Bischof Dr. Gebhard Fürst: Die „Ars moriendi“ und christliche Perspektiven für eine Kultur des Sterbens, des Todes und der Trauer 2008

Reutlingen, Reutlinger Friedhofstag

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Rist, meine sehr geehrten Damen und Herren!

Über den Tod ist viel gesprochen worden – in früheren Zeiten. Heute gilt, über den Tod zu sprechen, zumindest den eigenen oder den anwesender Personen, eher als geschmacklos.

Im Mittelalter dagegen war der Tod allgegenwärtig, bis ins 18. Jahrhundert hinein stand er zumeist als Drohpotential, als „Knochenmann“, zur Verfügung. In der Romantik wurde er zur düsteren Verklärung und seit der Aufklärung zu einem „Schluss, Ende, aus“, eine Vorstellung, die allerdings in breiteren Bevölkerungskreisen wenig Widerhall fand.
In den letzten 50 bis 60 Jahren hat sich nun im Verständnis des Todes und im Umgang mit ihm mehr verändert als davor in Jahrhunderten. Das Verhältnis der Menschen zum Sterben und zum Tod hat sich in den letzten Jahrzehnten signifikant verändert: Denn unsere Lebenswirklichkeit ist bestimmt von Vitalität und Dynamik und bezieht von dorther ihre Werte.

Dies zeigt sich an der geradezu panischen Angst, etwas zu versäumen, irgendwelche Lebensmöglichkeiten ungenutzt zu lassen. Die Beschleunigung des gesamten Lebens ist ein Zeichen für diese Grundbefindlichkeit. Die damit kontrastierende Erfahrung der Vergänglichkeit und des Todes wird verdrängt. 'Ars Moriendi: Christliche Perspektiven zu einer Kultur des Lebens, Sterbens und Todes': So habe ich meinen Vortrag überschrieben. Ich werde einige Exkurse in die Geschichte des Todes unternehmen.

Aber gleichzeitig möchte ich als Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart auch deutlich bewerten, was sich zeigt, und zum andern nach Perspektiven für ein menschlich angemessenes Bild und Verstehen vom Tod fragen. Damit ist die Gesamtlinie der nächsten 45 Minuten klar: Zunächst wird darzustellen sein, was in den letzten Jahrzehnten in unserer Gesellschaft an Todesbildern zu finden ist. In einem zweiten Schritt werde ich nach den Hintergründen dieser Entwicklung fragen. Und in einem letzten Schritt soll es mir um die Frage gehen, welche Perspektive sich angesichts dieses Befundes für ein menschendienliches und redliches Bild von Sterben, Tod und unseren Umgang damit für die Zukunft beschreiben lässt.

1. In welcher Weise sprechen wir vom Tod?

Wenn wir in Todesanzeigen schauen, finden wir Aussagen über das „plötzlich und unerwartet“ und über die „Erlösung“, Sätze wie „Mitten aus einem arbeitsreichen Leben“ und „nach erfülltem Leben“, „im Kreise seiner Familie“ und „durch einen tragischen Unfall“. Dabei ist festzustellen, dass Menschen ganz unterschiedlich mit solchem Todeserleben umgehen. Da wird bei allen Unterschieden aber deutlich, dass es nur wenige Tode gibt, die einfach nur Erlösung sind. Dann bekommen wir mit, dass selbst der Tod der 90jährigen Mutter bei den schon pensionierten Kindern ein eigenartiges Loch hinterlässt. Und wie viel mehr erst der Tod des Partners oder der Partnerin, gar der Tod von Kindern...
Der erlebte Tod ist in seiner Konsequenz die Erfahrung eines Verlustes, und entscheidend ist dabei das Unwiderrufliche dieses Verlustes: Wir werden diesen Menschen in seinem und unserm Leben nicht wiedersehen.

