft des Glaubens und sie müssen sie in den konkreten Fragen und Anliegen unserer Gesellschaften anwenden.

Europa kennt seine christlichen Wurzeln – und bestreitet sie nicht. Jedoch herrscht ein gewisser und durchaus folgenreicher Zwist darüber, was genau diesen Wurzeln entsprossen ist. „Das Europa der Kultur und Humanität!“, sagen die einen und verweisen auf Franziskus oder Elisabeth von Thüringen, Erasmus oder Martin Luther; zu nennen wären auch Michelangelo, Martin von Tours und Theresa von Avila, Bach und Dostojewski. Das Christentum ist ein Kulturträger erster Ordnung in Geschichte und Gegenwart, ich verweise hier auf die Kunst in den Kirchen und die Musik in den Gottesdiensten.

Wenn Kunststudenten, Germanistikstudenten in der bildenden Kunst und in der Literatur die christlichen Motive nicht mehr erkennen, die in ihnen in reichem Maße transportiert werden, dann droht etwas abzubrechen, was unwiederbringlich verloren geht und uns zukunftsunfähiger macht. Wer aber seine Herkunft vergisst, der verliert bald auch seine Zukunft.

Andere Zeitgenossen aber betrachten gerade das Christentum als Nährboden für ein ‚Europa des Unfriedens und der Intoleranz’. Sie nennen die Glaubenskriege und die Inquisition, eine Mentalität der Kreuzzüge und der Zwangsmissionierungen als Gründe für die Skepsis, die christlichen Stimmen etwa auch in den Konventsdebatten um die Präambel des Europäischen Verfassungsvertrags entgegenschlug. So unbestritten auch diese leidvollen Erfahrungen zu einer kritischen und selbstkritischen Erinnerung an die Traditionsgeschichte des Christentums in Europa gehört, so ist doch ebenso wenig zu unterschlagen:

Das Christentum hat wesentlich zum europäischen Verständnis vom Menschen und von der Gesellschaft beigetragen, das den kulturellen Konsens erst ermöglicht, der eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg des europäischen Einigungsprojekts ist. Es geht dabei nicht um ein Glaubensbekenntnis, sondern um die Benennung eines Tatbestandes, der für die Identität Europas wichtig ist, nicht zuletzt auch als Voraussetzung für den Dialog der Zivilisationen und Kulturen.

Mit einer solchen Erwähnung ist auch nicht gesagt, dass die geistige, kulturelle und soziale Prägung Europas exklusiv durch das Christentum erfolgte. Andere Traditionen, die vom Christentum aufgenommen wurden, und mit denen es sich auseinandersetzen musste, oder die sich - wie zum Beispiel die Aufklärung - in der Auseinandersetzung mit ihm bildeten, hinterließen tiefe Spuren und haben an der Gestaltung Europas und der 'Erziehung' der Europäer maßgeblich mitgewirkt.

Das gilt vor allem für das Judentum, aus dem das Christentum hervorgegangen ist. Deshalb ist es auch zutreffend, von einem jüdisch-christlichen Erbe Europas zu sprechen. Das Judentum hat in vielerlei Hinsicht, vor allem durch künstlerische, literarische und wissenschaftliche Beiträge, aber nicht zuletzt auch aufgrund der Leistungen jüdischer Gemeinden und Persönlichkeiten in Wirtschaft, Industrie und Handel dem europäischen Selbstverständnis einen gültigen Ausdruck verliehen.

Auch der Islam, die dritte große religiöse Tradition, deren Offenbarung und Lehre sich aus der Bibel ableitet, hat die europäische Kultur beeinflusst, ohne dass man jedoch von einer Prägung Europas durch den Islam sprechen kann. Europa verdankt jedoch den Gelehrten der islamischen Welt die Vermittlung eines großen Teils der Philosophie und Literatur der griechischen Antike.

Gestatten Sie mir an dieser Stelle einen kurzen Exkurs zur Frage des christlich-muslimischen Verhältnisses: Der Islam ist für mich als Wirklichkeit in unserem Land und auch in Europa zu sehen. Was dies bedeutet, das haben wir im Grunde noch nicht wirklich begriffen. Von mehr als drei Millionen Muslimen in Deutschland – zwei Millionen aus der Türkei, aber auch viele aus dem Iran, aus Marokko, Afghanistan, Bosnien, aus dem Libanon, dem Irak und Pakistan – sind die allermeisten friedliebende Mitbürger, davon bin ich überzeugt.

