Bischof Dr. Gebhard Fürst: Hat die Kirche Kultur? 2008

Stuttgart, Stella Maris

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Hat die Kirche Kultur? Mit dieser Frage möchte ich mich heute - in aller Kürze, wie das ein Begegnungsfest zurecht erwartet - ein wenig beschäftigen. Das Verhältnis von Kirche und Kultur markiert ein gleichermaßen weites wie verzweigtes Feld. Es handelt sich um eine Frage, die in ihrer Bedeutung für das Leben der Menschen und das Zusammenleben unserer Gesellschaft von höchster Bedeutung ist. Ich möchte dies im folgenden skizzieren. Ich möchte dann aber vor allem darstellen, auf welch vielfältige und reiche Weise die Kirche selbst Kultur hat und auf die Gesamt-Kultur unserer Gesellschaft einirkt.

In meiner heutigen Predigt zur Eucharistiefeier am Fest-Tag Kreuzerhöhung habe ich gleichsam das von innen her wirkende christliche Prinzip von Kultur angesprochen. Ich setze dies in meinen Ausführungen hier voraus.

Die jüdische Philosophin Simone Weil (1909 – 1943) gibt in ihren Aufzeichnungen eine sehr schöne Umschreibung für die Kultur als ein wesentliches Grundbedürfnis jedes Menschen. Sie schreibt: „Die Verwurzelung ist vielleicht das wichtigste und meistverannte Bedürfnis der menschlichen Seele... Ein menschliches Wesen hat eine Wurzel durch seine wirkliche, aktive und natürliche Teilhabe an einer Gemeinschaft, die gewisse Schätze der Vergangenheit und gewisse Ahnungen des Zukünftigen lebendig erhält.“(Zitiert nach einem Ausstellungskatalog der Friedensbibliothek der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg im Haus der Demokratie und Menschenrechte, 10405 Berlin, Greifswalder Straße 4.)

Meine Damen und Herrn, Menschen haben das tiefe Bedürfnis, nicht einsam zu sein, sondern dazuzugehören. Sie sehnen sich nach wirklicher, aktiver und natürlicher Teilhabe an einer Gemeinschaft.

Menschen brauchen das Gefühl, die Erfahrung der Verwurzelung, der Verbundenheit mit den Menschen und Zeiten vor ihnen und mit ihren Zeitgenossen. Sie brauchen den offenen Horizont des Zukünftigen, dem sie sich mit Hoffnung und Zutrauen nähern können. Wenn diese Verwurzelungen wegfallen, nicht gepflegt werden oder gar verdorren, dann kann es zu folgenreichen Verkümmerungen der Menschen und Fehlentwicklungen für die Gesellschaft insgesamt kommen. Simone Weil fährt daher fort: „Die Entwurzelung ist bei weitem die gefährlichste Krankheit der menschlichen Gesellschaft. Wer entwurzelt ist, entwurzelt. Wer verwurzelt ist, entwurzelt nicht. Die Verwurzelung ist vielleicht das wichtigste und meistverkannte Bedürfnis der menschlichen Seele.“ (Zitiert nach einem Ausstellungskatalog der Friedensbibliothek der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg im Haus der Demokratie und Menschenrechte, 10405 Berlin, Greifswalder Straße 4.)

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich bin überzeugt, dass wir diese Gedanken von Simone Weil leicht nachvollziehen können: Dazugehören, verwurzelt sein, aktiv am Leben teilhaben, darum geht es wesentlich in dem, was wir Kultur nennen. Die natürliche, naturgegebene Ausstattung des Menschen reicht hier nicht aus, um das zu gewährleisten. Denn der Mensch lebt in einem offenen Zukunftshorizont, er ist weltoffen und frei. Er braucht Kultur in jeglicher Hinsicht. Er muss sich seine Welt bauen, die für ihn bewohnbar ist. Kultur schafft das Milieu, die Bezugspunkte und Bezüge, die Menschen brauchen, um sich menschlich entwickeln zu können, verbunden mit anderen, verwur-zelt in Erfahrungen, Geschichten und Werten und offen für Zukünftiges.