Allerdings wird die Trauer über den Verlust heute meist nicht mehr öffentlich und langfristig getragen. Die Trauer ist bei uns sozusagen privatisiert worden, während sie früher eine Angelegenheit der ganzen Umgebung war. Sie wurde vom ganzen Dorf mitgetragen und auch kontrolliert. Noch vor 50 Jahren war es zumindest im dörflichen Umfeld ungewöhnlich – und es wurde darüber gesprochen –, wenn eine Witwe über 50 in ihrem Leben noch einmal andere als schwarze Kleidung trug. Über den zu erleidenden, den eigenen Tod schweigen wir zudem meist.

Früher gab es eine „ars moriendi“, eine „Kunst des Sterbens“ zu lernen. Da war den Menschen anders als heute die Endlichkeit und Unwägbarkeit des Endes bewusst und gegenwärtig - und auch die Bedeutung dieses Endes im Blick auf eine andere Zukunft stand unmittelbar vor Augen. In der Aschermittwochliturgie der katholischen Kirche heißt es bis heute bei der Aschenbestreuung: „Gedenke Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehrst!“ Weil mir diese ars moriendi für mein Leben bedeutsam ist, habe ich auf meinem Bischofsstab die Worte eingravieren lassen: „Memento homo, quia pulvis es.“

All das ist uns auch heute irgendwie bewusst. Wenn aber heute Menschen über den Tod sprechen, dann ist das meist jener Tod, den wir im Verwandten - oder Bekanntenkreis erlebt, erfahren oder auch einfach nur mitbekommen haben. Dann sprechen wir darüber, was das Erleben fremden Todes in uns auslöst.

Denn dem Tod steht heute all unser Lebenswillen, all unser Lebensbe-wusstsein dagegen. Der Kontakt mit dem Tod wird so lange und so effizient wie möglich aus dem Leben ausgeschlossen. Da dies nicht wirklich gelingen kann, wird der Tod zu etwas Handhabbarem gemacht, das der eigenen Verfügung untersteht. Wenn er sich schon nicht abschaffen lässt, soll er wenigstens zu unseren Bedingungen eintreten. Dem Selbstdenkertum der Aufklärung folgt das Selbstmachertum in allen Dimensionen unseres Lebens in unserer Zeit. Der Ruf nach Euthanasie hat hier eine seiner Wurzeln.
Schauen wir hin:

In Einrichtungen und in Familien fällt es zunehmend schwer, zuzulassen, dass jemand stirbt, auch wenn durch medizinische Maßnahmen (Reanimation, künstliche Ernährung) nur der Prozess des Sterbens verlängert wird. Die Forderung, Menschen sterben zu lassen, wenn keine Aussicht auf Heilung bzw. Linderung mehr besteht, ist gesellschaftspolitisch allerdings höchst brisant: Da die letzte Lebensphase enorm kostenintensiv ist, kann der Ruf nach natürlichem Sterben auch von wirtschaftlichen Interessen geleitet sein. Umgekehrt soll das Leben bereits in seiner Entstehung so perfektioniert werden, dass Einschränkungen aller Art nach Möglichkeit ausgeschlossen sind. Alles, was an den Tod erinnert, wird weggeredet, weggeschluckt, weggeschminkt, weggespritzt, weggeschnitten; so zu wirken und auszusehen, dass niemand das wirkliche Alter vermutet, ist ein Ideal unserer Zeit und zugleich Ausdruck und Teil der Tabuisierung des Todes. Wir investieren unglaublich viel, um den Tod zu verdrängen.

2. Die Verdrängung des Todes – und die unverzichtbare Bedeutung der Friedhöfe

Wenn wir genau hinschauen, sind ‚natürliche’ Berührungsmöglichkeiten mit dem Tod sind heute kaum mehr gegeben. Viele Erwachsene haben noch nie einen (echten!) Toten gesehen; abnehmende Erfahrung damit und wachsende Scheu davor bedingen sich gegenseitig. Da Familienmitglieder heute meist in großer Entfernung voneinander leben, wird der Prozess des Sterbens meist nicht mehr unmittelbar wahrgenommen; Angehörige werden von Todesnachrichten häufig überrascht. Kinder haben heute in der Regel kaum Möglichkeiten, dem Sterben als natürlichem Teil des Lebens zu begegnen. Der Tod wird unsichtbar. Das sicherste Datum des Lebens entschwindet, verschwindet.

