Bischof Dr. Gebhard Fürst: Hirtenbrief zur österlichen Bußzeit 2008

Liebe Schwestern und Brüder!

In der Fastenzeit bietet uns das Kirchenjahr wieder eine Zeit an, unser Leben als Christen in der Kirche geistlich neu zu erfahren. Nutzen wir diese Möglichkeit als Vorbereitung auf das Osterfest, um uns auf das Entscheidende zu besinnen!

Gesellschaft, Welt und auch Kirche wandeln sich

Auch Sie erleben sicher, wie sich vieles verändert. Manche kommen bei den Veränderungen im eigenen Umfeld und in unserer Gesellschaft kaum mit, bleiben zurück, geraten ins Abseits oder gehen gar verloren. Viele blicken mit Sorgen auf das, was geschieht, anderen kann es mit Veränderungen nicht schnell genug gehen.

Wie die Welt verändert sich auch unsere Kirche. Auch für die Kirche gilt: Nur wer sich wandelt, kann sich treu bleiben. Wie wird es weitergehen mit unserer Kirche? Die Dynamik der gegenwärtigen Veränderung habe ich mit dem Satz beschrieben: „Wir sind unterwegs von der Volkskirche zur missionarischen Kirche im Volk“.

Aber wer ist mit diesem ‚WIR’ gemeint? Es sind ja nicht einfach neue Strukturen, die z. B. für die Bildung der Seelsorgeeinheiten, die muttersprachlichen Gemeinden oder die Dekanatsreform errichtet worden sind. Strukturen wollen mit Leben und Geist erfüllt werden. Das Miteinander will eingeübt werden, damit Neues wachsen kann. Christen leben und gestalten miteinander. ‚Ein Christ ist kein Christ’, so sagt es ein großer Geistlicher der frühen Kirche. Christen sind keine spirituellen Einzelkämpfer. Wir brauchen eine gemeinsame Spiritualität des Miteinanders als Kirche. Dazu möchte ich hier Impulse geben.

Als Kirche sind wir auf dem Weg

Schon die ersten Christen sahen sich als Kirche unterwegs. Sie wurden „Anhänger des neuen Weges“ (Apg 9,2) genannt. Sie gingen dabei nicht irgendwie los, sondern sie wussten: ‚Wir haben eine Wegbeschreibung: Es ist der Weg Jesu selbst!’ Auf seinen Weg haben sie sich begeben. Jesus Christus sagte von sich selbst: „Ich bin der Weg!“ (Joh 14,6). Der Weg Jesu Christi ist der ‚neue Weg’, den Christen gehen. Auch heute.

Jesus Christus ist der Weg

Jesus begegnet den Menschen auf dem Weg. Sein Leben und Lehren, sein Handeln und Heilen sind ein konsequenter Weg der Liebe, über Kreuzigung und Tod hin zur Auferstehung. Das Leben des Jesus von Nazareth ist der Weg zu den Menschen, vor allem der Weg für die Menschen.

Seine Jünger beruft er, ihm auf seinem Weg nachzufolgen. Im ersten Petrusbrief heißt es: „Christus hat euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt.“ (1 Petr 2,21) Jünger sein heißt, den Spuren´ Jesu folgen.

Zum Beispiel der Spur, die Jesus mit dem barmherzigen Samariter und dessen Handeln auf dem Weg legt: Es liegt in der Spur Jesu, die Opfer am Wegrand nicht zu übersehen, sie vielmehr zu bergen, Herberge zu schaffen und für Heilung zu sorgen. An anderer Stelle sagt Jesus von sich selbst: „Ich bin gekommen zu suchen und zu retten, was verloren ist.“ (Lk 19,10) Im Weg Jesu Christi wird die Liebe Gottes zu den Menschen konkret, insbesondere zu den Verlorenen. Christliche Liebe zu den Menschen nimmt daran Maß.

In der Spur Jesu haben daher die Verlorenen unserer Zeit in der Kirche ihren besonderen Platz: die materiell Armen ebenso wie die seelisch Obdachlosen, die, die in der Gesellschaft zurückbleiben oder aus ihr herausfallen ebenso wie die, die in Einsamkeit und Anonymität leben. Kirche auf dem Weg ist immer auch karitative, diakonische Kirche.

Pilgernde Kirche

Liebe Schwestern und Brüder, zum Wegprofil gehört weiter, dass Christen auf dem Weg realistisch genug sind, um zu wissen, dass sie das Ziel, den Weg Jesu zu gehen, nie ganz erreichen können, sondern stets Pilger bleiben werden. Die Gemeinschaft der Glaubenden hat sich von Anfang an als pilgernde Kirche erfahren. Das Zweite Vatikanische Konzil versteht die Spiritualität der Kirche ebenso: Kirche ist das auf dem Weg Jesu Christi pilgernde Gottesvolk (vgl. LG 48; AG 2).