Hier müssen wir dringend in einen vertieften Dialog eintreten – und zwar von beiden Seiten! -, um friedlich und gut miteinander leben zu lernen. Der Islam ist eine monotheistische Hochreligion, mit der wir uns in der Gesellschaft noch viel intensiver beschäftigen müssen. Denn ich sehe ansonsten durchaus die Gefahr, dass es zu einem Konflikt der unterschiedlichen Kulturen kommen könnte.

Bei meinen Überlegungen sind für mich dabei stets die eindrucksvollen Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils in der Konstitution Nostra Aetate selbstverständliche Richtschnur. Zu ihr stehe ich auch heute voll und ganz. Dort heißt es unter anderem: ‚Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat. (...) Da es jedoch im Lauf der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslimen kam, ermahnt die Heilige Synode alle, das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen.’ (NA 3)

In diesen Sätzen ist für mich in präziser Klarheit beides enthalten: die Anerkennung und der Respekt gegenüber dem Islam, aber auch der Wille, durch geduldigen gegenseitigen Dialog auf dem gemeinsamen und friedlichen Weg der Wahrheit zu gehen. Wir sind froh darüber, in einem Land zu leben, in dem das Grundgesetz die freie Religionsausübung für alle Religionen garantiert. Aber gerade weil wir jenes Grundrecht einer jeden Person hochhalten, wertschätzen und für unverzichtbar halten, muss es meines Erachtens auch möglich sein, wahrzunehmen, wenn von welcher Seite auch immer Personenrechte gefährdet werden.

Wo dies der Fall zu sein scheint, halte ich es zumindest für geboten, auch Grenzen zu setzen, insbesondere dort, wo z.B. die personale Würde der Frau oder etwa Grundmaßstäbe von wechselseitiger Religionsfreiheit und Toleranz in Frage gestellt werden. Die aktuellen, schrecklichen Ereignisse in der Türkei möchte ich hier ausdrücklich und klagend benennen. Und da dürfen und müssen wir auch im Dialog Fragen an die Muslime stellen und sie zu bitten, mit uns zu reden. Alle Beteiligten, das heißt auch der Staat, die Kirchen, die Muslime und die Gesellschaft insgesamt, müssen selbstverständlich ihre Integrationsbemühungen verstärken. Der Vorstellung, dass Muslime potentiell gewalttätiger wären als andere, müssen wir gemeinsam entgegentreten. Hier ist aber nötig, dass die Muslime untereinander klären, was sie verteidigen wollen und wo sie sich abgrenzen müssen.

Wohl zu keiner anderen Zeit hat sich die Notwendigkeit des Dialogs zwischen Kulturen und Religionen beinahe tagtäglich auf so dramatische Weise gezeigt. Wir brauchen erneute, große Anstrengungen, um verstärkt in einen geduldigen Dialog zu kommen, was ohne Frage schwierig genug ist. Dialog und Rechenschaft über den Glauben, die uns innerkirchlich und gegenüber der Gesellschaft unverzichtbar sind, beziehen sich selbstverständlich und mit Respekt und Geduld auch immer wieder auf die anderen Konfessionen sowie gerade auch im zusammenwachsenden Europa auch auf die anderen Religionen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, wer sich dieses so gewachsene Europa heute anschaut, die Menschen, die Landschaften, die Gesellschaften, die Religionsgemeinschaften, die politischen Systeme und Institutionen und vieles andere mehr, der wird eine ungeheure Vielgestaltigkeit entdecken. Als Christen bejahen wir diesen Pluralismus ausdrücklich, denn er ist auch Ausdruck der schöpferischen Freiheit, die Gott den Menschen gewährleistet. Damit unterstützen wir nicht alle Formen in diesem Pluralismus, es gibt viel zu kritisieren und vieles kritisch zu begleiten, aber wir sagen Ja zum Pluralismus als Rahmenbedingung für das Wirken der Christen und der Kirchen in diesem Europa. Papst Johannes Paul II. fasst in seinem Apostolischen Schreiben „Ecclesia in Europa“ den Effekt der christlichen Prägung in der Formulierung zusammen: „Europa heißt Öffnung.“

