Bischof Dr. Gebhard Fürst: Neujahrsansprache 2006

Rottenburg

„Zeichenhaft handeln zum Wohl der Menschen“

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

„Die Zeichen der Zeit zu erkennen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten“, diese Aufgabe hat das Zweite Vatikanische Konzil der Katholischen Kirche auf ihren Weg mitgegeben. Beobachten und analysieren wir die Entwicklung der katholischen Kirche in Deutschland in den letzten Jahrzehnten, so zeigen sich signifikante Veränderungen der Kirche und der Gesellschaft.

Der Soziologe Franz-Xaver Kaufmann diagnostiziert ab den 70er Jahren einen eklatanten Abbruch religiöser Traditionen in beiden christlichen Konfessionen. Diese Entwicklung bedrohe auch die Existenz der Kirchen in ihrer bisherigen Verfassung. All dies zusammen führt zu einer Abnahme des volkskirchlichen Charakters der Kirche(n), zu einer Erosion des Glaubens, des Kircheseins und des Lebens aus dem christlichen Glauben ebenso wie zu einem Erlahmen des organisierten christlichen Engagements im Interesse des Nächsten, insbesondere der Armen und Schwachen.

Trotzdem bleibt festzuhalten, dass die katholische Kirche in der Bundesrepublik Deutschland noch immer rund 26,2 Millionen Gläubige zählt. Zusammen mit den etwa gleichen Mitgliederzahlen der evangelischen Kirche bedeutet dies nach wie vor ca. 53 Millionen Kirchenmitglieder bei rund 82 Millionen Deutschen. Dazu gehört auch, dass noch nie soviel Menschen in der Kirche und für den christlichen Glauben ehrenamtlich tätig waren wie heute.

Dennoch: Auch wenn der Süden und Südwesten Deutschlands religiös-kirchlich, in der Inkulturation des christlichen Glaubens und in der allgemeinen Werteorientierung vergleichsweise ‚besser’ dasteht als andere Teile Deutschlands, so können uns auch diese erfreulicheren Beobachtungen doch nicht die Frage ersparen: Ist Deutschland wirklich schon zum Missionsland geworden?

Zeichen der Veränderungen der gesellschaftlichen Kultur kann ich hier nur andeuten: In Deutschland gibt es seit Ende der 60er Jahre keine den Menschen gewissermaßen ‚von außen’ leitende Gesamtkultur mehr. Für die Bildung hat dies u.a. die Konsequenz, dass sie nicht mehr als Einweisung in eine Gesamtkultur verstanden werden kann. Sie muss vielmehr für die öffentlichen Träger von Bildung so konzipiert werden, dass der Mensch in einer hoch pluralisierten Kultur sich selbst sein eigenes Persönlichkeitsprofil und seine eigene Sinnwelt aufzubauen in die Lage versetzt wird.

Wiederholt haben Betrugsskandale die Welt der Wissenschaft erschüttert. Sie berauben auch die Allgemeingültigkeit beanspruchende Wissenschaft als entscheidender Instanz der Moderne ihrer verlässlichen orientierenden Kraft. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein weist zudem darauf hin, dass selbst dann, ‚wenn alle wissenschaftlichen Fragen beantwortet wären, damit noch nicht eine einzige existentielle Frage beantwortet’ sei. Die Wissenschaft kann also keine wirklichen Antworten auf die letzten und tiefsten Fragen unseres Lebens geben. Wer mit Menschen zu tun hat, weiß aber, dass die wirklich existentiellen Fragen des Menschen für seine Sinnwelt und seine Persönlichkeit zentral bleiben. Sie tauchen auch immer wieder unabweisbar auf. Aber sie werden nicht wirklich gestellt und bleiben meist unbeantwortet, weil sie gemäß einer unausgesprochenen ‚political correctnes’ Privatsache sind.