Verstehen wir unter ‚Kultur’ nicht nur im engeren Sinn die klassischen Felder der Hervorbringungen der schöpferischen Kräfte des Menschen, sondern meinen wir mit Kultur vielmehr den Gesamtkomplex der den Menschen prägenden Dimensionen, Wertesysteme und leitenden Ideen, so wird deutlich, dass der Kirche auf diesem Feld eine erhebliche Gestaltungs(mit)verantwortung zukommt. Kultur – könnte man sagen – ist das, „wodurch der Mensch als solcher mehr Mensch wird, mehr Mensch ist, besser zum ‚Sein’ gelangt“ - Kultur steht immer in wesentlicher und notwendiger Beziehung zu dem, was der Mensch ist.“ (Johannes Paul II. 1982, Rede vor der Unesco).

Deshalb kann es keine kulturlose und kulturfremde Kirche geben, denn auch Kirche steht in ihrem ihr eingestifteten Selbstverständnis immer in wesentlicher und notwendiger Beziehung zu dem, was der Mensch ist.

Es ist für mich höchst spannend und aussagekräftig, dass gerade der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker die Aufgabe von Religion einmal so beschrieb: „Religion als Element einer Kultur, ja als Träger einer Kultur war das Christentum in den vergangenen zweitausend Jahren. Religion als Träger einer Kultur formt das soziale Leben, gliedert die Zeiten, bestimmt oder rechtfertigt die Moral, interpretiert die Ängste, gestaltet die Freuden, tröstet die Hilflosen, deutet die Welt.“ (Carl Friedrich von Weizsäcker, Gedanken eines Nichttheologen zur theologischen Entwicklung Dietrich Bonhoeffers, in: ders., Der Garten des Menschlichen. Beiträge zur geschichtlichen Anthropologie, Hanser Verlag, München 1977, 472.)

Meine sehr geehrten Damen und Herren, der Zusammenhang zwischen Kultur und christlichen Religion gewinnt hier eine enorme Tiefe, eine letzte Qualität und entscheiende Bedeutung. Darum bin ich froh und dankbar, dass die Katholische Kirche seit vielen Jahrhunderten auf eine ebenso reichhaltige wie vielfältige Pflege und Gestaltung der Kultur verweisen kann. Kirche hat Kultur!

Aber wir zeigen dies zu wenig und kaum jemand ist sich darüber im Klaren, in welch großem Ausmaß die katholische Kirche und die evangelische Kirche Kultur haben und so zur Gesamtkultur konstruktiv und kritisch zugleich beitragen.

Bericht Kultur in Deutschland

Im soeben (1. Auflage 2008, Stand Dezember 2007) erschienenen Schlussbericht der Enquetekommission des Deutschen Bundestages zur ‚Kultur in Deutschland’ steht jetzt unter der Überschrift ‚Bedeutung christlicher Tradition für Kunst und Kultur’: ‚Die europäische Kultur ist durch christliche Traditionen geprägt. Bibel und Christentum gehören neben den antiken Traditionen seit 1700 Jahren zu den wesentlichen Grundlagen euopäischer Kultur. (...) Kulturelle Tätigkeit ist für die Kirchen keine Nebenaufgabe, sie ist immanenter Teil ihres Dienstes für Gott und die Menschen. Ihre kulturelle Infrastruktur ist von beeindruckender Fülle.“

Prof. Dr. Thomas Sternberg, Direktor der Akademie der Diözese Münster, Delegierter für die Kirchen in der Enquetekommission, gab den Hinweis, dass die Kommission den Beitrag der Kirchen zur Kultur in Deutschland nicht vergessen sollten. Darauf gab es Stirnerunzeln aller anderer Mitglieder: Kirche und Kultur? Kirche hat doch keine Kultur anzubieten. Sternberg widerspricht und sagt: „Deshalb untersuchen Sie das doch mal!“ Eine eigene Untersuchung als Kirchengutachten bezeichnet wurde erstellt. Heraus kam schließlich für den Gesamtbericht ganz Erstaunliches.

Die christlichen Kirchen Deutschlands tragen mit ihren Museen, ihren Chören und Musikensembles, ihren öffentlichen Büchereien und Fachbibliotheken, ihren Bildungseinrichtungen und Baudenkmälern und vielem anderen mehr wesentlich zum kulturellen Leben in unserem Land bei. Sie gehören zu den zentralen kulturpolitischen Akteuren Deutschlands. Die Kirchen setzen etwa 20 Prozent ihrer Kirchensteuern, Zuwendungen und Vermögenserlöse für ihre kulturellen Aktivitäten ein, etwa 3,5 bis 4,8 Mrd. Euro. Die Kirchen liegen damit mit ihren Aufwendungen für Kultur im Vergleich der öffentlichen Ebenen gleichauf mit den Kommunen und Ländern.