Mit der Verdrängung oder Ausblendung des Todes korrespondiert jedoch die Unfähigkeit zu trauern, die sowohl ein gesellschaftliches als auch ein individuelles Phänomen ist. Entgegen ihrer tatsächlichen Bedeutung gilt Trauer allgemein jedoch nicht als „wertvoll“ und unterstützenswert. Trauer ist jedoch ein lebenswichtiger Mechanismus der Seele, um mit Verlusterfahrungen weiterleben zu können. Wie bei allen wichtigen biografischen Übergängen brauchen Menschen auch in der Trauer Rituale, die das Erle-ben des Abschieds und des Verlustes gestalten helfen.

Im Vollzug geprägter Rituale reihen sich Menschen in die lange Geschichte derer ein, denen dasselbe widerfahren ist, und wissen sich darin gleichsam aufgehoben. Im Ritual wird ein bewährtes Verhaltensmuster angeboten, das den Einzelnen davon entbindet, in einer menschlichen Extremsituation eigenständig angemessene und hilfreiche Verhaltensmuster zu entwickeln. Die von der Tradition angebotenen Rituale (Aufbahrung zu Hause, Trauerbesuche, Totenwache, „Sechswochenamt“, schwarze Kleidung...) werden heute von vielen Menschen nicht mehr als stimmig, tragfähig oder hilfreich erlebt. Zugleich wächst so das Bedürfnis, neue Rituale zu entwickeln bzw. alte neu zu entdecken und zu deuten.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, innerhalb einer Kultur des Todes und der Trauer kommt dem Friedhof bis heute besondere Bedeutung zu. Als abgegrenzter Raum macht der Friedhof deutlich, dass die Trennung von den Verstorbenen notwendig ist und sowohl äußerlich als auch innerlich vollzogen werden muss. Als öffentlicher und unter dem Schutz der Gemeinschaft stehender Raum macht er deutlich, dass die Verstorbenen nicht zum Privateigentum ihrer Hinterbliebenen werden, sondern – wie auch die Lebenden – Teil einer größeren Gemeinschaft sind.

Zugleich bietet der Friedhof aber einen Ort, an dem Trauer gelebt werden kann, an dem die Verbundenheit mit dem Verstorbenen (etwa in der Grabpflege) Ausdruck findet und an dem Kontakte zu anderen Trauernden entstehen können. Für die Verstorbenen garantiert der Friedhof (anders als die mancherorts mögliche private Grabstelle etwa im Garten) einen verlässlichen und würdigen Umgang mit den sterblichen Überresten. Ein wesentliches Kulturgut der abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) ist die sogenannte Totenruhe.

Das Grab symbolisiert das Ende des irdischen Weges und zugleich die Übergabe des Verstorbenen in die Hand des Schöpfers. Die Bestattung ist auch Ausdruck der Überzeugung oder auch der Ahnung, dass der Mensch mit dem leiblichen Tod nicht einfach ins Nichts eingeht und aufhört, als Person zu existieren, sondern in irgendeiner Weise zu seiner Bestimmung gelangt in der unmittelbaren Begegnung mit Gott. Das Gebot, die Toten zu begraben, hat jedoch neben dem religiösen auch einen tiefen anthropologischen und psychologischen Sinn: Mit der auch äußerlich vollzogenen Trennung vom Verstorbenen werden die Hinterbliebenen sich der Endgültigkeit des Abschieds bewusst – ein wesentlicher Schritt auf dem langen Weg des Trauerns und der Neuorientierung. Menschen gehören einer Gemeinschaft an, die sich niemand selbst aussucht, in die man vielmehr hineingeboren wird und aus der sich niemand selbst verabschieden kann, nicht einmal im Tod.