Politische Debatten zeigen: Der oben ausgeführte doppelte historische Befund ist eine Hypothek für die gegenwärtige Verständigung über den Bezug Europas zum Christentum. Er lässt die Rede von den christlichen Wurzeln Europas ambivalent erscheinen. Dadurch werden viele Zeitgenossen – gerade auch solche mit politischer Verantwortung – in doppelter Weise verunsichert. Einerseits sind sie im Zweifel darüber, was für ein Signal darin liegt, sich klar zu Europas christlicher Prägung zu bekennen. Andererseits scheint ihnen unklar, wie eindeutig man vom Christentum erwarten könne, dass es einen konstruktiven Beitrag zur Gestaltung der Zukunft Europas leistet. Auf diese Fragen sind die Kirchen in Europa den Menschen eine klärende Antwort schuldig. Diese Antwort muss dabei als angemessenes Dialogangebot an Gesellschaft und Politik verstanden werden können.

Die Grundvoraussetzung dafür, überhaupt von einem christlichen Europa sprechen zu können bzw. verantwortet nach den Fundamenten christlicher Identität fragen zu dürfen, ist das Politikpotential des christlichen Glaubens überhaupt. Dessen Gegenwartsbedeutung wird in Europa oft unterschätzt. Denn man schließt fälschlicherweise von der weltanschaulichen Pluralisierung und Entchristianisierung vieler europäischer Öffentlichkeiten auf die politische Funktionslosigkeit christlicher Überzeugungen in europäischen Gesellschaften. Richtig ist, dass das Christentum in Europa sein religiös-weltanschauliches Monopol verloren hat; kaum aber seinen legitimen Ort – geschweige denn seinen Sinn.

Christliche Perspektiven für Europa sind nicht nur nicht obsolet. Sie sind vielmehr hochaktuell. Sie gehören zu den Strategien einer Humanität und eines Freiheitsbewusstseins, die das politische Europa ursprünglich einer Religion verdankt – dem Christentum. Denn die Kulturgeschichte lehrt uns: Die Einsicht darein, dass nicht nur einer oder wenige, sondern alle frei sind und sein dürfen, und zwar in solidarischer Weise, gründet in Europa weder in der griechisch-römischen Tradition noch in philosophischer Spekulation – geschweige denn in geschichtlich-politischer Erfahrung. Das Christentum ist eine im Ansatz und in ihrem Herzen soziale Religion. Wollen wir die soziale Dimension unserer Kultur erhalten, wobei ich hier von einem eminent weiten Kulturbegriff ausgehe, liegt der Bezug auf die christliche Identität nahe. Die Ausbreitung des Christentums geschah durch tätige Nächstenliebe und eine ansteckend-mitreißende Lebensweise: Seht wie sie einander lieben, durch eine einladend-offene ‚Zivilisation der Liebe’ (und nicht der Ellenbogen). Hierbei stand stets die besondere Zuwendung zum Schwachen, Armen und Benachteiligten im Mittelpunkt.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, das Bistum Rottenburg-Stuttgart liegt nicht nur mitten in Europa, sondern es hat mit dem Heiligen Martin einen Diözesanpatron, der wie kaum ein anderer in diesem Sinn für die Idee Europas steht:

Martin ist mit seinem Lebenslauf, geboren in Ungarn – begraben in Tours, geradezu ein europäischer Heiliger. Auch deshalb ist er für uns heute so bedeutungsvoll. Denn ich habe die Sorge, dass das größere Europa an dieser zutiefst christlichen, sozialen Dimension Schaden nimmt. Wie kaum ein anderer versinnbildlicht Martin die soziale, karitative Dimension unserer Kultur und Gesellschaft. Martin ist und bleibt eine Mahnung an uns: Das karitative und soziale Engagement in der Gesellschaft, inspiriert von den Grundprinzipien der christlichen Soziallehre, nämlich Personalität, Solidarität und Subsidiarität muss auch und gerade in einem größer gewordenen und werdenden Europa lebendig sein und bleiben. Es geht um eine zentrale geschichtliche Entwicklung und ein fundamentales Erbe, das für die Identität Europas wichtig ist, nicht zuletzt auch als Voraussetzung für den Dialog der Zivilisationen und Kulturen.

