Bischof Dr. Gebhard Fürst: Gemeinsam einen Weg des Vertrauens gehen 2011

Gemeinsam mit dem Diözesanrat habe ich im März 2011 im Kloster Reute in einer liturgischen Feier den Dialog- und Erneuerungsprozesse in unserer Ortskirche Rottenburg-Stuttgart eröffnet. Er findet im Zusammenhang mit dem Gesprächsprozesses statt, den die Deutschen Bischöfe für die Jahre 2011 bis 2015 beschlossen haben – als Klärung und Vergewisserung in Bezug auf das Zeugnis der Kirche in der Welt und ihre Sendung zu den Menschen. In unserer Ortskirche leiten uns dabei zwei biblisch-theologische Gedanken. Die Aufforderung des Apostels Paulus: „Erneuert euren Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an“ (Eph 4,23), ist der eine Impuls, die Formulierung „aus der Kraft des Heiligen Geistes“ der andere. „Der Geist erinnert Christus“, sagt der Kirchenlehrer Augustinus. Wenn dieser gemeinsame Weg unter dem Zeichen des Geistes steht, in dem Jesus Christus unter uns und in uns gegenwärtig ist, wenn er aus einer Spiritualität der Nachfolge Jesu heraus gestaltet wird, wird er fruchtbar werden. Es geht um die Rückbesinnung auf das Evangelium. Sind wir auf Christus hin transparent, oder beeinträchtigen wir das Bild Jesu Christi? Ein Prozess der Erneuerung muss daher „vom Inneren“, von der Erneuerung von Geist und Sinn ausgehen. Und er muss sich „im Äußeren“ so auswirken, dass unsere Kirche die Botschaft vom menschenfreundlichen Gott und der in Jesus Christus geschenkten Erlösung einladend lebt. Tertullian, ein Theologe der frühen Kirche, hat geschrieben: „Wir verkünden die Botschaft nicht in Worten bloß, sondern durch die ganze Lebensgestalt der Kirche.“

Das Zweite Vatikanische Konzil sieht die Kirche als Zeichen eines aufrichtigen Dialogs. Es heißt dort: „Die Kirche wird kraft ihrer Sendung, die ganze Welt mit der Botschaft des Evangeliums zu erleuchten und alle Menschen aller Nationen, Rassen und Kulturen in einem Geist zu vereinigen, zum Zeichen jener Brüderlichkeit, die einen aufrichtigen Dialog ermöglicht und gedeihen lässt. Das aber verlangt von uns, dass wir vor allem in der Kirche selbst, bei Anerkennung aller rechtmäßigen Verschiedenheit, gegenseitige Hochachtung, Ehrfurcht und Eintracht pflegen, um ein immer fruchtbareres Gespräch zwischen allen in Gang zu bringen, die das eine Volk Gottes bilden, Geistliche und Laien. Stärker ist, was die Gläubigen eint als was sie trennt.“ („Gaudium et Spes“, Art. 92)

Ein zentrales Stichwort heißt also „Dialog“. Dialog ist nicht zuerst eine Methode, sondern eine Haltung – die Bereitschaft zu einem unvoreingenommenen Gespräch. Dialog bedeutet aber nicht Positionslosigkeit. Dialog ist der Wahrheit verpflichtet und ein gemeinsames Ringen um Wahrheit. Dialogbereitschaft und –fähigkeit zeichnet die Atmosphäre in der Diözese Rottenburg-Stuttgart aus. Sie muss gepflegt werden – um der Glaubwürdigkeit und des Vertrauens der Gläubigen willen und ebenso der Dienste und Ämter der Kirche. Es gibt mit unseren Räten seit Jahrzehnten dialogische Strukturen in unserer Diözese. Diese können wir nutzen.

Wir stehen vor einem Erneuerungsprozess. Es gehört freilich immer zum Selbstverständnis der Kirche, „ecclesia semper reformanda“ zu sein, eine Kirche, die stets der Erneuerung bedarf. Das Zweite Vatikanische Konzil hat dies so zum Ausdruck gebracht: „Die Kirche ist zugleich heilig und stets der Reinigung bedürftig, sie geht immerfort den Weg der Buße und der Erneuerung.“ („Lumen gentium“, Art. 8) Es gab in der Geschichte immer wieder Zeiten, in denen der Ruf nach Erneuerung der Kirche laut geworden ist. Das reicht bis hinein in die Frage nach einem glaubwürdigen Lebensstil jedes Einzelnen. Von Kardinal John Henry Newman stammt das Wort: „Herr erneuere Deine Kirche – und fange bei mir an!“ Wie sieht ein glaubwürdiger Lebensstil von Christen heute aus? Wo kann ich selbst in Wort und Tat glaubwürdig Zeugnis geben für die Hoffnung, die in mir lebt? Auch dies ist eine entscheidende Dimension unseres Dialog- und Erneuerungsprozesses.

Auf vielen Ebenen wird das Gespräch gesucht und geführt: zwischen Leitungsverantwortlichen und der „Basis“, aber auch zwischen den unterschiedlichen Gruppierungen und Richtungen innerhalb der Gemeinden. Es ist mir ein Anliegen, dass wir untereinander den Gesprächsfaden nicht abreißen lassen und Respekt und gegenseitige Wertschätzung nicht verlieren – gerade auch da, wo wir nicht gleicher Meinung sind. Lebensstil bedeutet auch Kommunikationskultur.

