Bischof Dr. Gebhard Fürst: Joannes Baptista Sproll – ein großer Hirte unserer Diözese 2009

Rottenburg, Festhalle

Bischof Dr. Joannes Baptista Sproll war ein großer Hirte unserer Diözese. Wenn er seit langem als „Bekennerbischof“ bezeichnet wird, dann reiht ihn dieser Ehrentitel des „Bekenners“ ein in eine Reihe von geistlichen Persönlichkeiten, für die ich stellvertretend für viele andere den Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen, P. Alfred Delp S. J., P. Rupert Mayer S. J., den Freiburger Diözesanpriester Max Josef Metzger oder – in der evangelischen Kirche - Dietrich Bonhoeffer sowie die Bischöfe, Pastoren und Gläubige der „Bekennenden Kirche“ nennen darf. Einige von ihnen haben ihre Standfestigkeit mit dem Leben bezahlt. Dass neben den Genannten ungezählte Priester und Ordensleute, evangelische Pastoren, prominente – wie Dr. Eugen Bolz – oder unbekannte Christinnen und Christen aller Konfessionen zu würdigen wären, zeigt die derzeitige Ausstellung unseres Diözesanarchivs im Bischöflichen Palais, die exemplarisch den Mut und die Glaubwürdigkeit der Dorfpfarrer Hermann Aich von Hemmendorf, Franz Egger von Schwalldorf oder Eugen Kottmann von Dettingen dokumentiert.

Joannes Baptista Sproll, der 7. Bischof der Diözese Rottenburg, war im deutschen Episkopat neben Bischof von Galen der Einzige, der den nationalsozialistischen Machthabern öffentlich eindeutig und entschieden die Stirn geboten hat – und wie es aussieht auch der Erste. Er war nach den Worten Bischof von Galens auch der einzige katholische Bischof, der so schwer wiegende persönliche Konsequenzen zu ertragen hatten. Es nimmt um so mehr Wunder, dass sein Name und sein Zeugnis außerhalb unserer Diözese bis heute kaum im Bewusstsein ist, geschweige denn, dass er bereits zu Lebzeiten die Würdigung erfahren hätte, wie sie etwa Bischof von Galen durch die Verleihung der Kardinalswürde zuteil wurde.

Es liegt so etwas wie ein Schatten des Verkanntwerdens und der Einsamkeit über dem Leben und der Amtszeit von Bischof Joannes Baptista Sproll. Dabei hat er durch sein Leben ein Stück Widerstandsgeschichte geschrieben, das bis heute beeindruckend und überzeugend ist. Die Einsamkeit kann die Kehrseite radikaler Gewissensentscheidungen sein. Das Verkanntwerden kann ein Spiegel der Ignoranz, der Arroganz oder auch der Böswilligkeit der Umwelt sein. Von all dem gehört etwas zu den Begleiterscheinungen der Vita Sproll. Die Katholiken seiner Diözese haben sein Andenken allerdings immer in Ehren gehalten. Und heute noch verehren ihn betagte Menschen, die ihn persönlich gekannt oder als Bischof erlebt haben. Einige davon nehmen heute an der Gedenkfeier für diesen großen Bischof teil.

Bischof Sproll hat während seiner Amtszeit keineswegs nur Unterstützung erfahren. Die Details der Ereignisse um seine Wahl und seine Ernennung zum Bischof muss ich nach dem spannenden Vortrag und mit Blick auf das Buch von Professor Hubert Wolf nicht mehr vortragen. Einige Punkte möchte nur ich noch einmal kurz erwähnen. Dass nach dem Tod von Bischof Paul Wilhelm von Keppler am 16. Juli 1926 die Rottenburger Sedes fast ein Jahr lang vakant war, hatte u. a. auch mit der Verkennung seiner Person zu tun – nicht nur wegen anderer Kandidaten für den Bischofsstuhl, das ist normal -, sondern auch deshalb, weil dem Bauernsohn aus Oberschwaben nicht das persönliche Format für dieses Amt zugetraut wurde, und ebenso, weil man dem durch die „Tübinger Schule“ geprägten Theologen nicht zutraute, die von Rom gewünschte, an der Neuscholastik orientierte Reform des Tübinger Theologiestudiums durchsetzen zu können. Dass sich diese Aspekte wenige Jahre später angesichts dramatischer Zeitumstände als völlig irrelevante Quisquilien erweisen sollten, konnte man – wahrscheinlich – zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen. Die Auseinandersetzungen zwischen dem Heiligen Stuhl und der württembergischen Staatsregierung sowie dem Rottenburger Domkapitel um die Modalitäten der Rottenburger Bischofsernennung haben die Sedisvakanz in Rottenburg ebenfalls verlängert; das war für den Amtsantritt Bischof Sprolls eine Hypothek. Dass die damalige Staatsregierung, vor allem Dr. Eugen Bolz, und das Domkapitel standhaft geblieben sind, darüber können wir angesichts der bis heute geltenden Verfahrensordnung nur froh sein. Schändlich an der damaligen „Affäre Sproll“ sind aber die persönlichen Intrigen gegen ihn und vor allem der Verleumdungsprozess, in dem er um seine persönliche Ehre kämpfen musste. Ich bin Professor Hubert Wolf sehr dankbar, dass er diese Fragen ein für allemal mit historisch-wissenschaftlicher Präzision aufgearbeitet und geklärt und dadurch den Weg für ein Seligsprechungsverfahren mit geebnet hat.

