Bischof Dr. Gebhard Fürst: Grußwort beim Theologischen Forum 2008

Stuttgart-Hohenheim, Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Sehr geehrter Herr Dr. Schmid, meine sehr geehrten Damen und Herren!

Als Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart begrüße ich das Zustandekommen dieser bewusst dialogisch angelegten Veranstaltung nachdrücklich. Mehr noch: Ich bin froh, dankbar und auch stolz darauf, dass sich ein solches Forum des Dialogs zwischen dem Christentum und dem Islam im Haus der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart etabliert und in den letzten Jahren auch schon gut bewährt hat! Ein solcher Dialog auf Augenhöhe scheint mir das charakteristische Kennzeichen und die notwendige Voraussetzung für das gemeinsame Leben in Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft im 21. Jahrhundert.

Ich spreche von einem Dialog, der lernbereit ist, der dem anderen zuhört und ihn wirklich ernstnimmt, ohne ihm vorschnell ins Wort zu fallen. Ein Dialog aber auch, in dem sich die Gesprächspartner ausdrücklich auf eine gemeinsame Sprache verständigen, damit auch tatsächlich miteinander gesprochen werden kann und nicht zwei Sprach-, Vorstellungs- und Lebensräume unvermittelt nebeneinander stehen. All das sehe ich hier bei diesem Theologischen Forum in einer guten Weise verwirklicht.

Es ist sehr erfreulich, dass es hierzulande zwischenzeitlich qualifizierte deutschsprachige Gesprächspartner gibt, es zeigt im besten Sinn ein Heimischwerden muslimischer Mitbürger in unserer Gesellschaft.

Ich bin Ihnen allen dankbar, dass Sie bereit sind, sich um einen Dialog in einer Sprache zu bemühen. Denn so ist es überhaupt erst möglich, dass man sich miteinander über das verständigen kann, was inhaltlich wichtig und bedeutsam ist.

Dass man miteinander darum ringt, was gemeinsame Verantwortung für das Leben in den verschiedenen Dimensionen heißt. So kann man zu einem gemeinsamen Diskurs und Dialog miteinander kommen. Die Sprache ist hierbei eine wichtige Möglichkeit von nicht zu unterschätzender Bedeutsamkeit, Rechenschaft darüber abzulegen, was man eigentlich meint, welchen Standpunkt man zu einer Frage vertritt.

Diese Rechenschaft beginnt auch damit, dass man nach geeigneten Worten für die Inhalte sucht. Dass Sie dies hier miteinander tun, ist ein gutes Zeichen einer möglichen Verständigung; Und, wichtiger noch, es ist der Schlüssel zur Möglichkeit, miteinander und einander bereichernd zu leben und nicht parallel und im wahrsten Sinn sprachlos zu verharren. Eine solche gemeinsame Sprache ist mitnichten der Beginn einseitiger Assimilation, sondern vielmehr der vielversprechende Versuch, sich auszutauschen, wechselseitig anzuregen und so außerordentlich zu bereichern.

Dieses Forum hier ist so in gewisser Weise in Konzeption, Gestaltung und Umsetzung das gangbare Gegenmodell zu jenem Ansatz von ‚Parallelgesellschaften’, der nicht nur inhaltlich bedenklich und nicht wünschenswert, sondern vor allem auch in den Auswirkungen zunehmend konfrontativ und undialogisch wäre. Denn von der ersten Stufe, sich nichts mehr sagen zu wollen, würde man dann bald dahin kommen, sich nichts mehr zu sagen zu haben, ja sich letztlich nicht mehr verständigen zu können. Dies aber kann kein zukunftsfähiges Modell für ein Zusammenleben in einer gemeinsamen Gesellschaft sein.

Ich bin froh, dass Sie alle, Veranstalter, Referenten und Teilnehmer hier ganz bewusst einen anderen, vielversprechenden und nachhaltig zukunftsfähigen Weg miteinander gehen!

Die Themen und mehr noch das Tableau der Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die sich in diesen Tagen hier versammelt haben, stimmen mich hoffnungsvoll, dass im geduldigen und oft sicher auch nicht einfachen Dialog um entscheidende Fragen der Verantwortung für das Leben immer mehr auch wechselseitiges Verständnis füreinander wachsen kann.

Bei meinen Überlegungen zu einem wirklichen Dialog als unverzichtbarer Voraussetzung einer angemessenen Wahrnehmung der Verantwortung für das Leben sind für mich die Konzilstexte von Nostra Aetate selbstverständliche Richtschnur. Dort heißt es nämlich: ‚Da es im Lauf der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslimen kam, ermahnt die Heilige Synode alle, das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen.’ (NA 3)

Mit den Themen scheinen mir Konkretionen der Verantwortung für das Leben gegeben zu sein, die auch Sie in den verschiedenen Vorträgen, Arbeitsgruppen und Gesprächskreisen hier behandeln. In den Sätzen von Nostra Aetate war für mich sowohl der Respekt gegenüber dem Islam als auch der Wille enthalten, durch geduldigen Dialog auf friedlichen Weg der Wahrheit und der gemeinsamen Verantwortung für das Leben zu gehen.

Ich komme zum Schluss und fasse zusammen: Die Herausforderung, vor die uns die Moderne mit ihren Möglichkeiten, Chancen, aber auch Gefahren stellt, ergeht an alle Menschen, gleich welcher Religion sie sind. Sich der gemeinsamen Verantwortung für das Leben bewusst zu werden und diese im Dialog anzunehmen und zu gestalten, ist das Gebot unserer Zeit.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!