Das Christentum ist eine im Ansatz humane, friedensstiftende und zum Frieden befähigende Religion. Dass es auch Zeiten gab, in denen dieser Grundansatz verlassen und gegen ihn in furchtbarer Weise gesündigt wurde, darf nicht vergessen werden. Aber das Christentum, die Christentümer haben aus diesen gewalttätigen Irrwegen gelernt. Wir wissen, dass der Ursprung des frühen Christentums als einer die damalige heidnische Welt mehr und mehr prägende Kraft in den Taten der Liebe zu suchen ist und nicht im Schwert der Eroberung: Die überzeugende Kraft des Christentums ist die dem Anderen heilsam zugewandten Lebensweise. Bundespräsident Horst Köhler sagte anlässlich seiner Weltethosrede 2004 in Tübingen: „Mit dem Eintritt des Christentums in die antike Welt bekam die moralische Pflicht zur Hilfe und Fürsorge für den anderen eine Dringlichkeit, die es vorher und anderswo so nicht gegeben hatte. Das Gebot der Nächstenliebe wurde direkt mit dem Verhältnis zu Gott verknüpft. Und der Nächste, das war potentiell jeder andere, gerade der Ärmste.“i

Dabei kann gerade der inspirierende Rückbezug auf eine große Heilige wie Elisabeth von Thüringen wegweisend sein. Christen vieler Konfessionen verehren die heilige Elisabeth von Thüringen als Vorbild der Nächstenliebe in der Nachfolge Jesu. 2007 sind es 800 Jahre her, dass sie als ungarische Königstochter geboren wurde, das genaue Datum ist unbekannt. Als Kind kam sie auf die Wartburg, wo sie durch Heirat Thüringer Landgräfin wurde. Schon vor ihrem frühen Tod 1231 im hessischen Marburg war sie für ihre Sorge um die Armen und Kranken berühmt. Und da beginnt die erste Perspektive ihres Lebens, die mich fasziniert: Sie hält nicht daran fest an ihrem hohen Stand, an ihrer Stellung Oben. Sie steigt herunter von ihrer hohen Burg zum Pöbel, zu den einfachen Leuten, legt ihre Standeskleidung ab, geht mit einfachem Wollzeug unter die Armen und die Kranken, steht ihnen bei in ihrer Not, bringt Brot - bringt sich selbst.

Das ist aber nicht der gewöhnliche Lauf unserer Welt, heruntersteigen und hergeben. Bei uns geht es gerade anders zu: Hinaufsteigen, seinen Platz verteidigen, ‚was man hat, das hat man‘, ‚man muss sich nehmen, was man bekommt‘. Wir kennen solche Lebensweisheiten alle. Elisabeth lebt ganz anders, sie wagt einen radikal anderen Lebensstil. Elisabeth zeigt durch ihr Leben, was heißen kann, Jesus Christus nachzufolgen, ernst zu nehmen, was über ihn berichtet wird, zu leben wir er. Elisabeth: diese Heilige Frau aus dem 13.Jh zeigt uns gerade im zusammenwachsenden Europa auch heute, was das heißt: Nachfolge, Jüngerschaft Jesu, dazu berufen zu sein, aus seinem Geist heraus zu leben. Elisabeth ist eine Erinnerung an die Vergangenheit für die Zukunft, sie macht für uns nachvollziehbar und vorbildhaft, was die Botschaft Jesu und sein Leben verkündigen und von uns als Christen auch tagtäglich einfordern. Sie ist in der Geschichte eine Konkretion des Evangeliums, sie ist das lebendige Zeugnis für das, was Christentum ausmacht, wie es lebendig ist. Sie gibt ein lebendiges Zeugnis dafür, wie sich der Geist des Christentums beflügelnd in einem zusammenwachsenden Europa auswirken kann. Nämlich nicht durch besserwisserische Bevormundung, sondern durch zeugnishaftes Handeln und gelebte Rechenschaft über unsere Hoffnung.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, die großartige Botschaft des Evangeliums Jesu Christi ist zugleich die aktuellste Botschaft für unsere Zeit, die wir uns mit Blick auf die Menschen denken können. Denn keine Religion denkt größer vom Menschen: Jeder Mensch genießt als Gottes Geschöpf, als sein Abbild und Ebenbild höchste Würde. Hieraus ergeben sich Rechte und Pflichten gegenüber sich und der Gemeinschaft, gegenüber seinem Nächsten, der ist wie wir selbst: Gottes Ebenbild auf Erden. Der sich selbst als „religiös unmusikalisch“ bezeichnende Philosoph Jürgen Habermas formulierte das so: „Der egalitäre Universalismus, aus dem die Idee von Freiheit und solidarischem Zusammenleben entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeit und der christlichen Liebesethik. In der Substanz unverändert, ist dieses Erbe immer wieder kritisch angeeignet und neu interpretiert worden. Dazu gibt es bis heute keine Alternative.“ii