Ein namhafter Dichter unserer Tage greift in einem Gedicht diese gegenwärtige Situation unserer Zeit auf. Ich trage es ihnen vor. Es heißt:

Immer kleiner werdende Unterhaltung.
Immer kleiner werdende Unterhaltung
‚Wohl dem, der nicht wandelt
im Rat der Gottlosen ...’
Man wechselt taktvoll das Thema.
‚Der Sinn des Lebens ...’
Peinlicher Ausrutscher
‚Alle Verhältnisse gilt es umzuwerfen,
in denen der Mensch
ein erniedrigtes Wesen ist...‚
Alles gähnt, geniert sich, lacht.
Dagegen Genome nach Maß,
Unsterblichkeit auf der Festplatte –
O Wissenschaft! Ecstasy! Euthanasie!
Manchmal ist man froh,
dass manche der Ewiggestrigen
unter den Jüngeren
noch ein paar Fragen haben.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, lassen sie mich mitten hineinspringen in diese Zeitsituation und fragen: Wie reagiert Kirche auf die kirchlichen und gesellschaftlichen Veränderungen und auf die im Gedicht gefassten Verwerfungen im Herzen unserer Zeit? Oder besser noch: wie agiert Kirche, wie handelt Kirche, um den Jüngeren, die noch ein paar Fragen haben, beizuspringen oder noch besser, selbst als Kirche sichtbar und vernehmbar zu diesen Jüngeren zu gehören, die noch ein paar Fragen haben?!

Kirchliches Handeln darf sich in dieser Zeitsituation nicht in Aktionismus verlieren oder sich dem puren Pragmatismus ausliefern. Kirche muss in ihrem zeitgenössischen Handeln die großen Fragen im Kontext des wirklichen Lebens auftauchen lassen. Sie muss durch profiliertes kirchliches Handeln die großen Fragen offen legen und sichtbar machen. Und sie muss den stummen Fragen im Unglück und im Verhängnis, im Zusammenbruch oder in der banalen Not der Menschen eine Stimme geben. Die großen Fragen sind in der Tiefe unterströmig vorhanden, bei Lebenssituationen, die uns alltäglich umtreiben, sind sie meist unerkannt präsent. Die großen Fragen des Lebens stellen sich im aufgerissenen Gelände von selbst: Was soll ich tun? Wozu bin ich berufen? Warum und wozu bin ich eigentlich da? Bin ich gewollt? Was lässt mein Leben gelingen? Was ist wirklich wichtig? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Was darf ich hoffen? - Wie bekommen diese großen Fragen wieder Raum, auch öffentlichen? Welche Zeichen kann Kirche zur Rettung der großen Fragen und damit des Menschseins des Menschen setzen?

Um darauf zu antworten, muss Kirche wissen, dass sich auch die großen und tiefen Suchbewegungen des Lebens in alltäglichem Gewand abspielen. Die bedrängende Frage ‚Wie gelingt mein Leben und mein Zusammenleben?’ Die Suche nach der Formung des eigenen Lebens und den sinnvollen Formen des Zusammenlebens können nicht nur mit Sozialtechnologien beantwortet werden. Die Frage nach dem guten Handeln in alltäglichen und extremen Situation rührt vielmehr an die Grundoptionen des Lebens. Muss ich mich als Wolf unter Wölfen behaupten oder lebe ich unter dem Leitbild des von Jesus vorgestellten barmherzigen Samariters?

Ist Sexualität nur eigener Lustgewinn oder ist sie eingebettet in ein verantwortliches, nachhaltiges Handeln innerhalb einer Menschheitsfamilie, der ich mich verdanke und die auch noch eine Zukunft haben soll? Will ich nur Nützliches tun oder erreicht das Handeln des Menschen gerade im scheinbar Nutzlosen wie der Pflege eines Sterbenden seine höchste Humanität? Gerade die Erfahrung des Todes weckt in jedem die Frage: Wo gehe ich hin? Was darf ich hoffen? - Wie kommen die großen Fragen um der Menschen willen wieder auf die Tagesordnung? Welche Zeichen müssen da gesetzt werden?