Und es geht darum, dass wir die Situation einer weithin säkular geprägten Gesellschaft ernst nehmen, dass wir „nach den Zeichen der Zeit forschen und sie im Licht des Evangeliums deuten“ („Gaudium et spes“, Art. 4). Es geht darum, Tore zu öffnen, durch die Menschen eintreten können und durch die wir auch hinausgehen. Wir wollen die Suche der Menschen nach Sinn und Orientierung, nach der religiösen Dimension ihres Lebens, letztlich ihre Suche nach Gott aufnehmen.

Einer der Anlässe des dialogisch angelegten Erneuerungsprozesses war die Aufdeckung des sexuellen Missbrauchs auch durch Vertreter unserer Kirche. Die ehrliche Auseinandersetzung damit gehört mit zu der Läuterung, derer die Kirche bedarf. Ich bin der seit 2002 tätigen Kommission sexueller Missbrauch in der Diözese Rottenburg-Stuttgart dankbar, dass sie sich dieser mühevollen und belastenden Aufgabe in verantwortungsvoller Weise annimmt und im engen Dialog mit mir dazu beiträgt, dass die Wahrheit zu ihrem Recht kommt und den Opfern Gerechtigkeit widerfährt.

Im Gefolge dieser Erschütterung unserer Kirche kamen weiter reichende Fragestellungen auf. Dies spiegelt sich in der öffentlichen Meinung wider, reicht aber auch bis in die aktiven Kreise der Gemeinden hinein. Wir erleben eine Glaubwürdigkeits- und Vertrauenskrise. Als Bischof treibt mich dies um. Wie können wir wieder glaubwürdig Kirche leben?

Jetzt ist deshalb Zeit zu hören. Ich selbst will mir dafür viel Zeit nehmen. In Kirchengemeinden und Seelsorgeeinheiten, bei Dekanatsversammlungen und anderen Gelegenheiten will ich als Bischof gemeinsam mit den Leitungsverantwortlichen der Diözese mit vielen Menschen ins Gespräch kommen. Auch der Austausch der Gläubigen untereinander soll Raum bekommen. Wir werden zusammentragen, was Gemeinden, Verbände und kirchliche Einrichtungen ansprechen, wo sie stehen und was sie bedrückt. Wir wollen auch auf die Menschen zugehen, die nicht mehr zu uns kommen, um bei uns Impulse für ihr Leben zu finden.

Ich werde intensiv hören, was die Menschen und was viele Christen bedrückt und ihnen am Herzen liegt. Wie können wir etwa den christlichen Glauben an Gott wieder verlebendigen? Wie können wir die Pastoral und die pastoralen Strukturen so erneuern, dass Nähe zu Gott und den Menschen gespürt und erfahren wird? Wir wollen auf diesem Pilgerweg auch über Fragen miteinander ins Gespräch kommen, die viele sehr persönlich beschäftigen, wo sie selbst betroffen sind und die Situation als belastend empfinden.

Keine Fragen sollen von vorneherein ausgeschlossen werden. Auch wenn jeder weiß, dass es vom kirchlichen Lehramt geklärte Positionen gibt, die nicht einfach zur Disposition gestellt werden können. Wir sind ja hineingestellt in den großen Zusammenhang der lebendigen Überlieferung des Glaubens in unserer katholischen Kirche. Wo auf Ebene der Ortskirche Erneuerung stattfinden kann, werde ich diese angehen. Was nicht auf der Ebene der Ortskirche möglich ist, werde ich in die Beratungen der Bischofskonferenz mitnehmen.

Wir stehen nicht völlig am Anfang. Immer schon gibt es in unserer Diözese lebendige Formen des Dialogs. Als aktuelles Beispiel nenne ich das Jugendforum unserer Diözese, das bereits letztes Jahr nach einem längeren Beratungsprozess mir als Bischof und der Diözesanleitung viele Erwartungen und Empfehlungen mit auf den Weg gegeben hat. So erwartet das Jugendforum Hilfe und Unterstützung bei der Verstärkung der Jugendarbeit auf allen Ebenen. Nach Impulsen für die religiöse und spirituelle Sinnsuche wird gefragt. Und auch eine verstärkte Präsenz in den Neuen Medien wird verlangt. Über diese Initiativen freue ich mich besonders.

„Erneuerung aus der Kraft des Heiligen Geistes“: Ich bete darum, dass uns der pfingstliche Gottesgeist bewegt, der Menschen unterschiedlicher Herkunft und Sprache einander verstehen lässt. Der Gottesgeist ist auch ein Geist der Freiheit: „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“. (2 Kor 3,17) Er lässt uns mit Vertrauen nach vorne blicken. Vieles ist im Dialog- und Erneuerungsprozess offen und enthält mehr Fragen als Antworten. Dieser Prozess kann nicht einfach „von oben verordnet“ werden. Er braucht die Mitarbeit und Mitwirkung der getauften und gefirmten Christen, er braucht das Gebet um den Heiligen Geist, der uns führt und leitet. Der Schöpfer Geist ist es, der in uns schafft und lebt und all unser Handeln durchwirkt. Dabei wollen wir uns als Glieder am Leib Christi, als Mit-Glieder in einem weltweiten Volk Gottes erstehen, von dem es heißt: „Einst hast du Israel, dein Volk, mit starker Hand durch die weglose Wüste geleitet. Heute führst du deine pilgernde Kirche in der Kraft des Heiligen Geistes.“ (Präfation „Gott führt die Kirche“)