Im Blick hierauf lässt sich ein Kriterium dessen gewinnen, was Perspektiven für Europa zu christlichen Perspektiven macht. Im Grundsatz christlich ist die Blickrichtung immer dann, wenn sich die Herrschaft für das Volk kritisch an einem Menschenbild ausrichtet, wie es die biblisch-christliche Tradition beschreibt. Dort wird der Mensch aus der Sicht Gottes vorgestellt: als Wesen der Transzendenz und Freiheit, ausgestattet mit einer unbedingten Würde, die durch die Zugehörigkeit zu einer Rasse, Klasse, Nation, Partei oder Religion in keiner Weise gemindert wird. Dieses Menschenbild hat durchaus den ganzen, konkreten Menschen mit seinen vielfältigen Bedürfnissen und Möglichkeiten im Blick. Es verkürzt ihn jedoch nicht auf den homo oeconomicus.

Daher denkt und handelt Europa aus christlicher Perspektive vor allem dann, wenn sie das Wertefundament Europas, das vornehmlich christlich geprägt ist, zum Wohl der Menschen in politischen Entscheidungen zur Geltung bringt. Absoluten Vorrang – wie sich gerade in bioethischen Debatten zeigt – hat dabei das Prinzip der Menschenwürde. Dieses hat deutlich einen biblisch-theologischen Hintergrund: es ist die von der Heiligkeit Gottes auf Gottes Ebenbild, den Mann und die Frau, sich übertragende Unantastbarkeit menschlichen Lebens, ein Begriff, der sich in dezidiert unchristlichem Kontext ebenso im Zusammenhang der Europäischen Aufklärung reformuliert wiederfinden lässt.

Noch weitere politische Grundwerte Europas lassen sich auf ihre christlichen Wurzeln hin durchsichtig machen. So waren etwa solidarische Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit große Ideen des Evangeliums – lange bevor sie in der Version „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ zur Parole der Französischen Revolution wurden. Politisch revolutionär war ferner die biblische Verbindung der Idee der Geschwisterlichkeit aller Völker und Menschen mit dem schöpfungstheologischen Gedanken der Gottesebenbildlichkeit von Mann und Frau. Hier wurde erstmals in der Ideengeschichte die wirkmächtige Repräsentation des „Herrn über die Schöpfung“ nicht privilegierten Gruppen vorbehalten, sondern dem Menschen schlechthin, jedem Menschen, jedem Mann und jeder Frau anvertraut. Zuspitzend formuliert, leistet die Bibel hier eine vorbildliche fundamentale Demokratisierung sozialer und politischer Beziehungen. Zum Vergleich: Das altgriechische Demokratiemodell ermächtigt nur den kleinen Kreis freier, begüterter Männer. Die jüdisch-christliche Tradition entwirft demgegenüber das umfassendere Demokratiekonzept. Es ist anti-elitär. Hier gilt: „Jeder Mensch ist Mensch; nicht der eine mehr, der andere weniger; nicht der eine wertvoll, der andere unwert. Dass gerade die Kranken, die Armen, die Verlierer in ihrer Würde unantastbar sind, das ist jüdisch-christliches Erbe.“iii Aus diesem könnte sich die Diskussion um eine europäische soziale Marktwirtschaft nachhaltig anregen.