Zur neuen Offenlegung der großen Fragen in Gesellschaft und zeitgenössischen Lebenskultur, hilft ein weiteres Zeichen der Zeit. Ich meine die empirisch erhobene Wahrnehmung, das Gott wieder wichtiger wird in unserer zeitgenössischen Kultur. Wir erleben gegenwärtig eine neue Sensibilität für Religion und für Spiritualität. Theologen und Religionswissenschaftler gehen davon aus, dass Religiosität wieder eine zunehmend sichtbare Rolle spielt. Viele Menschen reagieren auf den sozialen Wandel, auf politische Umbrüche, auf eine generelle Verunsicherung mit der Suche nach oder dem Wiederfinden von verlässlichen Orientierungen. Der Mensch sei nun einmal „ein religiöses Wesen, das auf absolute Ewigkeit wartet.“

Die Kirche muss dieses Zeitzeichen aufgreifen und kann die neue Hinwendung zum Religiösen für die Verkündigung des Evangeliums nutzen. Es geht darum, die befreiende Wahrheit des Evangeliums im Handeln der Kirche in den kritischen Lebenslagen der Menschen zur Wirkung zu bringen. Wenn sie in solchen Lebenslagen in ihrem Handeln Transzendenz zeichenhaft vorlebt, wird die Kirche künftig wieder von größerer Bedeutung sein.

Die großen Fragen, die die Menschen immer in sich tragen und die sie insgeheim nicht loslassen, müssen neu erschlossen werden vor dem Erlebnis- und Sehnsuchtshintergrund zeitgenössischer Erfahrungen in signifikanten Lebenslagen und der neu aufbrechenden Aufgeschlossenheit für Religiosität. Für die Kirche besteht heute eine große Chance, ihre befreiende, stärkende, heilende und orientierende Botschaft auf lebenspraktische Weise tatkräftig zu bezeugen. Dieser Weg der Verkündigung findet Anknüpfungspunkte für die Neuthematisierung der großen Fragen in der Renaissance des Religiösen. Auch wenn sich diese neue Religiosität in ganz anderen Formen äußert, als diese bisher in den Kirchen präsentiert wurden.

Dies alles legt nahe, dass Kirche sich im Einlassen auf die aufgezeigten Prozesse in Zeiten des Übergangs zu einer neuen Gestalt kirchlichen Handelns finden muss. Die Kirche kann sich in diesen Zeiten nicht mehr getrost auf die sich früher nahezu automatisch ereignende Selbstüberlieferung des Christentums verlassen. Kirche muss vielmehr den evangelisierenden, missionarischen Charakter der christlichen Religion, der ihr von Anfang an eignet, wieder neu entdecken. Die erkennbare Übergangszeit lässt sich in die griffige Formulierung fassen: Kirche befindet sich in einem Prozess der Entwicklung „von der Volkskirche zur missionarischen Kirche im Volk“. Kirche ist nicht mehr einfach Volkskirche. Sie ist aber auch noch nicht missionarische Kirche. Wie gestaltet sie den Übergang? Wie wird Kirche, was sie werden muss: missionarische Kirche im Volk? Das ist heute die entscheidende Frage. Ich kann hier nur einige, mir aber wichtige Akzente setzen.

Zum missionarisch Kirche sein gehört es, dass Kirche in dieser Zeit lebt, dass sie die Zeichen dieser Zeit als Zeit-Zeichen für Kirche wahrnimmt und annimmt. In dieser Situation mit ihren Zeit-Zeichen kann Kirche nicht zuerst und allein mit intellektueller Apologie antworten, sie muss vielmehr zeichenhaft, exemplarisch und glaubwürdig handeln und Zeichen der Transzendenz in ihren Handlungsfeldern vorleben. Sie muss die großen Fragen, die in den Menschen schlummern, im profilierten kirchlichen Handeln offen legen, ansprechen und sichtbar machen.