Der Friedhof ist ein sinnenhaftes Zeichen dafür, dass auch die Verstorbenen nicht aus dieser universalen Gemeinschaft der Menschheit herausfallen können. Friedhöfe sind immer Spiegel und Ausdruck der Kultur ihrer Zeit. So zeigen Friedhöfe heute die ganze Vielfalt einer im Wandel begriffenen Bestattungskultur: klassische Gräber, „Rasengräber“, Urnengräber, anonyme Grabfelder.

Darunter finden sich immer häufiger eigens gestaltete Bereiche für fehlgeborene Kinder mit geringem Gewicht, Grabfelder für Verstorbene muslimischen Glaubens, usw. ...
Die Gestaltung der Friedhöfe und der Gräber spiegelt einerseits den Trend zu wachsender Anonymisierung des Lebens (Häufigkeit anonymer Bestattungen; Verzicht auf die Nennung von Geburts- und Todestag...), andererseits das Bedürfnis der Menschen nach Individualität und Authentizität (Gestaltung der Gedenksteine, Portraitfotos der Verstorbenen, individuelle Accessoires auf den Gräbern...).

Alle, die eine anonyme Bestattung wünschen, mögen bedenken, dass Hinterbliebene einen Ort zur Trauer, zur Bewältigung des Todes, brauchen. Ganz abgesehen davon, dass anonyme Bestattung dazu beiträgt, den Tod unsichtbar zu machen und das Verständnis eines sich im Tod in alles und nichts auflösenden Lebens zu propagieren. Wer sich anonym bestatten lassen möchte, sollte wenigstens wissen, dass dies mit dem christlichen Glau-benswissen um die unsterbliche Personalität des einzigartigen Menschen – eine der Säulen unserer humanen Kultur – nichts zu tun hat.

Die Grabkultur wird sich gewiss auch weiterhin verändern. Dass es auch in Zukunft Friedhöfe als öffentliche Zeugnisse der Sterblichkeit, der Hoffnung auf Leben über den Tod hinaus und der Verbundenheit der Lebenden mit den Toten gibt, ist aus unserer Sicht absolut notwendig – um der Toten, ebenso aber auch um der Lebenden willen.
Dass die ars moriendi, die Kunst der Sterbens, auch sehr viel mit unserem Leben und Zusammenleben zu tun hat, möchte ich später in meinem letzten Punkt zeigen. Zuvor erscheint mir aber noch eine Überlegung notwendig, die die herrschenden Todesvorstellungen unserer Gesellschaft in den Blick nimmt.

3. Todesvorstellungen in der gegenwärtigen Gesellschaft

„Würde über das Jenseits abgestimmt, es hätte knapp verloren. Denn für 53 % der Befragten ist mit dem Tod höchstwahrscheinlich alles aus.“ So ist das lakonische Fazit einer Umfrage über das Denken der Deutschen im Blick auf den Tod, die das Sonntagsblatt (DS) 1997 über Emnid erstellen ließ. Ost- und Westdeutschland zeigen sich dabei sehr unterschiedlich, die höchste Form von Nach-Tod-Vorstellungen im Sinne christlicher Bilder gibt es im Rheinland, die niedrigste in Nord- und Ostdeutschland. Katholi-ken glauben eher an ein Leben nach dem Tod als Protestanten, Gebildete weniger als weniger Gebildete.

Das Erstaunlichste ist allerdings: Ältere Menschen glauben weniger an ein Leben nach dem Tod als Jüngere. Allerdings ist insgesamt der Auferstehungsglaube in sich sehr gespalten. Denn das, was einen Menschen nach dem Tod erwartet ist nach dieser Umfrage keineswegs das, was deren Kirche ihnen verkündet. Erstaunlich hoch ist der Anteil derer, die an Karma und Wiedergeburt glauben. Die Todesbilder in unserer Gesellschaft sind also zur Zeit sehr verschieden. Wenn wir zudem von 53 Millionen nominellen Christen ausgehen, dann gibt es immerhin noch fast 30 Millionen Menschen, die ganz anderer Ansicht sind.