Die Kirchen setzen als kulturpolitische Akteure insbesondere auf Breitenarbeit und die Einbeziehung des Ehrenamtes. Haupt- und engagiertes Ehrenamt teilen sich etwa je zur Hälfte in die kirchliche Kulturarbeit. Die Kirchen fördern mit ihrer kulturellen Breitenarbeit insbesondere die Jugend.

Im darauffolgenden Abschnitt, den ich hier ausführlich zitieren möchte, kommt der Schlussbericht der Enquetekommission auf alle Richtungen der Kultur zu sprechen. Ich kann leider jetzt nicht alle aufführen. Zu den Kultur-Bereichen im engeren Sinne, zu Literatur, Musik und bildenden Kunst führt die Enquetekommission aus: „Etwa 400 wissenschaftliche Bibliotheken und Archive befinden sich in kirchlicher Trägerschaft. (...) Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Literaturversorgung breiter Kreise zu einer wichtigen kirchlichen Aufgabe geworden. Die 3864 Katholischen Öffentlichen Büchereien ... sichern - zusammen mit den Evangelischen Öffentlichen Büchereien - die Erreichbarkeit von Lektüren durch ein dichtes Netz von Einrichtungen, die – was ihre Anzahl betrifft – etwa 50 Prozent aller öffentlichen Bibliotheken ausmachen. ... Außerhalb der Stadtzentren und auf dem Lande sind diese Büchereien oft der einzige Zugang zum geliehenen Buch.

Beeindruckend ist auch die musikalische Breitenarbeit der Kirchen. Die Chöre und Instrumentalgruppen der Kirchen sind ein wesentlicher Faktor des Musiklebens in Deutschland, nicht nur im Hinblick auf Konzerttätigkeiten, sondern auch und gerade hinsichtlich des - wachsenden - Feldes der Kinder- und Jugendensembles. (...) Für den katholischen Bereich werden... 17.677 kirchenmusikalische Gruppierungen... genannt. (...) Für die Pflege des kirchenmusikalischen Erbes genießt Deutschland zurecht internationale Wertschätzung. (...)

Verwiesen werden muss auch auf die vielfältigen Aktivitäten im Bereich der bildenden Kunst. Zu nennen ist die Pflege der Alten Kunst in Kirchenräumen, kirchlichen Museen und Pinakotheken sowie die Aktivitäten im Bereich der zeitgenössischen Kunst, die sich in Auftragsvergaben, Ausstellungen, Preisen, Stipendien und Tagungen äußern. ... Bedeutsame Aktivitäten der Kirchen gibt es auch im Bereich Film, Medien und Rundfunk.“

Meine Damen und Herren! Gestatten Sie mir an dieser Stelle – auch als Vorsitzender der Medienkommission der Deutschen Bischofskonferenz- ein ausdrückliches Wort auch zu diesem Bereich, der ja für die Bedeutung unserer Gegenwartskultur von höchster Beeutung und äußerst folgenreich ist.

Eine aktuelle Kulturdiagnose besagt: Unsere Kultur hat sich von einer hörenden zu einer sehenden Kultur entwickelt. Fachleute sprechen von der Wende hin zum Sehen, hin zum Bild: ‚icon turn’. In der Tat: Viele Menschen orientieren sich gegenwärtig mehr durch das, was sie sehen, durch Bilder und Zeichen.

Mir ist in diesem Zusammenhang ein Gedanke sehr wichtig geworden, den ich Ihnen in zwei Zitaten vorstellen möchte. Der erste Satz stammt vom Kirchenlehrer und Bildungsexperten Albertus Magnus und lautet: „Wer sich mit göttlichen Dingen beschäftigt, wird nach ihrem Bild umgestaltet.“ In ähnlicher Weise verstehe ich folgenden Satz: „Wir kommen, wohin wir schauen, was wir im Auge haben, da hinein werden wir verwandelt.“ Ich gebe ein konkretes Beispiel: Schauen junge Menschen über lange Zeit Gewaltfilme oder sitzen Tag und Nacht am Computer mit Killerspielen, dann besteht die Gefahr, dass sich das Gesehene in ihre Köpfe schleicht, es wie Gift in ihre Seelen träufelt. Und wenn sie dann noch im realen Leben massive Probleme haben oder in einem gewaltfreundlichen Umfeld leben, dann kann es passieren, dass die Sicherung durchbrennt.