Für diesen Weg hat Kirche den biblischen Weg verkündigenden Handelns auf ihrer Seite, die Art des frühchristlichen Glaubenszeugnisses in nichtchristlicher Umwelt. Vom „Tun der Wahrheit“ (Joh 3,21) redet das Johannesevangelium und Jesus sagt dort von sich: „Die Werke, die ich vollbringe, legen Zeugnis dafür ab, dass mich der Vater gesandt hat.“ Missionarisch sein heißt in „Werken der Liebe“ Zeugnis ablegen für die lebendige Wahrheit, die der Glaube ist: Zeugnis der Tat als christlich-kirchliches Handeln in den schwierigen und kritischen Lebensfeldern der Menschen. Die Zeichen der Zeit zu erkennen und mit Sachverstand aus dem Geist des Evangeliums zeichenhaft handeln zum Wohle der Menschen ist der erste und unersetzliche Schritt, um sich von der Volkskirche zur missionarischen Kirche im Volk zu verwandeln.

Auf diesem Weg kann Kirche das ihr anvertraute Evangelium des Lebens, die befreiende, heilende und sinnstiftende Kraft der christlichen Botschaft als Ressource zum Wohl der Menschen auch der Gesellschaft erschließen und anbieten. Um ein vielzitiertes Wort des Staatsrechtlers Böckenförde aufzugreifen: „Unsere Gesellschaft lebt von Voraussetzungen, die sie selbst nicht schaffen kann.“ Dies sind Voraus-Setzungen, das möchte ich hinzufügen, ohne die das Leben unserer pluralen, den Menschen- und Freiheitsrechten verpflichteten Gesellschaft nicht möglich ist. Diese das Zusammenleben in der Gesellschaft und das ‚Funktionieren’ des Staates erst ermöglichenden Voraussetzungen liegen auch und von der Geschichte her wesentlich im Christentum, auch wenn sie sich nicht selten gegen die Kirche durchgesetzt haben. Staat und Gesellschaft müssen im eigenen Interesse darauf achten, dass diese Quellen nicht austrocknen. Staat und Gesellschaft sollten ihnen vielmehr ihren eigenen Ermöglichungsgrund anerkennen, damit das freie Land des gesellschaftlich organisierten Zusammenlebens bewässert werden und fruchtbar bleiben kann. Christlicher Glaube als lebendige Lebensform, als Lebenspraxis, als „Tat und lebendige Wahrheit“ ist auf diese Weise zentrale Lebens-Ressource für die Gesellschaft. Das Glaubensleben als Dienst am Menschen, als Dienst an der Gesellschaft, als christlich-kirchliches Handeln in diesem Sinn gehören zu den Quellen menschlichen Zusammenlebens in Freiheit und Gerechtigkeit.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich versuche im folgenden Elemente kirchlichen Handelns zu umreißen, dass die Vision einer Kirche entsteht, die durch ihr Handeln motivierende und anstiftend-exemplarische Zeichen setzt. Und zwar in Lebenslagen und Lebenswelten, in denen die großen Fragen, die Menschen in sich tragen, zum Durchbruch kommen, nach lebenshaltiger Antwort suchen und - wo möglich - auch finden.

Eine solche Kirche braucht Menschen, die aufzubrechen bereit sind, Menschen, die aus den christlichen Wurzeln ihrer Lebensgestaltung keinen Hehl machen und andere an den Sinnquellen des eigenen Lebens teilnehmen lassen und sie in besonderer Weise vorleben. Ein alter lateinischer Spruch lautet: Verba docent – exempla trahunt, Worte belehren, Beispiele aber reißen mit und stiften andere an.