Halten wir an dieser Stelle ein Zwischenergebnis fest. Der Gott der Christen taugt nicht zum Gott politischer Extremisten oder Fundamentalisten. Im Gegenteil legt gerade das Christentum äußersten Wert darauf, die Religion kommunikabel, diskursiv und der vernünftigen Argumentation gegenüber offen zu gestalten. Die christliche Religion hat ein positives Verhältnis zur natürlichen Vernunft des Menschen und deshalb auch ein grundsätzlich positives Verhältnis zu Forschung, zu Wissenschaft und zum modernen Staat. Denn eine ‚kopflos’ gewordene Religion kann allzu leicht dämonische Züge annehmen. Hiermit bietet die christliche Identität einen kritischen Stachel gegen jegliche Form von Fundamentalismus und auch Irrationalismus.

Deshalb steht gerade das Christentum in besonderer Weise ein für die Grundanliegen der rechtsstaatlichen Demokratie europäischen Typs: gleiche Würde und politische Selbstbestimmungsrechte aller Menschen plus Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz. Zugleich aber impliziert der christliche Gottesbegriff auch eine Grenze der Zuständigkeit politischer Systeme. Mit ihm verbindet sich nämlich die Vorstellung einer autoritativen Instanz vor und über aller politischen Macht, vor der Verantwortung zu üben ist.

Diese normative Idee fordert die Begrenzung staatlichen Handelns und staatlicher Herrschaft dort, wo es um erste und letzte Werte geht: also um Werte, die der Mensch nicht selbst schafft, die aber jedem menschlichen Recht als ethische Fundamente zugrunde liegen. Über die grundsätzliche Achtung oder Missachtung solcher sozialethisch notwendigen Werte kann nicht die Politik entscheiden. Jedenfalls nicht so, dass Grundwertefragen von zufälligen Machtkonstellationen und zufälligen Mehrheiten abhängig gemacht werden. Insofern beinhaltet eine christliche Identität Europas durchaus auch das Element der Wachsamkeit – um des Wohls der Menschen Willen.

Meine Damen und Herren, in eben diesem Sinne ist das entschiedene Plädoyer der christlichen Kirchen für die Nennung des Gottesbezugs in der Präambel des Verfassungsvertrags zu verstehen. Da es hier immer wieder Missverständnisse gibt, möchte ich klarstellen, was darunter genau zu verstehen ist. Es geht um den Hinweis auf die Verantwortung vor Gott, vor den Menschen und vor dem eigenen Gewissen und damit also um einen Gottesbezug und nicht - wie fälschlich immer wieder unterstellt - um eine Anrufung oder Anbetung Gottes. Damit werden die Bürgerinnen und Bürger also nicht auf einen Glauben an Gott oder gar ein spezifisch religiöses Bekenntnis verpflichtet. Dies wäre angesichts der kulturellen und religiösen Traditionen in Europa absurd und stände im Übrigen im Widerspruch zu der durch die Charta der Grundrechte ausdrücklich garantierten Glaubens-, Gewissens- und Religionsfreiheit. Aber es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Europäische Union sich aus drei großen Quellen ihrer Geschichte speist: dem griechisch-römisch antiken Erbe, dem jüdisch und christlichen Erbe und nicht zuletzt dem Erbe der Aufklärung. Europa muss entdecken, dass in diesem weltweiten Innovationswettbewerb es etwas tun muss, damit Talente ihren Platz in Europa sehen und ich glaube und wünsche mir auch, dass Europa das wiederentdeckt, was die Kraft von kultureller Identität ausmacht: Es ist der große Kontinent der Vielfalt. Theodor Heuss hat einmal gesagt, an der Wiege Europas standen geistig drei Hügel: Die Akropolis, das Kapitol und Golgatha - griechische Philosophie, römisches Recht, das Christentum. Aus diesen Wurzeln - und es waren immer mehrere - hat sich Europa entfaltet, ist durch viele Irrungen und Wirrungen, viele Auseinandersetzungen gegangen. Hat sich weiterentwickelt vor allem immer auch in der Auseinandersetzung und im Dialog mit dem Fremden, mit dem Anderen.