„Was wir im Auge haben, das prägt uns, dahinein werden wir verwandelt.“ Dieser Satz wird so auch zur Mahnung, darauf zu sehen, was wir im Auge haben (und was wir anderen vor Augen stellen). Denn wir werden dahinein verwandelt. Ich bin daher sehr dankbar über das von Ihnen, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Schuster, vorgestellte Projekt zur Sorge und Verantwortung gegenüber der Frage nach der medialen Möglichkeiten und Gefahren, gerade auch in der Nutzung von Videos und Computerspielen. Denn auch dies, meine sehr geehrten Damen und Herren, bestimmt in entscheidender Weise die Kultur unserer Gegenwart mit.

Lassen Sie mich nun aber nochmals kurz auf das Gutachten der Enquetekommission zurückkommen. Denn nach den zitierten Darstellungen, die für mich auf eindrucksvolle Weise eine Antwort auf die Frage geben, die der Titel meines Vortrags stellt, nach diesen Ausführungen kommt die Enquetekommission zu folgendem Fazit: „Die Breitenarbeit der kirchlichen Verbände, Vereine und Gemeinden hat sich zu einem wichtigen Bestandteil der allgemeinen Kulturpflege entwickelt. Wollten Kommunen das, was in kirchlichen Gemeindezentren geschieht, durch entsprechende Bürgerhäuser oder soziokulturelle Zentren ersetzen, entstünden schlechterdings nicht zu bewältigende Lasten. Das Gesagte gilt nicht nur für die kulturellen Aktivitäten in Gemeinden, Verbänden und kirchlichen Bildungswesen, sondern auch für das reiche Feld des Brauchtums in unterschiedlicher Nähe zum Glauben oder zu den Kirchen praktiziert – von Wallfahrten über traditionelle Prozessionen, das Singe-Brauchtum, Posaunenchöre bis hin zu Traditionsfesten... Brauchtum prägt die kulturelle Identität einer Region oder eines Ortes mit.“ (Deutscher Bundestag (Hrsg.), Kultur in Deutschland. Schlussbericht der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages, Regensburg 2008, 208-211.)

So schreibt die Enquetekommission, und ich möchte diese Aussagen nicht nur aus voller Überzeugung unterstreichen. Ich möchte sie gleichsam formulieren als Ausdruck eines wesentlichen Selbstverständnisses und im Wissen um einen Grundauftrag der Kaholischen Kirche - und natürlich auch der Evangelischen - im Dienst für unsere Gesellschaft und das Gemeinwohl der Menschen. Es ist ein Selbstverständnis und ein Grundauftrag, den die Kirche gerne übernimmt und so verantwortungsvoll und engagiert ausgestaltet. Durch die genannten Beiträge zur gesellschaftlichen Kultur und viele Beiträge mehr, die ich hier im einzelnen nicht benennen kann, trägt die Kirche zu den anfangs genannten, lebensnotwendigen Verwurzelungen und Formungen des Zusammenhaltes unserer Gesellschaft bei.

Ich bin froh und dankbar, auf welch ambitionierte Weise dieser Beitrag gerade auch in der Diözese Rottenburg-Stuttgart erbracht wird und wie vielfältig die Angebote sind, die es gerade auch hier in Stuttgart durch kirchliche Kultur gibt.

Pfarreien, Dekanate, Diözese und Einrichtungen der Diözese werden sich der kulturellen Werke, die sie besitzen, immer mehr bewusst und pflegen diese auch. Vereinigungen und Organisationen, die diesem Anliegen in besonderer Weise dienen, sind z.B. : die Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Hohenheim und Weingarten, die Kreisbildungswerke auf der Ebene der Dekanate/Dekanatsverbände, der Kunstverein der Diözese, das Diözesanmuseum und die Diözesanbibliothek, die Kommission für sakrale Kunst, der Geschichtsverein der Diözese, sowie die Kirchenmusikhochschule, die zahlreichen Bildungshäuser, die Medieneinrichtungen und die Medienarbeit etc.
Gerade für die Stadt Stuttgart möchte ich als Orte kirchlich-christlicher Kultur die neue Domsingschule, die kirchlichen Kindergärten und Schulen, aber natürlich auch das Marienhospital oder das Hospiz St. Martin benennen. Dazu gehören auch die beiden katholischen Gymnasien St. Agnes und Albertus-Magnus. Um nur ein Beispiel zu konkretisieren: Im Katholischen Bildungswerk hier in Stuttgart - und solche Zahlen muss man eben dann auch einmal wahrnehmen und vor allem dankbar würdigen! - haben im vergangenen Jahr rund 70.500 Teilnehmer an rund 49.000 Unterrichtseinheiten teilgenommen.