Menschen, die ihre eigene Berufung leben, sind solche zeichenhafte Gestalten, Menschen, die selbst begeistert sind, die erkennbar Profile haben. Eine Zeit wie die unsere, die eine Zeit der Zeichen ist, eine solche Zeit wartet geradezu auf zeichenhafte Existenzen. Nehmen wir diese Sehnsucht unserer Zeit und der Menschen auf. Die große Frage des Menschen: Wozu bin ich berufen, wo kann und soll ich aufgrund meiner eigenen Begabungen in Gesellschaft oder Kirche Verantwortung übernehmen, muss in den Überlegungen der Berufswahl oder des freiwilligen Engagements thematisiert werden. In diesen irdischen Fragen steckt die alles Irdische transzendierende Frage: Wozu bin ich auf Erden? Aus christlich-kirchlicher Sicht sind wir alle Berufene und gehalten, die eigene Berufung zu entdecken. - Unsere Diözese wird im Jahr 2006 auf dem skizzierten Hintergrund ein Jahr der Berufung vorbereiten und es zu Beginn des Kirchenjahres 2006/07 eröffnen.

Selbstverständlich geht es dabei auch um Berufungen für die Kirche und um Berufe der Kirche. Wer missionarisch Kirche sein will, braucht dazu das entsprechende Personal. Zwischen Botschaft und Adressat stehen eben Personen. Berufungen zu wecken und zu fördern ist deshalb ein erstes Essential einer missionarischen Kirche.

Eine missionarische Kirche im Volk kann - um eine zweite wesentliche Dimension anzusprechen - nur eine diakonische Kirche sein. Ich möchte die Diakonia - neben Liturgia und Martyria einer der drei Grunddienste der Kirche - in der missionarischen Situation unserer Zeit neu verlebendigen. Der diakonische Grunddienst wird sich dabei selbst als missionarische Kraft herausstellen.

Christen sind Anwälte für Heil und Heilsein des Menschen, für das ganzheitliche Gelingen seines Lebens im umfassenden Sinn. Sie treten damit ein in die Lebenspraxis Jesu, der Urheber der Fülle des Lebens und des (ewigen) Heiles ist und in dem sich die Vergegenwärtigung des Heiles ereignet hat. Durch das befreiende Handeln Gottes in Jesus Christus sind die Christen „befähigt worden und verpflichtet, sittlich zu handeln, ein christliches Leben zu führen, aus Glauben zu handeln, aus dem Glauben, der in der Liebe wirksam wird (vgl. Gal 5,6).“ Hierin lag der Hauptgrund für die missionarische Kraft und die die damalige Welt überraschende Wirkung des Christentums. Die im missionarischen Handeln der ersten Glaubens-zeugen „sich bildenden Gemeinden orientierten sich am christlichen Ethos der Nächstenliebe, das sich vor allem auch in Gastfreundschaft und Mildtätigkeit äußerte und damit einen unmittelbar praktischen Sinn entfaltete, der gleichzeitig der Glaubwürdigkeit diente.“

Meine sehr geehrten Damen und Herren, wie es im Anfang der Kirche war, so sollte es auch heute sein, dass nämlich die Kirche versucht, in dem, was sie tut und wie sie sich darstellt, ihr Leben aus dem Glauben zu bezeugen. Das drückt sich besonders durch das Zeugnis der Nächstenliebe aus, wie wir es in persönlicher und amtlicher Caritas wahrnehmen dürfen, in der Sorge für Arme, Kranke, Alte, Alleinstehende und Fremde. Die Glaubwürdigkeit der Kirche und ihre anstiftend-missionarische Kraft steht und fällt in dem Maß, in dem es ihr gelingt, bei Bedürftigen aller Art, bei Kranken, Alten, Behinderten, Sterbenden zu sein, Armen und Benachteiligten aller Art beizustehen, Verfolgten und Heimatlosen zu ihrem Recht und zu einem Lebens-Ort zu verhelfen, und denen eine Stimme zu geben, die keinen Anwalt haben.
Ich möchte mein Bischofsamt so wahrnehmen, dass die diakonische Identität und Wirkung der katholischen Kirche Rottenburg-Stuttgart in sich wandelnder Zeit und mit sich wandelnden Mitteln in ihren Organisationsformen und Einrichtungen weiter erhalten und wo irgend möglich gestärkt wird.