Es bleibt daher völlig unverständlich, warum das jüdische und christliche Erbe in jener ersten Fassung für den Verfassungsvertrag unerwähnt bleibt. Wer das leugnet, ist geschichtsvergessen. Europa ist jedoch ohne die Einsicht in dieses vielfache Erbe auch zukunftsunfähig. Ein Europa ohne diese Erinnerungskultur drohte, sich von der Welt abzuschließen und zu einem Europa der Selbstgenügsamkeit zu verkommen. Dagegen drückte sich im ausdrücklichen Gottesbezug das Bewusstsein von der Vorläufigkeit, Fehlbarkeit und Unvollkommenheit allen menschlichen, auch des politischen Handelns aus. Die Europäische Union kann, um ihrer Freiheitlichkeit wie Friedlichkeit Willen, das Verlangen nach Vollkommenheit nicht befriedigen. Für ihre relativen Ziele und politischen Entscheidungen kann sie auch keinen absoluten Gewissheitsanspruch verlangen. Vor diesem Hintergrund wäre durch den Bezug auf die Verantwortung vor Gott, dem Menschen und dem eigenen Gewissen auf eine außerhalb der Politik liegende letzte Begründung des Daseins und aller menschlichen Bemühungen verwiesen worden.

Das Demokratieprinzip herkömmlicher Fassung gibt keine falsche, aber eine unvollständige Antwort auf die Frage, wie die Spannung zwischen Herrschenden und Beherrschten tendenziell aufgehoben werden kann. Natürlich können grundsätzlich nicht alle Objekte politischer Herrschaft zu Subjekten politischer Herrschaft werden. Denn nicht alle Objekte politischer Herrschaft können einen politischen Willen, gar einen Willen zur Selbstbestimmung fassen und artikulieren. Im menschlichen Bereich fallen hierunter die sozial und politisch „Unmündigen“: Embryonen, Ungeborene, Säuglinge, Schwerstbehinderte und Schwerstkranke. Gewissermaßen noch umfassender betroffen ist der Bereich der Natur. Für letzteren machen sich ökologisch orientierte Parteien stark. Aber wer tritt entschlossen für die erstgenannte Gruppe ein? Die Kirchen sind sich hier ihrer Verantwortung bewusst. Wir brauchen in Europa ein größeres Problembewusstsein dafür, dass manche Bereiche der sozialen Wirklichkeit zu geringe oder auch gar keine politische Beachtung finden, wenn Poli­tik allein aus dem Willen zur Selbstbestimmung der Aktiv-Bevölkerung gemacht wird.

Vor diesem Hintergrund kann man durchaus sagen: Nicht das antik-griechische, sondern das durch den biblischen Universalismus radikalisierte Demokratiekonzept scheint für Europa das anspruchsvollere, kritischere und insgesamt vollständigere politische Modell zu sein. Der Geist des biblisch-christlichen Universalismus hat die Idee der Menschenrechte inspiriert, lange bevor sie in Gesetzen und Verfassungen ihren Ausdruck gefunden hat. Er hält die Spannung zwischen Einheit und Vielfalt des Menschengeschlechtes aus und stellt sich der damit gegebenen Verantwortung der Menschen.

In dieser Hinsicht gibt es wichtige Themenfelder auf europäischer Ebene, bei denen Christen aus ihrer Glaubenshaltung heraus zu einer Stellungnahme gefordert sind. Ich denke hier beispielsweise daran, dass im Rahmen des jüngsten Forschungsförderungsprogramms der Kommission der Europäischen Union die verbrauchende Embryonenforschung eingeschlossen ist. Damit ist Absurdes passiert: Ein in verschiedenen Mitgliedsstaaten wie z.B. Deutschland nach langer intensiver gesellschaftlicher und politischer Diskussion gefundener Konsens wird unterhöhlt, indem mit deutschen Steuergeldern Forschung an Embryonen gefördert wird, die aus gutem Grund in Deutschland verboten ist. Ein weiteres Beispiel sind die schreckliche Praxis der Euthanasie in Mitgliedsstaaten der Europäischen Union. Der Schutz des menschlichen Lebens vom Anfang bis zum Ende, wie er dem im Verfassungsentwurf genannten Vorrang für die Würde des Menschen entspricht, wird hier faktisch in Frage gestellt. Ich halte es deshalb für angebracht, mit Blick auf das Ethos der Europäischen Union die Praxis der Euthanasie, die im Widerspruch zu fundamentalen Grundrechten der Europäischen Union steht, zu unterbinden.