An all diesen Orten wird - auf ganz unterschiedliche Weise natürlich - in engagierter und überzeugender Weise christliche Kultur weitergegeben, geprägt und gestaltet. Diese Orte sind im besten Sinn Marken- und Erkennungszeichen kirchlichen Lebens. Ein solcher Ort wird natürlich auch das ‚Haus der Katholischen Kirche’ auf der Königsstraße werden, dass wir im kommenden Frühjahr eröffnen werden. In diesem Haus werden verschiedenste kirchliche Einrichtungen unter einem Dach der Katholischen Kirche Stuttgarts ein attraktives, zeitgemäßes und profiliertes Gesicht geben. Eine katholische Buchhandlung wird dort seine Räume finden.

Die Schwabenverlag AG eröffnet im Haus der katholischen Kirche im Herzen dieser Stadt eine ‚Buchhandlung’ der besonderen Art. Auf rund 60qm im Eingangsbereich dieses Hauses, wie eine Einladung also an dessen Besucherinnen und Besucher, werden Bücher, Medien und ergänzende Waren aus Klöstern und christlicher Kunst ein Angebot bereit halten, das zu nichts weniger als Lebenskunst einlädt und anleiten will, einer Lebenskunst, die sich auf christliches Lebenswissen gründet. Das ist ein wichtiger Bereicht kultureller Diakonie in unserer Zeit. Solches kann eine missionarisch-kultivierte Kirche buchstäblich auf Sendung bringen. In diesem Haus wirken dabei viele andere Einrichtungen in der gleichen Weise. Ich erwähne nur nochmals das Bildungswerk, das Stadtdekanat usw.

Meine Damen und Herren, die genannten Bereiche und Zahlen sind keine bloßen Zif-fern für innerkirchliche Statistiken. Die Bedeutung solcher kultureller Leistungen – wie ich sie beispielhaft ausgeführt haben, sind nicht nur für unsere Kirche, sondern gerade auch für ein säkulares Gemeinwesen größer als viele denken. Von ihnen geht eine Kraft aus, die in die Kapillaren einer Gesellschaft heilsam einströmt.

Wo wir diese Verwurzelungen und Formungskräfte abschneiden, wo wir diese heilsamen Lebenskräfte nicht pflegen oder ihre Entfaltung gar behindern, da verlieren wir Wesentliches von dem, was unsere Kultur bis heute ausmacht und was unser Zusamenleben prägt und trägt. Dieses gemeinsame Erbe und Kulturgut zu pflegen, lebendig zu erhalten und in die Zukunft zu überführen, ist eine wesentliche Aufgabe der Kirchen. Das Christentum ist ein Kulturträger erster Ordnung in Geschichte und Gegenwart. Wer aber seine Herkunft vergisst, der verliert bald auch seine Zukunft.

Gerade die Kunst und die unendlich reichen Schätze unserer gemeinsamen Kultur tragen dazu bei, dass das Erbe unserer Traditionen bewahrt, gepflegt und lebendig in die Zukunft getragen wird. Um mit einem vielzitierten Wort des Staatsrechtlers Böckenförde zu enden: Unsere Gesellschaft lebt von Voraussetzungen, die sie selbst nicht schaffen kann. Diese Voraussetzungen sind die im weiten Sinn verstandenen kulturschaffenden Kräfte. Dies sind Voraussetzungen, die unsere Gesellschaft deshalb pflegen und schützen muss. In der Gesellschaft dürfen wir nichts tun, um diese Quellen auszutrocknen, sonst schneiden wir uns von den eigenen geistigen Wurzeln ab. Und damit von der Kraft für die Zukunft und der Inspiration für mögliche, gute Wege dahin. Christliche Religion und ihre Kultur schaffende und prägende Kraft ist unverzichtbar für unsere Zeit. Sie auf den Leuchter zu stellen, war Sinn meines Vortrags und wird immer Aufgabe der Kirche bleiben, will sie nicht ihr Wesen verraten.

Ich danke Ihnen für ihre Aufmerksamkeit.