Die vielfältigen Einrichtungen von Caritas, von kirchlichen Verbänden sowie die katholischen Stiftungen und ihre Einrichtungen, die diese diakonisch-karitative Dimension institutionell verwirklichen, sind mitten in der säkular bestimmten Welt Orte von zeichenhafter Repräsentanz für christkatholisches Leben im Sinne von Nächstenliebe und Barmherzigkeit. An und in den Orten dieser Einrichtungen kann –sofern sie bei ihrer Sache sind! - erfahren und erlebt werden, was christliche Nächstenliebe, was Caritas, was Diakonia heißt, wie sie sich heute verwirklicht, wie Kirche auf Menschen wirkt und was dies für sie bedeutet. Solche diakonischen Einrichtungen sind Orte, an denen Kirche als Raum für Heilung und Heil erfahrbar werden kann und erfahren wird. Solche Einrichtungen sind Orte an denen, die großen Fragen, die Menschen in sich tragen, in bestimmten Lebenslagen und Lebenswelten zum Durchbruch kommen und nach lebenshaltiger Antwort suchen und finden können. In ihrem spezifischen Handeln wirken die sozial-diakonisch-karitativen Einrichtungen so in herausragender Weise missionarisch, nicht absichtsvoll, sondern in dem sie absichtslos Menschen in ihren schwierigen Lebenssituationen um ihrer selbst willen beistehen und für sie da sind.
Dies ist ein hoher und vor allem konkret einzulösender Anspruch. Er setzt ein entsprechendes christlich-spirituelles Profil diakonisch-karitativer Einrichtungen und ihres Personals voraus.

Dieses christlich-kirchliche Profil diakonisch-karitativer Einrichtungen kann nur mit den in diesen Einrichtungen Dienst leistenden Menschen verwirklicht werden. Sie verdienen es, in diesem evangeliumsgemäßen Dienst stärker wahrgenommen, wertgeschätzt, konkret unterstützt und befähigt zu werden. Als Bischof stehe ich mit meinem Amt und seinen Möglichkeiten an ihrer Seite.

Einrichtungen von Diakonie und Caritas müssen als Orte sinnstiftender, (lebens-) entscheidender Erlebnisse und religiöser Erfahrungen verstanden werden. In den sozial-karitativ-diakonischen Einrichtungen erleben Menschen in unterschiedlichen Rollen am eigenen Leib, an der eigenen Seele, was es heißt, wie es aussieht, ja wie es sich ‚anfühlt’, aus dem christlichen Glauben heraus - z. B. als Pfleger - anderen heilsam beizustehen – und selbst – z. B. als Kranker - von anderen heilsamen und heilenden Beistand zu erfahren. So ereignet sich Glaubensverkündigung als kompetentes helfendes, heilsames Lebenszeugnis. Die Einrichtungen der Caritas und andere diakonische Orte sind deshalb zugleich Orte der Selbstreferenz der christlichen Verkündigung und des christlichen Ethos. Hier wird die innere Identität von Kirche öffentlich sichtbar und erlebbar. Und wo dies geschieht, ist Kirche glaubwürdig.

Gestatten Sie mir zuletzt noch einen weiteren Ort des Lebens aufzuführen, an dem christliche Lebenszeugnisse erfahren werden und der daher auch missionarische Kraft und Wirkung entfalten kann. Ich meine die Familie. Schon in der letzten Neujahrsansprache habe ich die Situation der Familie angesprochen und mir scheint, dass kein anderes Thema im Jahr 2005 stärker entdeckt wurde. Die Weihnachtsausgabe einer großen Illustrierten belegte dies mit ihrem Haupttitel „Die Rückkehr der Familie“ soeben eindrucksvoll. Die Familienpolitik ist ins Blickfeld gerückt wie lange nicht mehr. Die Förderung von Familien ist endlich parteiübergreifend zu einem vordringlichen Ziel erhoben worden. Das ist gut so.