Alle diese Misslichkeiten wurden wenige Jahre später in den Bereich des Unwichtigen verwiesen, als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen und als Joannes Baptista Sprolls bischöflicher Wahlspruch „Fortiter in fide – Tapfer im Glauben“ in äußerster Konsequenz auf den Prüfstand gestellt wurde. Hatte er 1993 noch – wie der gesamte Episkopat – auf eine Art gegenseitigen Stillhaltekompromiss mit den neuen Machthabern und auf die gemeinsame Sache gegen den Kommunismus gesetzt, so war er sich doch auch von Anfang an über den zutiefst antichristlichen und inhumanen Geist der Nationalsozialisten im Klaren, den er bald öffentlich entlarvte. Sowohl in den Belegen, die Professor Wolf in seinem Buch zur „Affäre Sproll“ anführt, als auch in den Dokumenten in dem von Herbert Aderbauer und Thomas Oschmann herausgegebenen Band „70 Jahre Verfolgung und Vertreibung von Bischof Joannes Baptista Sproll“ wird deutlich, dass der Bischof in seiner Kritik an der nationalsozialistischen Ideologie kein Blatt vor den Mund nahm. In Predigten, Hirtenbriefen und auf Bischofstagen mit bis zu 20.000 Teilnehmern geißelte er vor allem Alfred Rosenbergs „Mythus des 20. Jahrhunderts“ und dessen „Religion des Blutes und der Rasse“ und sah in ihr eine „Todfeindschaft gegen das Christentum und die Kirche“, einen Selbsterlösungswahn und „Generalangriff gegen das Kreuz Christi“, ja einen „Generalangriff gegen jegliches Christentum“. Im Jahr 1935 beauftragte er die im Stuttgarter Haus „Stella Maris“ residierenden Jesuitenpatres Mario von Galli und Eduard Haubs damit, Rosenbergs „Mythus“, den er als die „Nazi-Doktrin“ schlechthin betrachtete, in Predigten in der ganzen Diözese Kapitel für Kapitel zu widerlegen. „Wenn ich das meine Geistlichen machen lasse“, hat Sproll nach den Erinnerungen Mario von Gallis zu den beiden Jesuiten gesagt, „kommt mir einer nach dem anderen ins Gefängnis, und wer macht dann die Seelsorge? Während, wenn Sie ausfallen, ist der Schaden nicht so groß.“

Aber die als Spaß wieder gegebene Anekdote kann den bitteren Ernst und das hohe Risiko nicht verdecken. Rosenberg spricht im Vorwort zur fünften Auflage seines „Mythos“ von den „vom römischen Sonnenstich außer jede Form geratenen Jesuiten“ und betont: „Die Zerstörung der deutschen Seele ist stets das Ziel sowohl der Hetzapostel als auch der händereibenden Biedermänner der Societas Iesu und ihrer Kampfgenossen. Gestern, heute und morgen.“ Und sicher war auch Bischof Sproll gemeint, wenn Rosenberg von den Vertretern des „deutschen Gesamtkatholizismus“ sprach, den es „aufzureiben“ galt und dem der „Todesstoß“ gegeben werden müsse. Mario von Galli wurde als Schweizer Staatsbürger 1936 „auf Lebenszeit“ aus Deutschland ausgewiesen; gegen Sproll wurde am 1. Februar 1938 die Strafverfolgung angeordnet mit der Begründung, seine Predigten seien „durchweg schwerste Angriffe und Beschuldigungen gegenüber Staat und Partei sowie gegenüber einzelnen führenden Persönlichkeiten (zum Beispiel Reichsleiter Rosenberg, Reichsminister Dr. Goebbels, Ministerpräsident Mergenthaler sowie den Führer selbst)“.