Darunter sind Menschen anderer Religionen und auch Nicht-Gläubige.
Auch die Vorstellung von dem, was ich für mich nach dem Tode wünsche, ist eher traditionell: Die meisten Menschen wünschen sich immer noch eine Erdbestattung. Ein geringerer Teil wünscht sich das Verbrennen und weitere kleinere Anteile besondere Bestattungen wie Seebestattung oder auch anonyme Bestattung etc.

Offensichtlich steckt dahinter oft unbewusst immer noch die Vorstellung, dass es irgendetwas gibt, das mich auch nach meinem Tod noch beschädigen kann.
In diesem Zusammenhang stellt sich weniger die Frage, was richtig oder was falsch ist, sondern zuerst die Frage, was die Faszination der Reinkarna-tionsvorstellung ausmacht. Vermutlich kommt diese Vorstellung einem bürgerlich neuzeitlichen Denken „Irgendwie geht immer alles weiter...“ eher entgegen als die jüdisch christlich tradierte Vorstellung eines einmali-gen, endlichen und damit sehr begrenzten Lebens, in der alles mögliche Gelingen und Versagen auf ein einziges Leben geladen ist.

Wir werden uns in unserer Verkündigung überlegen müssen, in welcher Weise wir vom Tod und seinen Folgen in Zukunft zu sprechen haben. Wie wir das einmalige Leben eines Menschen und seinen einmaligen Wert deutlicher machen können.

Ein weiteres zentrales Thema in diesem Komplex ist das Leiden von Menschen am Sterben und ihre Angst vor dem Tod. Es ist dies Leiden, um das es gehen muss: Über die Arten des Todes wird häufig geschwiegen, nicht weil es ein Tabu wäre. Man könnte schon drüber sprechen, man ist inzwischen gesellschaftlich so aufgeklärt, dass man durch ein Sprechen über den Tod keine unmittelbare Infektion durch ihn befürchtet. Und dennoch gibt es meist ein betretenes Weghören und den Versuch, schnell ein anderes Thema zu finden, sobald die Sprache auf den Tod, womöglich gar auf den eigenen kommt.

Aber langsam scheint es, als würden wir aufmerksamer auf diese Dinge, wir als Kirchen und vielleicht wir Menschen in dieser Gesellschaft. Wir fangen an zu benennen, was tödlich ist. Wir sagen, dass wir den Menschen schützen, dass wir uns Menschen schützen wollen. Und wir sagen das auch für alle Bereiche der Biotechnologie. Wir wollen, dass Menschen Menschen sein dürfen und nicht gefertigte Automaten. Wir wollen, dass Menschen mit ihren Schicksalen leben dürfen und nicht im Vorfeld eingeteilt und selektiert werden.
Wir wollen eine erhoffte Zukunft, nicht eine gezüchtete, und wir wollen eine geträumte Zukunft und wissen aus Erfahrung, dass immer dann, wenn solche Träume von Menschen realisiert wurden, Unmenschlichkeiten dabei herauskamen. Wir wollen eine Diskussion über dieser Träume. Und damit bin ich bei meinem letzten Punkt.

4. Die Lebenden und die Toten: Ars moriendi als Kunst, die an der Zeit ist

Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Und deswegen erträgt das Leben den Tod nicht gut. Mir ist es wichtig, an dieser Stelle weitergehende Bewertungen vorzunehmen als bisher, und Perspektiven für ein Bild gesellschaftlicher Todesvorstellungen zu entwickeln, die menschliches und menschen-würdiges Leben möglich machen.

Wir machen in unserem individuellen Leben die Erfahrung, Dinge nicht aufgelöst zu haben: Wir stehen vor Gräbern mit stummem Mund und schreiendem Herzen. Wir lassen Menschen ins Grab, denen wir glauben etwas schuldig geblieben zu sein. Wir verlieren Menschen an den Tod, zu denen wir immer noch in Beziehung stehen.