Anlass der neuen Aufmerksamkeit ist die besorgniserregend niedrige Geburtenrate in Deutschland. Die Alterstruktur in Deutschland verändert sich dramatisch, die Robert-Bosch-Stiftung überschreibt in einer Studie im Dezember 2005 das eindrucksvolle Schaubild des Bevölkerungsaufbaus mit den Worten: Die Pyramide kippt und wird zur Urne! Verändert sich nichts, so prognostiziert sie den sozialen Tod der Gesellschaft für 2050. Die Ursache dieser Entwicklung ist nicht nur in der finanziellen und strukturellen Benachteilung von Familien begründet. Das gesamtgesellschaftliche Klima ist zu wenig „kinderfreundlich“.

Dabei spielen keineswegs nur die äußeren Bedingungen eine Rolle. Die Entscheidung für oder gegen ein Kind ist eine sehr individuelle und äußerst vielschichtige Entscheidung. In den meisten Fällen wird sie nicht ein für allemal getroffen, sondern aus der konkreten Lebenssituation heraus. Hier werden einerseits die Grenzen überindividueller Einflussnahme erkennbar. Andererseits wird deutlich, dass die Ermutigung zu einem Leben mit Kindern und eine Stärkung von Partnerschaft und Familie eine Herausforderung an alle gesellschaftlichen Kräfte ist. In ihrem zusammenfassenden Wort kommt die genannte Bosch-Studie zur Situation der Familie zum Schluss: „Dass Kinder geboren werden, in der Fürsorge ihrer Eltern und ihrer Umwelt aufwachsen, sich angemessen auf ihr eigenes Erwachsenenleben vorbereiten und so Verantwortung in der Zukunft übernehmen können: Dafür zu sorgen ist die wichtigste Aufgabe eines Landes, das eine Zukunft will.“ So die Bosch-Studie! Politische Maßnahmen müssen mit Bemühungen der Wirtschaft und soziokulturellen Überlegungen zusammengehen. ‚Ohne Kinder keine Zukunft’ heißt konkret: Ohne Kinder werden unsere Systeme sozialer Absicherung nicht mehr tragfähig sein.

Zukunftsoffenheit der Menschen lassen sich damit allein aber nicht erzeugen. Die Freude an Kindern und die Bereitschaft, Kindern das Leben zu schenken, kann man in Menschen nicht allein mit der Begründung wecken, dass nur so die Versicherungssysteme saniert werden können. Auch darf niemand nur um der eigenen Zukunftssicherung willen Kinder wollen. Denn die Familie sind doch weit darüber hinaus Werte-, Beziehungs- und Verhaltensgeneratoren ersten Ranges, die es daher entschieden zu fördern gilt.

Als Kirche haben wir keine rezepthaften Lösung, aber wir haben einen weiten Horizont: Christen leben aus der Hoffnung, sie freuen sich auf die Zukunft, auch weil die Vollendung, das Leben in Fülle, vor ihnen liegt, weil sie vertrauen können, nicht alles selber machen und absichern zu müssen. - Die Verstärkung der Familienpolitik ist ein Zeichen dafür, dass unser Land und seine Menschen Zukunft wollen. Familien zu stärken ist eine zentrale Option für die Zukunft. Kinderfreundlichkeit ist die nachhaltigste und effizienteste Zukunftspolitik. Für die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat die Stärkung der Familie eine klare Priorität.

Es geht um die Veränderung des Bewusstseins, d.h. es geht um die Voraussetzungen für alles Handeln. Es braucht eine gesamtgesellschaftliche Neubesinnung auf den Sinngehalt und die Wertschätzung eines Lebens mit Kindern. Und auch hier ist der Zusammenhang wieder gegeben: Staat und Gesellschaft leben von Voraussetzungen, die sie selbst nicht schaffen können. Das Gemeinwesen baut sich von der Familie her auf, nicht umgekehrt. Oder – wie es der Diözesanrat in seiner jüngsten Erklärung zur Familienpolitik formulierte -: „Die Gesellschaft lebt von und aus der Familie und nicht die Familie von der Rücksichtnahme der Gesellschaft“. Wir brauchen eine neue familienfreundliche Grundeinstellung. Und wir brauchen auch ganz konkrete familienfreundliche Maßnahmen. Dementsprechend müssen wir die Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens bewusster von der Familie her, von ihren Belangen und ihren Bedürfnissen her vornehmen. Die Politik muss „von einer bloßen Sozialpolitik für Familien zu einer familienorientierten Politik“ finden, „von einer verkürzenden Subventionspolitik zu einer Politik, die Familien in den Mittelpunkt stellt und stark macht.“