Ein weiteres Thema ist der Schutz von Ehe und Familie. Nun wissen wir, dass es keine ausdrückliche Ehe- und Familienpolitik auf europäischer Ebene gibt und auch nicht geben sollte. Dennoch haben auf EU-Ebene getroffene Entscheidungen unmittelbar und mittelbar Auswirkungen auf Ehe und Familie in Europa. Deswegen setzen wir uns für eine Familienverträglichkeitsprüfung bei allen europäischen Entscheidungen ein, ähnlich wie das beispielsweise mit Blick auf die Umweltverträglichkeit geschieht. Demographisch und wirtschaftspolitisch müssen wir wieder zu einem geographischen Großraum von sozialen und zukunftsstiftenden Innovationen werden. Beispielsweise müssen nicht die jobgerechte Familie, sondern familiengerechte Jobs das Ziel sein. Wir brauchen in Europa jetzt und in Zukunft nicht den marktkonformen Menschen, sondern den menschengemäßen Markt. Alles andere würde den sozialen Frieden zerstören.

Um ein letztes Politikfeld zu nennen, soll die unerhörte Tatsache erwähnt werden, dass aus Mitgliedsländern der EU Rüstungsexporte in unvorstellbarem Ausmaße erfolgen. Insbesondere der Export von so genannten Kleinwaffen hat zur Folge, dass in Krisengebieten Konflikte verschärft und jahrzehntelange Friedensbemühungen konterkariert werden. Hier muss unbedingt eine striktere Rüstungsexportkontrolle praktiziert werden.

Die Liste der Beispiele, in denen die Stimme der Christen auf europäischer Ebene eingebracht und gehört werden muss, ließe sich noch weiter verlängern. Mir ist wichtig, festzuhalten, dass wir dies aus der Haltung heraus tun, zum Gelingen dieser Europäischen Union beizutragen. Vor diesem Hintergrund können die Kirchen im Blick auf die Zukunft Europas legitimer Weise beides tun: Die Stärken des europäischen Projekts betonen und unterstützen – und zugleich seine Schwächen aufzeigen, um sie konstruktiv auf Verbesserungen hin zu kritisieren. Eine europapolitische Botschaft der Kirchen könnte daher lauten: Das Christentum gibt den Europäerinnen und Europäern nicht nur Wurzeln, sondern verleiht ihnen auch Flügel! Und dies in einer Zeit, in der Europa beides braucht: einerseits Klarheit über eigene Standorte und Ausgangspunkte, andererseits Inspiration und Mut für innovatives Denken, das über alle momentanen Hindernisse hinweg das Zukunftsträchtige in den Blick nimmt.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, mit all dem habe ich einige mir wesentliche Facetten eines notwendigen christlichen Beitrags zu Europas Identität genannt. In einer unübersichtlicher gewordenen und extrem pluralistisch und multikulturell gewordenen Welt geben christliche Werte, Überzeugungen und Grundhaltungen klare Orientierung. Um mit einem vielzitierten Wort des Staatsrechtlers Böckenförde zu enden: Unsere Gesellschaft lebt von Voraussetzungen, die sie selbst nicht schaffen kann. Ich möchte hier ergänzen: Dies sind Voraussetzungen, die unsere Gesellschaft und auch ein zukünftiges Europa deshalb schützen muss. Staat und Gesellschaft dürfen nichts tun, um diese Quellen auszutrocknen, sonst schneiden wir uns von den eigenen geistigen Ressourcen ab.

Papst Johannes Paul II. hat 1982 in der Kathedrale von Santiago de Compostela Sätze an die dort versammelten Pilger gerichtet, die wie in unsere Situation gesprochen sind:

‚Ich rufe dir, altes Europa, von Santiago aus voller Liebe zu: Finde wieder zu dir selbst! Sei wieder du selbst! Besinne dich auf deinen Ursprung! Belebe deine Wurzeln wieder! Beginne wieder, jene echten Werte zu leben, die deine Geschichte ruhmreich gemacht haben, und mach deine Gegenwart in den anderen Kontinenten segensreich! Bau deine geistige Einheit wieder auf in einer Atmosphäre voller Achtung gegenüber den anderen Religionen und den echten Freiheiten! Noch immer kannst du Leuchtturm der Zivilisation und Anreiz zum Fortschritt für die Welt sein. Die anderen Kontinente blicken zu dir hin und erhoffen von dir die Antwort des Jakobus zu hören, die er Christus gab: ‚Ich kann es.’“

Dieses Vertrauen in die eigenen Wurzeln und Möglichkeiten wünsche ich uns für die Zukunft. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!