Bischof Dr. Gebhard Fürst: Grußwort bei der CMT 2006

Stuttgart, CMT am 19.1.2006

‚Die Seele baumeln lassen – Kirchliche Angebote für Körper, Geist und Seele’, so lauten Schwerpunktthema des kirchlichen Standes auf der CMT und auch die Hauptüberschrift zu diesem Empfang, zu dem auch ich Sie herzlich begrüße.
Die Kirche auf der CMT, das mag zunächst ein wenig erstaunen. Dabei verbindet das Engagement für die Menschen Kirche und CMT. Und diese Aussage gilt für den Menschen, so wie er ist, als geistig-leibliche Einheit und Ganzheit. Christlicher Glaube versteht das Leben ganzheitlich als ein Geschenk Gottes.

In mancher Hinsicht trägt die heutige Wellnesskultur geradezu Züge eines Kults. Ich denke vor allem an übersteigerte Heilserwartungen, die unzählige Menschen mit den Begriffen „Fitness“ und „Wellness“ verbinden. Es gibt inzwischen 5 Millionen Fitness-Studio-Besucher in Deutschland und Fitness-Center sind mitunter wie moderne Tempel! Alle fünf Tage wird im deutschsprachigen Raum ein Wellness-Zentrum eröffnet. 25 Milliarden Euro werden alleine in Deutschland jährlich in solchen Einrichtungen ausgegeben.

Das Hauptmotiv für diesen Trend ist die Sorge um die Gesundheit. Mein Eindruck ist, dass man vieles, was man heute für die Gesundheit tut, früher aus religiösen Motiven tat - Wallfahrten, Pilgerreisen, Fasten usw. Unsere Gesellschaft hat geradezu eine neue Religion: die Gesundheitsreligion, mit verschiedenen selbst ernannten Gesundheitsaposteln und unzähligen Gläubigen. Sie alle verkünden als ihre Botschaft: Gesundheit geht über alles.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, nichts gegen Fitness und Wellness, nichts gegen entsprechende Einrichtungen. Die Sorge um die Gesundheit des Leibes ist ein hohes Gut. Sie kennen den bekannten Satz: ‚Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts.’ Stimmt das wirklich? Gestatten Sie mir, dass ich hier rückfragen möchte:
Niemand wird sich ernsthaft gegen eine gesundheitserhaltende Lebensweise aussprechen. Das Geschenk des Lebens auch in seiner Leibhaftigkeit ist zu bewahren und zu pflegen. Doch auch Gesundheit ist letztlich eben ein Geschenk. Sie ist nicht einfach herstellbar oder beliebig erhaltbar durch menschliches Tun. Wo dieses Missverständnis vorherrscht, werden Fitness und Wellness zwanghaft und angstbesetzt, zumal dann, wenn sie mit körperlicher Vollkommenheit gleichgesetzt und darauf reduziert werden.

Ich möchte in diesem Gedankengang noch weitergehen. Denn oft steckt hinter den genannten Entwicklungen eine unkritische Gleichsetzung von Gesundheit und menschlichem Heil. Nicht zufällig geht eine Überbewertung der Wellness mit der Diesseitsorientierung unserer Zeit einher. Das Leben wird dabei zur einzigen Gelegenheit. Es zu erhalten und endlos zu verlängern, wird zur Entscheidung darüber, ob ein Leben gelingt oder missglückt.

Hier hat Kirche auch die Aufgabe, verständlich zu machen, dass Gesundheit zwar eine wichtige Dimension und Erfahrung von menschlichem Heil ist, dass das Heil, das Ganzsein des Menschen, nicht in Gesundheit und Wellness aufgeht. Wäre dem so, dann wären Gebrechlichkeit, Krankheit und Hinfälligkeit identisch mit Heilsverlust.

Das christliche Verständnis von Heil ist weiter und von anderer Qualität. Danach wird der Mensch heil, wenn er sich ganz angenommen weiß. Deshalb gehört zum Heil des Menschen das menschliche Miteinander in Fairness und die Solidarität unter den Menschen. Deshalb gehört nach christlicher Überzeugung zum Heilsein das vorbehaltlose Vertrauen, auch dort angenommen und geborgen zu sein, wo menschliche Annahme und Solidarität an ihre Grenzen kommen. Zuletzt ist es Gott selbst, der mich ganz annimmt. Der christliche Glaube befreit aus zwanghafter Selbsterlösung. Er befreit zu echter Lebensfreude, zu spielerischer Freude an den eigenen Möglichkeiten und Talenten. Solcher Glaube bewahrt vor einer Überhöhung und Überforderung von Fitness und Wellness und macht so wirkliche ‚wellness’ möglich.

Die Vermittlung dieser ganzheitlichen, befreienden Sicht vom Menschen ist eine wichtige Aufgabe der Kirchen. Gerade in einer Leistungsgesellschaft und angesichts zunehmender Ökonomisierung aller Lebensbereiche ist diese Dimension des christlichen Glaubens von befreiender Bedeutung für den Menschen.

‚Die Seele baumeln lassen – Kirchliche Angebote für Körper, Geist und Seele’: Mit der mehrfachen Blickrichtung auf Körper, Seele und Geist wird wirkliche Ganzheitlichkeit thematisiert, wenn es um die Frage geht, ob sich ein Mensch wohl fühlt oder eben nicht, ob es ihm gut geht oder schlecht.

Wohl wahr: Der modernen Medizin geht es natürlich um Heilung. Das Heil dagegen interessiert in der Regel weniger. Die Trennung von Leib und Seele hat sich uns tief eingeprägt: Wenn ich krank bin, gehe ich zum Arzt, und sonntags gehe ich in die Kirche. Der Mensch aber ist mehr als eine Maschine, die repariert und instand gehalten werden muss. Wenn nicht der ganze Mensch - Leib und Seele! - mit der Heilung mitkommt, dann ist eben der Mensch nicht heil. Gesundheit heißt viel mehr als körperliche Unversehrtheit, da greift das Wort ‚wellness’ zu kurz: Heilung und Heil fließen zusammen und haben immense Auswirkungen aufeinander.

Christliches Leben und Glauben sorgen sich nicht nur um die Seele und das ewige Heil, nein es geht ebenso um den Leib, um Wohlergehen (=wellness), um Heil und Gesundheit in diesem Leben. Das Christentum hat zum Thema ‚Wellness’, zu Heil und Heilung, Gesundheit, Wohlergehen und gesegnetem Leben reiche Erfahrungen einzubringen. ‚Wellness um des ganzen Menschen willen’: In solch weitgehendem Miteinander von Heilung und Heil sollte es darum gehen, umfassend etwas für die eigene Ge-sundheit und das eigene Leben tun zu können: Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen. Heute gilt dies mehr als je zuvor. So rücken Körper, Geist und Seele in den Blick, so wird die heilende Wirkung für Menschen unserer Zeit spürbar. Und sie haben es mehr denn je nötig!