Christliche Hoffnung sagt uns nun nicht, dass einfach alles gut werden wird. Sie fragt nach den Verlorenen und Zurückgebliebenen. Sie lässt uns nicht in Ruhe mit diesem Fragen. Sie tut es aus dem Wissen, dass ohne eine Antwort darauf, Heil nicht sein wird, gute Zukunft nicht denkbar ist, auch nicht nach dem Tod, dass jede Vorstellung von Glück, von heilem Leben immer infiziert sein wird vom Sterben jener, die zu kurz kamen mit ihrem Leben, die vielleicht gar nicht erst wach wurden, die starben bevor sie ent-decken konnten, was die Welt ist und jener, die es wussten oder zu wissen glaubten und daran gestorben sind und jener, die gehofft haben und an ihrer Hoffnung verzweifelt sind.
Gerade weil wir als Christen die Hoffnung auf das Geschenk letztlichen Glückens, endgültigen Heiles haben, stellen sich diese Fragen verschärft.

Als Christen haben wir solch eine konkrete Hoffnung. Das ist kein archaisches Bild von einem emporflügelnden Schmetterling, kein mumifiziertes Morgen, kein dreimal oder hundertmal wiederkehrendes Leben. Als Christen hoffen wir darauf, Gegenwart zu werden und zu sein, auch nach dem Tod. Mit seiner, des Gekreuzigten, Zukunft leben auch wir die Zukunft und hoffen sie, gerade auch für jene, die verloren gingen in der Geschichte, hof-fen und leben wir die Zukunft der Hoffnungslosen, die Geschichte der Träumer und Propheten, die Geschichte jenes Menschen, der uns zur Offenbarung Gottes wurde. Es ist ein solidarisches Gedächtnis, das unsere Hoffnung treibt, weil wir wissen, dass ohne eine solche Solidarität – gegenwärtig und in die Geschichte hinein – Erlösung nicht sein kann. Wir wissen genauso gut, dass solche Hoffnung sich nicht im Menschen begründen kann, wir wissen, dass solche Zukunft nur als Geschenk möglich ist.

Das ist alles andere als archaisch. Der Tod ist auch für uns Christen ein Ende. Das, was der Mensch bis dahin ist, stirbt. Der Mensch ist nicht allmächtig. Wo er das versucht hat zu sein, wurde er zum Unmenschen. Gleichzei-tig hoffen wir darauf, dass das Gedächtnis unseres Gottes uns nicht ver-gisst. Dass es eine Heimat der Menschen gibt, die wir Reich Gottes nennen dürfen. Und dass dies eine Heimat für alle Menschen ist. Unsere Hoffnung wird dabei letztlich ohne Bilder auskommen müssen: Sie lebt von der Beziehung – zu Menschen und um der Menschen willen zu jenem Du, das unsere Zukunft ist, das auf uns zu kommt.

Es ist mir an dieser Stelle wichtig, zum Thema ‚Tod und Beziehung’ ein ganz konkretes Beispiel zu geben. Denn gewissermaßen als Gegengewicht zur fortschreitenden Tabuisierung und Anonymisierung des Sterbens begann sich seit den 70er Jahren die Hospizbewegung zu formieren: Menschen sollten nicht einsam oder allein sterben müssen, sondern – wenn sie es so wünschten – in Gemeinschaft von Menschen, die bereit und befähigt sind, sie durch menschlichen Beistand über die Schwelle des Todes zu begleiten.

In den Anfängen war die Hospizbewegung überwiegend von kirchlichen Gruppen getragen; heute ist sie ein Feld bürgerschaftlichen Engagements, in dem sich Menschen, motiviert durch religiöse und/oder humanitäre Überzeugung, finden, um ehrenamtlich anderen in deren letzter Lebensphase beizustehen. Bei uns begann die Hospizarbeit mit sogenannten Sitzwachengruppen, die in Heimen und Einrichtungen schwerstkranke und sterbende Menschen begleiteten.