Meine sehr geehrten Damen und Herren, Ehe und Familie sind das Zukunftskapital einer Gesellschaft. Ehe und Familie wurden schon immer von den Kirchen wertgeschätzt und hochgehalten. Kirche tut dies auch heute und in Zukunft, weil es zur Substanz christlicher Kultur und Ethik gehört, aber eben auch, weil Ehe und Familie die Keimzelle der humanen Gesellschaft sind.

Durch den geforderten Perspektivenwechsel zugunsten einer neuen Wertschätzung der Familien, weiß sich die Diözese auch selbst in die Pflicht genommen. Denn die Familie ist auch der primäre Lernort des Glaubens. Ja, sie ist zentrale Trägerin und „Biotop“ des kirchlichen Lebens. Der Heilige Johannes Chrysostomos scheute sich Ende des 4. Jahrhunderts nicht, die Familie selbst eine „Kirche“ zu nennen. Auch heute wird die Familie als „Hauskirche“, als „Kirche im kleinen“ bezeichnet. Kirche muss auch verstärkt in den Blick nehmen, dass Familie nicht nur ein Adressat familienpastoraler Konzepte und Angebote ist. Vom Leben der Familie her kann und muss die Kirche umgekehrt die Maßstäbe gewinnen, um sich selbst als „Familie Gottes“ zu erweisen. Die Stärkung der Familien beginnt mit der konkreten, das pastorale Handeln bestimmenden Wahrnehmung der Familien. Auch hier heißt es also: Die Zeichen der Zeit wahrnehmen und sie im Licht des Evangeliums deuten, um sachangemessen und kompetent handeln zu können. Familien zu stärken heißt, dass Familien ihre Belange, Erfahrungen, Kompetenzen, Nöte und Bedürfnisse in der Kirche zur Geltung bringen können. Auch Familie ist ein Lebenszusammenhang, in dem die großen Fragen der Menschen präsent sind und in der Alltagskultur des Zusammenlebens eine Antwort finden. Familien stärken heißt, auch in Zeiten des Einsparens die unterstützenden Angebote weiter bereitzustellen: in der Familienpastoral, der Familienbildung, der Familienberatung, der Familienhilfe und Familienerholung. Und nicht zuletzt heißt die Stärkung der Familien, anwaltschaftlich für Familien einzutreten in Gesellschaft, Politik und Kultur.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich bin weit ausgefahren und komme nun zum Schluss!

Die christlichen Kirchen werden Zukunft haben, weil und insofern wir unseren Glauben nicht nur buchstabieren und als System begreifen, sondern weil wir ihn aktiv und als Praxis des Glaubens leben. Aber der christliche Glaube erschöpft sich nicht nur im Handeln. Kirchen werden Zukunft haben, weil Christen die Kraft haben, ihren Glauben zu feiern. Am Weihnachtsfest, am Fest der Erscheinung des Herrn dürfen wir dies dankbar festhalten. Die Liturgie wird im Fest zur Feier der Glaubens- und Lebensfreude. Gott ist uns besonders nahe, wo wir ihn loben und preisen und ihm danken und wo wir seine Taten an uns geschehen lassen.

Wenn wir fragen „Wohin geht Kirche?“, werden wir uns auf den Weg machen müssen von der Volkskirche zu einer missionarischen Kirche im Volk, die eine diakonische Kirche sein muss und von daher missionarische Kraft entfalten kann. - Wir dürfen dabei Gottes schöpferischem Geist trauen und uns die tröstende Verheißung zuteil werden lassen: „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,20)

Liebe Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!