Wenn ich selbst großen Wert auf das Pilgern lege und immer wieder selbst mit verschiedensten Gruppen zu Wallfahrten aufbreche, hat das hier seinen Grund: Das Bild vom pilgernden Gottesvolk ist nicht nur graue Theorie, es soll im gestalteten Zusammensein von Christen lebendig erfahrbar werden. So wird es seine Wirkung auf unser Leben und Glauben entfalten. Verlebendigen wir diese Erfahrungen, Kirche auf dem Weg zu sein, damit wir erleben, was wir glauben!

Unsere Kirche ist Weggemeinschaft der Hoffnung und der Freude mitten in der Menschheitsfamilie: So kann mit uns und durch uns, in unserer Diözese, in den Gemeinden und den vielen Einrichtungen Kirche als Hoffnungszeichen lebendig erfahrbar sein. Strukturelle Reformen können nur sinnvoll sein und fruchtbar werden, wenn wir als Kern unseres Kircheseins in der Spur Jesu Christi als pilgerndes Gottesvolk leben. Mit einem solchen geistlichen Grundverständnis können wir als Kirche in die Zukunft gehen.

Pilgernde Kirche aus der Kraft der Eucharistie

Ein entscheidendes Kennzeichen des Weges fehlt jedoch noch. Denn es genügt nicht, zu sagen: „Als Kirche sind wir halt miteinander auf dem Weg.“ Sonst kann es geschehen, dass wir als pilgerndes Volk Gottes unsere Konturen verlieren und uns alles gleichgültig wird. Deshalb zentriert das Konzil das pilgernde Gottesvolk auf die Feier der Eucharistie. Die pilgernde Kirche wird stets als eucharistische, österliche Kirche verstanden. In der Feier der Eucharistie vergegenwärtigt sich für uns die liebende Zuwendung Gottes in Jesus Christus. Hier erfahren wir die auf Jesus Christus ausgerichtete Weise, miteinander unterwegs zu sein. Aus dieser liturgisch erfahrenen Gemeinschaft gehen wir gestärkt hervor, um im Glauben, Hoffen und Lieben den so erschlossenen Weg gehen zu können. Deshalb sind wir als Christen eingeladen, an der sonntäglichen Feier der Eucharistie teilzunehmen, um für den Lebens- und Glaubensweg in der Spur des auferstandenen Herrn Kraft zu schöpfen, um aus der Quelle der Eucharistie zu leben und unsere Nächsten zu lieben wie uns selbst.

Der „neue Weg“ erhält seine Formung von der Eucharistie her

Diese Weise des Glaubens und Lebens wurde so schon von den ersten Christen gestaltet. Die Apostelgeschichte beschreibt das: „Alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft. Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Einfalt des Herzens.“ (Apg 2,44f) Die gemeinsame Eucharistiefeier war die Mitte des Gemeindelebens. Darum ist, wie das Konzil schreibt, auch heute die Feier der Eucharistie „Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“ (LG 11).

Der „neue Weg“ erhält hierher seine Formung. Aus dieser Mitte leben Christen miteinander unterwegs im Wandel der Zeit. Die gemeinsame Feier der Eucharistie gibt unserem Weg Kraft, Kennzeichen und Kontur. Sie weist uns ein in den Weg Jesu Christi mit und zu den Menschen.

Diakonische Kirche ist zugleich missionarische Kirche

Liebe Schwestern und Brüder, damit komme ich zurück auf meine Überlegungen vom Beginn dieses Briefes und zu meiner Sorge um die ‚Verlorenen’: In der Zuwendung zu den „Armen und Bedrückten aller Art“ (GS 1), in der diakonischen Grundausrichtung entfaltet das Gottesvolk auf seinem Weg missionarische Kraft. Als pilgernde Kirche, die aus der Feier der Eucharistie lebt und die so diakonisch und missionarisch zugleich sein kann, dürfen wir vertrauensvoll in die Zukunft gehen. In der tätigen Liebe gerade zu den ‚Verlorenen’ wird Kirche glaubwürdig. Auch unsere Zeitgenossen werden dann fragen:

Was sind denn das für Leute? Woher nehmen sie die Kraft, so zu leben? Einander und die Bedürftigen so zu lieben? Die ersten Christen erlebten genau diese missionarische Kraft, wie die Apostelgeschichte berichtet: „Der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten.“ (Apg 2,47b).

Christus ist unser Weg, er gibt uns Kraft und bleibt unser Wegbegleiter. Er hat uns versprochen: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt!“ (Mt 28, 20) So können wir mit ihm durch Veränderungen und Wandel hindurch miteinander Kirche sein.

Ich grüße und segne Sie in herzlicher Verbundenheit

Ihr

Bischof Dr. Gebhard Fürst

Rottenburg, am 1. Sonntag der Fastenzeit 2008