Der Hass der braunen Machthaber kulminierte bekanntlich in den brutalen Ausschreitungen im Frühjahr und Sommer 1938 in Rottenburg, nachdem Bischof Sproll sich geweigert hatte, am 10. April 1928 an der Farce der Volksabstimmung über den „Anschluss“ Österreichs ans Deutsche Reich und an der damit verknüpften Wahl der Nationalsozialisten in den Reichstag teilzunehmen. Die brutalsten Übergriffe der nationalsozialistischen Horden in Rottenburg ereigneten sich am 23. Juli 1938. Die Dokumentation unseres Diözesanarchivs stellt dieses finstere Kapitel der jüngeren Geschichte eindrucksvoll dar. Am 24. August 1938 wurde Bischof Sproll gewaltsam aus Rottenburg entfernt. Während der folgenden fast siebenjährigen Verbannung aus Württemberg war er verfemt und vogelfrei, an Leib und Leben gefährdet. Erst am 12. Juni 1945 konnte er schwer leidend in seine Diözese zurückkehren. Als „durch vieles Leid geläuterten Bekennerbischof der Diözese Rottenburg“ würdigte ihn anlässlich seines Todes der Domkapitular und spätere Weihbischof Wilhelm Sedlmeier.

„Ein großer Hirte unserer Diözese“, so lautet die Überschrift über diesen Ausführungen. Was bewegt mich heute an diesem großen Vorgänger im bischöflichen Amt? Ich sehe in ihm zunächst ein bis heute beeindruckendes Vorbild darin, in einer Zeit, in der Werte zusammenbrechen und Unmoral zur Moral erklärt wird, Aufrichtigkeit und Anstand zu bewahren – genährt aus der Verbindlichkeit christlicher Grundüberzeugungen, die durch nichts und niemand zur Disposition gestellt werden dürfen. Dass Bischof Sproll schon im Zusammenhang seiner Auseinandersetzung mit der Rosenbergschen Blut- und Rasse-Ideologie deren katastrophale Konsequenzen für die Juden erkannt hat, darf man vermuten. Dass er der zunehmenden Unterdrückung der jüdischen Mitbürger ablehnend gegenüber stand, geht aus einer denunziatorischen Notiz aus Parteikreisen hervor, die von einer Männerwallfahrt am 19. September 1939 auf dem Hohenrechberg berichtet. Dort heißt es: „Nach kurzer Einleitung über die Bedeutung des Wallfahrtsortes sang der Bischof zunächst ein Loblied der Juden. Die Juden seien zwar ein kleines Volk, dafür aber das auserwählte Volk des Herrn. Er unterließ nicht hinzuzufügen: ‚Wenn man das heute noch so sagen darf’…“ Dass nicht nur das Verbrechen, sondern auch das Schweigen dazu zur schweren Schuld werden kann, hat Bischof Sproll unmissverständlich und durchaus selbstkritisch auf die eigene Kirche hin anlässlich der Judenpogrome und –morde der Nationalsozialisten gesagt: „Wir haben geschwiegen, als die Synagogen brannten, auch unsere Kirchen werden noch brennen.“ Ich verstehe diesen Satz als Mahnung von Bischof Sproll, die bis in die heutige Zeit hinein wirkt. Wir haben die Verantwortung vor Gott und den Menschen, nicht zu schweigen, nicht zuzusehen, sondern in aller gebotenen Klarheit zu reden und zu widerstehen, wenn Antisemitismus und Rassismus sich in unserer Gesellschaft wieder hoffähig zu machen versuchen – auch an den Rändern unserer Kirche und bis hin zu Menschen, die sich selbst als gute Katholiken bezeichnen. Die Relativierung oder gar die Leugnung der Shoa muss ein unumstößliches Tabu sein und bleiben. Verheerende Brände beginnen beim Zündeln.