Heutige Hospizgruppen begleiten Menschen in Heimen und zu Hause; sie verstehen ihren Dienst zunehmend auch als Begleitung der (pflegenden) Angehörigen und halten mit diesen oft auch über den Tod des Schwerstkranken bzw. Sterbenden hinaus Kontakt. Örtliche Hospizgruppen in Baden-Württemberg gibt es derzeit ca. 250, in der Diözese Rottenburg-Stuttgart schätzungsweise 120 –140.

Sie sind bei uns häufig als „Ökumenische Arbeitsgemeinschaft“ oder in der Rechtsform des „eingetragenen Vereins“ verfasst, Hospizgruppen sind insofern auch ein Zeichen lebendiger Ökumene. Neben der ambulanten Hos-pizarbeit wurden ab den 80er Jahren auch stationäre Hospize gegründet als „Häuser zum Leben und Sterben“: In Hospizen leben Menschen, deren tödliche Erkrankung mit einem sozialen Stigma belegt ist (wie etwa im Fall von Aids), aber auch andere, etwa Alleinlebende, die niemanden haben. Menschen, die niemanden haben: Das wäre insofern das Gegenteil zu dem eben benannten Ideal eines beziehungsreichen Lebens und Sterbens und auch des Zieles, wohl zu leben und sterben zu können.

Ich komme zum Schluss:
In Stuttgart war im Jahr 2002 eine eindrucksvolle Ausstellung über die Be-stattungskultur zu sehen. Sie hieß: ‚Lebe wohl – Der letzte Abschied’. Lebe wohl, ein Titel, der auch ein doppeldeutiges Wortspiel ist.

Lebe wohl: auf der einen Seite geht es um das Abschiednehmen des Menschen. Wie gehen wir mit dem Thema Sterben und Tod um? Wie ernsthaft stellen wir uns dieser letzten Frage, die uns radikal angeht und betrifft? Versuchen wir zu verharmlosen oder zu vertrösten?

Sterben und Tod sind aus dem öffentlichen Blickfeld der Menschen verschwunden. Jeder Mensch weiß zwar, dass Menschen sterben müssen. Dass diese Tatsache aber auch mit dem eigenen Leben zu tun hat, versuchen wir möglichst lange von uns wegzuhalten.

Dabei könnte die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit dazu beitragen, wirklich ‚wohl zu leben’. Hier zeigt sich die zweite Gedankenrichtung des Titels.

Lebe wohl: Das heißt dann, mit dem Blick auf die eigene Endlichkeit, mit dem Bewusstsein von Sterben und Tod als dem sichersten Datum im eigenen Leben anders leben zu lernen. Im Mittelalter gehörte daher das ‚carpe diem’ als Kehrseite zum ‚memento mori’ dazu. Also nutze den Tag und gedenke, dass du sterblich bist.

Eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Sterben und Tod wäre viel-leicht ein wirksames Heilmittel gegen menschliche Allmachtsphantasien. Vergleichen wir aber eine Kultur des Sterben- und damit auch des Lebenlernens mit unserer öffentlichen Kultur: Ungeheure Heilsversprechen aus Forschung und Medizin setzen den einzelnen Menschen unter einen enormen, unmenschlichen, ja mörderischen Druck.

‚Lebe wohl’: Der Titel zielt auf die Mitte meines Themas: Es geht darum, durch Sterben und Tod zu lernen, wie sich wohl leben lässt. Sterben ist Lebensaufgabe des Menschen – die große Aufgabe, die uns bis zuletzt bleibt. Die Zeit, die wir dazu brauchen, ist Lebenszeit.

Der Titel der Ausstellung wird so, ohne die Wirklichkeit zu verharmlosen und ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben, zu einer heilsamen Erinnerung. Einer heilsamen Erinnerung daran, dass Verdichtung und nicht Verlängerung das Leben – und auch das Sterben und den Tod!- heilsam verändert.

Ich bin überzeugt davon, dass auch heute, ja vielleicht gerade heute, das klassische Motiv des ‘memento mori’ helfen kann, der Gedanke, leben zu lernen im Blick auf den Tod.
Ich danke Ihnen für Ihre geduldige Aufmerksamkeit!