Wir alle wissen, wie schwer es oft schon unter den Bedingungen eines Rechtsstaats und unter dem Schutz der Meinungs- und Religionsfreiheit sein kann, dem Evangelium und dem darin begründeten Ethos öffentlich Gehör zu verschaffen. Auch heute kann Mut dazu gehören, sich einem falsch verstandenen Zeitgeist zu widersetzen und gerade so den „Zeichen der Zeit“ gerecht zu werden. Dafür gibt es viele Beispiele. Um wie viel mehr ist der Mut eines Bischof Joannes Baptista Sproll zu achten, der genau wusste, dass er sich mit jedem offenen Wort ein Stück mehr um seine persönliche Sicherheit brachte.

Ich stehe auch in Ehrfurcht vor der Tapferkeit, mit der der Bischof die Einsamkeit erlitten und ausgehalten hat, die ihm aus seinem Gewissensgehorsam erwachsen ist – Einsamkeit nicht nur in einer Gesellschaft, deren Gottlosigkeit ihn zum Außenseiter gemacht hat, sondern auch Einsamkeit in der eigenen Kirche, in der er sich oft missverstanden gefühlt haben musste. Wie muss es ihn geschmerzt haben, wiederholt zum Rücktritt aufgefordert worden zu sein. Der ausdrücklich geäußerten oder auch im Gebet bekundeten Solidarität zahlreicher Gläubiger und Priester seiner Diözese allerdings durfte er gewiss sein. Die Treuebekenntnisse, die in dem Band „70 Jahre Verfolgung und Vertreibung von Bischof Joannes Baptista Sproll“ dokumentiert sind, kann ich nicht lesen, ohne davon bewegt zu sein. Die Treue zu ihrem Bischof brachte einigen von ihnen – gerade auch in Rottenburg – große Schwierigkeiten ein. So hatte etwa der Rottenburger Stadtrat Wilhelm Heberle als einziger nachdrücklich gegen eine Resolution des Gemeinderats gegen die Rückkehr des Bischofs protestiert und wurde anschließend verfemt und bedroht. Der bischöfliche Finanzinspektor Ludwig Sambeth, dessen Loyalität gegenüber Bischof Sproll bekannt war, wurde am 23. April 1938 nachts „unter großem Gejohle und unter schimpflichsten Ausdrücken“ des Straßenmobs – so der Bericht eines Rottenburger Polizisten – aus seiner Wohnung geholt und bis 30. April in „Schutzhaft“ genommen. Kurz vor dem Einmarsch der Franzosen im April 1945 konnte Sambeth noch gewarnt werden, sich vor der beabsichtigten Hinrichtung durch ein SS-Kommando in Sicherheit zu bringen.

Diese wenigen Beispiele stehen für viele Menschen, die in finsterer Zeit mutig und anständig geblieben sind und derer ich in größter Hochachtung gedenke. Das Zeugnis solcher Menschen war die moralische Kraft und Legitimation, mit der ein Neuanfang nach der selbstverschuldeten deutschen Katastrophe überhaupt nur möglich war. Ich wiederhole heute, was ich bei früherer Gelegenheit schon einmal gesagt habe: Wir alle wissen nicht, ob wir in der Härte des Ernstfalls die Kraft aufbringen, aus Treue zu Gott den Machthabern auf Erden zu widerstehen. Wir können um diese Kraft nur beten – und darauf vertrauen, dass Gott unserer Schwachheit mit seiner Kraft zu Hilfe kommt.

Ich komme zum Schluss noch einmal auf Bischof Joannes Baptista Sproll zurück. „Fortiter in fide – Tapfer im Glauben“ lautete sein Wahlspruch. Stärke im Glauben kann den Mut zu öffentlichem Widerstand gegen die überlegene Macht gottloser Tyrannei bedeuten. Bischof Sproll hat diese Stärke wahrlich unter Beweis gestellt. Es gibt aber auch eine Tapferkeit im Glauben, die bedeutet, auch in Stunden des Zweifels, der Verzweiflung nicht vom Vertrauen auf Gott zu lassen. Tapfer zu sein im Glauben heißt auch, in Zeiten tiefster Dunkelheit der Zusage des verborgenen Gottes zu trauen: „Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir.“ (Gen 26,24) „Wenn Gott für uns ist, wer oder was könnte dann gegen uns sein?“, fragt der Apostel Paulus (nach Röm 8,31). Es muss dieses abgrundtiefe Vertrauen gewesen sein, dass Bischof Sproll die Kraft zum Bekennerbischof gegeben hat. Er war ein großer Hirte unserer Diözese.